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10. Teil - Kinder- und Jugendjahre im Schatten des Nationalsozialismus. (Erinnerungen der 89-jährigen Zeitzeugin Maria Bengtsson Stier)

1939 kam ich wieder nach Hause zurück und begann eine dreijährige Kontorausbildung im Großhandel zusammen mit einer kaufmännischen Berufschulausbildung, die ich mit einer erfolgreichen Abschlussprüfung vor der Industrie- und Handelskammer in Bingen beendete…..
 
Erinnerungen der 89-jährigen Zeitzeugin Maria Bengtsson Stier
Die Judenverfolgung.

Ganz langsam setzte dann die Judenverfolgung ein. Zuerst kaum merkbar, dann immer deutlicher und einschneidender. Die Literatur wurde von jüdischen Schriftstellern „gesäubert“ und Kompositionen jüdischer Komponisten wurden strikt verboten. Ich weiß es noch wie heute, dass ich plötzlich das Lied von Heinrich Heine „Loreley“ nicht mehr singen durfte. Das war eines meiner Lieblingslieder. Ich sang ja für mein Leben gern, genau wie unsere ganze fröhliche Familie zu Hause, die durchweg gute Stimmen hatte.

Mein Lieblingsschauspieler Jan Kipura durfte nicht mehr filmen (Doch das war etwas später, als ich der Schule entwachsen war).

Mit 14 Jahren wurden alle Mitglieder der Jugendgruppen direkt kollektiv in den „Bund deutscher Mädchen“ bzw. in die „Hitlerjugend“ überführt. Da waren wieder neue Uniformen fällig und höhere Beiträge fielen auch an.

Nun wurde den Mädchen anbefohlen eine „germanische Frisur“ zu tragen. Das war ja ein dicker Knoten im Nacken, oder aber eine „Olympiarolle“, eine Haarrolle im Nacken. Ich hatte aber weder das eine noch das andere. Mir gefielen meine eigenen Locken sehr gut so wie sie wuchsen.

Langsam setzte nun die Boykottierung aller jüdischen Geschäfte ein. Allen deutschen Geschäftsleuten wurde anbefohlen ein Schild mit der Aufschrift „Deutsches Geschäft“ gut sichtbar auszuhängen. Da aber alle Juden mit den Nürnberger Gesetzen vom 15.09.1935 die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen worden war, konnten sie ein solches Schild nicht aushängen. Auf diese Weise waren alle jüdischen Geschäfte ohne ein sichtbares Zeichen „gebrandmarkt“.

Allen Deutschen wurde es unter Strafe verboten in jüdischen Geschäften einzukaufen. Das hatte natürlich den Konkurs der jüdischen Geschäfte zur Folge. Dadurch waren viele jüdische Geschäftsleute gezwungen ihr Hab und Gut weit unter dem Wert zu verkaufen und selbst auszuwandern. Die früheren jüdischen Geschäfte aber wurden nun von „arischen“ Parteigenossen weitergeführt.

Ein Geschäft in der Antoniterstraße ist mir noch sehr gut in Erinnerung. Dort tauchten sozusagen über Nacht maßgeschneiderte Uniformen in den Schaufenstern auf. Die Schaufensterpuppen standen in schwarzen SS-Uniformen und gelben SA-Uniformen komplett mit Koppel und Mütze im Schaufenster und schauten die Vorübergehenden herausfordernd an. Diesen Eindruck machten die Puppen jedenfalls auf mich.

Unser Nachbar Herr Sichel aber und alle anderen Juden, die sich entschlossen hatten in Deutschland zu bleiben, gingen keinem gnädigen Schicksal entgegen. Denn der jahrelang geschürte Judenhass kam in der Kristallnacht vom 09. / 10. November 1938 zu seinem abscheulichen Höhepunkt.

Ich wurde im Frühjahr 1938 zum Haushaltsjahr, dem sogenannten „Pflichtjahr“, für ein Jahr nach Framersheim beordert, wo ich auch die Kristallnacht erlebt habe. Dieses einschneidende Erlebnis habe ich gesondert geschildert.

1939 kam ich wieder nach Hause zurück und begann eine dreijährige Kontorausbildung im Großhandel zusammen mit einer kaufmännischen Berufschulausbildung, die ich mit einer erfolgreichen Abschlussprüfung vor der Industrie- und Handelskammer in Bingen beendete…..

Fortsetzung folgt…..http://www.myheimat.de/linz-am-rhein/gedanken/11-t...
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