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Lebzelter und Wachszieher war ein doppeltes Handwerk (2. Teil)

Laden mit vielen wunderbaren Kerzen
Pfaffenhofen an der Ilm: Museum im Café Hipp | Doch Lebzelter und Wachszieher war ein doppeltes Handwerk
Rohes Bienenwachs musste zur Weiterverarbeitung erst einmal gereinigt und gebleicht werden, um die gewünschte weiße Farbe für die Kerzen zu erhalten. Da sie in der Sonne gebleicht wurden, war es eine reine Sommerarbeit.
Nach etlichen Wochen hatte es die für Kirchenkerzen gewünschte weiße Farbe. Weiß galt als rein und heilig. In den Kirchen ersetzten Kerzen-Opfer und Wachsvotive die Geldspenden. Diese Weihegaben versinnbildlichten das Anliegen, für das man Dank und Bitte sagte. Symbole und stilisierte Körperteile waren in zwei Teilen plastisch in Modeln gegossen. Wer Bedarf hatte, konnte sie beim Wachszieher kaufen. Man unternahm damit einen Opfergang um den Altar, wo man die Votivgabe deponierte.
Die Wachskerzen wurden durch Ziehen, Gießen, Walken oder Angießen hergestellt.
Auf einem der beiden Zugräder wurden aus Baumwolle geflochtene Dochte aufgezogen. Zwischen diesen beiden Rädern oder Trommeln war die Zugbank mit der Zugwanne in der sich das flüssige Wachs befand. Mit jedem Arbeitsgang, also nach jedem durchziehen von einem Rad zum andern und wieder zurück wuchs der Wachstrang bis zur gewünschten Kerzenstärke. Wie Jahresringe eines Baumstammes muss man sich das vorstellen.
Wenn die Kerzen dick genug sind, schneidet man sie in der gewünschten Länge ab. Doch diese Kerzen waren noch nicht fertig und durften nicht erkalten. Es war der Stolz eines jeden Wachsziehers, gerade Kerzen mit einem schön geformten Kerzenkopf herzustellen. Dazu wurden sie nun auf einem kalten und nassen Marmortisch gerollt. Daher stammt auch die heute noch gebräuchliche Aussage Kerzengerade. Jetzt sind sie normalerweise fertig.
Eine große Rolle in der Lebzelterei Hipp spielten wächserne Votivgaben, die mit Holzmodeln hergestellt wurden. Hipps ältester datierter Model, ein Pferd, stammt aus dem Jahr 1684. Die nahe gelegene Wallfahrtsstätte Niederscheyern war der Grund für die große Nachfrage an Votivgaben aller Art. "Ich habe alles", lachte Hipp und zeigte und zählt schmunzelnd auf, "Gurgeln, Lungen, Augen, Zunge, Ohren, Zähne, ganze Figuren und natürlich Fatschenkinder". Auch Kröten dienten als Votivgaben - sie galten als Symbol der Fruchtbarkeit. In den Büchern Niederscheyerns sind die Krankengeschichten bestens dokumentiert, denn die Menschen brachten nicht nur die Votivgabe als Opfer dar, sondern erzählten den Geistlichen dazu ihre Geschichte, die sie dann aufschrieben. Hipp sah darin Zeichen tiefen Vertrauens und Glaubens an Gott.
Nach diesem wirklich interessanten Nachmittag, natürlich auch bei Kaffee und Kuchen, fuhr die Gesellschaft zufrieden wieder zurück nach Friedberg
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5 Kommentare
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Peter Perrey aus Neustadt am Rübenberge | 07.04.2017 | 22:30  
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Silvia B. aus Neusäß | 07.04.2017 | 22:42  
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Ingeborg Behne aus Barsinghausen | 08.04.2017 | 12:21  
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Christl Fischer aus Friedberg | 08.04.2017 | 18:31  
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Ingeborg Behne aus Barsinghausen | 08.04.2017 | 20:46  
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