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Suchtauslöser sexueller Kindesmissbrauch?

    Elisabeth Keller im Gespräch mit dem Lebensberater und Autor Hans Georg van Herste

Immer wieder wurde die Bitte an mich herangetragen, das Thema „Süchte in Verbindung mit sexuellem Missbrauch“ ausführlich mit Herrn van Herste zu erörtern. Dazu sprach ich mit ihm in Hannoversch Münden, wo er einen Vortrag über ayurvedische Lebensberatung gehalten hatte.

EK Herr van Herste, bitte erklären Sie uns den Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Suchtverhalten.

vH Angenommen ein Mädchen wird sehr früh, also vor dem dritten Lebensjahr, sexuell missbraucht. Vati tut ihm weh, schenkt ihm dafür aber Aufmerksamkeit, ein Spielzeug etc. Mutti weiß Bescheid, sagt aber nichts dagegen oder unterstützt Vati noch dabei. Die Übergriffe gehören also für das Mädchen ganz normal zum Alltag, zum Leben dazu. Das Opfer hat zwar anfangs Schmerzen, lernt aber sehr schnell, dass es um ein Geschäft geht. Ich stelle mich zur Verfügung und bekomme etwas dafür. Irgendwann tut es auch nicht mehr weh, löst eventuell sogar die erste Lust aus.

EK Das hört sich ja grotesk an.

vH Natürlich kann ein Mensch, der nie selbst betroffen war, diesen Ablauf kaum nachvollziehen. Trotzdem findet er genauso statt – und das millionenfach allein in Deutschland.

EK Wie kommt nun die Sucht ins Spiel?

vH Es gibt Opfer, die schon in Schulalter bemerken, dass sie vom Täter ausschließlich auf ihre Genitalien reduziert werden. Das heißt, dass dem Täter alles andere völlig egal ist. Schreibt das Mädchen gute Noten, ist es schön, schreibt es schlechte, ist es auch gut. So lange sich das Mädchen zur Verfügung stellt, ist für den Täter die Welt in Ordnung. Schon jetzt bauen sich die ersten Minderwertigkeitsgefühle beim Opfer auf. Wenn nicht, dann spätestens, wenn der Täter aufgrund der körperlichen Entwicklung des Opfers überhaupt kein Interesse mehr zeigt. Im schlimmsten Fall springt der Täter zum nächsten Opfer über, das eventuell jünger oder zumindest weniger weit entwickelt ist.

EK Das heißt, das Opfer bekommt psychische Probleme, weil der Täter nicht mehr übergriffig ist?

vH Genauso ist es. War das Mädchen zuvor noch die Prinzessin, so ist es nun – in seinen eigenen Augen – nichts mehr wert. Um weiterhin im Mittelpunkt zu stehen, versucht das Opfer, die Aufmerksamkeit des Täters auf sich zu ziehen. Jetzt haben wir es mit der ersten Sucht zu tun. Sucht kommt von suchen und so wird vom Opfer eine Möglichkeit gesucht, weiterhin im Mittelpunkt des Täterinteresses zu stehen.

EK Aber wie kommt es dann zur Spiel- oder Alkoholsucht?

vH Das Opfer wird nun extrem gut in der Schule oder schraubt seine sportlichen Leistungen nach oben. Irgendwann muss der Täter aufmerksam werden. Dieses Verhalten wird Gefallsucht genannt. Das Opfer reißt sich ein Bein aus, um dem Täter zu gefallen.

EK Gibt es auch eine negative Seite?

vH Wenn man davon absieht, dass auch gute Noten in diesem Fall einen negativen Hintergrund haben, gibt es die natürlich auch. Das Mädchen schwänzt die Schule, schreibt nur noch schlechte Noten, geht stehlen, wird aggressiv gegenüber anderen Kindern oder beginnt damit, sich selbst zu verletzen. Diese Negativaufmerksamkeitssucht ist genauso verbreitet, wie die Gefallsucht, fällt nur mehr auf, weil durch das Verhalten Außenstehende beeinträchtigt werden können.

