Zeitreise in die Vergangenheit

von links: Isabella Eisele, Sabrina Pourat, Bayern-Rudi, Monika Kratzmeier – das große Spielhaus wurde vom Fanclub für die Station gesponsert (Foto: Christoph Breu)
Wie die Zeit vergeht! In den deutschen Charts feiern die No Angels große Erfolge und die junge Angela Merkel glättet die Wogen in der Parteispendenaffäre. Der Autor dieser Zeilen blickt nicht nur zwei Jahrzehnte, sondern auch auf 5 Monate zwischen dem vorläufigen Ende des Spielbetriebs im März und dem Finale der CL im August 2020 zurück. Ist dieser schmerzhafte Einschnitt – wenngleich eine erfolgreiche Zeit – nachvollziehbar?

Die Augen richten sich auf einen märchenhaften Wonnemonat 2001, wo sich am 19. Mai das spektakulärste Finish der BL-Geschichte zum 20. Mal jährte. In diesem Jahr hat aber auch der FC Bayern ein Saisonfinale erlebt, von dem man heute noch spricht. Es gäbe viel zu erzählen, vor allem von fünf Tagen damals im Mai. Am letzten Spieltag der BL wurde die Dramatik noch einmal überboten. Den Bayern fehlte am letzten Spieltag in Hamburg nur noch ein Punkt zum Titel, um die Meisterschaft vor dem Rivalen Schalke 04 doch noch perfekt zu machen. Begonnen hatte alles mit dem 1:1 in letzter Minute in Hamburg durch Anderson. Während in Hamburg Kahn vor der Fankurve die Meisterschale in die Höhe reckte („Da ist das Ding!“), flossen in Gelsenkirchen Tränen. Vier Minuten fühlten sie sich davor noch selbst als Meister und feierten den ersten Titel nach 43 Jahren – im Glauben, Bayern habe verloren. Tränen der Freude jedoch flossen bei der Kellerparty dabei vom „Bayern-Rudi!“. Ein Rückblick, der vielleicht gerade in diesen Tagen besonders gut tut, wo noch vor kurzem eine Mischung aus Müdigkeit und Wut im Land herrschte. 4 Tage später stand das Champions-League-Finale gegen den FC Valenia im berühmt-berüchtigten Giuseppe-Meazzo-Stadion - im Volksmund auch San Siro genannt - von Mailand an.

Vom CL-Sieg 2001 sind zwei Bilder bis heute präsent: Oliver Kahn, der mit seinen Fäusten den letzten Elfmeter pariert und die legendäre Choreografie der Bayern-Fans: „Heute ist ein guter Tag, um Geschichte zu schreiben“. Wer das Spiel in Mailand live verfolgt hat, meint, es sei gestern gewesen. Alle wussten: 25 Jahre nach dem letzten Triumph im Landesmeistercup, zwei Jahre nach der bitteren Niederlage in Barcelona, war es höchste Zeit, dass der Henkelpott wieder in Münchner Hände wandert. Vor zwei Jahrzehnten machten sich 8 Mann am Vortag des 23. Mai 2001 mit einem Wohnmobil und einem zusätzlichen Pkw auf den Weg Richtung Italien. Abfahrt am späten Dienstagabend, nachdem der letzte Teilnehmer vom Elternabend zurückkam. Über den Brenner, am Gardasee vorbei steuerten sie am Mittwochvormittag direkt San Siro an. Vollgepackt bis auf den letzten Zentimeter mit Fleisch, Grill und jede Menge Getränke. Eigentlich war die Abfahrt für den Spieltag um 4.00 Uhr Früh geplant und auch so vereinbart. Beim Bepacken des Wohnmobils am Vortag jedoch stieg von Minute zu Minute das Fieber der 8 Teilnehmer und man entschloss sich – entgegen der Abmachung - noch am selben Abend loszufahren. Annelies – die gute Fee der Roten – brachte noch was Leckeres auf den Tisch, bevor es los ging. Kontrollen (auch wegen Alkohol) waren auf den Hauptstrecken nach Italien angekündigt. Manuel jedoch hatte alles super organisiert und sowohl das Grillfleisch, als auch die Goiß´n in Kanister auf Eis gelegt. Man entschied sich jedoch, nicht die Hauptroute zu wählen. Mitten in den Berufsverkehr in der Früh kam man in Mailand an, wo das totale Verkehrschaos herrschte. Die Suche nach einem geeigneten Parkplatz gestaltete sich jedoch sehr schwierig, letzten Endes landete man über die Vermittlung anderer Fans an einem Platz durch eine von Hecken verdeckte Einfahrt. Der Parkplatz war eigentlich nicht für Wohnmobile in der Größe vorgesehen. Um die Zeit des Wartens bis zum Spiel zu verkürzen, traf sich die Fangemeinde vor dem Dom in Mailand zum verabredeten Treffpunkt. Klaus lud vor dem Spiel noch zu Pizza und Wein ein. Die spanischen Fans begrüßten uns mit Böllern und Gesängen vor dem Mailänder Dom. Ein ohrenbetäubender Lärm begleitete uns zum Treffpunkt der Bayern-Fans. Auch wenn die Anspannung enorm war, freute man sich über diese Begeisterung auf den Straßen – aber solche Bilder bauen auch Druck auf. Ein Biersponsor der UEFA hatte die glorreiche Idee, in den beiden Fankurven 20.000 depperte Hüte zu verteilen. Zuvor jedoch nahmen uns die Carabinieri unsere mitgebrachten Fahnen ab.

