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Wählen gehen, wozu? Kommunalwahlen in Hessen 2011

Wie einem kleinen Kreis von Eingeweihten inzwischen bekannt ist, werden in Hessen am nächsten Sonntag, Kommunalwahlen durch geführt.

Einen ersten Genuß dieser Wahl bekam ich vor ein paar Tagen, als meine bessere Hälfte, bekannt als Madame, sich Briefwahlunterlagen abgeholt hatte. Diese lagen nun ausgebreitet auf unseren Küchentisch und als ich in die Küche kam, ohne meine Brille, dachte ich obgleich der Menge des Papiers und der vielen bunten Briefumschläge, das es sich um eine weitere Werbung unseres Stromanbieters handelte. Es sah so aus, als ob Strom nicht nur gelb, sondern auch rot und blau war (Rotleuchtende Kraftwerke an der blauen japanischen See, das hätte für mich einen gewissen Kick).
Ich wollte schon alles zusammen packen und in die Tonne für Papierunterlagen des Katzenklos stopfen, da wurde ich angesprochen. „Was machst du denn da?“ wollte Madame wissen, „ich schmeiße die Werbung hier zum Katzenklopapier“, antwortete ich brav. „Bist du verrückt, das sind meine Briefwahlunterlagen, untersteh dich!“

Und so begann ich meine Brille zu holen und das mir mal genauer anzusehen. Es gibt in Deutschland jede Menge überflüssiger Wahlen, aber Kommunalwahlen kommen direkt nach Bundes-Sozialversicherungswahlen. Kein Mensch weiß worum es geht und die Auswirkungen sind meist dieselben, wie müssen mehr zahlen.

Ich weiß nicht, welches dröge Beamtenhirn sich diesmal diese Wahlunterlagen ausgedacht hat, aber das ist kaum noch zu toppen. Mehr als 80 Kreuze können gemacht werden, das würde ja langsam einen stundenlangen Aufenthalt in der Wahlkabine voraus setzen. Alleine in Cölbe kann ich 31 Menschen wählen, von denen ich noch nie gehört habe. Ob man nun das örtliche Telefonbuch oder diese Namen genommen hätte, das dürfte für die meisten Wähler denselben Effekt haben.
Und dass dieser Namensirrsinn noch nicht genug war, zeigte sich laut der Beschreibung umgehend. Lustig, für Berufs- und Freizeitlegastheniker und sowie Bildungsferne Mitbürger wurden die Erklärungen noch im Comic-Style dazu gegeben, das dürfte aber eine Schicht betreffen, die sowieso nicht wählen geht.

Kommen wir nun zum „kumulieren und panaschieren“, Begriffe mit denen das RTL2-Prekariat eh nichts anfangen kann. Bedeutet irgendwie, sofern mir am Sonntagnachmittag langweilig in der schwitzigen Wahlkabine ist, kann ich nicht nur meine 80 Stimmen willenlos über die Fraktionen verteilen, sondern sogar wie bei DSDS, meinem wenn auch mir unbekannten, Lieblingsbonzen mehr als eine Stimme geben. Bis zu drei Kreuze pro Kandidat, „eins, zwei oder drei, du musst dich entscheiden, drei Felder sind frei.“ Ich gehe auch davon aus, Kinder hätten mit diesen Idiotenwahlzetteln mehr Freude, zur Not kann man große Esel darauf malen.

Weiterhin, sollte mir ein Name nicht gefallen, z.B. ein Dr. Dr. Hans Müller, weil ich nach Guttenberg keinem Dr. in der Politik mehr traue, kann ich diesen auch streichen. Mein Problem mit Panaschiren, kumulieren, streichen und ähnlichen ist, ich muss separat eine Streichliste führen um immer nachzuzählen, wie viele meiner lustigen Kreuze, Punkte ich schon vergeben habe. Ansonsten nämlich, komme ich durcheinander, vergebe zu viele Punkte und mein Wahlzettel ist ungültig.

Und das, so glaube ich, ist auch der einzige nachzuvollziehende Sinn hinter diesem dämlichen Tic, Tac Toe-Politikum, das viele Wählern einfach aufgeben, oder ein Kreuz für die gesamt Partei machen. Damit sind die allseits beliebten Listenplätze unsere Kommunalbonzen auch weiterhin gesichert. Diese Wahlzettel muss ich dann zusätzlich in die richtigen bunten Umschläge stecken, sonst sind die Stimmen verloren, was machen eigentlich farbenblinden in diesem Blödsinnspiel?

