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Unpräsidiale Neujahrsansprache(von Rainer Stankiewitz)

Crivitz: Rainer Stankiewitz | Text von Rainer Stankiewitz:
Unser Herr Bundespräsident hat uns eingeschworen zu Weihnachten auf das Reich Gottes, das – anstatt wütiger Menschen Mächte – in uns herrschen möge zur Erklärung und Befriedung unserer Not. Solche Heuchelandacht habe ich noch nicht gehört, gottlob ist sie durch meinen Sinn gezogen ohne mich gefoppt oder gar Flurschäden angerichtet zu haben. In jenem Gottesreich der Moderne seien laut Herrn Gauck Menschen verunsichert unübersichtlicheren, instabileren Lebens, die Schere zwischen Arm und Reich öffne sich immer mehr, der Klimawandel breite sich aus, die Gesellschaft altere, auf U-Bahnhöfen eskaliere Gewalt, ABER: mit ein bisschen Solidarität und Nächstenliebe und einem Schuss Barmherzigkeit kitte man diese unfeinen Risse locker; man brauche nur neben schon vielen engagierten Politikern auch noch mehr ebensolche Bürger. Sie alle, dazu das bunte Volk der Asylanten zwischen den Abend-, den Morgen-, den Hinter-, Unter- und Nachtländern, wohlwollend, offenen Herzens und ohne Revolutionen vom Rhein über den Hindukusch bis in den Himmel zu führen, ist dem Marsch nach Golgatha ebenbürtig und des gemeinen fleißigen Mannes sowie des tugendhaften Herdweibes wohlfeil und angeraten. Amen. Die Neujahrsansprache des Seelenstorm, der so heißt, weil es in der Seele seines Verfassers stormt, ergänzt die alternativlose Fügung in das Gaucksche Unvermeidliche um ein paar neugierige Einwendungen: Warum ist das denn so? Ist das denn wirklich alles Gottes Fügung bis ans Ende unserer Tage?

Liebe Schweriner, liebe Weltbürger!

