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Die Sehnsucht der Fußball-Fans nach vollen Stadien und ihrer Fankultur

Präsident des Bayern-Fanclubs, Manuel Tausend (Foto: Hans Reiter)
 
Digitale Auswärtsfahrt nach Gelsenkirchen (Veltins-Arena) (Foto: André Hasler)
Man schrieb Sonntag, den 8. März 2020, als der Bayern-Fanclub „Red-White Glammhogga“ aus Gablingen seinen Mitgliedern eine Busfahrt in die Allianz Arena zum Derby gegen den FCA anbot. Keiner der 75.000 Zuschauer ahnte, dass es für lange Zeit das letzte Spiel mit Fans bleiben würde. Es folgten Geisterspiele vor leeren Rängen – verwaiste Stadien.

Hoher Preis
Wir alle haben die letzten 12 Monate einen hohen Preis bezahlt: Kinder ohne Freunde, Eltern am Rande der Belastbarkeit, Lehrer im Kampf mit der Technik; Ärzte und Pflegepersonal kurz vor dem Zusammenbruch, einsame Senioren, Arbeitnehmer in Angst um den Job, Selbständige in Existenznot. Impfstoff-Pannen, -Knappheit, aber auch Impfmissbrauch begleiten uns ins Frühjahr, ebenso wie Impfdrängler. Die Sehnsucht nach einem Stück Normalität ist groß, auch bei den Fußball-Fans. Dabei ist dieser Sport mehr als ein Unterhaltungsbetrieb, er ist auch ein Symbol: In dieser Zeit möglicherweise ein Symbol der Hoffnung. Durch die Corona-Maßnahmen ist vor allem auch das Vereinsleben landauf, landab zum Erliegen gekommen, ebenso der komplette Amateursport vor allem für Kinder und Jugendliche. Was uns alle umtreibt, ist die Rückkehr in einen einigermaßen geordneten Alltag. Doch Präsident Manuel Tausend vom Bayern-Fanclub aus Gablingen lässt sich etwas einfallen: Er organisierte eine „Digitale Auswärtsfahrt nach Gelsenkirchen gegen Schalke“, in Erinnerung an die erste reale Auswärtsfahrt des Fanclubs mit Weißwurst-Essen bei Schneetreiben im Jahr 2005. Was derzeit im digitalen Unterricht an Schulen, in Meetings bei Firmen, oder für Politiker an Parteitagen stattfindet, nahm der Boss der Roten zum Anlass, seinen Mitgliedern das Spiel in der Veltins-Arena zu Hause - und trotzdem in Gemeinschaft - erleben zu lassen. Eine Leinwand mit Beamer wurde aufgebaut, Kabel verlegt, FCB-Kerzen entzündet, ein Südkurven-Schal prangte im Rücken des Ehrenpräse, der wie bei allen Spielen für die Tore seine Kuhglocke bereit hielt. Per Video-Chat wurde ca. 15 Mitgliedern die Möglichkeit eröffnet, in toller Stimmung den Sieg über Schalke 04, bezeichnenderweise mit dem gleichlautenden Ergebnis: 0 : 4 zu verfolgen. Bobo fürchtete „die Stadionordner“ und Fabi wedelte mit der Fahne und stimmte auf dem heimischen Sofa den Song an: „He, was geht ab, wir holen die Meisterschaft!“ Die Kuhglocke vom Bayern-Rudi – die schon etwas angestaubt im Keller lag – kam natürlich bei jedem Tor zum Einsatz. Die Stimmung konnte ausgelassener nicht sein und der Ruf nach Wiederholung war nicht zu überhören. Ein unvorstellbar schönes Erlebnis, ein Spiel mal wieder in Gemeinschaft (wenngleich örtlich getrennt), mit Fahnen, Schals und Gesängen zu erleben.

Was vor mehr als 17 Jahren bei Kellerpartys mit Bayern-Spielen begann, sollte sich mit Gründung des Fanclubs in vergrößertem Rahmen fortsetzen. Diese Stärkung des „Wir“-Gefühls“ durch gemeinsame Aktivitäten wie Schafkopf-Turniere, Sommerfeste, Floßfahrten, Stammtische, aber auch unvergessene gemeinsame Auswärtsfahrten nach Barcelona, Mailand, Madrid oder auch Mainz, Düsseldorf, Hamburg und Berlin war gelebtes Fanclub-Dasein. Dazu gehören aber auch schlimme und schmerzhafte Niederlagen, wie die traumatischen Minuten des CL-Finales von 1999 gegen Manchester United, oder das „Finale dahoam“ 2012, wo in München alles für den großen Sieg bereitet war. Jeder Bayern-Fan hatte an jenem Maiabend das Gefühl, dass der Fußballgott etwas dagegen hatte, den größten Sieg im eigenen Stadion feiern zu dürfen. Auch das ist wie im richtigen Leben: Wenn wir vorher gelitten haben, empfinden wir die Freude hinterher viel intensiver. Vor allem jedoch mit anderen zusammen. So erging es vielen Fans 2001 beim CL-Sieg gegen Valencia in Mailand, oder auch 2013 beim Triple. Beiden Endspielen gingen Niederlagen 1999 und 2012 voraus. Gemeinsamkeit verstärkt die Gefühle, was auch der Grund dafür ist, weshalb die Fans Fußballspiele lieber zusammen mit anderen schauen, ob im Stadion, beim Public Viewing oder im Freundeskreis daheim auf dem Sofa. Als Highlight präsentierte sich Weltmeister Jerome Boatang im Januar 2015 beim traditionellen Besuch von Spielern des FC Bayern beim Gablinger Fanclub, Boateng nahm sich hier viel Zeit für Autogramme und Erinnerungsfotos. Nicht nur für Kinder ein unvergesslicher Tag. Das ist nur eine kleine Auswahl an Fanabenteuern aus jener Zeit und soll zeigen, wie gerade diese Auswärtsfahrten die Fangemeinde zusammengeschweißt haben.

