Anzeige

Die Schwarmintelligenz der Gartenbänke

Die Schwarmintelligenz der Gartenbänke

aus der Reihe

Tücken des Alltags

von

Margaretha Main


Immer wieder wird frau in Deutschland mit dem Begriff „Service-Wüste“ konfrontiert. Nun, da einige Mitmenschen diesen Ausdruck nicht zu deuten wissen, möchte ich hier eine kleine Identifikation durchführen. Also, das Wort „Service“ heißt übersetzt „Dienst“.
Was eine Wüste ist, muss ich wohl nicht erklären oder? Das ist eine Region, in der es wüst aussieht, also z. B. nur Sand und Geröll gibt, soweit das Auge reicht. Aus dem mitteleuropäischen Raum heraus betrachtet ist eine Wüste eher abschreckend, menschenfeindlich, langweilig und öde bis zum geht nicht mehr. Menschen, die dort geboren und aufgewachsen sind, finden ihre Wüste toll. Das wiederum ist reine Geschmackssache. Mein Fall ist das nicht. Aber schließlich muss ja jeder nach seiner Facón selig werden.
Wenn wir nun meine beiden Erklärungen zusammenfassen, können wir mit Fug und Recht von einem öden, in einigen Fällen sogar menschenverachtenden Dienst sprechen. Der Kunde stört also eher, als das frau dessen Nutzen erkennt. Während Selbstständige doch eher beflissen agieren, da es ja immerhin direkt um ihre Einnahmen geht, verhalten sich Angestellte eher wie oben beschrieben, da das Gehalt aus ihrer oft eingeschränkten Sichtweise heraus sowieso kommt. Dass ein Ausbleiben der Kundin aufgrund schnöden Verhaltens von Seiten der Mitarbeiterin zu Umsatzverlusten und damit auch zum Ende des Angestelltenverhältnisses führen kann, ist einigen leider immer noch nicht klar geworden. Einen Fall dieser Güteklasse möchte ich Ihnen heute zukommen lassen.
Eines Tages sprach ich bei meiner Hausbank, einem regionalen Institut, vor, um über die Höhe der exorbitanten Überziehungszinsen auf meinem Girokonto zu verhandeln. Leider blieb das ganze Unternehmen völlig erfolglos, da die ab und zu nette Mitarbeiterin der Bank hart blieb und mir keine Ermäßigung einräumen wollte. Nun will ich nicht gleich alle Schuld auf diese Frau abwälzen. Meistens sitzen ja Männer an den Schlüsselpositionen der Macht und verfügen von oben herab, dass ihre Mitarbeiterinnen schlechte Nachrichten unters Sparervolk bringen müssen. Wahrscheinlich sind sie selbst zu feige, wenn ihnen eine resolute Frau meines Kalibers gegenübersitz.
Alles Jammerei half also nichts. Die Zinsen blieben hoch und basta!
Eine Freundin erzählte mir eines Tages von einer nahen Kleinbank, die viel niedrigere Dispozinsen nehmen würde. Also rief ich dort an und ließ mir einen Gesprächstermin mit einer Mitarbeiterin geben. Als ich ihr gegenüber saß, machte sie einen fröhlichen und kompetenten Eindruck auf mich. Nicht, dass ich mich sofort und auf der Stelle in sie verknallt hätte, aber Sympathie schien auf beiden Seiten vorhanden zu sein.
Ich legte ihr meine Unterlagen vor, die sie wohlwollend zur Kenntnis nahm und überflog. Kurz darauf teilte sie mir mit, dass einer Übernahme nichts im Wege stehen würde. Sie müsste nur noch die Schufaauskunft einholen. Da meine Schufa sauber ist, ging ich davon aus, dass nun in naher Zukunft ein Bankwechsel stattfinden würde.