Zum neuen Jahr, das ganz sicher nicht wenige Überraschungen für uns alle bereithalten wird, zitiere ich zur Einstimmung einen gewissen Herrn Rothschild, von dem die meisten schon einmal gehört haben werden. Er soll sehr reich gewesen sein und seine Nachkommen auch, aber in den Verwerfungen des 2. Weltkriegs hat es sich damit weitestgehend erledigt – munkelt man. Herr Rothschild sagte 1863:
„Die Wenigen, die das System verstehen, werden so sehr an seinen Profiten interessiert oder so abhängig sein von der Gunst des Systems, dass aus deren Reihen nie eine Opposition hervorgehen wird. Die große Masse der Leute aber, mental unfähig zu begreifen, wird seine Last ohne Murren tragen, vielleicht sogar ohne zu mutmaßen, dass das System ihren Interessen feindlich ist.”
Was mag er wohl gemeint haben, und von welchem System sprach er? Es ist ja auch schon sehr lange her, und vielleicht haben seine Söhne gar nicht richtig zugehört, als er ihnen seine Lebensmaxime mit auf den Weg gab: „Gib mir die Macht über die Währung eines Landes und es interessiert mich nicht mehr, wer dessen Gesetze macht”. Zum Glück hören wir gerne Märchen, aus denen wir manches lernen können. Einige beschließt der Satz: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Nun gibt es Zweifler und Schwarzmaler unter uns, die behaupten, auch die Sippe der Rothschilds lebe noch heute und habe mit ihren vielfältigen Verästelungen die Welt – ja, unsere Erde – fest im Griff, unter Kontrolle, in der Hand und jeder, der dies ernsthaft ändern wollte während der letzten
zweihundert Jahre, kam vor seiner Zeit ums Leben. Privaten Banken steht das Privileg zu, Geld aus dem Nichts zu schöpfen, Staaten nicht. Wer mag so etwas ausgeheckt haben? Da muss Herr Schäuble Kredit aufnehmen bei den Privaten und sein Volk die Zinsen aufbringen. So werden das Volk und der Staat
arm und die Privatiers reich. – Nun könnten Frau Merkel und Herr Schäuble sagen: Stopp! So geht es nicht weiter; wir machen unser Geld selbst, dann brauchen wir es nicht leihen und das Volk muss nicht bluten. Dann würden Rothschilds und ihre Illuminaten aber dastehen! Doch so einfach ist das nicht. Leicht könnte sich eine DROHNE in Frau Merkels Schlafzimmer verirren und dort ein wenig aufräumen.
Wer will ihr verdenken, dass sie das Menetekel klug deutet und die Finger von den privaten Banken lässt? Schließlich traf einige amerikanische Präsidenten ein finales Unglück, der letzte war John F. Kennedy, so erzählt man sich, die alle eines verband: Sie hatten sich mit Geldhäusern angelegt. Man lernt also aus der Geschichte – und hält sich bedeckt; dabei lebt man ja auch wirklich nicht schlecht. Aber man hat noch das Volk am Hals. Man muss es satt halten und dumm und ihm etwas zum Spielen geben, dann passiert nichts. Soziale Balance heißt diese Masche.
Für die Dummheit sind Fernsehen, Zeitungen und die FDP zuständig, den Rest erledigen Wirtschaft und – was Schwerin angeht – Ritter Groschs Tafelrunden. Aber gelöhnt werden muss ja nun mal bei denen, in deren warmer Westentasche wir an der goldenen Uhrkette liegen; Eigentum verpflichtet doch, oder nicht?
Am leichtesten geht dies über Zinsen. Jene sind wie richtige Taler, und wir haben schon welche bezahlt, wenn wir morgens die Klotür öffnen. Den ganzen Tag über bleibt es so bei. Zinsen kann man nicht eben mal wie Kredit aus der Luft nehmen, sie müssen erarbeitet werden. Wer immer wo und was arbeitet, die Früchte fressen ihm andere weg. Das System, von dem oben die Rede ist, sieht es so vor. Damit es
sich erhält und weiter mästet, muss Rendite gemacht werden, weltweit, auch hier durch uns. Dazu werden wir gerade gläsern, damit man weiß, wie viel der einzelne noch hat, denn die Plutokratie braucht Planungssicherheit für ihren Wachstumskurs. Wenn jeder auch bloß jeden Tag einen Euro Zinsen auf das Konto der Reichen häuft, dann macht das eben im Jahr mal locker 30 Milliarden. Um genau diese Summe wird das Volk ärmer. Leider ist es nicht nur dieser eine Euro. In ausgeklügelter Manier verarmen 90 Prozent um den Betrag, der 10 Prozent zukommt. Wo hier Fleiß oder Leistung eine Rolle spielen, bleibt mir verschlossen. Es ist eine Frage des Systems, genau wie es Rothschild 1863 treffend formulierte.
Wollen wir es nicht mehr, müssen wir es zunächst durchschauen und erkennen, was es mit uns und aus macht. Dann könnten wir es abwählen, wenn wir
es denn könnten. Leider sieht unsere Demokratie das nicht vor. Wir können bloß eine Regierung abwählen, jedoch nicht das System. Im Jahr 2013 dürfen wir die beste Regierung nach der Wende gegen eine des sozialen Ausgleichs ersetzen. Oder wir lassen es. Für Hüh oder Hott kämpfen wir wie die Berserker, werfen mit Geld um uns, das wir aus den relativ armutsfesten Blechnäpfen der
Hartz 4-Empfänger entwenden, vergeuden Zeit für echte Erneuerung und erreichen mit absoluter Sicherheit, dass alles bleibt wie es ist – ob mit neuer oder alter Regierung. Zerrt Schäuble uns nicht das Geld aus der Tasche, reißt Steinbrück es an sich. Dabei sind beide bloß Dienstboten der Banken.
Mancher wird mir nun grimmig oder nach anderer Fasson entgegnen: Bei so einem Gehalt möchte ich auch gerne Dienstbote sein. – Ja, liebe Deutsche, so ist das mit uns,so sind wir, und so einen Bundespräsidenten haben wir jetzt, der uns zeigt, wie wir sind, und dass wir bitte schön nicht anders werden möchten, höchstens bisschen barmherziger und – sofern möglich –ein Quentchen duckmäuserischer, dann verbietet es sich von selbst, den weltlichen Klingelbeutel zu rauben. Was aber ist schon meine Neujahrsansprache gegen die Weihnachtsbotschaft des Bundespräsidenten? Nun, wenn unsere Nachfahren Glück haben, erhalten sich beide zur Auswahl.

Blickwinkel

Nie verschwieg ich meine Abneigung gegen das kapitalistische System von Plutokraten, welches auch in Deutschland grassiert: der Kampf des Geldes, der Gier, der Entblößung von fast jeglicher Vernunft, um ein bisschen blödsinnigen, vergänglichen Wohlstand zu raffen, völlig wert-, weil würdelos. Was liegt näher, als sich bei Beginn eines neues Jahres zu erinnern? Da muss einem wie mir, besonders wenn er ein menschenfreundlicheres System anstrebt, einfach die getötete DDR in den Sinn kommen. Wie sage ich es, der ich eher Dichter als Historiker bin? Sie war mein Todfreund. Wir haben uns bis auf ihren letzten Tag nie richtig begriffen, uns gestritten wie Kesselflicker und empört und gemocht und wiedergestritten. Wir beide waren nicht reif, waren wie unausgegorener Wein, der, wenn man ihn nicht hegt, Essig wird. Ich hab’s überlebt, die DDR nicht. Vielleicht war’s so gewollt, wer weiß? So ist einer übrig geblieben, der tatsächlich dabei war und einen humanistischen Traum weitertragen will. Um dem störrischen Röhrichtwind Grönemeyers etwas verbindend Schönes abzugewinnen, stimme ich zu: Es war vieles zu früh, aber nichts ist zu spät.

Text-Quelle: Wieden-Verlag Rainer Stankiewitz
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Norbert Höfs aus Schwerin | 27.12.2012 | 20:28  
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