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Kirchen in Köln - Die Antoniterkirche und der schwebende Engel von Barlach

 
Marmorplatte mit Gravuren 1914-1918 (Erster Weltkrieg) und 1933-1945 (Nationalsozialistische Herrschaft)
Köln: Antoniterkirche | In der Antoniterkirche suchen wir Ernst Barlach´s Bronze-Engel "Der Schwebende" auf. Dieser hat seinen Platz im linken Seitenschiff neben dem Chorraum gefunden - in einer Nische des Schlusschors ganz für sich. Dort schwebt er, schwebt aufgehängt an zwei Ketten über den Dingen dieser Welt, wie von aller Erdenschwere befreit. Begegnung lässt er in direkter Betrachtungsnähe zu, nahezu in Begegnung auf Augenhöhe. Aus einem Faltengewand ragt sein markanter Kopf, streng nach vorn gestreckt, Augen und Mund geschlossen gehalten, den Blick in die innere Welt gerichtet. Seine Arme hält er gekreuzt vor der Brust. Unter seinem Gewand schauen die bloßen Füße hervor. 
Eine starke Kraft geht von ihm aus. Seine Ausstrahlung füllt  den Raum bis ins Mittelschiff hinein und berührt dabei den ihn betrachtenden Menschen. Unter ihm befindet sich eine Marmorplatte mit Gravuren der Jahreszahlen 1914-1919 und 1933-1945. Es sind die Jahre des Ersten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Herrschaft. Der Schwebende erinnert an Schrecken, Leid und Trauer, die Kriege mit sich bringen. Der schwebende Engel mahnt uns zum Frieden. Und er übermittelt uns von Schicksal und dunkler deutscher Geschichte. Ihm zur Seite bemerken wir ein Nagelkreuz von Coventry mit dem darüber liegenden Schriftzug "Vater vergib".

Ernst Barlach, geboren 1870 im schleswigholsteinischen Wedel bei Hamburg, schuf die Skulptur mit den Gesichtszügen von Käthe Kollwitz 1927. Dazu sein Wortlaut: "In den Engel ist mir das Gesicht von Käthe Kollwitz hineingekommen, ohne dass ich es mir vorgenommen hatte." Anlässlich der 700-Jahr-Feier des Güstrower Doms 1927 erschaffte und stiftete Ernst Barlach sein Werk. Der Schwebende sollte ein Gedenk- und Ehrenmal sein für die Opfer des Ersten Weltkriegs. Barlach verstand seinen Engel als einen Gegenentwurf zu den damals üblichen Heldendenkmälern.

Als "entartete Kunst" von Nationalsozialisten 10 Jahre später 1937 aus dem Dom zu Güstrow verbannt, erlitt das Kunstwerk ein sehr trauriges Schicksal: der wurde Engel eingeschmolzen zur "Metallspende des deutschen Volkes". Sein Metall sollte fortan Kriegszwecken dienlich sein.
Von einem erhalten gebliebenen Gipsmodell ließen Barlachs Freunde einen Nachguss fertigen, den sie während des Krieges versteckt hielten. Sein Versteck befand sich in Schnega im Wendland im Atelier von Hugo Körtzinger. 
Ernst Barlach starb 1938 im Alter von 68 Jahren in Rostock an einem Herzinfarkt. Er erlebte den Beginn des Krieges und das Kriegsende sowie die "Auferstehung" seines schwebenden Engels nicht mehr.

Im Mai 1952 kam der Zweitguss des Schwebenden in die Antoniterkirche in Köln. Zuvor wurde von ihm ein dritter Nachguss gefertigt. Dieser Engel kehrte im Juni 1952 in den Güstrower Dom zurück.
1987 wurde ein weiterer Bronze-Nachguss gefertigt, der im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf in Schleswig schwebt.
Gleichzeitig mit dem Drittguss wurde 1952 ein bronzierter Gipsabguss angefertigt, der in den Besitz der Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg kam und im Ernst-Barlach-Museum Wedel ausgestellt ist. Dieser Abguss ist zeitweise auf Ausstellungen unterwegs. 
Meine erste Begegnung mit dem Barlach-Engel war im Sommer 1990 nach der Grenzöffnung zur ehemaligen DDR im Güstrower Dom.
Der Schwebende gilt als Barlach´s bedeutendstes Werk und als eine der beeindruckendsten Skulpturen des 20. Jahrhunderts.
Die Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg betreut und erforscht seit 1946 das künstlerische und literarische Erbe Ernst Barlachs.

In der Antoniterkirche gibt es noch weitere Skulpturen von Barlach zu betrachten: 
"Der lehrende Christus" und das "Kruzifix II".

Manfred und ich schauen uns weiter im Innenraum der Antoniterkirche um.
Im Chorraum mit Altar sind die hohen gotischen Fester ein Blickfang. 
Die einst farbige Glaskunst wurden durch Kriesgseinwirkung zerstört. Erhalten geblieben ist das Buntglasfenster von 1520/1530 mit dem Kreuzigungsmotiv.
Erneuert zur Wiedereinweihung der Kirche im Jahr 1952 wurden auch die Siegel in der unteren Reihe der Fenstern. 

Die spätgotische Antoniterkirche enstand ursprünglich in den Jahren von 1350 bis 1370/1378 zusammen mit einem Klosterbau durch den Antoniter-Orden. Die Kirche wurde dem heiligen Antonius dem Großen geweiht. Der Orden, 1095 in Südostfrankreich gegründet, war ein christlicher Hospitalorden. Seine Aufgabe war die Pflege und die Behandlung am "Antoniusfeuer" Erkrankter, einer damals weit verbreiteten Krankheit in Europa, die auf eine Mutterkornvergiftung zurückzuführen war. 

Die Antoniterkirche war 1805 die erste evangelische Kirche in Köln.
Zu ihrer Prominenz unserer Zeit gehörten u. a. Dorothee Sölle und ihr Ehemann Fulbert Steffensky, der vor seiner Ehe mit ihr ein Benediktinermönch war.
Dorothee Sölle (1929-2003) geboren in Köln, mit einem Studium der Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität zu Köln, in der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung engagiert und gemeinsam mit Fulbert Steffensky Mitbegründerin des "Politischen Nachtgebets" von 1968 bis 1972 in der Antoniterkirche, war eine profilierte Vertreterin eines „anderen Protestantismus“. 
Sie erhielt 1994 eine Ehrenprofessur an der Universität Hamburg.
Als theologische Schriftstellerin und Rednerin war Dorothee Sölle weltweit bekannt.

Heutzutage ist die evangelische Antoniterkirche in der Schildergasse nach dem Dom die meistbesuchte Kirche der Stadt.

Quellen:
https://www.antonitercitykirche.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Antoniterkirche_(K%C3%B6ln)
https://www.bing.com/images/search?q=Ernst-Barlach...
Wikipedia

Herzlich grüßt Kirsten Mauss
mit Fotos vom 18.02.2020

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Manfred Hermanns aus Hamburg | 11.04.2021 | 17:21  
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Kirsten Mauss aus Hamburg | 11.04.2021 | 18:45  
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Kirsten Mauss aus Hamburg | 11.04.2021 | 22:43  
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Kirsten Mauss aus Hamburg | 21.04.2021 | 17:58  
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