Hausmusik

HausmusikEs war vor ein paar Tagen auf einem Flohmarkt, an dem irgendwie alles anders war, es war nichts gravierendes passiert, eher ein stiller Unterschied zu den vergangenen Tagen, doch das Licht hatte sich verändert, die Sonne schien, es war immer noch warm, aber nicht so wie vorher, es lag nicht nur daran, dass die Mauersegler fort waren, die gestern noch ihre eleganten Kreise zogen, die eigene Atmosphäre des Spätsommers lag über diesem Sonntag.

Wir schlenderten wie immer an den Ständen vorbei, und dann sah ich etwas, was ich auch vorher nie auf einem Flohmarkt gesehen hatte, und mich schon als Kind fasziniert hatte, nämlich eine Zither, von der mal jemand sagte, sie ein magisches Instrument, es war ein kleiner Stand mit älteren Büchern, und eben dieser Zither, ich nahm sie hoch, der Verkäufer ließ mich einen Moment in Ruhe, dann sagte er 15 Euro, aber das nahm ich nur am Rande zur Kenntnis, ich drehte und wendete sie, was mein Gegenüber wohl fälschlicherweise als fachmännische Begutachtung missverstand, und fügte hinzu, „Die ist über 80 Jahre alt“, nachdem ich wieder nicht reagierte ging er auf 12 Euro runter, dann auf 11, und für 10 Euro hab ich sie gekauft, der Händler war zufrieden, und ich war irgendwie glücklich, selbst meine Frau, die ich ein paar Stände weiter wiederfand, lächelte, sagte kein Wort, nicht mal „Was willst Du denn damit, du kannst doch gar nicht Zither spielen“, womit sie Recht gehabt hätte, aber wir haben zu Haus auch eine alte Mandoline eine noch ältere Geige und eine Doppelblockflöte aus Griechenland, und die kann ich auch alle nicht spielen, letztere war ein Urlaubsmitbringsel meines Cousin, ich konnte der merkwürdigen Flöte noch niemals einen Ton entlocken, nicht mal einen falschen, er hatte sie wahrscheinlich als Mengenrabatt beim Weineinkauf erhalten, ich kenn doch meinen Cousin.

Die Zither kam also in gute Gesellschaft, und außerdem hatte ich mir in den Kopf gesetzt, jetzt zu Beginn der stillen Jahreszeit wieder mal Hausmusik zu machen, die Melancholie dieses Tages war wohl Schuld daran, dazu brauchte ich eigentlich die Zither nicht, wir haben ja auch noch ein Klavier und ein Akkordeon, aber das Klavier war verstimmt, weil es im Moment an einem zugigen Platz steht, und Akkordeon hatte ich seit mindestens 20 Jahren nicht mehr gespielt, all diese Mankos sollte nun die Zither richten, bei der allerdings überhaupt kein Ton mehr stimmte, wahrscheinlich auch seit 80 Jahren, was allerdings das Lernen eines Musikinstruments mit Besinnlichkeit zu tun hat, will ich hier nicht erörtern, aber da eine Akkordzither die gleiche Aufteilung hat wie ein Klavier, nämlich rechts die Melodiesaiten, links die Begleitsaiten, und sie insofern als ein leicht zu erlernendes Instrument gilt, war mir davor nicht allzu bange.

Eines hatte die Zither schon bewirkt, mich interessierten unsere Instrumente wieder, Erinnerungen kamen wieder hoch, da war zunächst das Akkordeon, ich erhielt es zu Weihnachten, als ich 7 Jahre alt war, das ließ sich nicht vermeiden, weil ich einer musischen Familie entstamme und mein Lieblingsonkel ein Klavier besaß, was ich jedes Mal mit Beschlag belegte, wenn wir zu Besuch bei Onkel und Tante waren, sie ließen mich gewähren, und irgendwann konnte ich mit einem Finger „Mädchen warum weinest Du „ spielen, das erste Lied nach ein paar Fingerübungen für alle Klavierschüler in meiner Jugend, an dem keiner vorbei kam und weil besagter Onkel, der Berufsmusiker war, mir das Klavierspielen unbedingt beibringen wollte und aus diesem Grund, der zudem auch kostengünstig war, hatte keiner was dagegen, ein eigenes Klavier kam allerdings nicht in Frage, und ein Akkordeon bot sich an, weil keiner wusste, ob ich Klavierspielen durchhalten würde, weil es viel zu teuer war, und ich das Klavier von meinem Onkel ohnehin mal erben sollte.