Das Prinzip der großen Bayern-Familie galt damals wie heute: Auch den Blick nie auf die zu verlieren, denen es nicht so gut geht. Getoppt wurde jedoch alles im Jahr 2020, als Trainer Hansi Flick alle 6 möglichen Titel abräumte, die rot-weiße Schatzkammer weiter füllte und sich damit selbst die Krone aufsetzte. Er gehört damit offiziell zu den größten Trainern, die der FCB je hatte. 6 Titel gab es selbst für den FC Bayern noch nie, in Katar wurde einmal mehr Geschichte geschrieben. Davon werden unsere Fans irgendwann ihren Kindern und Enkeln erzählen. Eigentlich hatten die Bayern im vergangenen Jahr alles, was das rote Herz begehrt. Doch eines fehlte: Die Fans, ihre Farben, Gesänge, ihre Leidenschaft, die Atmosphäre und die Emotionen! Der Fußball hat eine enorme Kraft, er verbindet Menschen. Fan zu sein, ist etwas ganz Besonderes. Man fühlt mit seinem Verein, seiner Mannschaft so mit, als wäre man eine Familie. Man durchlebt zusammen sämtliche Höhen und Tiefen. Man erlebt so magische Nächte nicht oft – wenn du mal Barca 8:2 schlägst – es blutet dir das Herz, dass bei all den Erfolgen keine Anhänger diese Emotionen vor Ort miterleben durften. Fans, die die Mannschaft nach vorne peitschen, wenn sie müde wird oder das Spiel zu kippen droht. Sie sind das pure Adrenalin. Das Stadionerlebnis ist die Basis aller Emotionen. Schlimm genug, dass nun Fans aus Pappkameraden herhalten müssen.

Grünwalder
„Ich weiß noch, wie ich als Jugendlicher ins Grünwalder Stadion gegangen bin. Es ist für einen fußballverrückten Menschen wie mich, der diesen Klub schon immer geliebt hat, nach wie vor ein unheimlich tolles Gefühl“, schwelgt „der Bayern-Rudi“ in Erinnerungen. „Bis heute ist es bei mir so, dass sich vor einem Spiel die Nervosität aufbaut und ich während der 90 Minuten keine großen Gespräche führen kann“. Seine Frau Annelies sagt noch heute: „Rudi gibt es entweder mit dem FC Bayern oder gar nicht. Der Verein ist sein Leben.“ Vor knapp 50 Jahren zog der FC Bayern in das Olympia-Stadion um – in der Südkurve wurde eine neue Fankultur geboren. Die Einweihungsparty war am letzten Spieltag der Saison 71/72 gegen Schalke 04, eine weitere Parallele zum Spiel im Januar 2021. Doch der Schritt raus aus Giesing und rein ins neue Münchner Wahrzeichen am Oberwiesenfeld professionalisierte nicht nur den Verein, sondern auch die Fans. Doch zurück zur Gegenwart: Unbeschwerte Zeiten waren das damals, so ganz anders als die, in denen die Kinder aktuell aufwachsen.

Doch diese Pandemie ist eine spezielle Herausforderung. Umso wichtiger sind Objekte, mit denen Fans zeigen, welchem Verein ihr Herz gehört, sie sind so einzigartig wie wundersam. Ob das die aus der Rockerszene übernommenen „Fankutten“, ein mit Bayern-Emblem verziertes Hoftor, Trikots, Schals, eine Riesenfahne im Garten oder Kuhglocken sind und egal, ob es gut oder schlecht läuft, der „zwölfte Mann“ ist immer dabei. Das beweisen einzelne Fans genauso wie die in Fanclubs organisierte Szene, die sich seit Mitte der 90-er Jahre im deutschen Fußball entwickelt hat. Mit der Eröffnung der Allianz Arena im Mai 2005 bekamen die Roten endlich ihr eigenes Stadion, ohne Laufbahn und Graben. Nichts trennt mehr die Zuschauer von ihren Lieblingen. Derzeit jedoch fehlen Spieltags-Traditionen ganz besonders. Doch trauere nicht dem hinterher, was fehlt, sondern sieh das, was da ist.

Der Fußball nimmt gerade in dieser Krise eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft ein, weil er in einer Phase voller Sorgen und Ängste Gutes vermittelt. Er sorgt für Zusammenhalt, Austausch und Freude. Trotz aller gesellschaftlichen Einschränkungen: Der Ball rollt Woche für Woche und das ist wahrlich nicht selbstverständlich. Für einen Moment ist man der gesellschaftlichen Realität entrückt, nichts anderes spielt mehr eine Rolle, für 90 Minuten sind andere Sorgen ausgeblendet. Dabei war es im Frühjahr 2020 gar nicht so klar, dass es weitergeht. Noch immer bleibt die bange Frage, wie lange bleibt der Laden noch dicht? Fast hatte man in den letzten Tagen das Gefühl, die Menschen vermissen nichts so sehr an ihrem alten Leben wie den Friseur. Die Sehnsucht der Fans auf das nächste „echte“ Heimspiel jedoch ist ungebrochen. (Text: Rudi Tausend)
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