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Wie Krieg entsteht... - ein Stück Feldforschung

Ein Dialog zwischen Vater und Sohn:

„Du Papa, wie entsteht eigentlich Krieg?“
„Meist aus Übermut, mein Sohn.“
„Und was entsteht dann aus dem Krieg?“
„Armut, nichts als Armut!“
„Wenn der Krieg aber gewonnen würde...?“
„Mein Kind, ein Krieg, der aus Übermut geführt wird, kann nicht gewonnen werden!“
„Ja, wenn es tatsächlich so ist, was entsteht dann aber aus der Armut?“
„Demut!“
„Was ist eigentlich Demut?“
„Na ja – die Leute haben wieder mehr Bereitschaft zum Dienen, sind bescheiden und zufrieden mit dem, was sie haben – ohne Geltungsbedürfnis, helfen sich gegenseitig usw.“
„Ach, so wie 1945 und 1950 ungefähr?“
„Ja, so ungefähr.“
„Ja und was entsteht dann aus der Demut?“
„Nun, daraus entwickelt sich ein gewisser Fleiß, sehr viel Fleiß, mein Sohn.“
„So ungefähr wie bis 1960?“
„Ja, so in etwa.“
„Und was entsteht dann daraus, wenn die Leute alle fleißig sind?“
„Nun, mein Sohn, aus dem Fleiß entsteht dann ein gewisser Wohlstand!“
„So, wie in den 70er und 80er Jahren?“
„Ja, so in etwa.“
„Und, wenn der Wohlstand dann anhält, was entsteht dann?“
„Nun, mein Sohn, dann entsteht irgendwann so etwas, wie Reichtum.“
„So, wie nach den 80er bis die 90er Jahre herum?“
„Ja, so in etwa.“
„Und was entsteht dann aus dem Reichtum?“
„Aus Reichtum, mein Sohn, entsteht dann oft Übermut!“
„Ach, so wie nach den 90er Jahren bis jetzt ungefähr ?“
„Ja, so ungefähr.
Sag’ mal, was rechnest denn da jetzt herum?“

„Du Papa, das ist ganz interessant; demnach würden wir Deutschen um das Jahr 2035 herum wieder fleißig sein dürfen und müssten erst im Jahr 2045 wieder reich sein!“



Wolfgang Kreiner© 2001
aus: „kein Grund lauthals zu singen“
Gryphon Verlag München
ISBN 978-3-935192-25-5

und "Süddeutsche Zeitung" 05.02.1991
sowie "Passauer Neue Presse" 18.03.1991
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