So entstand eine intensive Zusammenarbeit mit meinem verwandten Lehrer, jeden Dienstag fuhr ich mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn, je nach Jahreszeit, von Kleefeld nach Badenstedt um Klavier zu lernen, und jeden Donnerstag kam er zu uns, wo ich das Erlernte auf dem Akkordeon abzuliefern hatte, aber das machte mir ja Spaß, obwohl ich zum Leidwesen meines Onkels niemals mit allen der 96 Bässe auf der linken Seite klar kam.

Das ging so zwei Jahre lang, dann schenkte mir mein Onkel sein Klavier, irgendwann anno 1954 stand es bei uns im Wohnzimmer, schwarz mit jeweils einem Kerzenhalter an der Seite und Mozartkopf vorn, und einem wunderbaren Klang, leider war ein gemeinsames musizieren mit meinem Akkordeon niemals möglich, das Klavier konnte überhaupt nicht im Konzert mit anderen Instrumenten eingesetzt werden, Grund war der Krieg, denn in der Nähe des Hauses meiner Verwandtschaft war eine Bombe explodiert, zwar noch so weit weg, das keine Schäden am Haus entstanden waren, das Klavier jedoch sprang aufgrund der Druckwelle ca. 2 Meter von der Wand weg ins Zimmer, es war nicht umgestürzt, und äußerlich völlig unbeschädigt, dennoch war es tödlich getroffen, der Resonanzboden war von oben bis zur Mitte gerissen, damit war das Klavier eigentlich unbrauchbar geworden, der Resonanzboden aus Gusseisen war nicht zu heilen, in der damaligen Zeit schon gar nicht, die Saiten konnten nicht mehr straff gespannt werden, der Riss ließ das nicht zu, aber mein Onkel machte aus der Not eine Tugend, und das Klavier wurde lockerer gestimmt, etwa zwei Oktave tiefer, in sich war es wieder stimmig, diese echte Meisterleistung klappte tatsächlich zumindest eine zeitlang, bis die Saiten wieder nachgezogen werden mussten, aber man konnte damit wieder spielen, nur nicht zusammen mit anderen korrekt gestimmten Instrumenten, aber darauf habe ich viele Jahre Klavier gelernt und gespielt bis besagter Resonanzboden gar nichts mehr zuließ und das Klavier von Tränen begleitet abgeholt wurde, doch mein Onkel hatte vorgesorgt und mir von einem bekannten Klavierhaus aus Hannover ein neues Instrument besorgt, und zwar ein Vorführklavier, das das Klavierhaus zu Konzertzwecken wohltätig und werbeträchtig regelmäßig an junge Künstler ausgeliehen hatte, und nun erheblich günstiger verkauft wurde, eine gebrauchte Geige bekam ich ebenfalls, ohne Geigenstock, der war unauffindbar, meine ältere Schwester überließ mir großzügig ihre Mandoline, und eine Mundharmonika war sowieso da, und so ausgestattet ruhte nun die ganze Last der musikalischen Tradition unserer Familie auf meinen damals noch jungen Schultern.

Gelernt hab ich als 7-jähriger nach der Dammschen Klavierschule, dem Standartwerk damals schlechthin, sie bestand aus 2 Bänden, die mir ein Nachbar aus seiner für mich atemberaubend riesigen Bibliothek zur Verfügung stellte, diese Lehrbücher waren zwar hinsichtlich der musikalischen Entwicklung des Schülers hervorragend folgerichtig, aber mit ihren Musikangeboten im 19. Jahrhundert fest verankert, aber ich war dadurch durchaus in der Lage mit anderen Musik für den Hausgebrauch abzuliefern, ein zweiter Mozart bin ich nicht geworden, ging ja auch nicht, denn Wolfgang Amadeus hatte ja schon mit 6 Jahren Klavierunterricht.

