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Der Rosenkohlkrieg

Der Rosenkohlkrieg

aus der Reihe

Tücken des Alltags

von

Margaretha Main


An Rosenkohl habe ich lustige und leider auch weniger lustige Erinnerungen. Es gehört nicht nur zu meinen Lieblingsgemüsen, sondern auch zu meinen Lieblingsgeschossen. Wobei frau diese kleinen niedlichen Bällchen auf zweierlei Art einsetzen kann.
Als frühe Jugendliche, nicht dass jetzt eine von Ihnen auf die Idee käme, ich wäre frühreif gewesen, also, als frühe Jugendliche, das muss so Mitte der 1950er Jahre gewesen sein, kamen Blacky, eine damalige Busenfreundin, und ich auf die Idee, Rosenkohlbällchen als Geschosse zu missbrauchen. Dazu bogen wir ein altes Wasserrohr auf dem Schraubstock an einem Ende so krumm, dass es unten dicht war. Dann gruben wir das zugedrückte Stück in die Erde ein, rissen eine Petarde (eine Petarde ist ein Silvesterknaller, der keine Zündschnur besitzt, sondern oben einen Schwefelkopf, den frau an der rauen Seite einer Streichholzschachtel wie ein Streichholz anreißen kann) an, ließen ihn in das ja oben offene Rohr fallen und steckten schnell ein Rosenkohlbällchen oben drauf. Es rumste gar fürchterlich und das Rosenkohlbällchen schoss, wie von der Tarantel gestochen davon und in die weite Welt hinaus.
Ungekocht waren die Dinger echt gefährlich und wir konnten damit manchen Bandenkrieg für uns entscheiden, weil die gegnerischen Jungs wie die Hasen davonliefen, wenn wir es mal wieder richtig krachen ließen. Die Dinger produzierten nicht nur äußerst schmerzhafte blaue Flecken, sondern ließen auch die eine oder andere Fensterscheibe wie Glas zerspringen.
Einmal trafen wir, natürlich ganz aus Versehen, eine Glocke, die faul am Hals einer Kuh baumelte. Der plötzliche Bimm ließ zuerst die Kuh erstaunen und nur Sekundenbruchteile später die ganze Herde. Selbst der Bulle, der eigentlich immer eine große Klappe zur Schau gestellt hatte, ergriff panisch die Flucht, um nach nur wenigen Metern abrupt vor dem Weidezaun stoppen zu müssen. Es sollte eine geraume Weile dauern, bis sich alle wieder eingekriegt hatten.
Um den lauten Knall zu vermeiden – manchmal geht das einfach nicht – und nicht immer das Rohr mit uns rumschleppen zu müssen, schossen wir auch gern mal mit einer überdimensionalen Zwille. Wir spannten einfach ein Gummitwistband in eine Astgabel, zogen das Gummi weit nach hinten – manchmal leider auch zu weit, so dass es riss und uns die Gummienden um die Ohren flogen –, legten ein Rosenkohlbällchen hinein und ließen es davonsausen. Die Durchschlagskraft war fast so stark wie mit Rohr und Petarde. Der Vorteil war, dass außer einem leisen Sirren nichts zu hören war. Der Gegner wurde also einfach so mir nichts dir nichts getroffen, ohne dass er überhaupt ahnen konnte, was ihm gerade jetzt passiert war. Es gab ja keinen Knall und daher waren wir auch nach dem Schuss kaum aufzufinden. Wenn die Übermacht der Jungenbande zu groß war, lösten wir schnell das Gummi vom Baum und verdrückten uns im Unterholz, ohne auch nur eine heiße Spur zu hinterlassen. Na, nu sacht ma selbst: war´n wir nich ganz schön clever?
Später setzten wir dann die andere Seite des Rosenkohls gezielt ein. Das hat sich bis heute nicht grundlegend geändert. Wie das geht? Ganz einfach! Rosenkohl ist nicht nur sehr schmackhaft und bekömmlich. Rosenkohl erzeugt obendrein Methan, das sich irgendwann an passender, manchmal auch an unpassender Stelle einen Weg ins Freie sucht, will frau nicht an Bauchkrämpfen zugrunde gehen.