EK Aber was hat das jetzt z. B. mit der Spielsucht zu tun?

vH Ein Opfer hat wegen oben genannter Traumata Minderwertigkeitsgefühle. Vielleicht geht es in eine Spielothek, um Billard zu spielen, oder in Kneipe, um sich mit Freunden zu treffen. Ein Mann sitzt vor einem Geldspielautomaten. Wenn er verliert, bleibt er stumm. Gewinnt er aber, jubelt er und auch der Automat fängt z. B. an zu klingeln. Das heißt, die Aufmerksamkeit der anderen Gäste wird bei einem Gewinn auf Spieler und Gerät gelenkt.
Natürlich bekommt auch das Opfer die Freude des Gewinners mit und denkt sich, ich probiere es auch einmal. Wenn ich gewinne, kann ich mir etwas kaufen, was andere nicht haben, oder ich kann meine Freunde einladen und stehe dadurch im Mittelpunkt. Vielleicht gewinnt das Opfer anfangs sogar und wird in seiner Meinung, das Richtige zu tun, bestätigt. Aber unweigerlich werden irgendwann Spiele verloren und im Endeffekt gewinnt immer der Automat.
Allerdings setzt sich der Gedanke beim Opfer fest, dass es die Verluste eines Tages wieder hereinspielen kann. Irgendwann kommt bestimmt der große Gewinn. Nach nur wenigen Spieltagen kann ein rauschähnlicher Zustand entstehen, der durch die Ausschüttung von körpereigenen Cannaboiden ausgelöst wird. Das heißt, das Opfer befindet sich in einem Zustand, als hätte es in großen Mengen Marihuana geraucht. Die Realität wird ausgeblendet. Wird dann ab und zu noch ein Gewinn erzielt, werden obendrein noch Endorphine, als Glückshormone, freigesetzt, die den Realitätsverlust weiter beschleunigen.
Obwohl klar ist, dass das Opfer kaum eine Chance hat, seine Verluste je wieder reinzuholen, wird weitergespielt. Erst geht das Gehalt drauf. Dann werden Freunde und Verwandte angepumpt. Haus und Hof, falls vorhanden, werden beliehen, vielleicht sogar Betrügereien veranstaltet, um an Geld zu kommen. Der Ruin ist kaum noch aufzuhalten.

EK Und wie kommt man da wieder raus?

vH Indem der Betroffene erkennt, dass er spielsüchtig ist und sich professionelle Hilfe holt. Betroffene, die aufgrund ihrer Betrügereien nur weggesperrt werden, kommen nur selten von ihrer Sucht los. Kaum auf freiem Fuß, geht das Spielen weiter. Auch ein Alkoholiker muss erst selbst erkennen, dass er abhängig ist, bevor man ihm helfen kann.

EK Alkohol-, Spiel-, Drogensucht; kennen Sie noch andere Süchte, die gefährlich werden könnten?

vH Eine Art der Sucht wird gern unterschätzt: und zwar die Bewegungssucht.

EK Was ist damit gemeint?

vH Es gibt etliche Opfer, die ihre Minderwertigkeitsgefühle dadurch ausgleichen wollen, dass sie z. B. sportliche Höchstleistungen vollbringen. Eine Bekannte von mir läuft viel. Auch in dem Fall greifen die oben schon erwähnten Mechanismen. Durch Cannaboide wird ein Rauschzustand erzeugt. Endorphine lösen ein Glücksgefühl aus. Selbst Verletzungen werden entweder nicht wahrgenommen oder verdrängt. Es tritt ein Realitätsverlust ein, der zwar niemanden aus dem Umfeld direkt schädigt, aber den eigenen Körper schon in erheblichem Maße. Anstatt auf die Warnsignale des Körpers zu hören, werden diese im Notfall auch durch eine Spritze betäubt. Die Folgeschäden werden unter dem Motto „es wird schon nicht so schlimm werden“ inkauf genommen.

