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Mein Kriegsende 1945 in Gemünden / Wohra

Der 08.Mai 1945 war der Tag, an dem sich das Leben der Deutschen von Grund auf ändern sollte.
Zugegeben, der 8. Mai 1945 war in meiner Geburtsstadt Gemünden schon im März 1945. In der Karwoche rollten die amerikanischen Truppenfahrzeuge durch die Stadt. Damit hatten sie den Krieg für uns beendet. Doch die offizielle „totale Niederlage“, wie dieser Tag lange Jahre, genannt wurde, sollte erst der 08. Mai 1945, nach der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde in Berlin, sein.
Wir spielten auf dem Platz neben der Kirche, hörten den rollenden Krach der Militärfahrzeuge und rannten neugierig die schmale Gasse zum Steinweg. Viele Neugierige standen schon am Straßenrand. Wir quälten uns neben der Bäckerei in die Menge, bestaunten furchtlos die an uns vorbeirollenden Panzer, Lastwagen und Jeeps. Die Soldaten auf und in diesen Fahrzeugen begegneten uns nicht feindlich, aber ernst. Einige hundert Meter liefen wir noch neugierig neben den Militärfahrzeugen her.
Ich habe diese Zeit noch in sehr wacher Erinnerung, besonders, wenn ich an meine damaligen Nachbarn denke.
Einmal war da die Familie Riehl, die mir während der vergangenen Kriegsjahre und noch bis zur Währungsreform 1948 jeden Morgen ein Frühstück mit frischer Kuhmilch gab, ein Frühstück, dass mir zu Hause nicht geboten werden konnte, da es die Lebensmittelkarten nicht hergaben. Familie Riehl hat drei ihrer Söhne im Krieg verloren. Oft habe ich in die traurigen Augen der Riehls gesehen, mir war damals gar nicht richtig bewusst, was geschehen war, Frau Riehl weinte sehr oft.
Dann war da der Nachbar, der Lehrer im Lehrerhaus gegenüber. Ein strammer Nazi, immer auf Kurs seines „Führers“, schreiend sowohl auf dem Schulhof als auch im Luftschutzbunker, in dem wir manche Stunde gemeinsam verbringen mussten, ja mussten. Es war kein Vergnügen mit diesem Menschen auf so engem Raum. Er sah sich als den großen Bunker-Feldherrn und gab allen anderen „Bewohnern in diesem Schutzraum“ Verhaltensregeln und verlangte Ruhe.
Nebenan in der Katzbach die Familien, deren Männer als Soldaten irgendwo an der Front fürs Vaterland oder besser um ihr Leben kämpften. Deren Frauen, Mütter, Geschwister und Kinder täglich um ihre Männer zitterten, alle hofften wir auf das unversehrte nach Hausekommen unserer Nachbarn.
Tafeln mit den Namen der Gefallenen Soldaten hingen lange Jahre an der Empore gegenüber der Kanzel in der Kirche. Es war eine lange Liste!
Beängstigend enge und lange Nächte verlebten wir im Luftschutzbunker, immer mit der Angst, es könnten Bomben auf uns krachen. Wir hatten Glück, es passierte uns nichts. Das war schon im nahen Marburg und vor allem in Kassel und Frankfurt ganz anders.
In diesen Tagen, 70 Jahre nach Kriegsende, erinnere ich mich auch und besonders an Olga, unserer Olga, die Mutter bei der Hausarbeit unterstützte. Viele Archive habe ich abgeklappert, Menschen in Gemünden gefragt, sie war und ist unauffindbar. In der Chronik des Pfarramtes zu recherchieren, lehnte die Kirchengemeinde mit fadenscheinigen Gründen ab. Ich hoffte, hier mehr zu erfahren. Die Dinge ruhen und damit vergessen zu lassen, ist den Pfarrern in Gemünden wichtiger. Nun gut, sie haben es noch nicht kapiert!
Vor diesen Tagen in der Karwoche 1945 saß ich oft bei Olga in der Küche, sie redete ununterbrochen und ich verstand nichts, nur das Wort MAMA. Olga sprach in ihrer ukrainischen Muttersprache. Und bei diesem Wort MAMA weinte Olga fürchterlich und drückte mich sozusagen als Ersatz für ihre MAMA.
Olga war eine Fremdarbeiterin aus der Ukraine (ein Zwangsarbeitslager gab es im heutigen Stadtallendorf). Olga war von Deutschen Besatzern in der Ukraine entführt und arbeitsverpflichtet. So kam sie zu uns. Diesel Leid teilte Olga mit vielen jungen Frauen und Männern, die in der deutschen Wirtschaft, aber auch in kirchlichen Organisationen und Pfarrhäusern ohne Lohn arbeiten mussten. Gretel Riehl bestätigte mir später, wie schrecklich Olga an Heimweh litt. Oft habe ich Mutter nach Olga gefragt, der Name wurde in meiner Familie nie mehr erwähnt. „lass das“ waren Mutters lapidare Antworten. Auch Volker Hochgrebe, mein Bruder, hat in seinem Essay „Erinnerungen an Pfarrer Hochgrebe“ in der HNA - Blick zurück - vom März 1985 leider Olga mit keinem Wort erwähnt. Wir wissen, das Zwangsarbeiter nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat als Kollaboratuere behandelt und oft in den Gulag (Gulag bezeichnet ein umfassendes Repressionssystem in der Sowjetunion. Es bestand aus Zwangsarbeitslagern, Straflagern, Gefängnissen und Verbannungs­orten
gesperrt worden.
Dank dem Alt-Präsidenten von Weizsäcker sprechen wir heute am 8. Mai 1945 nicht mehr von Kapitulation, Niederlage etc., sondern es ist der Tag der Bedreiung. Und das ist gut so!

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3 Kommentare

Ich kann mir gut vorstellen, wie bedrückend das Schweigen in den Familien gewesen sein muss, als Kind keine Antworten zu erhalten. Aber Olga erging es in deiner Familie sicher besser als im Lager in Stadtallendorf.

Ich bin dankbar für jeden Blick eines Zeitzeugen zurück auf diese Zeit. Man kann nur hoffen, dass das Erinnern freier wird, nicht enger.

In Arolsen gibt es ein großes Archiv, dort war ich auch!
Danke Christine Deuse!
Ja Karl-Heinz Töpfer, Schweigen war den eltern "angeboren", wie wir es ja von vielen Menschen meiner Generation hören!

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