Neulich war ich einer Einladung ins Rheinland gefolgt. Eine Frau hatte mich gebeten in ihrem Leserattenkreis etwas aus meinen Büchern zum Besten zu geben. Da ich ja, wie ihr wisst, für alle möglichen Schandtaten zu haben bin, sagte ich zu und reiste dort an. Allerdings sollten dann einige Unwägbarkeiten auf mich warten, die ich so nicht eingeplant hatte. Vor meinem Auftritt gab es Ente mit Rosenkohl. Ich griff ordentlich zu, da die aufregende Bahnfahrt mich hungrig gemacht hatte.
Schon während des Essens stellte sich heraus, dass meine Einladerin ebenfalls ein Buch geschrieben hatte und mich eigentlich nur eingeladen hatte, um ihr eigenes Buch mithilfe meiner Bekanntheit an die Frau zu bringen. Sie schwärmte von ihrem Buch, dass nur so krachte. Ich dachte so bei mir: wenn das Buch nur halb so lustig ist, wie sie vorgibt, dass es das wäre, hätte ich heute Abend schlechte Karten. Meine Bücher sind eigentlich vom Humor her nicht zu toppen. Das haben schon viele probiert und nie erreicht, aber frau wusste ja nie…
Obendrein stellte sich heraus, dass meine Einladerin völlig „vergessen“ hatte, mir ein Hotelzimmer zu reservieren. Ich solle einfach bei ihr übernachten. Sie hätte ein Gästezimmer, das ich benutzen könne. Aha, sie wollte also hinterher überall damit angeben, dass die berühmte Margaretha Main bei ihr geschlafen hätte. Na ja, was sollte ich nun noch tun? Ich dachte so bei mir: die eine Nacht wird schon irgendwie rumgehen und morgen früh sitze ich wieder frohen Mutes im Zug und reise meiner liebsten Mila entgegen.
Um acht Uhr sollte es losgehen. Der kleine Saal war voll besetzt und alle Zuschauerinnen harrten der Dinge, die da nun kommen sollten. Meine Einladerin schritt majestätisch nach vorn zum Lesetisch, fummelte wichtig, aber völlig ahnungslos, am Mikrofon herum, räusperte sich einige Male direkt ins Mikrofon, dass wir befürchteten, die Decke würde gleich einstürzen, und erklärte, dass bevor nun die berühmte Margaretha Main auftreten würde, sie selbst ein paar Passagen aus ihrem gar so lustigen Buch vorlesen wolle. Die Begeisterung der Zuschauerinnen hielt sich in Grenzen, wie ich mit Grauen bemerken musste. Ich selbst war hinter den Gästen stehen geblieben, da ich erwartet hatte, sie würde mich ankündigen wollen. Nun setzte ich mich in die letzte Reihe und lauschte gespannt ihren Auswüchsen.
Mit einem Deutsch das eher an soziale Brennpunkte erinnerte als an unsere schöne bekannte Muttersprache, las sie stockend aus ihrem Werk vor. Das Ganze war weder verständlich noch lustig. Sie sprang von Thema zu Thema, ohne dass wir folgen konnten und es dauerte nicht lange bis erste Unmutsäußerungen aus dem Publikum laut wurden.
Nicht, dass ihr jetzt denkt, die Main ist aber hochnäsig. Die kann keine andere neben sich haben. So ist es nun wirklich nicht. Wenn ich etwas Gutes höre, habe ich absolut kein Problem damit, das z. B. an meinen Herausgeber weiterzuleiten. Wer weiß, was der daraus machen kann. Und vielleicht geht ja hier gerade ein neuer Stern am Bücherhimmel auf. Das war aber in diesem Fall nicht der Fall.
Meine Einladerin las und las und war selbst so begeistert von ihrem Blödsinn, dass sie erst mitbekam, dass etwas nicht stimmt, als es schon fast zu spät war. Einige waren aufgestanden, um zu gehen, und erst als sie mich erblickten, setzten sie sich wieder. Ich senkte mehrmals beschwichtigend die Hände und konnte so einen Tumult von meinem Sitzplatz aus unterbinden.
Endlich hatte meine Einladerin begriffen. Sie stand schroff auf, sagte kurz „jez kommt die Main“ und stapfte durch den Mittelgang davon. Ich erhob mich, ging nach vorn, wurde schon auf meinem Weg zum Lesetisch mit großem Applaus empfangen, setzte mich, räusperte nicht ins Mikrofon, sondern begrüßte die Gäste und begann aus meinen Büchern vorzulesen. Schnell hatte ich das Publikum erreicht und die ersten Lacher rauschten durch den Saal. Nach einer Dreiviertelstunde wollte ich mich verabschieden. Allerdings durfte ich erst nach drei Zugaben aufhören. Obendrein standen schon etliche Frauen vor dem Lesetisch, um sich ein Autogramm zu holen. So wurde es spät. Als ich mich endlich aus dem Saal bewegen konnte, war es schon weit nach elf.