Nach 25 Jahren Durststrecke gewinnt der FCB erstmals wieder den wichtigsten europäischen Titel im Klubfußball und Kapitän Effenberg recht den „Henkelpott“ in den Mailänder Nachthimmel. Vorausgegangen war zwei Jahre vorher die bitterste aller Niederlagen in der CL gegen Man United im Camp Nou von Barcelona – dem größten Fußballtempel von Europa und „ich war dabei, als man nach 90 Minuten immer noch 1:0 führte, die Hand am Pott hatte und in der Nachspielzeit noch verlor“, so Ehrenpräse Rudi Tausend. „Unglaublich“, dieses in diesen Tagen strapazierte Wort in jener lauen Frühlingsnacht in Katalonien. Wer da noch sagt, es ist leicht FCB-Fan zu sein, den erinnere ich gerne an so grausame und bittere Momente, wie auch 2012 beim „Finale dahoam“. Jeder Fan hatte an jenem Abend das Gefühl, dass der Fußballgott etwas dagegen hatte, den größten Sieg im eigenen Stadion feiern zu dürfen und der Mannschaft einen Sieg entriss, den sie verdient gehabt hätte; sie war Favorit gegen Chelsea und dominierte das Spiel. „Die Fans der Glammhogga“ fuhren mit dem Zug nach München, sie, aber auch die ganze Landeshauptstadt war für den großen Sieg bereit. Aber: Fußball ist eben auch ein launisches Spiel mit oft ungerechtem Ergebnis und kann so grausam sein. Die Meisterschaft in letzter Minute in Hamburg, der CL-Triumpf in Mailand – es gibt wohl keinen Bayern-Fan der diese dramatischen und freudetrunkenen Bilder nicht mehr im Kopf hat. In einem dramatischen Elfmeterschießen gegen Valencia hält Oliver Kahn gleich dreimal bravourös und wurde in Mailand endgültig zum Titan! Nach dem Schlusspfiff spielten sich ergreifende Szenen ab. Wildfremde Menschen fielen sich in die Arme und vergossen Freudentränen. „Diesen Moment werde ich nie vergessen“, so Manuel Tausend, der jetzige Präsident des bald darauf gegründeten Fanclubs aus Gablingen. „Das Banner, die Botschaft, das alles schaffte eine nahezu magische Verbindung. In solchen Situationen entwickelt der Fußball die Kraft, die ich liebe, die wir alle lieben“, so der Bayern-Rudi. „Diese Emotionen motivieren, sie stehen für Zusammenhalt und dafür, dann man gemeinsam etwas erreichen möchte. Das sind besondere Gänsehautmomente, die nur der Fußball bietet. “Ein geplantes Frühstück entfiel für die meisten wegen Unverträglichkeit. Siegestrunken und fast ohne Schlaf wurde beschlossen, die Heimfahrt ohne geplantes Grillen in Mailand anzutreten. Die lebhafteste Erinnerung an die Feierlichkeiten war die Dekoration an den Autobahnbrücken. Überall prangte deutlich sichtbar die Botschaft vom CL-Sieg der Bayern in der Nacht davor. Ein Anruf genügte, um die Daheimgebliebenen zu überzeugen, nach der Rückkehr die große Party zu starten. Fleisch war ja in ausreichender Menge mitgeführt worden, um die Beilagen kümmerten sich die Frauen. Es war wie ein triumphaler Empfang bei Manne – der die Fahrt kurzfristig absagen musste - und sofort den Grill anwarf. Vorausgegangen war ein Autokorso durch Gablingen mit der Kuhglocke - einer uralten Viehschelle – von Rudi, der mittlerweile keinen Ton mehr heraus bekam. Vorbei an jubelnden Fans schob sich der Autokorso Richtung Beethovenstrasse. Unglaublich, aber wahr: All dies liegt nun schon 20 Jahre zurück und 2001 war zwar das sportlich schönste Erlebnis als Fan, die spannendste Busfahrt jedoch war 2010 die nach Madrid gegen Inter Mailand von über 35 Stunden Fahrtzeit (einfach!). Vor acht Jahren vollendete der FC Bayern mit dem Sieg im DFB-Pokal das erste Triple der Vereinsgeschichte, das noch mit Bierduschen gefeiert wurde. Auch solche Momente sind in diesen Tagen nicht mehr möglich! Die traditionelle Feier auf dem Marienplatz musste sowohl in diesem, als auch im vergangenen Jahr ausfallen. Mit leeren Stadien kann sich kein echter Fan anfreunden. Beim CL-Sieg im Sommer 2020 in Lissabon hat etwas gefehlt, die Situation schmerzt jeden Fan, aber der Titel zählt und vielleicht bleibt diese Leistung so noch mehr in Erinnerung. Als Zeichen dafür votierten die Fans für das Design „Historischer Triumph“ mit dem Sexpack auf dem neuen Mitgliedsausweis. Hansi Flick hatte unglaubliche Maßstäbe gesetzt und wurde zurecht als Europas Trainer des Jahres geehrt.

