Anzeige

Die Wundertüte

In meiner Kindheit wurden aus finanziellen Gründen größere Wünsche selten erfüllt, wohl dem, der in den sechziger und siebziger Jahren gut betuchte Verwandte hatte. Die hatten wir in der Form nicht, aber dafür einen organisierenden Onkel, Gott hab ihn selig. Er war ein höchst trinkfester, die Zigarettenmarke Reval rauchender, sehr korpulenter Mann, darum verwundert es wohl nicht, dass er von allen Freunden und Verwandten „Dicker“ gerufen wurde. Von uns Kindern natürlich Onkel Dicker. Eine Zeit lang versuchte ich, diesen Spitznamen in Onkel Kleenex zu ändern, getreu der damaligen Werbung eines Küchentuchs, das da „Kleenex - Dick und Durstig“ lautete. Leider vergeblich.

Onkel Dicker arbeitete seinerzeit auf dem Flughafen Hannover/Langenhagen in einer Frachtabfertigung. Es kam nicht selten vor, dass die ankommende Ladung beschädigt und es nicht mehr nachvollziehbar war, wo und wie diese Beschädigung überhaupt entstandenen ist. In diesen Fällen griffen Onkel Dicker und seine Kollegen gern mal zu und bereicherten sich an dem Frachtgut, denn es konnte letztendlich nie erfasst werden, was denn alles an Paketen und Gegenständen an welchem Umschlagplatz verschwand.

Natürlich war Onkel Dicker ein gern gesehener Mann im Bekannten- und Verwandtenkreis, hatte er doch oft schöne Dinge dabei, die er für kleines Geld veräußerte. Da griffen auch die Menschen in seinem Umfeld, die ansonsten gern mal den moralischen Zeigefinger erhoben, freudig zu. So kam mein Vater zu bestem argentinischen Rindfleisch, die Eltern zu einer Top-Musikanlage, meine Schwester und ich jeweils zu einer Landschildkröte und meine Wenigkeit mit neun Jahren zu einem eigenen, tragbaren Schwarzweiß-Fernseher. Die Spielkameraden waren sehr neidisch.

Mein Onkel war wie eine Wundertüte, mal brachte er eine Mofa der Marke Java mit heim, mal einen Papagei oder auch tausende CD´s von den „Doobie Brothers“. Eines Tages sprang während eines familiären Trinkgelages sogar ein kleiner Affe in seinem Haus herum und verwüstete die gesamten Wohnräume. Der Affe war am nächsten Tag verschwunden, was aber blieb war ein ausgewachsener Kater.
10
Diesen Mitgliedern gefällt das:
10 Kommentare
10.959
Romi Romberg aus Berlin | 22.08.2018 | 11:48  
22.170
Silke M. aus Burgwedel | 22.08.2018 | 12:02  
38.486
Gabriele F.-Senger aus Langenhagen | 22.08.2018 | 15:29  
2.547
Karsten Hein aus Barsinghausen | 22.08.2018 | 17:11  
38.486
Gabriele F.-Senger aus Langenhagen | 22.08.2018 | 18:28  
2.547
Karsten Hein aus Barsinghausen | 23.08.2018 | 08:17  
4.199
Gabriele Schulz aus Laatzen | 23.08.2018 | 11:11  
13.548
Rainer Bernhard aus Seelze | 10.09.2018 | 16:42  
2.547
Karsten Hein aus Barsinghausen | 13.09.2018 | 11:36  
1.093
Rainer Bernhard aus Seelze | 29.06.2019 | 06:52  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.