Novemberblues

Novemberblues

„Gedanken und Erinnerungen“ nannte Otto von Bismarck nach seiner Entlassung als Reichskanzler 1890 seine Autobiografie. Er war über 75, als er begann sich sein Leben ganz bewusst in Erinnerung zu rufen, und wichtige Ereignisse daraus niederschrieb, Erinnerungen an eine lange und schwierige Zeit, es sollten zunächst einige Notizen sein, Fakten seines Lebens, die andere verstehen sollten, zuerst ungeordnet, ein paar Seiten, es wurden 3 Bände, ein Vermächtnis, eine Abrechnung mit sich und der Welt, die ersten beiden Bände wurden noch vor seinem Tod (30. Juli 1898) veröffentlicht, der dritte Band nach politischen Querelen erst 1919. Die Familie Bismarck wollte die Veröffentlichung dieses 3. Bandes aus „persönlichen Gründen“ verhindern, Gedanken und Erinnerungen können gefährlich sein, unangenehm, aber das nahm Otto von Bismarck bewusst in Kauf.
Bei dieser Art von Erinnerungen sprechen Psychologen von „Absichtlichem Zurückrufen von sonst Vergessenem ins Gedächtnis“, aber es gibt auch die anderen Erinnerungen, die man sich nicht zurückruft, die einfach kommen, wiederkommen und bleiben, Erinnerungen, die schön sind, und schlimme Erinnerungen, die man gern ändern, ungeschehen machen würde. Schöne Erinnerungen können fröhlich machen, oder auch traurig, oder beides, schöne Erinnerungen sollten bleiben wie sie sind, nach dem Motto: „bereue niemals was du getan oder erlebt hast, wenn du im Augenblick des Geschehens glücklich warst“, schlimme Erinnerungen soll man aufarbeiten, was immer das heißen mag, vielleicht um sie ebenfalls als Teil der eigenen Vergangenheit zu akzeptieren, möglicherweise funktioniert das manchmal, manchmal geht es nie.
Solche Erinnerungen hört man innerlich, sie sind plötzlich da, verdrängen kann man sie nicht, sie können rufen, ganz leise oder lachend einfach da sein, sie können uns fröhlich machen oder verzweifelt, beeinflussen kann man sie nicht, man kann versuchen, schöne und schlimme Erinnerungen gegeneinander aufzurechnen, wie bei einer Bilanz, um auf die eigene magische Zahl 42 zu kommen, nützen wird das nichts, weil in diese Zahl viel hinein gedeutet wird, so soll sie das positive Ergebnis einer Gegenüberstellung von positiven und negativen Bewertungen sein, und symbolisiert eine Idealpunktzahl, was angeblich schon älteste Kulturen der Menschheit gewusst hätten.
Neu ins Spiel gebracht hat sie Douglas Adams, Autor der Roman- und Hörspielreihe „ Per Anhalter durch die Galaxis“ 1993 der auf die Frage, warum er diese Zahl benutzt hätte sagte:
„Die Antwort darauf ist ganz einfach. Es war ein Scherz. Es musste eine Zahl sein, eine gewöhnliche, relativ kleine Zahl, und ich entschied mich für diese. Binäre Darstellungen, Basis 13, Tibetische Mönche, das ist alles kompletter Unsinn. Ich saß an meinem Schreibtisch, blickte in den Garten hinaus und dachte, 42 wird gehen‘. Ich schrieb es hin. Ende der Geschichte“
Damit kommen wir auch nicht weiter.
Erinnerungen können durch besondere Umstände plötzlich freigesetzt werden, es gibt vieles, was Erinnerungen auslöst, ein Bild, eine lange nicht gehörte Melodie, eine Straße, ein Platz auf dem man lange nicht mehr war, vielleicht mit Absicht, oder ein anderes eigentlich unbedeutendes Ereignis, zufällig kommen sie nie.
Man kann Erinnerungen anderen erzählen, richtig mitteilen kann man sie dritten nie, andere haben eigene, vielleicht ähnliche Erinnerungen, möglicherweise sogar an die gleiche Sache, mit einem anderen Rückblick, verbunden mit anderen Wünschen und Träumen, die ein Teil unseres eigenen Lebens sind, das ohnehin nicht erklärt werden kann, die Seele in uns bleibt dritten letztlich verschlossen, daran konnte auch Siegmund Freud nichts ändern, vielleicht ganz gut so.
