Buchvorstellung: Memoirs of Carl Wippo – Ein Auswanderer aus Peine erinnert sich (von Matthias Blazek)

Wie so viele andere in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wanderte auch Carl Wippo nach Amerika aus, um dort ein neues Leben zu beginnen.
 
Er lebte in der kleinen Stadt Peine im Königreich Hannover, das von dem Welfen Ernst August regiert wurde. Nicht selten besuchte dieser seine Untertanen in den Dörfern und war darum bei diesen sehr beliebt.
 
Allerdings stand der König den Errungenschaften der neuen Zeit sehr skeptisch gegenüber. Das Pferd sollte Konkurrenz bekommen. Die Dampfeisenbahn wurde eingeführt. (Hier ein Urgroßvater von mir bei Wittingen.)
Peine: Der Auswanderer Carl Wippo erinnert sich... | Wohl nicht wenige Menschen haben unter den verschiedenen Linien ihrer Vorfahren Familienmitglieder, die irgendwann im 19. Jahrhundert ausgewandert sind, die die deutschen Lande vorübergehend oder meistenteils für immer verlassen haben. Immerhin machen sie über ein Viertel der damaligen Einwohnerzahl Deutschlands aus. In erster Linie waren es wirtschaftliche Gründe, die dazu führten. Gerade in der Mitte dieses Jahrhunderts kam es zu Missernten und sogar zu Hungersnöten. Die Teuerungsrate war hoch. Es gab eine gescheiterte Revolution, von der das Königreich Hannover allerdings nicht besonders betroffen war, da König Ernst August eingelenkte und 1848 die friedlichste Verfassung im Deutschen Bund unterschrieben hatte. Natürlich war es auch das starke Bevölkerungswachstum, das zum Verlassen des Landes beitrug. Die medizinische Versorgung war besser geworden, die Sterbensrate wurde immer geringer. Bei zunehmender Lebenserwartung hatte eine Familie durchschnittlich fünf Kinder. Sie alle mussten ernährt werden, wollten einen Arbeitsplatz haben. Doch den gab es für viele nicht mehr. Hauptsächlich waren es Kleinbauern und Handwerker, die davon betroffen waren. So kam es, dass von den etwa 22 Millionen Einwohnern Deutschlands sechs Millionen emigrierten. Die meisten von ihnen in die USA.
Von diesem gelobten Land hatte man Wunderdinge gehört. Dort gab es Arbeit genug. Es gab Land bis weit, weit hinter den Horizont. Und dort irgendwo im Westen wurde sogar Gold gefunden. Eine Familie konnte ernährt werden, und dort konnte man in ein neues Leben starten. Das war Anreiz genug der Heimat den Rücken zu kehren, alles hinter sich zu lassen, einen Koffer zu packen, sich eine teure Fahrkarte zu kaufen und von Hamburg oder Bremerhaven aus mit einem Auswanderungsschiff, entweder Dampf- oder Segelschiff, auf den Weg über den großen Teich zu machen.

Vor diesem Hintergrund nun spielt sich die Geschichte von Carl Wippo ab, der einer dieser Auswanderer war. Aus der knapp 4000 Einwohner zählenden Stadt Peine im Königreich Hannover machte er sich im Jahr 1852 auf den weiten Weg in ein neues Leben. Und er hat es verstanden, obwohl er nur ein einfacher Handwerker war, mit der Feder den wohl wichtigsten Abschnitt seines Lebens zu Papier zu bringen und für die Nachwelt zu erhalten. Dieses hat Wippo mit dem Vorsatz getan, das Aufgeschriebene nicht zu publizieren, wie er selber schrieb, sondern zur Erinnerung und Belustigung der eigenen Familie.
Doch damit dessen schöne und interessante Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, hat sie der Heimatforscher und Journalist Matthias Blazek aus Celle editorisch aufbereitet und in einen kurzen historischen Kontext eigebettet, der allerdings eher etwas für Heimatforscher ist, geht er doch sehr ins Detail. Doch das sind nur wenige Seiten. Der Großteil des Buches stammt aus der Feder von Carl Wippo, der diesen Abschnitt seines Lebens authentisch in dem ihm eigenen Stil des 19. Jahrhunderts erzählt.
Wer an Heimatkunde interessiert ist, am Leben im damaligen Königreich Hannover, am Bau der ersten Eisenbahnlinien oder wer Auswanderer in seiner Familie hat, für denjenigen ist dieses Buch die passende Lektüre. Doch in erster Linie geht es darin um zwei Menschen, eben Carl Wippo selber und seine große Liebe Dorette Meyer.

