783. Newsletter Südharzstrecke - Der Harz braucht endlich bessere Fernverkehrsverbindungen

     

Harz: Der Harz braucht endlich bessere Fernverkehrsverbindungen
Amsterdam – Aschersleben mit einem Umstieg – aber nur einmal und in einer Richtung

(Stand 16.04.2021)

Hallo liebe Eisenbahn-, ÖPNV- und SPNV-Interessierte!

Gewiss, Amsterdam – Aschersleben ist keine Relation, die täglich dutzende Male nachgefragt wird. Aber bei der Beschäftigung mit Band 1 der Sommerausgabe des „Harz-Kursbuchs“ fällt einem bei längerer Analyse immer wieder einmal etwas auf.
Der „normale“ Reiseweg aus den Niederlanden in den Nordharz ist der über Hannover und Goslar. Das klappt mit einmaligem Umstieg alle 2 Stunden recht gut, denn die Umsteigezeiten in Hannover Hauptbahnhof sind entspannt, bei kleineren, also praktisch üblichen Verspätungen muss man sich keine Sorgen machen, ob es mit dem Anschluss klappt.



Wer weiter als nach Goslar oder Bad Harzburg will, der hat freilich ein Problem. Ist sein oder ihr Ziel Ilsenburg oder Wernigerode, muss in Goslar nochmals umgestiegen werden, und hier ist die Zeit zum Umstieg schon spürbar knapper. Kommt der RE10 verspätet aus Hannover herein, wird es schon eng. Liegt sein Ziel gar östlich von Halberstadt, heißt es ein weiteres Mal umsteigen, und zwar eben dort, und das mit sehr knapper Übergangszeit. Wer also auf diese Weise nach Aschersleben strebt, muss geschlagene drei Mal umsteigen und wird es daher wohl eher bleiben lassen.

Er oder sie kann natürlich nach Aschersleben auch über Magdeburg fahren. Dann muss zunächst einmal in Hannover in einen anderen IC umgestiegen werden, um dann in Magdeburg Hauptbahnhof erneut den Zug zu wechseln. Es sind also „nur“ zwei Umstiege vonnöten.

Ein einziges Mal am Tag, und das auch nur von Montag bis Freitag, geht es mit einem einzigen Umstieg:
Man nimmt ab Amsterdam Centraal den IC um 9.10 in Richtung Berlin, bleibt in diesem bis Wolfsburg sitzen, steigt dort um 13.53 aus und nimmt um 14.24 den RE6 nach Magdeburg, der in diesem Fall ab Magdeburg bis Aschersleben durchläuft und dort um 16.27 Uhr ankommt. Die Umsteigezeit in Wolfsburg ist auskömmlich, fast ein wenig zu lang, aber dafür absolut resistent gegen kleine bis mittlere Verspätungen.

Dieser Verbindung werden wir uns aber wahrscheinlich nicht mehr allzu lange erfreuen können, denn die Niederländischen Staatsbahnen haben bei der Deutschen Bahn eine erhebliche Beschleunigung der Linie Amsterdam – Berlin durchgedrückt, der nicht nur in den Niederlanden, sondern auch hierzulande etliche Halte geopfert werden, darunter vielleicht auch Wolfsburg Hbf. Wie es dann um die Umstiege in Hannover und Wolfsburg bestellt ist, muss man erst einmal abwarten. Im Zweifel wird es heißen: An einem großen Knoten erneut umsteigen.

So kann es nicht bleiben: Die Zahl der Umstiege in den Harz muss deutlich reduziert werden

