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Ohne Chance auf Vergessen

Ohne Chance auf Vergessen

von

Hans Hermann Brunkhorst aus Gnarrenburg

Zu den Vorwürfen gegen Klosterfrauen bez. Heimkindesmisshandlungen möchte ich Folgendes sagen:

Vom 23. Februar bis zum 23. Dezember 1949 musste ich mich wegen einer Lymphknotentuberkolose in einer Heilanstalt bei Cuxhaven aufhalten, die in Wursterheide in einer ehemaligen Luftwaffenkaserne eingerichtet worden war. Ich war in der Kinderstation untergebracht, die in eine Abteilung für Jungen und eine für Mädchen unterteilt war. Ich war zehn Jahre alt. Wir waren in einem Sechsbettzimmer untergebracht und zwischen sechs und dreizehn Jahren alt.
Wir wurden von einer dreiundzwanzigjährigen Krankenschwester betreut, die sich um zwei Zimmer zu kümmern hatte. Diese Schwester hatte eine sadistische Ader.

Wir mussten stets das vorgegebene Essen, das uns zu den einzelnen Mahlzeiten vorgesetzt wurde, aufessen. Die Menge war manchmal nicht zu bewältigen. Für einen Zehnjährigen sind drei halbe Brötchen, die dick mit Butter bestrichen waren, und ein halbes Brötchen, das dick mit Marmelade bestrichen wurde, schon recht heftig. Dazu gab es zwei Becher dicke Haferflockenmilchsuppe. Sehr gehaltvolle Gerichte gab es obendrein mittags und abends.
Wer sich auf den Teller erbrach, wurde von der Schwester gezwungen, das Erbrochene aufzuessen. Ich selbst wurde zweimal dazu gezwungen. Danach erbrach ich mich nur noch auf den Fußboden. Dafür musste ich dann tagelang im Bett verbringen – ohne Zerstreuungsmöglichkeit, also ohne Spielzeug. Das war mir sehr schwer erträglich, aber immer noch lieber, als Erbrochenes zu essen. Als zehnjähriger Junge mehrere Tage auf dem Rücken liegend und mit auf der Bettdecke abgelegten Händen zu verbringen, ist eine sehr harte Strafe.
Es hatten außer mir noch mehrere Kinder das „Glück“, Erbrochenes essen zu müssen. Ich habe noch heute die verzweifelten und hilflosen Gesichter der Kinder vor Augen, die auf dem Bett im Schneidersitz hockend ihr Erbrochenes aufessen mussten. Und wehe die Bettdecke wurde dabei beschmutzt.

Alle vier Wochen bekam ich für zwei Stunden Besuch von meinem Vater. Mehr war leider aufgrund der Entfernung und der sehr schlechten Verbindung nicht drin. Um mich sehen zu können, musste er morgens um fünf Uhr zu Hause aufbrechen und abends um elf Uhr noch den Rest des Weges, also sechzehn Kilometer, zu Fuß von Bremervörde nach Gnarrenburg laufen. Da ich sehr unter Heimweh litt, wollte ich stets mit ihm nach Hause. Das war aus gesundheitlichen Gründen aber leider nicht möglich.

Ich erzählte ihm von den Vorfällen. Mein Vater beschwerte sich bei dem damaligen Chefarzt, Herrn Prof. Dr. Imhäuser, über die Vorfälle. Kaum war mein Vater gegangen, wurde ich ins Behandlungszimmer bestellt, ohne dass man mir gesagt hatte, worum es ging. Der Chefarzt nahm mich zwischen seine Knie, strich mir übers Haar und meinte, ich solle keine Angst mehr haben und ihm alles erzählen. Dieses tat ich. Ich schilderte die Vorfälle und nannte auch die Namen der anderen kleinen Patienten. Leider sind die mir nach der langen Zeit entfallen.
Auch diese Kinder wurden aufgefordert, den Professor aufzusuchen und ihre Geschichte zu erzählen. Der Chefarzt verbat sich für die Zukunft in sehr scharfer Form diese Schweinereien und entließ uns aus dem Behandlungszimmer.

Ich wurde daraufhin von der Schwester rüde beschimpft und gefragt, wie ich auf die Idee gekommen sei, so etwas zu erzählen. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Ich musste viele Tage im Bett verbringen – natürlich ohne Zerstreuung, da mir alle Spielzeuge weggenommen worden waren.

Meinem Vater berichtete ich während des nächsten Besuches von den Vorfällen. Er war wütend und drohte der Schwester Schläge an, sollte sie nicht aufhören, uns zu quälen. Danach wurde es etwas besser, aber richtig gut eigentlich nie.

Ein Junge aus Köln, der das ganze Jahr über keinen Besuch empfangen hatte, war für die Schwester nur „das katholische Ferkel“. Er wurde niemals mit seinem Namen angesprochen, wenn nur wir Kinder im Raum waren.

Die TBC-Heilstätte bestand aus acht Häusern. Die Leichenhalle lag etwa hundert Meter hinter unserer Station. Es starben viele Menschen dort und die wurden auf Tragen an unserer Station vorbei zur Leichenhalle gebracht. Die kindliche Neugier sorgte dafür, dass wir aus den Fenstern schauten, wenn die Toten vorüber getragen wurden. Bekamen die Pfleger mit, dass wir sie beobachteten, suchten sie uns anschließend in unseren Zimmern auf und schrieen uns an. Wir sollten von den Fenstern wegbleiben. Zur Strafe wurde uns dann wieder „Bettruhe“ verordnet. Es hätte sicher andere Wege gegeben, um die Verstorbenen zur Leichenhalle zu transportieren. Das hätte nicht vor den Augen der Kinder geschehen müssen.

