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Hintersinn und Laune bei Harald Martenstein Lesung in Mainz

Harald Martenstein beim Schlussapplaus
 
ZuhörerInnen
Mainz: Frankfurter Hof |

Seiner Heimatstadt erwies Harald Martenstein mit seiner Lesung am 11. April im Frankfurt Hof die Referenz. In diese wolle er – so seine erste augenzwinkernde Anmerkung an den nahezu restlos gefüllten Saal – anfangs politisch brisant starten und erst später moralisch verwerflich werden. Dabei könne er letztgültig beantworten und Widerspruch zulassen; der aber nicht kommen werde legte er nach.

Das Handy werde er bewusst an und auf dem Tisch lassen, da er einen wichtigen Anruf erwarte: schließlich sei er beim zur Stunde in Hamburg zur Verleihung kommenden Henri Nannen Preis in der Kategorie Dokumentation mit einem Kollegen nominiert.
Keine Sekunde jedoch habe der Zeit-Kolumnist daran gedacht, der Elbstadt den Vorzug zu geben. Das Heimspiel und die Herzen der Zuhörerschaft waren bereits jetzt gewonnen.

Mit einem Saunabesuch in Montenegro starte Martenstein in eine illustre Folge von Erzählungen. Getrennt nach Geschlechtern seien sie dort und natürlich war er bei den Männern, deren Blicke ihn zur Feststellung führten, dass er der einzige ohne Badehose sei.
Von dieser Nacktheit und einem Exkurs über die Freikörperkultur, bei der wird Deutsche die gleiche Führungsrolle innehaben, sowie deren internationaler Wahrnehmung nebst den unterschiedlichen nationalen Verhältnissen zur Nacktheit kam fast der Gedanke an Leitkultur in den Sinn.

Meinungsumfragen wurden als nächstes Feld beackert und das Autorenfazit, dass immer die Bereiche, welche unter 3 % bekämen, eine besondere Betrachtung verdienen, wurden mit Beispielen belegt, wie der Tatsache, dass durchaus Frankreich Einstufung als bedrohende Atommacht findet, stolze 11 % einen Krieg gegen Liechtenstein wegen dessen Steuergebahren als richtig sähen, Berliner Busfahrer bewaffnet werden sollten, Bochum als Traumstadt und – wenn Geld keine Rolle spiele – Skoda als Traumauto erwähnt werden.
Die Lacher waren sicher, auch wenn sie nur allzu oft im Halse stecken zu bleiben drohten.

Bei der Political Correctness, das Wort des Jahres Flüchtling zum Geflüchteten zu machen, sowie der dann logischen Konsequenz, dass es damit auch Lehrling, Zwilling, Sprössling und Säugling an den Kragen gehen müsse sträubten sich nicht nur angesichts Gesprossener odr Gesäugter, bzw. Saugender allgemein die Haare.

Schwerhörigkeit führte zu den Überzeugungen, dass wer als nachdenklicher Intellektueller gilt, wohl nur schwerhörig ist und angesichts der aufgeheizten politischen Stimmung sympathisch ist, wer nicht gehört wird!

Dem Entsetzen, dass er Schnecken im Garten mit Zahnstocher – Platz für 3 – und Grillspieß – Platz für immer hin 8 – sowie Stechmücken mit einem elektrisch geladenen Netz entgegen trete und sich dabei vor Allem ökologisch – die Natur ist der größte Feind des Lebens – verhalte stand Absurdistan pur entgegen, wenn der seine Besitzer tod gebissen habende Kampfhund Cico nach über 250.000 Petitionsstimmen nicht eingeschläfert, sondern in einem Zwinger sein weiteres Leben verbringen soll.

Ob Journalisten die Welt verändern können, blieb auch an diesem Abend ungeklärt, eine Martenstein‘sche Gesellschaftsveränderung jedoch über die Preisreduktion vom Amazon für die Travel Pussy nachgewiesen, nachdem zuvor die Unterschiede von vorgetäuschtem und vertuschtem Orgasmus, sowie die sich daraus ergebenden Möglichkeiten für Verlängerung des weiblichen Liebesglückes geradezu versinnbildlichend vertieft wurden.

Reaktion auf positive Leserbriefe lassen eigentlich nur einen kurz gefassten Dank zu. Anders die epische Antwort auf die Kritik von Carina an Altherrenwitzen, bei der seine gesamte und keineswegs geringe Sarkasmusfähigkeit Spielwiese erhielt.
Bis hin zur nur zu verständlichen Ablehnung der Gender-Ideologie.

Die traditionellen Mainzer Fernsehsitzungen sind ob ihrer Dauer wie Wagner, weshalb sich jeder Mainzer ab 50 eine Titanblase einsetzen lässt, denn neben dem Vatikan ist die Fastnacht das letzte Großreservat alter Männer – und nie hat Martenstein einen davon auf die Toilette gehen sehen.
Die Familie Neger wurde bei der Auswahl ihres nächsten Sängers für Gassenhauer wie Humba Humba Tätärä oder Heile, heile Gänsje dem Tibet und seiner Suche nach dem nächsten Dalai Lama gleich gestellt.
Mit Bedauern zudem, dass der Reim immer mehr verloren und es dafür zu freien Prosa übergehe – eher ein Relikt für Wiesbaden! – und der Feststellung, dass Frauen schon als Idee lustig sind, sodass sie in Bütt nicht auszuhalten wären ging es in die Pause, wo sich so Manche(r) zunächst seine Tränen des Lachens zu trocknen hatte.

