Als Telgte Trauer trug – Beim Peiner Grubenunglück vor 70 Jahren starben 44 Bergleute

Blick auf Telgte um 1960
 
1951 - Die Fördertürme 5 Jahre nach dem Unglück
Im ersten Nachkriegswinter hatte es gravierende Probleme mit der Ernährungslage in Deutschland gegeben. Sie trafen nicht nur die heimische Zivilbevölkerung in Peine, welches bekanntlich kampflos dem „Feind“ übergeben worden war, und so vom alliierten Bombenhagel weitgehend verschont blieb, auch die eintreffenden Flüchtlinge aus dem Osten litten zusätzlich. Im Winter 1945/46 wiesen die Militärbehörden zudem noch irische und schweizerische Nahrungsmittelspenden ab, die ausdrücklich für Deutschland bestimmt waren, und empfahlen den humanitären Organisationen, ihre Güter in andere bedürftige Länder Europas zu schicken. Brennstoffe und bezahlte Arbeit waren ebenfalls kaum vorhanden! Ausgerechnet in dieser entbehrungsreichen Zeit ereignete sich ein schweres Grubenunglück auf Peine-Telgte.
Auf den alten Schachtanlagen Peine I und II der Erzgruben in Telgte (eigentlich auf Vöhrumer Gebiet) von 1939 herrschte fast schon wieder Aufbruchstimmung. Im Februar 1946 sollte wieder Erz gefördert werden! Am 22. Januar 1946 drehten sich bereits die Förderräder. Jedoch ein tragisches letztes Mal für 44 Kumpel zum Feierabend ihrer Schicht unter Tage, denn das zuvor gekürzte Förderseil (das Kürzen war regelmäßig erforderlich wegen der Seil-Dehnung) löste sich plötzlich, da kein hinreichender Belastungstest durchgeführt worden war! Der Korb mit 45 Bergleuten raste ungebremst zurück in die Tiefe!
Überlebt hat das schwere Grubenunglück nur der damals 17 Jahre junge Bergmann Karl-Heinz Meine, der sich in der Vöhrumer Ortschronik an den bis dato schwärzesten Tag der Peiner Bergbaugeschichte erinnerte: „Um 5 Uhr verließ ich das Haus um zur Arbeit zu gehen. Es war ein kalter Tag, Wege und Felder waren tief verschneit. Die Schicht (unter Tage) selbst verlief ohne besondere Ereignisse... Wir standen in langer Reihe und warteten auf den Beginn der Seilfahrt. Unruhe und Missmut machten sich breit, doch dann ging es endlich los … und mit einer Geschwindigkeit von 6 m je Sekunde ging es nach oben. Einer der Kumpels hatte ein Lied angestimmt, und Alle sangen fröhlich mit. Schließlich war jetzt Feierabend. Ich weiß nicht, in welcher Höhe der Förderkorb sich gerade befand, als mit einem Schlag alle mitgeführten Karbidlampen verlöschten und gleichzeitig der Gesang verstummte. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass der Korb nicht mehr aufwärts fuhr, sondern nach unten fiel. Unwillkürlich habe ich mich geduckt, denn ich dachte, dass jeden Augenblick der Aufschlag erfolgen müsste. In diesem Moment muss ich das Bewusstsein verloren haben. Als ich aus meiner Bewusstlosigkeit erwachte, brauchte ich einige Zeit, um mich wieder zurechtzufinden. Erst dann wurde mir klar, dass der Förderkorb abgestürzt war. Um mich herum war es still und stockdunkel. Ich hatte das Gefühl, im Wasser zu liegen. Krampfhaft versuchte ich mich nicht zu bewegen, weil ich Angst hatte, dann weiter abzustürzen. Danach habe ich um Hilfe gerufen. Nach langer Zeit, so kam es mir zumindest vor, sah ich von oben Lichter kommen. Als die Helfer dann endlich bei mir waren, war ich unsagbar froh, … Die Ausmaße des Unglücks wurden mir erst so recht bewusst , als ich nach meinen Kameraden fragte. Ich erfuhr, dass außer mir keiner überlebt hatte.“
Vor dem Tor der Schachtanlage sollen sich damals ergreifende Szenen unter den Angehörigen der 44 getöteten Bergleute abgespielt haben. Anders als bei späteren Grubenunglücken, gab es jedoch 1946 keinen großen Medienrummel um das Unglück. Peine hatte noch keine reguläre Nachkriegs-Tageszeitung und das Fernsehen steckte noch tief in der Entwicklung.
Ein Denkmal auf dem katholischen Friedhof in Telgte erinnert an das Unglück. Es ist das Halbrelief eines mehr als zwei Meter großen Bergmannes, flankiert von Tafeln mit den Namen der beim Grubenunglück ums Leben gekommenen Bergleute.
Doch das Leben ging weiter! Um 1957 waren bereits wieder über 900 Bergleute beschäftigt. Dabei wurden besonders Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten als Arbeiter eingesetzt. 1968 wurde der Schacht Peine letztlich stillgelegt und um 1974/75 abgerissen.
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10 Kommentare
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Wilhelm Heise aus Ilsede | 18.02.2016 | 13:49  
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Peter Perrey aus Neustadt am Rübenberge | 18.02.2016 | 15:34  
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Ingeborg Behne aus Barsinghausen | 18.02.2016 | 15:55  
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Romi Romberg aus Berlin | 18.02.2016 | 23:05  
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Peter Perrey aus Neustadt am Rübenberge | 19.02.2016 | 10:05  
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k. B. aus Peine | 27.04.2016 | 20:12  
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