Ein paar Tage später rief ich die gute Frau an, um in Erfahrung zu bringen, ob ihre Bank mich als neue Kundin willkommen heißen wolle. Sie druckste herum und erklärte mir, dass ihr Chef einer Übernahme mit Skepsis begegnet wäre. Erst nach mehrmaligem Nachfragen rückte sie damit heraus, dass sich ihr Chef beim Chef meiner bisherigen Hausbank erkundigt hatte. Dabei war herausgekommen, dass ich zwar über ein erkleckliches Einkommen verfüge, aber andererseits auch mit einer Frau verheiratet sei. Schlussendlich wolle ihr Chef Leute wie mich nicht haben. Er hätte nichts gegen Lesben, aber da ich berühmt sei, würde das Ganze negative Aufmerksamkeit auf seine Bank lenken. Wobei sie betonte, dass das alles nichts mit der Qualität meiner Bücher zu tun hätte. Ich hakte nicht weiter nach und verabschiedete mich freundlich. Warum sollte ich diese arme Frau anblaffen? Die hätte mich genommen.
Eine andere Freundin riet mir daraufhin, es einmal bei einer Großbank zu versuchen. Die Leute dort würde es nicht interessieren, ob frau Frauen liebt oder die eigene Großmutter. So surfte ich durchs Internet und wurde tatsächlich fündig. Eine große Bank lockte Neukunden mit kleinen Gebühren, niedrigen Dispozinsen und sogar einem Tagesgeldkonto, das seinen Namen verdiente.
Wieder sprach ich mit einer netten Dame und verabredete einen Termin. Ich legte die dreißig Kilometer zu ihrer Filiale in Windeseile zurück und schon saß ich ihr gegenüber. Gleich nach der Begrüßung fragte ich sie, ob sie etwas dagegen hätte, dass ich mit einer Frau verheiratet bin. Sie starrte mich einen Augenblick erstaunt an, um mir dann mitzuteilen, dass sie kein Problem damit hätte, neben mir auch meine Frau als neue Kundin begrüßen zu dürfen. Na, das hörte sich doch schon mal gut an, nä?
Wieder schob ich meine Unterlagen über den Tisch und wieder wurde kurz drüber gelesen. Als sie aufschaute, lächelte sie mich mit ihren wunderschönen rehbraunen Augen an. Mir wurde richtig warm ums Herz.
Schon hatte sie ein Formular aus der Schublade gezogen. Jetzt konnte es also wirklich und wahrhaftig losgehen. Ich diktierte ihr meine Daten und sie schrieb emsig mit. Zum Schluss fragte sie mich nach meinem momentanen Kontostand und ich erklärte ihr, dass ich im Augenblick ein paar tausend Euro im Minus stehen würde, da ich mir gerade ein neues Auto gekauft hätte. Daraufhin erklärte sie mir, dass ein gewisser Umsatz vonnöten sei, um als Neukundin sofort einen Dispokredit bekommen zu können. Da ich diesen Umsatz locker nachweisen konnte, war also auch diese eventuell noch im Hintergrund lauernde Hürde vom Tisch.
Ich erklärte der lieben Frau, dass ein Bankwechsel natürlich erst vonstattengehen könne, wenn klar sei, dass mir ein Dispokredit in gleicher Höhe wie bei meiner jetzigen Bank eingeräumt worden sei. Die liebe Frau erklärte mir, dass sie diese Vorgabe auf dem Anmeldeformular vermerken würde. Ein Girokonto für mich würde also erst eröffnet, wenn eine Dispokreditzusage vorliegen würde. Freudestrahlend verabschiedete ich mich von der lieben Frau. Jetzt konnte alles seinen Gang nehmen.