Andere Verschlimmbesserungen zeichnen sich schon ab.
Vermutlich wird die Achse Ruhr – Südharz über Paderborn und Bodenfelde demnächst weiter atomisiert, die Rede ist von der Aufgabe der Flügelung in Ottbergen, was einen weiteren und damit dritten Umstieg mit sich bringen wird, gefolgt von einem weiteren in Northeim.
Auf die Idee, das Fahrplangefüge westlich der Leine so umzugestalten, dass es eine neue Flügelung geben wird, nämlich in Bodenfelde in Richtung Göttingen einerseits und in Richtung Nordhausen andererseits, kommt natürlich niemand.
Vier Umstiege, dass ist das endgültige Aus für diese alte Fahrplanachse. Einst gab es hier durchgehende Züge aus dem Ruhrgebiet bis nach Walkenried, noch nach der Wende auch bis nach Nordhausen. Dann kam die „Regionalisierung“, und ähnlich wie heute bei Corona begann jedes Bundesland und jeder Aufgabenträger sein eigenes Süppchen zu kochen, wodurch das eigentliche Ziel der Bahnreform, nämlich mehr Fahrgäste für das gesamte System Bahn zu gewinnen, vollkommen aus dem Auge verloren wurde. Hinzu kommt die kleinliche Zerlegung früher durchgehender Achsen qua Ausschreibung von „Teilnetzen“ in leichter verdauliche Häppchen für einzelne Verkehrsunternehmen – kaum noch verdaulich allerdings für die nicht bahnaffinen Reisenden (und das sind immer noch über 80 %), den es zu gewinnen gilt. In Verbindung mit der notorischen Unzuverlässigkeit der Bahn infolge einer verkommenen Infrastruktur („unsere tägliche Weichenstörung“ heißt es schon beim Hessischen Rundfunk) schreckt das jeden potenziellen Fahrgast ab.

Die Länder haben es in der Hand – und tun nichts


Wir reden hier einmal vom reinen Fernverkehr. Da haucht uns, wenn wir die Rede auf durchgehende Verbindungen auch in Urlaubsgebiete bringen, umgehend der eisige Wind der Wirtschaftlichkeit an. Keine Ausrede ist billig genug, um das abzubiegen – jedenfalls im Harz, wo kein Verkehrsminister wohnt und auch kein Staatssekretär seinen Wahlkreis hat. Dort geht das nämlich wunderbar.
Hierein Hoffnung zu setzen, ist jedenfalls – und in Anbetracht der katastrophalen Weiterzerlegung der Fernverkehre im „Deutschland-Takt“, dort noch gekoppelt an extrem knappe und somit von vornherein völlig illusorische Umsteigezeiten – kühn bis hoffnungslos. Zumal die am Harz beteiligten Bundesländer hierfür keine Hand rühren. Der Harz ist eben buchstäblich eine Randerscheinung.

Dann reden wir aber auch vom so genannten Nahverkehr. Der muss angesichts des fortschreitenden und auch durch den „Deutschland-Takt“ keineswegs gebremsten, sondern eher noch beschleunigten Rückzugs des Fernverkehrs aus der Fläche ja für alles andere herhalten und ist somit schon lange kein „Nahverkehr“ mehr, sondern frei nach Clausewitz die Fortsetzung des Fernverkehrs mit anderen Mitteln, nämlich Regionalisierungsmitteln, die dann wieder an anderer Stelle fehlen. Der Bund stiehlt sich mittels des „Deutschland-Taktes“ ja immer weiter aus seiner Verpflichtung, für alle Landesteile gleichermaßen zu sorgen, und macht sich zum Vorreiter rasender Verbindungen ausschließlich zwischen Metropolen – möglichst unter weiterer Eliminierung bisher noch halbwegs nutzbarer Zwischenhalte: Minden – raus, Stendal – raus, Wolfsburg - ?
Auch Göttingen soll Federn lassen und von mindestens einer ICE-Linie durchfahren werden. So sieht „Förderung der Fläche“ à la Andreas Scheuer und Enak Ferlemann aus.
Auch um Hannover kann man ja gut herumkurven – die 96er spielen ja auch bald in der dritten Liga.