Erinnerungen können täuschen, oder an Wahrheit verlieren, weil sie uns Bilder aus der Vergangenheit zeigen, die nicht mehr aktuell sind, so mochte ich die Schauspielerin Gertraud Jesserer sehr, gesehen habe ich sie in ihren Filmen vor vielen Jahren oft, als junge Frau, neulich war sie im Fernsehen, ich habe sie nicht erkannt, man musste mich darauf aufmerksam machen, ich habe ungläubig auf den Fernseher gestarrt, das sollte Gertraud Jesserer sein?, ich sah eine ältere Dame, gut aussehend, charmant, mit meiner Erinnerung hatte sie jedoch nichts zu tun, diese Frau kannte ich nicht, und ich hätte jeden Eid geschworen, das der Satz „Dich hätt ich nicht wiedererkannt“ für mich nicht gilt, es war ein Schock, was wenn mir das „im wirklichen Leben“ passieren würde, hier ging es ja nur um jemanden, den ich ohnehin nur via Fernsehen oder Kino kannte, und was, wenn es mir schon passiert ist, ein schrecklicher Gedanke, aber eine schöne Erinnerung.
Erinnerungen sind wie Kapitel in einem Buch, sagte mal jemand, man muss ein oder mehrere Kapitel hinter sich gelassen haben, bevor Erinnerungen kommen können, schlimm ist es, wenn ein Teil der Erinnerungen wie ein Sandsack auf der Seele liegt, weil man sie selbst verschuldet, weil man etwas getan hat, oder auch nicht getan hat , egal, Kapitel sind geschrieben und können nicht nachträglich berichtigt werden, ein neues Kapitel könnte das alte vielleicht relativieren, manchmal, schön ist es, wenn man Erinnerungen so wie sie sind, bewahren möchte.
„Gift from the Sea“ (deutscher Titel: „Muscheln in meiner Hand“) nannte Anne Morrow Lindbergh, Ehefrau von Charles Lindbergh, dem 1927 die erste Atlantiküberquerung im Alleinflug ohne Zwischenlandung mit seiner „Spirit of St. Louis“ von New York nach Paris gelang, eines ihrer 13 Bücher, das 1955 herauskam, und von dem sie gesagt haben soll „ Es war mein wichtigstes Buch, aber das war mir nicht sofort klar, das kam erst später“, im dem sie Wege suchte, ihr Leben zu verarbeiten, das Leben mit einem berühmten Mann, die schreckliche Zeit während und nach der Entführung und Ermordung ihres Sohnes Charles 1932, der keine 2 Jahr alt wurde, ein Schicksalsschlag der die Öffentlichkeit in ganz Amerika erschütterte, die Zeit des 2. Weltkriegs und nach einem Leben voller Abenteuer, in die sie sich ganz bewusst stürzte
- Zitat: „Einen Teil unserer Ehe verbrachten wir in der Luft“ -
schrieb sie ihre Gedanken auf während eines Urlaubs am Meer, mit sich allein, Gedanken aus Erkenntnissen, die ihr Muscheln sagten, die sie am Strand fand, eigentlich nur für sich selbst, eine eigene Lebenshilfe, aber die Erkenntnisse aus den Muscheln in ihrer Hand nahmen andere Menschen auf, das Buch wurde eine Lebenshilfe für viele, mit einer verkauften Auflage von über 1 Million Exemplaren, obwohl diese Erkenntnisse eigentlich nicht so recht in das damalige Bild einer tapferen Frau passte, aber vielleicht war es deshalb so wertvoll, und ist es bis heute geblieben, vielleicht sollten wir alle unsere Muschel finden, und erkennen, was sie uns sagt.
Eine Lebenshilfe kann helfen, aber sie ist eben „nur“ eine Hilfe, unsere Gedanken und Erinnerungen zu verarbeiten, das verarbeiten selbst liegt bei uns allein, und der Satz „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ trifft wohl auch nur auf ein gemeinsames Leid zu, immerhin.
Jemand sagte mal „ Mein Hund ist gestorben, ich bin sehr traurig, doch ich erfahre viel Mitgefühl, aber wirklich teilen kann ich die Trauer mit niemandem, wie denn auch, wie kann ich mit jemandem diese Trauer teilen, die Liebe zu ihm hab ich ja auch mit keinem geteilt“.
Die eigenen Erinnerungen, irgendwie kann man sie vielleicht immer wieder neu bewerten, sie etwas anders sehen, mehr nicht, ich wünsche Ihnen allen, das sie mit ihren Gedanken und Erinnerungen leben können, so oder so, auch im November.
Ideal wäre es, wenn sie sich dem Lied von „Edith Piaf - Non, je ne regrette rien (Nein, ich bereue nichts)“ anschließen könnten.
Und wenn nicht ? „am Kreuzweg der Entscheidungen steht niemals ein Wegweiser“ heißt es, wer kann da schon immer alles richtig machen.

Gerd Szallies

Bürgerreporter:in:

Gerd Szallies aus Laatzen

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