Schon ein paar Tage später erhielt ich per Post eine dicke Mappe mit einer Kontokarte aus Pappe und vielen Überweisungsträgern, auf denen mein Name bereits aufgedruckt worden war. Obendrein lag ein Begleitschreiben bei, das mir mitteilte, ich könne nun mein Konto im Internet freischalten. Da ein Dispokredit nicht erwähnt wurde, rief ich die liebe Frau in ihrer Filiale an. Die teilte mir mit, dass sie über die Eröffnung meines Girokontos nicht in Kenntnis gesetzt worden war. Sie könne aber schnell nachschauen, wenn ich ihr meine Kontonummer durchgeben würde. Das tat ich natürlich sofort. Daraufhin teilte mir die liebe Frau mit, dass sie zwar mein Konto gefunden hätte, allerdings kein Kreditrahmen eingeräumt worden sei. Sie war ebenso erstaunt wie ich, da ich ja nur die Bank wechseln wollte, wenn ich meine Schulden mitnehmen kann. Ich solle mir keine Sorgen machen. Sie würde das schon hinkriegen.
Ein paar Tage später wurde ich von einer Mitarbeiterin aus Hamburg angerufen. Diese fragte mich, ob ich ein Privatgirokonto eröffnet hätte oder ein Geschäftsgirokonto. Ich erklärte ihr, dass ich, da selbstständig, ein Geschäftsgirokonto haben wolle, aber nur, wenn ich über einen Dispokredit verfügen könne. Daraufhin erklärte sie mir, dass sie für Kredite nicht zuständig sei, sondern nur für die Art der Konten. Nun wisse sie aber, dass ich ein Geschäftsgirokonto eröffnet hätte und verabschiedete sich freundlich von mir.
Wieder ein paar Tage später wurde ich von einer netten Dame aus Berlin angerufen. Diese erklärte mir, dass ein Dispokredit für Geschäftskunden doch viel zu teuer sei. Wenn ich also größere Ausgaben hätte, wäre ein Ratenkredit viel günstiger. Ich erklärte der guten Frau, dass ich über schwankende Einkünfte verfüge und somit mal schneller, mal langsamer meinen Dispo tilgen könnte. Außerdem erklärte ich ihr, dass ich all diese wunderbaren Telefonate nicht verstehen würde, da meine Vorgaben zur Eröffnung eines Girokontos doch klar definiert gewesen seien. Langsam wurde die gute Frau unwirsch und meinte mir mitteilen zu müssen, dass ich mein Geschäftsgebaren wohl einmal überprüfen solle. Geschäftsleute, die ihr Girokonto dauernd im Minus hätten, könnten wohl schlecht wirtschaften. Da ich eine weitere Fortführung dieses Gespräches nicht für sinnvoll hielt, verabschiedete ich mich.
Noch am selben Tag wurde ich von der lieben Filialfrau angerufen. Etwas konsterniert erzählte sie mir, dass sie soeben einen Anruf aus Berlin erhalten hätte. Die stellvertretende Leiterin der Geschäftskundenstelle hätte ihr erklärt, dass sie als Filialfrau keine Kreditzusagen zu geben hätte. Dass die liebe Filialfrau das gar nicht getan hatte, konnte der Berlinerin auch nach mehreren Minuten nicht klargemacht werden.
Ein paar Tage später erhielt ich eine Dispokreditzusage, allerdings nur in der halben der von mir benötigten Höhe. Obendrein rief mich die Berlinerin noch einmal an und erklärte mir, dass ihre Bank immer nur fünfzig Prozent des durchschnittlichen Monatseinkommens als Dispokredit gewähren würde. Wenn mir das nicht reichen würde, könne ich ja das Konto wieder schließen lassen. Das müsse ich aber bald tun, da sonst Kontoschließungsgebühren anfallen würden.
Da ich meine liebe Filialfrau nicht mehr erreichen konnte, verschob ich den Anruf auf den nächsten Morgen. Allerdings kam mir ein Bankmitarbeiter aus Düsseldorf zuvor. Der erklärte mir, dass auf meinem Girokonto, das nunmehr seit fast vier Wochen bestehen würde, noch keine Eingänge zu verzeichnen seien. Ich dachte so bei mir: nein, das kann nicht wahr sein. Als ich mich gesammelt hatte, erklärte ich ihm, dass ich wohl schlecht über ein Konto verfügen könne, das keinen Dispokreditrahmen aufweisen würde. Ich wolle erst vollends wechseln, wenn ich gleichwertige Bedingungen wie auf meinem alten Konto vorfinden würde. Diese Aussage nahm er zur Kenntnis und verabschiedete sich freundlich, obwohl ich nicht das Gefühl hatte, er hätte meinen Gedankengängen folgen können.
