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Die unheimliche Brandserie im Münchhausen des Jahres 1904 - oder: der Feuerteufel leistete ganze Arbeit

Im Jahr 1904 erschütterte eine Brandserie unseren Ort Münchhausen. Bereits am 7. August brannte ein Anwesen in Mittelsimtshausen. Ob dieser Brand der Serie von Münchhausen zuzurechnen ist, kann nicht mehr ermittelt werden. Nach den Bränden in Münchhausen jedenfalls wurde viel erzählt, einiges gemutmaßt und manches ermittelt. Aber der Brandstifter, den es ganz offensichtlich gab, konnte nicht dingfest gemacht werden.

Heinrich Inerle („Erles“), ein damaliger Zeitzeuge, berichtet uns hierüber:
„Im Jahre 1904 war zur Erntezeit schönes Wetter, so dass die Frucht schon Anfang August eingebracht war, soweit es sich um den Roggen handelte. Der Hafer und der Weizen war geschnitten und die Bauersleute waren tagsüber so beschäftigt, dass sie am Abend rechtschaffen müde waren und in der Nacht tief und fest schliefen. In einer herrlichen Augustnacht ertönte plötzlich gegen 2 Uhr das Feuerhorn und die Sturmglocken wurden geläutet. Alle eilten so schnell es ging zur Brandstelle: Bei Johannes Müller („Treppe Lorsche“) war Feuer gelegt worden, welches in kurzer Zeit die Scheune und das Wohnhaus sowie die Scheune des Nachbarn Riemenschneider in Schutt und Asche legten. Trotz der schnellen Hilfe der Nachbarn sowie der Ortsfeuerwehr sowie der benachbarten Wehren ließ sich die Vernichtung nicht vermeiden.“

Vernehmen wir nun, was uns die Oberhessische Zeitung am 13.08.1904 zu diesem Vorgang berichtet:
„Vergangene Nacht kurz nach 2 Uhr ertönten hier plötzlich die Feuersignale. In der Scheune des Ackermanns Joh. Müller war ein Brand ausgebrochen, der rasch um sich griff. In kurzer Zeit standen das Wohnhaus sowie auch die benachbarte Scheune des Ackermanns Riemenschneider in Flammen. Der Feuerwehr von hier kamen in kurzer Zeit die Feuerwehren von Wetter, Todenhausen, Wollmar, Wiesenfeld, Ernsthausen und Niederasphe zu Hülfe und den vereinigten Bemühungen gelang es auch, den Brand zu dämpfen. Das Vieh konnte bis auf ein Schwein und eine Anzahl Hühner, die in den Flammen umkamen, gerettet werden. Der entstandene Schaden ist bedeutend, doch wird dieser, soweit der geschädigte Riemenschneider in Betracht kommt, durch Versicherung gedeckt. Müller dagegen, wo der Brand ausbrach, hat schlecht versichert, steht auch nicht hoch in der Brandkasse. Vermerkt sei noch, dass der Kreisbrandmeister Heuser aus Marburg bald auf der Brandstätte erschien.“

Nun, sicherlich eine unschöne Sache, wenn einem das Haus und die Scheune nieder brennt und man nicht so recht gegen den Schaden versichert ist. Die ganze Tragweite dieser Brandserie kann man allerdings erst erfassen, wenn man die weiteren Berichte verfolgt.

So berichtet die Oberhessische Zeitung am 16.08.1904:
„Zu dem letzten Brande wird uns noch mitgeteilt, dass dem zur Miete bei dem Landwirt Müller wohnenden, in Marburg bediensteten Knecht Cloos, der eine kränkliche Frau und zwei Kinder besitzt, sein ganzes Hab und Gut verbrannt ist. Die Leute vermochten nur das nackte Leben zu retten. Da sie auch nichts versichert haben, so ist hier Hilfe dringend nötig. Vielleicht finden sich edeldenkende Menschen, die ein Scherflein für sie übrig haben. Auch die Geschäftsstelle unseres Blattes ist gern bereit, etwaige Zuwendungen an seine Adresse gelangen zu lassen.“

Heinrich Inerle fährt in seinen Aufzeichnungen fort:
„Durch die Erntearbeiten waren die Leute so beschäftigt, dass die Erregung über den Brand sich zunächst legte. Doch kurze Zeit danach geschah es wieder und dieses Mal an einem Sonntag. Der Gesangverein hatte einen Ausflug nach Talhausen gemacht und war gegen Abend in das Dorf zurückgekehrt. Manche kehrten noch beim Gastwirt Junk ein und andere saßen in der Wirtschaft Althaus fröhlich beisammen, als um 11 Uhr das Feuerhorn und die Sturmglocken ertönten. Es brannte beim Bauern Hermann Henkel („Schneirersch“) . Die Scheune, gefüllt mit der gesamten Ernte des Landwirts, und ein Stallgebäude waren ein Raub der Flammen. Nur der schnellen Hilfe der Nachbarn und der Ortsfeuerwehr war es zu verdanken, dass das Vieh und das Wohnhaus sowie die Nachbargebäude gerettet werden konnten.“

Die Oberhessische Zeitung schreibt am 23.08.1904 hierzu:
„Vergangene Nacht gegen ½ 12 Uhr ertönte hier schon wieder einmal der schauerliche Ton des Feuerwehrhornes. Diesmal brannte es in der Scheune und dem Anbau des Landwirts Henkel. Beide Gebäude brannten bis auf den Grund nieder. Das Vieh, bis auf einiges Geflügel, konnte gerettet werden. Die rasch herbeigeeilten Feuerwehren von hier sowie von Niederasphe, Wollmar, Ernsthausen, Todenhausen und Wetter beschränkten sich darauf, die dem Feuerherd nahe stehenden Gebäulichkeiten zu beschützen, was ihnen auch vollständig gelang. – Die bei dem letzten Brande geschädigte Familie Cloos ist der Hilfe dringend bedürftig, da sie nicht das Geringste retten konnten.“

Nach diesem Bericht verliert sich die Spur der Familie Cloos. Heute, nach mehr als 100 Jahren wäre es sicherlich spannend zu erfahren, was damals aus ihnen geworden ist. Die Brandserie indes ging weiter.