Mit einem, die etwas trist und lieblos positionierte Wasserflasche ergänzenden Glas Wein kam
Harald Martenstein zur zweiten Hälfte des Abends zurück auf die Bühne und zum Fazit, dass Berlin wohl besser wieder in 4 Sektoren aufgeteilt sowie auf das Niveau der 60er Jahre zurück gefahren werde, damit es funktioniert, denn es läuft Nichts: keineswegs nur am BER!

Obwohl seine und seines Kollegen Dokumentation zu Berlin eine lustige gewesen sei, habe er von seiner Frau erfahren, dass die Mitbewerberin den Preis gewonnen habe: eben eine Frau, denn beim Henri Nannen Preis laufe es eben anders, als bei der Mainzer Fastnacht!

Sehr berühren und nachdenklich die Episode von seinem Abstecher in die frühere Schaffensphase als Filmkritiker übe eine einfach Frau, die sich erst nach langem Zögern auf das Werben eines erfolgreichen Mannes ein- und ihn trotz glücklicher Zeit wieder verlässt, da sie es einfach nicht glauben kann. Jahre später trifft sie ihn wieder und erfährt, dass er nur sie zu lieben vermochte, was ihre Zweifel ihr nicht vergönnten.

Höchst provokant die These, dass eine Lesung auf deutschem Boden Hitler enthalten müsse, weshalb er der Empfehlung seiner Agentin folgend, dass nur mit Sex, Kindern, Tiere und Nazis Hits zu landen seien, eine Kolumne mit allen diesen Themen anstrebte und genial darbot.

Dass der Alltag die besten Geschichten schreibt, bewies ein Erlebnis vom Inlandsflug Berlin – Köln, bei dem die Security 5 Feuerzeuge statt dem nur 1 erlaubten beanstandete. Da es sich um solche, eines Bestattungsinstitut handelte, mit denen beim Entzünden einer Zigarette ein Statement abgegeben wird, galt es diese zu behalten. Die Frage ob statt Handgepäck eine Mitnahme in Hosentasche, etc. möglich sei, wurde mit dem Hinweis hier nicht auf dem türkischen Basar zu sein abgewiesen und sich gleichzeitig das eigene Argumentationsgrab geschaufelt. Die daran geknüpfte Rassismusdebatte machte dem Autor den Weg frei, vor dessen Tricks man Angst haben müsse, so er ein Terrorist wäre!

Wann immer er an den Kühlschrank gehe, was nach eigenem Eingeständnis oft der Fall sei – sind seine Gedanken bei einer Kolumne zu Social Freezing, welches er in seinen Gedanken bis zum Einfrieren fertige Kinder vorantrieb. Sollten angesichts der dargestellten Vorteile die Geburtenraten nicht steigen, wisse er allerdings auch nicht!

Die Fastenmotive der evangelischen Kirche sezierte Harald Martenstein geradezu genüsslich und wies ihr über die letzten Jahre den Hang zur Selbstauslöschung nach. Ausgehend von Verschwendung kein Geiz, also unnötige Käufe, über ohne Zaudern, bsw. bei Straßenüberquerung, zu 2013 einem Höhepunkt des Kreuzzuges gegen sich selbst mit riskier was, gefolgt von einem gerade für Kirche ungewohnten selber denken ohne falsche Gewissheit.
Statt vermutet harscher Kritik brachte ihm dies viele Einladungen zu Predigt ein, so wie am Reformationstag in Oppenheim über Luther, obwohl er von diesem gar nicht so viel wisse. Die wenig anspruchsvolle Begründung immerhin interessieren sie sich für uns, wünsche er sich hingegen lieber von Feministinnen.

Einblicke in das Vater – Sohn Verhältnis ließen nicht nur angesichts des über Wochen gehenden Projektes Badehosenkauf und einem Zimmerzustand der selbst bei Ungeziefer Unwohlsein auslöse Fragen zu Erziehungsfehlern aufkommen, sowie eine vom weiblichen Geschlecht überholte Generation erahnen.

Mit einer Reminiszenz an die nicht überwundene Teilung von Mainz, wie sie auch Ernst Neger in seiner Originalfassung von Heile, heile Gänsje besang, deren Suche bei YouTube alle (Un-)Tiefen unsäglicher Political Correctness vor Augen führten, endete ein wie im Flug vergangener, launiger und kurzweiliger Abend auf höchstem Niveau, der zu Recht stürmischen Beifall erhielt.

Die Dreingabe einer Filmkritik von Mami is coming beschrieb den ganzen, nicht nur sexuellen Irrsinn unserer Tage, bei dem das sich anschließende Kollegengespräch erst nach vielen Sequenzen zeigte das gar nicht der gleiche Film gesehen worden war: die Kollegin kam aus Glück von Döris Dörrie.

Ist nicht gerade dies exemplarisch für die Mankos unserer Zeit, deren Entstehen umso unverständlicher sind, als Größen wie Harald Martenstein uns doch die Augen öffnen: wo nur sehen wir aber hin?


Erich Neumann, freier investigativer Journalist
über DFJ Deutsche-Foto-Journalisten e. V. www.dfj-ev.de
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