Da es mir nun langsam aber sicher reichte, rief ich die liebe Filialfrau an, um sie nach den Kündigungsmodalitäten des von mir nicht in Anspruch genommen Girokontos zu befragen. Sie konnte dieses Wirrwarr ebenfalls nicht verstehen und erklärte mir, dass ein formloses Schreiben völlig ausreichen würde. Sie bedauerte das Ganze und erklärte mir noch einmal, dass sie nicht nur mich, sondern auch meine Ehefrau gern als Kunden behalten hätte.
Ehe ich allerdings die Zeit fand, das Kündigungsschreiben aufzusetzen, wurde ich erneut von einem Bankmitarbeiter angerufen – diesmal aus Hannover. Wieder fragte er irritiert, wieso ich keine Umsätze auf meinem Girokonto getätigt hätte. Er könne mir keinen Dispokredit zur Verfügung stellen, ohne dass Eingänge auf meinem Konto verzeichnet werden könnten. Ich versuchte es ein letztes Mal, gab aber schnell auf, da er nicht in der Lage zu sein schien, die Abfolge zu überblicken. Ich verabschiedete mich freundlich und kündigte ein Konto, das ich eigentlich nie besessen hatte.
Und die Moral von der Geschichte: ich bekomme ein Konto ohne Dispokreditrahmen, das ich so nicht gebrauchen kann. Ich würde den halben Kreditrahmen bekommen, wenn ich Umsätze auf dem Konto hätte, die ich aber nicht tätigen kann, weil ich keinen ausreichenden Dispokreditrahmen habe. Na, noch durchgeblickt?
Eine Ameise, ein Fisch für sich genommen ist nicht sehr schlau. Erst im Schwarm entwickeln beide Spezies eine Art Intelligenz, um einen Staat zu erhalten oder einen Raubfisch gekonnt zu irritieren. Das Wort „Bank“ hat mehrere Bedeutungen. Einmal beschreibt es ein Ruhemöbel, einmal ein Kreditinstitut. Den Unterschied kann frau schnell erkennen, indem sie es in den Plural bringt. Dann heißt es zum einen „Gartenbänke“ zum anderen z. B. „Kreditbanken“. Wenn ich nun mehrere Gartenbänke nebeneinanderstelle, entwickeln diese dann auch eine gewisse Schwarmintelligenz? Vielleicht sollten sich einige Banker dann mal ein Beispiel an den Gartenbänken nehmen, um einer Kundin, die klar definiert, was sie möchte und was nicht, zu einem Girokonto mit Dispokreditrahmen zu verhelfen.
Resümee: ich bleibe bei meiner alten Bank. Besser ein paar Zinsen zu viel, als einen Haufen Banker ohne Schwarmintelligenz.


Wenn Sie noch mehr über Rethas Tücken des Alltags lesen möchten, sei Ihnen das „Große Margaretha-Main-Buch“ empfohlen. Damit sind lustige Festtage vorprogrammiert.

Margaretha Main
Das Große Margaretha-Main-Buch Teil 1
ISBN: 9783839141519 564 Seiten 49,90 Euro
Das Große Margaretha-Main-Buch Teil 2
ISBN: 9783839118177 412 Seiten 39,90 Euro

Beide Bücher sind als wertvolle Geschenkbände mit festem Umschlag ausgelegt und enthalten alle bisher erschienen und zum Teil mit Buchpreisen ausgezeichneten Bücher. Erhältlich in jeder Buchhandlung oder im Internetshop. Infos finden Sie unter www.margartha-main.de
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.