Obgleich Sterben zum Leben dazugehört, ist man traumatisiert. Es geht nie vorbei.

Als ich den Bericht über die Machenschaften der Karmeliterinnen in der Zeitung las, hatte ich die voll gekotzten Teller wieder vor Augen und auch alles andere kam sofort wieder hoch.

Ich glaube, wenn ich diese Krankenschwester, die heute um die vierundachtzig Jahre alt sein müsste, und deren Namen sich in meinem Gedächtnis eingebrannt hat, noch einmal treffen würde, ginge ich ihr noch heute an die Kehle. Aber dann würde ich bestraft werden und nicht die Frau, da ihre Taten lange verjährt sind.

Die Opfer haben ihr Leben lang unter den Folgen zu leiden, ohne je die Chance zu bekommen, ihre Erlebnisse zu vergessen. Und wenn man aufgrund dieser Geschehnisse mal nicht richtig reagiert, wird man gleich zum komischen Kauz abgestempelt.

Nach meinem Wissen wurde dieses Krankenhaus nach Reinkenheide oder Debstedt verlegt.

Jetzt stellen sich die Leute in die Öffentlichkeit und erklären, sie hätten nichts oder nicht viel gewusst. Sie hätten alles nur für ein Gerücht gehalten und deshalb nichts unternommen. Das ist in meinen Augen reine Heuchelei.
In mir steigt die kalte Wut hoch, wenn ich höre, dass der Papst sich für die Taten seiner pädophilen Gottesdiener entschuldigt und für die Opfer beten will. Angezeigt hat er niemanden. Und meine Wut lässt nicht nach, wenn ich die Schulleiterin sehe, die mit Leichenbittermiene hinter den Mikrofonen sitzt und sich für das „Fehlverhalten“ einiger Lehrer entschuldigt.

Es ist klar, dass es bei diesen Aktionen nur um den Ruf der jeweiligen Institution geht, bestimmt nicht um die Opfer.

Diese Leute wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass sie sich niemals entschuldigen können. Sie können die Opfer höchstens um Entschuldigung bitten. Entschuldigen können nur die Opfer, aber die werden natürlich ignoriert. Anscheinend sind es zu viele. Opfer haben eben keine Lobby. Sich vor eine Kamera zu stellen und zu bedauern reicht nicht aus. Ich höre nur leere Worthülsen und erkenne, dass wir in einer verlogenen und gefühlskalten Welt leben.

Als Folge der damals von mir erlebten Grausamkeiten, leide ich noch heute unter Heimweh. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich in der Lage war – und das auch nur in Begleitung meiner Frau –, mein Haus für ein paar Tage zu verlassen. Anfangs hätte ich schon zwei Straßen weiter wieder umkehren können. Stand eine Urlaubsreise an, hatte ich schon bei der Planung Stress. Nur wenn ich Ziel und Länge der Fahrt bestimmen konnte, war ich in der Lage die Fahrt anzutreten.
Natürlich ist das alles nur Kinderkram. Erwachsene haben kein Heimweh. Die stellen sich nur an. So sprechen Menschen, die keine Ahnung von den Nachwirkungen solcher Kindheitserlebnisse haben.
Wenn ich immer stiller wurde und mich zurückzog, wurde mir nachgesagt, ich sei ein merkwürdiger Mensch. Nur meine Frau konnte diese Zeichen richtig deuten.

Ich bin schon lange aus der Kirche ausgetreten. Ich denke, dass Gott nur von Menschen erfunden wurde, um andere zu unterjochen, ihnen Angst und ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn es einen Gott wirklich gibt, muss er sehr böse sein. Wie sonst könnte er so etwas zulassen? Wenn ich die salbungsvollen Worte der Priester, Pastoren, Bischöfe und des Papstes über die Güte Gottes höre, wird mir nur noch schlecht.

Ich hoffe, dass sich noch mehr Opfer melden. Vielleicht wird dann ja klar, wie viele es in Wirklichkeit waren.

Dazu Erläuterungen von Hans Georg van Herste:
Herr Brunkhorst erzählte mir seine Geschichte. Für mich klang sie glaubwürdig. Er hatte sie viele Jahrzehnte mit sich herumgeschleppt und sich mit den daraus resultierenden Unbilden herumgeplagt.
Ich bot diese Geschichte mehreren Medien an, die anfangs großes Interesse zeigten. Als nichts geschah und ich nachhakte, wurde mir von einem Mitarbeiter eines Radiosenders erklärt, das Thema Missbrauch sei für ihn abgedroschen und deshalb würde er nichts bringen. Ein Zeitungsredakteur erklärte mir, er wolle die Geschichte unbedingt bringen, es würden aber noch Beweise fehlen.
Daraufhin gab ich z. B. Zeitungsanzeigen auf, in denen ich weitere Opfer des Kinderheimes suchte. Mehrere Anruferinnen und Anrufer meldeten sich bei mir und bestätigten die Erlebnisse des Herrn Brunkhorst. Leider konnte ich niemanden dazu überreden, eine schriftliche Bestätigung abzugeben. Auch nannte mir niemand seinen Namen. Nur eine Frau gab sich zu erkennen, war aber ebenfalls nicht bereit, sich schriftlich zu äußern, da sie Angst vor Repressalien hatte.
Diese Beweise reichten der Zeitung nicht aus.

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