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Einführung in die Mühlenkunde – NEU AUFGELEGT

Buchtitel
 
Innenseite, Seite 68
 
Rückseite des Buches
Burgwedel: Bockwindmühle Wettmar | Berthold Moog bereichert die Mühlenliteratur für Experten

Der deutschschweizerische Autor, 1940 in der Eifel geboren, lebt seit vielen Jahrzehnten in Basel. Sein Interesse an Mühlen wurde Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch eine Schwarzwälder Sägemühle geweckt. Nachdem er 1970 der TIMS, The International Molinological Society, beigetreten war, engagierte er sich in ihren Reihen jahrzehntelang und entwickelte sich zu einem kompetenten, international renommierten Technikhistoriker der Molinologie, zu einem Publizisten und Vortragenden. Aber auch als Mitbegründer und Verbandsvertreter der „Vereinigung Schweizer Mühlenfreunde, VSM/ASAM“ war und ist er noch aktiv.
Als Quintessenz seiner langjährigen Forschungen – u.a. über die horizontalen Wassermühlen – erschien von ihm 2012 die „Einführung in die Mühlenkunde / Grundlagen, Technik, Geschichte und Kultur der traditionellen Mühlen“. Sie war schnell vergriffen. Drei Jahre später folgte das „Lexikon der Mühlenkunde / Technik – Geschichte – Kultur“ mit über 2200 Begriffen, mit vielen Fotos und Zeichnungen des Autors.
Nun liegt die erwähnte Einführung von 2012 in einem Nachdruck der „Vereinigung Schweizer Mühlenfreunde (VSM/ASAM)“ wieder vor.
Der Verfasser weist in seinem Vorwort darauf hin, dass die traditionellen Mühlen als kulturelles Erbe und Zeugen eines bedeutenden Teils der Technikgeschichte immer mehr Interesse fänden, obwohl sie im praktischen Leben längst keine Rolle mehr spielen. Dennoch stießen sie auf zunehmendes Interesse in der öffentlichen Wahrnehmung und das dokumentiere sich auch in zunehmender Fülle von Fachliteratur. Er sieht daher die Notwendigkeit, eine bisher fehlende zusammenfasssende Darstellung der Bereiche der Molinologie vorzunehmen, nicht zuletzt, um wirklich Interessierten einen Überblick über das Mühlenwesen zu erleichtern.
Mit dem Begriff „Molinologie“ (etabliert seit etwa 1960) ist für seinen inhaltlichen und methodischen Ansatz der zentrale Terminus genannt, denn ihm ist die Darstellung mit einwandfreier Fachterminologie ein besonderes Anliegen. Das ist grundsätzlich sinnvoll und erstaunt auch nicht, wenn man weiß, dass Berthold Moog viele Jahre für die TIMS (The International Molinological Society) daran mitgearbeitet hat, das viersprachige „Wörterbuch der Molinologie“, englisch, deutsch, französisch, niederländisch, zu erstellen (siehe: https://www.molinology.org/pdf-files/TIMS%20Dictio...; abgerufen: 20.10.2018). Der Leser bemerkt diese angestrebte begriffliche Präzision schnell, wenn er z.B. auf die Unterscheidung von „Mühlendiversifikation“ (kurz: Entwicklungsprozess neuer Mühlenfunktionen) und „Mühlendiversität“ (kurz: Vielfalt der Mühlenfunktionen) stößt.
Der Verfasser verweist ausdrücklich auf den fachwissenschaftlichen Ansatz seiner Darstellung und die Tatsache hin, dass es sich um „ein interdisziplinäres Wissensgebiet“ handele. Die Mühle sei vom Forschungsstandpunkt aus „ein vielschichtiger Komplex mit einem interdisziplinären Bezugsfeld von Sprache bis Technik“. Sie sei nicht nur ein technikgeschichtliches Objekt, sie liefere Erkenntnisse als industriearchäologisches Phänomen, als technisches Kulturdenkmal, sie sei „Informationsträger … von Kultur- und Umwelteinflüssen“. Aus historischer Quellen-Perspektive ist sie nach Moog „Überrest“ (im Sinne der Quellenkritik des nicht genannten Johann Gustav Droysen) und liefert vielfältige Informationen aus der Vergangenheit. Und schließlich ist sie Gegenstand der kulturellen Entwicklung, von Kunst, Musik, Literatur.

