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Eine Begegnung von Seelenverwandten

Martina Roth (Darstellerin), Johannes Conen (Komponist, Gitarre)
 
Hainsfarther Gesangverein (Chorleiterin Christine Bayer)
Hainsfarth: Ehemalige Synagoge | Ehemalige Synagoge Hainsfarth - „Herzkeime“ zur Gedenkfeier an die Pogromnacht

„Mit Zorn und Hass reißt man alles nieder, mit Geduld und Liebe aber baut man auf.“ Mit diesem Sinnspruch prägte der Hainsfarther Bürgermeister Bodenmüller der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht den Leitsatz für die Veranstaltung . Die Hainsfarther stehen zu ihrer ehemaligen Synagoge, und dies wurde nicht nur in der Rede des Bürgermeisters Bodenmüller ausgedrückt, sondern vor allem auch mit dem Auftritt des Hainsfarther Gesangvereins am Gedenktag des 9. November 1938. Dafür wurden mit der Chorleiterin Christine Bayer hebräische Gesänge eingeübt, die gerade zu diesem Anlass einen nachhaltigen Eindruck hinterließen: „Hashivenu“, ein Vers aus den Klageliedern des Propheten Jeremia aus dem babylonischen Exil „Führ uns zurück, Gott, zu dir! Begleite uns!“ „Dos Kelbl“ handelt von einem Kälbchen, das sich nicht dagegen wehren kann, auf dem Wagen gefesselt zur Schlachtbank geführt zu werden. Der Vogel hingegen kann davonfliegen, er symbolisiert die Freiheit. Der Text gibt somit die Situation der Juden in der Zeit des Dritten Reiches wieder. Die Sehnsucht der Menschen nach Frieden verkündete das Lied „Shalom“ (Friede sei mit dir!).
Sigried Atzmon, die Vorsitzende des Freundeskreises der Synagoge Hainsfarth dankte den Hainsfarther Chormitgliedern sichtlich bewegt für diese aktive Teilnahme am Gedenken an den Beginn der schrecklichen Ereignisse des Holocaust, bevor sie auf „Herzkeime“ überleitete. Sie kündigte hiermit eine multimediale Theaterperformance an, ausgeführt von der Schauspielerin Martina Roth und Johannes Conen, dem Gitarristen und Komponisten der Lieder. Die Rezitation der Lyrik der 18-jährig im deutschen Arbeitslager Michailowka (Rumänien) verstorbenen Selma Meerbaum-Eisinger gestaltete sich als ein eindrucksvolles Erlebnis mit der leeren, verwundet gebliebenen Thora-Nische der ehemaligen Synagoge und einem Bewegtbild mit simultanen Filmsequenzen im Hintergrund. Ihre Gedichte verwandelte Johannes Conen in Lieder, die durch die sprachliche Kraft der Worte und die emotionale Wirkung des den lyrischen Stimmungen folgenden Gitarrenspiels die Zuhörer ergriff. Die facettenreiche Gestik der Darstellerin erlaubte, die seelischen Zustände und Verwirrungen der jungen Selma nachzuvollziehen, die bereits ahnte, dass ihr Traum eines Lebens voller Hoffnung auf Liebe und Rettung ohne Erfüllung in der Wirklichkeit bleiben sollte. Wie seelisch nah ihr Nelly Sachs war, lag nicht nur an demselben drohenden Schicksal, sondern auch daran, dass ihre Gedanken ebenso von einer durch die grässlichen Umstände unerfüllten Liebe durchdrungen wurden. Sie, die glücklicherweise gerade noch vor dem Abtransport ins Lager nach Schweden fliehen konnte, vollzog in ihren Gedichten eine einzige Todesklage über die sinnlos gequälten Menschen. Ihre unvertonten Gedichte schufen eine in der Wirklichkeit nie vollzogene, von den beiden Akteuren des Abends aber herbeigeführte, Begegnung von Seelenverwandten, von zwei Frauen, deren Lebensentwürfe an einer grausamen Wirklichkeit zerbrechen mussten. Lange verharrten die Zuhörer am Ende in einer nachdenklichen Stille, ehe die nachhallenden Eindrücke Raum gaben, den beiden Künstlern einen lang anhaltenden Beifall für ihre bewegende Darstellung zu spenden. (emy)
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