Der Nahverkehr ist, siehe oben, in den letzten Jahren überall dort atomisiert worden, wo sich keine Hand für durchgehende Leistungen gerührt hat

Also auch und vor allem rund um den Harz. Während anderswo über eine Stärkung des „Bremer Kreuzes“ mittels natürlich durchgehender Züge von Hannover nach Wilhelmshaven sinniert wird oder Fernverkehrszüge für Nahverkehrstickets freigegeben werden und somit – wiederum mit Regionalisierungsmitteln – der Fernverkehr, solcherart gestützt, in vorgeblich unwirtschaftliche Regionen vordringt, wurde und wird hier munter zerhackt, was vormals durchgehend war:
• Hannover – Goslar – Halle ist das Paradebeispiel,
• gefolgt von der unnatürlichen Brechung der West-Ost-Züge in Kreiensen und Bodenfelde.
• Im Ranking der verpassten Gelegenheiten folgen dann u.a. die bisher erfolgreich verhinderten Durchbindungen wie Magdeburg – Goslar – Göttingen oder
• Uelzen – Braunschweig – Herzberg.
• Auch Wolfsburg – Magdeburg – Aschersleben bzw.
• Sangerhausen – Erfurt ist ein solches Beispiel.
Überall muss zusätzlich umgestiegen werden, wird ein großer Knoten mit überflüssigen Rangier- und Abstellfahrten belastet, die schlicht unterblieben, wenn der Zug nach kurzem oder längerem Aufenthalt seine Fahrt fortsetzen könnte.

Ein Beispiel übelster Art liefert im Dezember der NVV in Kassel ab.


Vor wenigen Monaten erst hatte man den Fahrplan zwischen Göttingen und Bebra glattgezogen und die Sinnlos-Aufenthalte in Eschwege eliminiert, weil in Bebra ein zweiter, um 30 Minuten versetzter Knoten eingerichtet wurde. Nun heißt es ab Dezember 2021: Kommando zurück! Schlimmer noch: Nun erhalten praktisch alle Züge in Eschwege einen dreißigminütigen Zwangshalt, damit man in Bebra wieder den anderen Taktknoten ansteuern kann. Klar: Der neu eingerichtete ist von minderem Nutzen, weil die Züge nach Süden bereits in Bad Hersfeld enden – ohne Anschluss nach Fulda. Nun zerschlägt man die Sache wieder und macht die Strecke Göttingen – Eichenberg – Bebra für jegliche Art durchgehender Verkehre vollkommen unbrauchbar. Sinnvoll ist sie einzig und allein für Leute, die Eschwege als Ziel oder Startpunkt haben. Durch die nordhessische Brille gesehen vielleicht ok, gesamthaft betrachtet eine Katastrophe, weil man die Reisenden buchstäblich in die ICE hineinprügelt, indem man jedwede andere Reisemöglichkeit abschafft. Herzlichen Glückwunsch. Die Südharzer haben leider Pech, wieder einmal. Nachdem schon die Umsteigeverbindungen über Göttingen nach Kassel und Bebra abgeschafft wurden, trifft es nun auch die bislang recht guten Umsteigeverbindungen über Eichenberg: Über diesen Knoten erreicht man nun maximal noch – Eschwege… Eine hübsche Stadt, aber mit knapp 30.000 Einwohnern dennoch kein wirkliches Ziel. Der Umsteigeknoten Bebra hingegen rückt in immer weitere Ferne.

Für die nächsten Fahrplanjahre zeichnen sich am Harzer Horizont Null Komma Null Verbesserungen ab, was die Anbindung an so aufkommensstarke Räume wie das Ruhrgebiet, Hamburg, Berlin, Frankfurt, die Niederlande betrifft.
Keine Verdichtungen der Fahrpläne, die einiges erträglicher machen würden, und schon gar keine Durchbindungen. Eher dürfte das Gegenteil der Fall sein.

Wir müssen also weiterhin und noch viel mehr Druck machen, wenn der Harz nicht zu einer Elektrozapfsäulen-Wüste werden soll, weil man ihn anders als mit dem eigenen Auto kaum bequem erreichen kann.

Michael Reinboth


Viele Grüße

Burkhard Breme
Initiative "Höchste Eisenbahn für den Südharz"
37431 Bad Lauterberg

E-Mail: burkhard.breme@suedharzstrecke.de
Internet: http://www.suedharzstrecke.de
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