Inhaltlicher Aufbau des Buches:
In 13 Kapiteln, auf 152 Seiten im A4-Format, broschiert, behandelt Berthold Moog die Bereiche Mühlenkunde, Mühlenbau und Mühlenerhaltung, Wassermühlen, Wasserräder, Windmühlen, Muskelkraft und Motormühlen, Mühlentriebwerke, Getreidemühlen, Müllerei, Industriemühlen, Wasserhebewerke, Mühlenwesen und Mühle und Kultur. Über 200 Abbildungen in Schwarzweiß (Fotos, technische Darstellungen, technische Zeichnungen, z.T. aus eigener Hand) unterstützen seine Darstellung. Diese stammen aus allen (Mühlen-)Zeiten und vielen geografischen Bereichen, man findet z.B. „Schiffsmühlen auf dem Tiber“, Rom 1660; ein „Oberschlächtiges Wasserrad“, Sachsenspiegel um 1300; ein „Kehrrad“, Agricola 1556; eine „älteste Darstellung einer Bockwindmühle“, Windmill Psalter, um 1260; eine „Göpelbetriebene Zuckermühle“, Enzyklopädie von Diderot von 1751; und vieles mehr.
Ein kurzes Glossar der „Mühlenfachwörter“ schließt die inhaltlichen Ausführungen ab, ihm folgt abschließend ein nützliches mehrseitiges „Namensverzeichnis“, ein Personen- und Sachregister mit Seitenverweisen.
Jedes Kapitel schließt mit dem Abschnitt „Geschichtliches“, in dem wichtige historische Entwicklungen und Zusammenhänge referiert werden. Im 11. Kapitel „Wassserhebewerke“ beispielsweise geht Moog auf die „Bewässerungskulturen“ oder -systeme in Mesopotamien, Ägypten, Indien, China, Niederlande usw. ein und die damit verbundenen, epochemachenden Entwicklungen, z.B. der Schaduf (eine Art Ziehbrunnen in Ägypten), die archimedische Schraube in der Antike, die Noria (Flussschöpfwerk) in Indien usw.. Beinahe beiläufig werden dem Leser damit wichtige fundierte und ergänzende Informationen geliefert.
Dem Abschnitt „Geschichtliches“ folgt jeweils ein spezifisches Literaturverzeichnis, sodass der Leser in jedem einzelnen Kapitel eine gerundete Darstellung eines Themas findet nebst historischem Hintergrund, dem Nachweis der Quellen und der indirekten Anregung zur eigenen Lektüre.
Ein Verdienst Moogs besteht ohne Zweifel darin, dass er keine rein technikgeschichtliche Darstellung verfolgt, wie man sie leider auch in der gängigen gegenwärtigen Mühlenliteratur fast immer findet, sondern dass er historisch-politische Aspekte aufgreift (Kapitel „Mühlenwesen“) und kulturelle Aspekte wie Kunst und Literatur mit berücksichtigt (Kapitel „Mühle und Kultur“). Dass die Ausführungen in diesen beiden Kapiteln trotz aller umfassenden Absichten in den vorangehenden Kapiteln hier inhaltlich unvollkommen bleiben müssen, soll dem Verfasser nicht angekreidet werden. Seine Kategorien zur Systematisierung kulktureller Dimensionen des Mühlenwesens sind hier eher phänomenologisch und auch etwas eklektizistisch, endend in dem Unterkapitel „Mühlen-Allerlei“. Aber es ist in dieser Kürze eben nicht möglich, andeutungsweise darzustellen, was etwa Mager, Meißner, Orf in ihrer „Die Kulturgeschichte der Mühle“, Leipzig 1988, auf 268 Seiten, zusammentrugen, und selbst sie erwähnen nicht Brechts bedeutendes Mühlen-Gedicht „Ballade vom Wasserrad“. Aber – wie gesagt - das alles in dieser Einführung zu verlangen, wäre beckmesserisch.
Eine andere begriffliche Schwäche im Bereich politisch-historischer Darstellung soll auch nur beispielhaft erwähnt werden. Es heißt unter der Zwischenüberschrift „Mühle und Wirtschaft“: „… Technik und Naturwissenschaften bilden die Grundlagen der Produktivität, im Markt findet das Zusammenwirken der Kräfte seinen Ausgleich. ...“ (S. 133). Sollte diese Aussage üpber Marktmechanismen je zutreffend gewesen sein, dann müsste spätestens die Globalisierung Anlass sein, darüber nachzudenken.

Doch: Cui bono est?
Wem soll dieses Werk nun empfohlen werden? Ohne Zweifel dem, der sich im Mühlenbereich auskennt, der schon über ein differenziertes Wissen verfügt und dem - wie dem Autor Berthold Moog - eine anspruchsvolle, Überblick schaffende Zusammenfassung zum Thema fehlt. Aber dem interessierten Laien und Mühlenfreund oder z.B. einem gerade ausgebildeten „Freiwilligen Müller“ oder „Hobbymüller“ würde der Rezensent doch eher eine anschaulichere Mühlenkunde empfehlen, die differenziert, ästhetisch ansprechend, aber nicht so technisch-naturwisssenschaftlich ausgerichtet ist.
Nichtsdestoweniger bleibt es dabei, dieses Werk grundsätzlich zu empfehlen, denn einen besseren Überblick über das Mühlenwesens ist dem Rezensenten derzeit nicht bekannt. Unumstößlich gilt: Der Autor hat eine Achtung gebietende Leistung für die Molinologie und die daran Interessierten erbracht! Hier spiegelt sich ein lebenslanger Kompetenzerwerb, quasi eine Bilanz. Das „Lexikon der Mühlenkunde“ und die „Einführung in die Mühlenkunde“ bilden gleichsam zwei Seiten einer Medaille: Dort die alphabetische Anordnung molinologischer Begriffe im Lexikonformat, hier ein systematisierter Überblick über die Mühlenkunde. Beides empfehlenswert!

Moog, Berthold, Einführung in die Mühlenkunde / Grundlagen, Technik, Geschichte und Kultur der traditionellen Mühlen, Nachdruck durch die Vereinigung Schweizer Mühlenfreunde, Binningen 2017, 152 Seiten; Bezug in Deutschland: Verlag Moritz Schäfer, 35,00 €.
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1 Kommentar
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Georg Zausinger aus Reimlingen | 30.10.2018 | 10:24  
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