Ironie des Schicksals: In der legendären Nacht von Lissabon hob er gewissermaßen seinen jetzigen Nachfolger aus dem Amt. Die 9. Meisterschaft in Folge jedoch konnte ebenso nicht aufgehalten werden wie Rekordtorschütze und Weltfußballer Robert Lewandowski, der sich damit nicht nur die Torjägerkanone sicherte, sondern sich auch in die Geschichtsbücher eintrug. Nicht nur der historische 40-Tore-Rekord von Gerd Müller wurde am letzten Spieltag gegen den FCA in letzter Sekunde eingestellt, sondern durch die 31. Deutsche Meisterschaft darf der FC Bayern künftig 5 Sterne auf der Brust tragen.

Die wichtigste Nachricht jedoch erhielt der Fanclub "Red-White Glammhogga“ Anfang Juni von der Uniklinik: Ehrenpräse Rudi Tausend darf (weil schon geimpft) ab sofort mit Test wieder die Kids der Station 9 besuchen (siehe Bild). Mit einem Jahr pandemiebedingter Verspätung ist die Europameisterschaft 2021 gestartet, was den Bayern-Fanclub nicht aufhält, die Preise für das Tippspiel auf der Kinderkrebsstation zu sponsern. (Text: Rudi Tausend)

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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.AMH01 myheimat gersthofer | Erschienen am 03.07.2021
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