Carl Wippo hatte bei seinem Vater in Peine das Sattlerhandwerk gelernt. Doch als das Geschäft die Familie nicht mehr ernähren konnte, gab es doch diverse Sattlermeister in der kleinen Stadt, zogen die drei Männer der Familie aus, um ihren Lebensunterhalt beim Bau der gerade eingeführten Eisenbahn zu verdienen. Und dabei blieb Sohn Carl zunächst hängen. Im Raum Celle war er am Bau von Brücken über der Fuhse und der Aller beteiligt. So kam es, dass er dort in der Gegend irgendwo Quartier beziehen musste. Er landete südlich von Celle auf dem Gutshof Müggenburg. Auf diesem wuchs ein junges Mädchen namens Dorette Meyer auf, in das sich Carl sofort unsterblich verliebte. Doch der Eisenbahnbau zwang ihn zu Ortswechseln. Unter Liebesschwüren waren die beiden dazu gezwungen sich zu trennen, waren sie für eine feste Bindung doch noch zu jung und Carl verdiente viel zu wenig, schworen sich aber aufeinander zu warten.
So verloren sie sich aus den Augen, kamen aber im Laufe von Jahren immer mal wieder kurz zusammen, um schließlich voneinander zu lassen, hatte doch Dorette aus verschiedenen Gründen Carl zweimal einen Korb gegeben. Im weiteren Leben lernten beide auch andere für eine Partnerschaft infrage kommende Personen kennen. Doch Carl konnte sich für keine andere entschließen, ließen ihn doch die Gedanken an Dorette nicht los.
Schließlich zog es Carl Wippo wie so viele andere auch über den großen Ozean nach Amerika. In Chicago baute er sich eine neue Existenz auf, holte auch seine Eltern nach. Doch Dorette wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. So unternahm er schließlich nach Jahren den Versuch, wieder Verbindung zu ihr aufzunehmen. Dorette, die nach verschiedenen Ortswechseln innerhalb des Königsreichs über Celle, Langenhagen, Seesen und Holzminden bis nach Bremen hin, sogar kurz vor einer festen Bindung stand, fiel nach Carls Anfrage, ob sie denn noch frei sei und ihn immer noch liebe und vielleicht sogar wolle, aus allen Wolken.

Carl Wippo, der doch kein studierter Mensch war, schreibt im flüssigen Stil den für ihn so wichtigen zehnjährigen Abschnitt seines Lebensweges auf. Das Schreiben, man merkt es, muss ihm leicht von der Hand gegangen sein. Und auch Dorette, deren Briefe wir lesen können, geht es nicht anders. Man ist immer gespannt darauf, wie sich die Geschichte entwickeln wird, wie es weitergehen wird und wie sie dann endlich zueinander finden werden, denn dass dieses geschehen wird, steht von Anfang an fest. Und so hat man das kleine Buch leider viel zu schnell durchgelesen. Und es ist für die Historie wichtig, dass nicht nur die große Geschichte erhalten bleibt, sondern auch die kleinen Geschichten, geschrieben von ganz normalen Menschen, die das ganz alltägliche Leben vor dem Hintergrund vergangener Zeitabschnitte beschreiben. Erst dann kann man sich in diese Zeiten so richtig hineinversetzen, in der unsere nahen Vorfahren gelebt haben und bekommt eine Vorstellung von deren Welt.
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