Wo sollte ich nun hin? Meine Einladerin war nicht mehr da. Erst als ich auf die Straße trat, bemerkte ich sie neben dem Eingang stehend. Ich ging auf sie zu und schaute sie fragend an. Sie wies nur mit dem Kopf in eine Richtung und stapfte davon. Ich folgte ihr. Ich versuchte, sie einzuholen, aber immer wenn ich gerade neben ihr war, erhöhte sie ihr Tempo. Sie wollte also offensichtlich nicht neben mir gehen. Zum Schluss rannten wir fast und ich war drauf und dran, mir ein Taxi zu rufen und noch ein Hotelzimmer zu suchen. Endlich stoppte sie abrupt vor einem Hauseingang. Sie schloss auf, winkte mich hinein und stieg ein paar Treppen hinauf.
Dann öffnete sie eine Wohnungstür und ließ mich ein. Drinnen zeigte sie wortlos auf eine Couch. Da es sich um eine Einzimmerwohnung handelte, gab es gar kein Gästezimmer. Wir mussten also in einem Raum übernachten. Das finde ich jetzt nicht wirklich schlimm, aber die Stimmung, die sie verbreitete, war auf U-Bahn-Niveau, also tief, kalt und zugig.
Ich ging kurz ins Bad, legte mich auf die Couch, zog mir eine Wolldecke über und war bald eingeschlummert. Mitten in der Nacht wurde ich wach, da sich meine Einladerin hin und her wälzte und leise vor sich hin schimpfte. Außerdem waberten mir sehr bekannte Rosenkohlausdünstungen – vorsichtig ausgedrückt – um die Nase. Ich verstand nur, dass sie immer wieder sagte, ich hätte sie ausgebootet und mit meiner Überheblichkeit ihre Karriere zerstört. Ich hatte zwar keine Lust, zu antworten, entließ nun aber meinerseits den Rosenkohl ins Freie. So etwas musste ich mir nicht bieten lassen.
Allerdings gab es einen nicht unerheblichen Unterschied zwischen uns beiden. Ich, als wohlerzogenes Mädchen, entlasse meine Winde eher weich und leise. Sie furzte hemmungslos vor sich hin – und dass in einer Lautstärke, dass einem Angst und Bange werden konnte. Ich zog mir die Decke über die Nase, da die eigenen Ausdünstungen ja meistens wesentlich weniger penetrant wahrgenommen werden als die fremden. So beschossen wir uns eine Weile lang mit unseren chemischen Keulen, während sie mal wütend, mal weinerlich vor sich hin schendierte. Irgendwann bin ich dann wieder eingeschlafen. Als ich erneut aufwachte, war es schon etwas hell draußen. Meine Einladerin schlief tief und fest und so zog ich mir schnell meinen Mantel über, klemmte mir meine Tasche unter den Arm und verließ leise die Wohnung. Als ein Taxi vorbeikam, hielt ich es an, ließ mich zum Bahnhof bringen und frühstückte dort erstmal kräftig, nachdem ich mich auf der Bahnhofstoilette etwas hergerichtet hatte. Die Heimfahrt gestaltete sich recht lustig, da ich in einem Abteil mit einer Mutter und deren drei Töchtern reiste. Ich erzählte ein paar Anekdoten aus meinen Kinder- und Jugendtagen, ließ die Vier ordentlich ablachen und schon war ich wieder daheim angekommen.
Tja, das war die Geschichte vom Rosenkohlkrieg im Rheinland. Von meiner Einladerin habe ich nie wieder etwas gehört.


Margaretha Main
Das Große Margaretha-Main-Buch Teil 1
ISBN: 9783839141519 564 Seiten 49,90 Euro
Das Große Margaretha-Main-Buch Teil 2
ISBN: 9783839118177 412 Seiten 39,90 Euro

Beide Bücher sind als wertvolle Geschenkbände mit festem Umschlag ausgelegt und enthalten alle bisher erschienen und zum Teil mit Buchpreisen ausgezeichneten Bücher. Erhältlich in jeder Buchhandlung oder im Internetshop. Infos finden Sie unter www.margartha-main.de
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