Lassen wir zunächst Heinrich Inerle wieder zu Wort kommen:
„Es war am ersten Advent, als der „Rote Hahn“ sich erneut auf eine Scheune im Dorfe schwang. Die Gemeinde hatte am Morgen in der Kirche das Heilige Abendmahl gefeiert. Der Gesangverein hatte noch am Abend Singstunde in der neuen Schule. Da wurde gegen 9 Uhr von jemandem die Türe mit dem Rufe „Feuer!!“ aufgerissen. Es brannte dieses Mal bei Konrad Scherer („Metz-Stoffels“). Das Feuer war so gelegt worden, dass ein größerer Schaden entstand. Trotz des schnellen Einsatzes von 6 Feuerwehren wurden die Wohnhäuser und Scheunen der Familie Seibel und Scherer sowie die Scheune und Stallung des „Schenkewirts“ Junk vernichtet. Die Löscharbeiten waren trotz genügend vorhandenen Wassermengen sehr schwierig.“

Auch hierzu berichtet uns die Oberhessische Zeitung unter dem 05.12.1904:
„Zum drittenmale innerhalb kurzer Zeit brach gestern Abend in unserem Orte wieder Feuer aus. Es brannte in einem hinter der Junk´schen Wirtschaft gelegenen Stallgebäude und griffen die Flammen so schnell um sich, dass der Ausbruch eines Großfeuers zu befürchten stand. Es wurde deshalb auch sofort nach auswärts um Hülfe nachgesucht und trafen deshalb auch nach und nach sämtliche Feuerwehren der Umgegend, darunter auch die Marburger Landspritze, ein. Von allen Seiten wurde nun mit der größten Energie dem verheerenden Brande zu Leibe gerückt, das nötige Wasser lieferte der an der Brandstätte vorbeifließende Hutschbach. Nach mehrstündiger angestrengter Tätigkeit war die Gefahr beseitigt, doch lagen im Ganzen sieben Gebäude in Schutt und Asche. Es sind dies zwei Wohnhäuser, zwei Scheunen, ein großer und zwei kleinere Viehställe. Die Namen der Geschädigten sind Seibel, Scherer und Junk. Das Vieh konnte noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Selbstverständlich wurde auch während des Brandes eifrig nach dem Urheber geforscht und nahm der Gendarm auch einen jungen Mann von hier, der sich verdächtig gemacht hatte, fest. Die fremden Feuerwehren verließen noch in der Nacht unseren Ort.“
Zu dem vermeintlichen Brandstifter meldet sich dann zwei Tage später auch ein Berichterstatter aus Wetter zu Wort.

Die Oberhessische Presse schreibt unter dem 07.12.1904 wie folgt:
„Heute früh wurde ein 19jähriger Bursche aus Münchhausen in das hiesige Amtsgerichtsgefängnis abgeliefert, der der Anlegung des gestrigen Brandes sehr verdächtigt wird.“

Zwei Tage später interessiert man sich sogar in der Frankenberger Zeitung für diese unheimliche Brandserie. Es wird sogar ein Name genannt.

Die Frankenberger Zeitung meldet am 07.12.1904:
„Zu dem Brandunglück von Münchhausen, über welches wir in voriger Nummer berichteten, wird uns noch ergänzend mitgeteilt, dass außer den erwähnten Feuerwehren noch diejenige von Ernsthausen hilfskräftig eingeschritten ist und, ebenso wie bei den vorausgegangenen beiden Bränden, als erste am Platze war. Es ist innerhalb 8 Wochen der dritte Brand, der das Dorf Münchhausen heimgesucht hat. Während man schon in den beiden ersten Fällen Brandstiftung vermutete und der Verdacht sich nach einer bestimmten Seite hin lenkte, konnte der Täter nicht überführt werden; diesmal hofft man auf Grund schwerwiegender Zeugenaussagen, den Brandstifter der gerechten Strafe zuführen zu können. Leider trifft der Verdacht den Angehörigen einer völlig unbescholtenen angesehenen Familie, den 19jährigen Sohn des Müller Krieg, Daniel Krieg, der bereits am Sonntag Abend in Haft genommen wurde.“

Hiermit verliert sich endgültig die Berichterstattung über diese unheimliche Brandserie. Die Spur der Familie Cloos verläuft ebenso im Dunkeln wie die Ermittlungen gegen den „jungen Mann“, der bei dem letzten Brand festgenommen wurde. Die kriminaltechnischen Möglichkeiten reichten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eben bei weitem nicht an den heuten Standard heran.
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1 Kommentar
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Hans-Christoph Nahrgang aus Kirchhain | 02.08.2009 | 17:47  
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