Aber als Krönung dieser gewollten Wählerveräppelung, kann dann noch per Volksabstimmung, über eine Schuldenbremse für Hessen, abgestimmt werden. Davon abgesehen, dass die wenigsten Wähler überhaupt verstehen worum es in dieser Volksabstimmung geht, ist diese Schuldenbremse ein weiterer politsicher Witz. Egal welcher der Brüder (mit Schwestern) in Wiesbaden auch regiert hat, alle haben Schulden gemacht, je nach Farbspiel dann in unterschiedlichen Bereichen.

Hier bei Myheimat hat ein Befürworter der Linkspartei eine Aktion mit „Nein zur Schuldenbremse“ gestartet, in seinem Kommentar stand was von „Wir brauchen in Hessen keine Schuldenbremse, wir brauchen verantwortungsvoll handelnde Politikerinnen und Politiker“, hmmm diese Art von Politiker ist genauso häufig, wie sexuell richtig tickende Katholische Priester oder alleinerziehende Nonnen.
Doch zurück zur Kommunalwahl, wozu diese bitte? Viele der Noch-Wahlgänger erzählen immer was von „wer nicht wählt, wählt auch“ und „wer nicht wählt kann auch nichts verändern!“.

Aber bitte was, verändert für mich eine Kommunalwahl? Ich kenne hier in Cölbe nicht einmal den Bürgermeister, wozu auch, geschweige denn seine politische Ausrichtung. Was sich in den Jahren hier in Cölbe geändert hat, egal welche der Pfeifen ab regieren war?

Hmm, wir haben beidseitig der Hauptstraße große Fahrradwege bekommen, die zwar kein Fahrradfahrer benutzt, aber dafür wird der Autoverkehr, bedingt durch nun innerhalb der Straße parkenden Autos, fast zum Erliegen gebracht.
Dann wurde vorsätzlich und mit einem nicht nachzuvollziehenden Irrsinn, der halbe Ort aufgerissen und selbst die Hauptschlagader durch den Ort gesperrt. Für Monate, wohlgemerkt. Das führte zu diesem Zeitpunkt zu netten Verkehrschaos und kilometterlangen Umwegen um eine 800 Meter entfernt weiter liegende Bank zu erreichen. Warum?
Die Gemeinde hatte schlossen, einen neuen Wasseranbieter zunehmen, dieser riss im Rahmen der Umbauarbeiten (unter dem Motto: „Wir bauen für den Sieg“), halb Cölbe auf. Und was wird daraus folgen?

Ja aber natürlich, die kommunalen Zu- und Abwasserkosten werden steigen, muss schließlich jemand die Baggerei bezahlen, und Wirtschaft und Gemeinde werden es nicht sein. Ansonsten sind auch die allseits beliebten Erhöhungen der Grundsteuer der Gemeinden, obligatorisch und ansonsten warte ich noch auf neue farbige Mülleimer, einen in zartrosa für gebrauchte Negliges und einen silbermetallischen, für Kronkorken der Marke „Licher Export Bier“.
Dazu wie immer, höhere Kosten der Müllbeseitigung und länger Aufbewahrungszeiten bis die Müllabfuhr wieder kommt. Und deswegen soll ich wählen gehen? Das kann nicht euer Ernst sein! Ich habe s noch in keiner (Kommunal)Wahl erlebt, das ich später mehr Geld in meiner Börse gehabt habe oder anderweitige Vorteile heraus kamen.

Abschließend, wir wählen auch noch einen neuen Kreistag, was das genau ist und welche (außer den obligatorischen, du musst mehr zahlen Bürger) Auswirkungen dessen Wahl auf mich haben könnte, konnte mir nicht einmal der kurze Artikel in der Wikipedia erklären. Ich vermute mal, das ist die Brutstätte für politischen Nachschub auf die Landeslisten für Wiesbaden und Berlin.
Erst wer im Kreistag bewiesen hat, das er trotz völlig überflüssiger Funktion, lange Reden mit sinnlosen Inhalten vor einem abwesenden Publikum, fehlerfrei halten kann, ist dazu berechtigt, sich auch für höhere Weihen der Politik auszuzeichnen.

Und so sage ich am Sonntag in Hessen, „ lieber Vettel als Vaupel“, ich wünsche mir, das es sonniger Tag wird und ich irgendwo draußen sitzen, mein Kristallweizen genießen kann und mich über die Formel 1 aufrege.

Wählen, nein Danke
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3 Kommentare
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Lothar Hofmann aus Marburg | 25.03.2011 | 19:01  
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Torsten Meletzki aus Cölbe | 26.03.2011 | 13:28  
59.223
Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 26.03.2011 | 18:06  
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