EK Woran kann man z. B. eine Bewegungssucht erkennen?

vH Meine Bekannte z. B. wurde nervös und zittrig. Dieser Zustand, der an die Entzugserscheinungen eines Alkoholikers erinnert, nahm erst wieder ab, wenn sie eine bestimmte Strecke gelaufen war. Ein weiteres Warnsignal ist die Konzentration auf das Suchtverhalten. Das heißt, stetig hat der Betroffene den Gedanken, trinken, laufen, spielen zu müssen. Jede Handlung, jeder Gedanke zielt im Endeffekt nur noch darauf ab, der Sucht nachzugeben. Wie komme ich an Geld, um zu spielen? Woher nehme ich den nächsten Alkohol? Kann ich meine Hausarbeit im Laufschritt absolvieren?

EK Gibt es noch andere Süchte, die kaum wahrgenommen werden?

vH Weit verbreitet ist die Suche oder Sucht nach der heilen Welt. Durch Schule, Ausbildung, Heirat, Beruf, Haushalt, Kinder wird das Opfer vom erlebten Missbrauch abgelenkt. Irgendwann kommt eine Zeit, in der nichts Aufregendes mehr passiert. Das Haus ist gebaut, die Kinder sind groß und auch im Berufsleben ist man etabliert. Aus Angst vor der Leere wird sich auf die Enkel gestürzt oder eben die heile Welt gesucht. Mit aller Macht will das Unterbewusstsein Erinnerungen an den Missbrauch vermeiden.
Und die Industrie bedient diese Suche perfekt. Betrachten Sie allein mal den Zeitungsmarkt. Zig Blätter berichten über Stars und Prinzessinnen und gaukeln eine Welt vor, die so in der Realität nicht existiert. Oder schauen Sie sich die Serien im Fernsehen an. Realitätsferner geht’s wirklich nicht mehr. Da werden lächerliche Nebensächlichkeiten zu Staatsaffären aufgeblasen und Millionen hocken stundenlang davor, um sich berieseln zu lassen. Wenn mein Leben schon ereignislos und langweilig verläuft, dann muss ich mich an den meist erfundenen Geschichten der Stars aufrichten. Verzückt werden die Techtelmechtel eines Prinzen verfolgt. Kriegt er sie oder kriegt er sie nicht? Wann wird geheiratet? Ich würde mich freuen, wenn das Thema „sexueller Kindesmissbrauch“ einmal nur fünf Prozent so viel Aufmerksamkeit bekommen würde, wie die Hochzeit von William und Kate. Aber selbst in den Jugendzeitschriften werden die Kinder schon in diese Richtung getrimmt – realitätsferner Starkult allerorten.

EK Gibt es außer dem sexuellen Missbrauch noch andere Ursachen?

vH Laut Kinsey-Umfrage haben 58% aller Frauen homoerotische Neigungen, zu Deutsch: sehr viele Frauen sind lesbisch. Auch sie bekommen, genau wie Transsexuelle, die ihre wahre Identität nicht ausleben, Minderwertigkeitsgefühle. Und schon greifen die oben erwähnten Mechanismen. Wenn dann nicht ausgelebte Homo- oder Transsexualität noch mit einem Missbrauch zusammenkommen, ist das Ergebnis doppelt schlimm.


EK Wie kann das Ayur Veda da helfen?

vH Das Ayur Veda kann, wie jede andere Therapieform auch, nur helfen, wenn die Suchteinsicht vorhanden ist. Es müssen strenge Regeln eingehalten werden und dann stehen die Chancen nicht schlecht, die Sucht hinter sich lassen zu können. Ayur Veda will nicht durch Verhaltenstherapie helfen, also ein Verhalten abtrainieren, sondern durch die Einsicht, dass der Süchtige sich nicht mehr beim ehemaligen Täter anbiedern muss, dass die Überlebensstrategien aus der Kindheit heute unnötig sind.

EK Herr van Herste! Vielen Dank für das Gespräch.


Buchtipps
Hans Georg van Herste
Das Borderline-Syndrom – ISBN: 9783837095593
Das Mutter(un)tier – ISBN: 9783837093926
Psychische Störungen anhand von Beispielen verständlich erklärt
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