Bei diesem Nachbarn war ich gern zu Gast, er war ein belesener Mann, der mir die Welt der Musik auf seine Art näher brachte, er war leicht ironisch und erfreute seine Mitmenschen immer mit Lebensweisheiten wie: „Klaut man dir dein Fahrrad, das mit der roten Klingel, also, dann ist die auch weg“

Mein Onkel, der früher am Opernhaus in Hannover tätig war, musste aufs Klavierspielen auch nachdem sein Klavier bei uns stand, nicht verzichten, er hatte nach dem Krieg mit ein paar Kollegen eine Band gegründet, die auf Hochzeiten oder ähnlichen Festlichkeiten im Umland von Hannover unterwegs war, ein Klavier stand damals in jeder besseren Gaststube, was zusätzlich den Vorteil hatte, dass er als einziger der Gruppe sein Instrument nicht mitbringen musste, und er schwärmte immer wieder von so manchem Klang eines Kneipenklaviers, das ging einige Jahre so, bis die Gruppe eines Tages den Kampf gegen die Musikbox aus den USA verlor.

Er wollte mir auch noch Geigenunterricht geben, aber das ließ ich nicht zu, in Erinnerung blieb mir aber, dass er mir erklärte, bei einer Geige gäbe es (aus seiner Sicht) kein oben und unten, ach sagte ich, wie im Weltraum, (er ignorierte mein Fachwissen, und gepunktet hatte ich bei ihm damit auch nicht) es gäbe stattdessen die Orientierung vom Steg zur Schnecke gesehen oder entgegengesetzt vom Steg hin zum Saitenhalter, und die Saiten einer Geige hießen G D A E , was man sich leicht merken könne, durch den Satz Geh Du Alter Esel .

Als er beim nächsten Mal mein Wissen abfragte antwortete ich, weil ich mich so langsam aber sicher überfordert fühlte „Die Saiten heißen Geh du alter Esel vom Steg zum Strumpfhalter gesehen“, das kostete mich um eine Haar seine Freundschaft.

Mit dem neuen Klavier kam Leben zu uns ins Wohnzimmer, denn ich hatte zusätzlich auch eine kleine Notensammlung erhalten, unter anderem 4 Alben „Musikalische Edelsteine“ aus dem Verlag von Anton J. Benjamin , Hamburg, immerhin königlich Schwedischer Hofmusikalienhändler aus dem Jahr 1912

Und damit begann eine kleine Hausmusik bei uns, wir waren meist zu dritt, mein Onkel Klavier oder Geige, ein Kollege meines Onkels demzufolge umgekehrt Geige oder Klavier und ich Akkordeon, und die oben genannten Edelsteine waren die musikalische Grundlage dafür, wobei die beiden Profis dankenswerterweise immer musikalische Rücksicht auf mich nahmen.

Dann forderten die Jahre ihren Tribut, irgendwann gab es keine Hausmusik mehr, die wollte ich nun wieder einführen mit der Zither, obwohl ich niemals ein Saiteninstrument spielen konnte, und die Königin dieser Gattung, eine Geige, sowieso nicht, obwohl diese wie schon erwähnt nur 4 Seiten hat, und meine neue Zither 42.

Ich schaute mir meine Zither zu Haus an, und überlegte, was weiß ich von einer Zither? Der dritte Mann fiel mir ein, aber nicht der beim Skat, sondern das Harry-Lime-Thema, aus dem Film „der dritte Mann“ aus dem Jahr 1949, zumindest den älteren von uns sicher noch in Erinnerung, das war’s eigentlich schon, dann bemerkte ich, dass zwei Saiten fehlten, die konnte man aufziehen, wenn die anderen in Ordnung waren, wahrscheinlich brauchte ich aber einen vollständigen Satz, wie dem auch sei, gestimmt werden musste sie auch, dazu brauchte ich einen Stimmschlüssel und zum spielen eventuell einen Zither-Ring .

Ich verstaute meine Zither erst mal im Schrank zur Geige und den anderen Instrumenten, man soll ja nichts überstürzen und die letzte Hausmusik lag schon weit zurück, da kam es auf ein paar Tage mehr auch nicht an, für den Moment war ich zufrieden mit einem wunderschönen Tag im Spätsommer.

Gerd Szallies

Bürgerreporter:in:

Gerd Szallies aus Laatzen

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