Turner begeistern in Esperanto

Artem, Thomas, Martin und Daniel bei einer ihrer leichtesten Übungen. (Foto: Turn- und Sportfördergesellschaft mbH)
 
Circolombia bei ihrem Schleuderbrett-Höhepunkt (Foto: Turn- und Sportfördergesellschaft mbH)
 
Vanessa und Sven machen Partnerequilibristik. Sven übernimmt dabei genau einmal die klassische Männerrolle - und zwar hier. (Foto: Turn- und Sportfördergesellschaft mbH)
Die Spitzenturner vom TUI Feuerwerk der Turnkunst begeisterten das Publikum am Freitag, 10. Januar 2014, in der ausverkauften Olympiahalle in München mit ihrer Show „Esperanto“. Die von Regisseurin Heidi Aguilar hervorragend choreografierte Show mit spektakulärer Akrobatik, einer gelungenen Musikauswahl inklusive atmosphärischem Live-Gesang von Olivia Irmengard Grassner sowie einer perfekt dosierten Prise Humor durch Claude Criblez, machte „Esperanto“ zu einer kurzweiligen, actiongeladenen und absolut sehenswerten Veranstaltung.

Die Bandbreite der gezeigten Darbietungen umfasste mitunter klassische Turndisziplinen, beispielsweise von der Niederländerin Sanne Wevers am Balken, rhythmischen Sportgymnasten der Aomori University aus Japan, die unfassbare Synchronität zeigten oder von vier Männern am Reck, die zudem an einer Kombination aus Trampolin und doppeltem Barren ihre Kunststücke vollführten. Artem Ghazarian, Thomas Greifenstein, Martin Koneczny und Daniel Radovesnicky wurden dafür schon mit starkem Applaus belohnt, als Zuschauer mit hohen Erwartungen richtig vermuteten, dass das bisher Gezeigte quasi erst das Aufwärmprogramm war. Spätestens bei den ineinander verkeilten Liegestütze auf dem Doppelbarren waren dann auch diese Zuschauer aus dem Häuschen.

Augen zu, Stuhl hoch

Der kreativen Vielfalt waren hinsichtlich Akrobatik und Inszenierung fast keine Grenzen gesetzt. Chilly & Fly zeigten eine erotisch aufgeladene Akrobatiknummer auf einem drei Meter hohen Podest, dem „Corean Cradle“, bei der sie zum Schluss mit Augenbinde und viel Vertrauen in den Partner durch die Luft wirbelte. Das kanadische Duo war ebenso wie der Chinese Rui Ling, der den französischen Chanson "Je suis malade" an den Strapaten interpretierte, schon im Cirque du Soleil zu sehen. Richtig cool kamen auch die ehemaligen Straßenkinder aus Cali (Kolumbien) rüber, die im Rahmen von Esperanto unter dem Projektnamen Circolombia eine faszinierende Hand-Voltige-Nummer darboten und nach der Pause einen mit südamerikanischem HipHop performten Schleuderbrett-Auftritt mit finalem Megasprung absolvierten, bei dem zwei Springer ein Teammitglied auf einen vom Kollegen getragenen Stuhl in weit über drei Metern Höhe katapultierten.

Was ist Mallakhamb? Spektakulär!

Extravaganz versprühten Narendra Gade und Mayur Villas Dalal aus Indien, die dem Publikum in der Münchner Olympiahalle nacheinander am „Indian Pole“ einen Einblick in den in ihrem Heimatland populären turnerischen Mehrkampf Mallakhamb gaben. Dabei konzentrierten sie sich auf den „Indian Pole“, einen Holzstab, an dem sie krasse Körperbeherrschung demonstrierten, die europäischen Zuschauern schmerzhaft und zum Teil physikalisch fast unmöglich erscheinen. Einen Hauch von Talentshow lieferten die aus TV-Sendungen bekannte New Power Generation (Schauturnformation aus „Got2Dance“) im Ganzkörper-Zebralook und die zum Song „Chasing Cars“ emotionale Nummer von FateFusion (Rollstuhl-Partnerakrobatik aus „Das Supertalent“), bei der eine Kunstturnerin mit ihrem seit einem Motorradunfall im Rollstuhl sitzenden Partner zu einer wunderschön anzusehenden Einheit verschmolz. Für Staunen sorgte auch das deutsche Akrobatik-Duo Vanessa Baier und Sven Böker. Durch einen Rollentausch - sie bildet in der klassischen Männerrolle als Topf die Basis der Partnerakrobatik, er übernimmt die Aufgabe des veredelnden Deckels, ausgenommen bei einer Figur – überraschte das Duo und zeigte unter anderem eine Figur, bei der Sven einen Spagat auf den Fußsohlen von Vanessa darbot, die ihn auf dem Boden liegend dabei nicht nur in die Höhe stemmte, sondern dabei noch so drehte, dass alle Seiten im weiten Rund das Kunststück sehen konnten.

Jenga für Artisten und fliegende Tiere für die Lachmuskeln

Außerdem wirbelten die Rhönradturner des ReCircle Collectives mit olympisch bunt leuchtenden Cyr-Wheels sowie später als Quintett an einem „Zig“ genannten Mehrpersonen-Rhönrad über die Bühne. Dann waren da noch das Duo Hand 2 Stand aus Kanada, der japanische Seilspringer Ryo Kagoshima sowie die Ukrainerin Viktoria Gnatiuk, die sich auf den Händen stehend einen wackligen Turm aus Bauklötzen hinauf turnte, den sie parallel baute. Als lokale Turngruppen traten zum Auftakt die tanzenden TGM-Mädels (Turnjugend-Gruppen-Meisterschaft) des TSV Dorfen sowie das Showteam des Bayerischen Turnverbands auf. Olivia Irmengard Grassner unterstützte mehrere Akrobatikeinlagen, die häufig auch vom Showteam des Feuerwerks der Turnkunst mit Akteuren des Niedersächsischen Turner-Bundes stimmig flankiert wurden, mit starkem Gesang und sorgte damit für den roten „Esperanto“-Faden – auch durch ihren in dieser Weltsprache verfassten Titelsong. Diesen roten Faden sponn auf humoristischer Ebene zudem Claude Criblez mit seinem Flugzoo. Mit seinen heliumgefüllten, „turnenden“ Ballontieren Fisch und Katze, kombiniert mit seiner Schweizer Gelassenheit aktivierte er Lachmuskeln, die schon lange nicht mehr so herzhaft beansprucht wurden. Dabei bezog der Unterhalter, der von Begrüßung und Gesang abgesehen, als Einziger in der Show redete, das Publikum gekonnt und charmant ein. So platzte seiner fliegenden Katze erst der Schwanz als ein Zuschauer sie steuerte, ehe ihr der Kopf davonschwebte. „Der Mann hat meine Katze zu Schrott geflogen“, meinte Claude Criblez mit seinem Schweizer Akzent lapidar, während er seinen Nachfolger als „super Katzenpilot“ lobte.

Fazit: Vielfältige Artistik, temporeich inszeniert, witzig und atmosphärisch veredelt

Das Opening von „Esperanto“ mit Musik und ganz vielen Athleten gleichzeitig auf der Bühne, stellte den Betrachter vor die Frage „Wohin gucken?“. Im Verlauf der Show gingen selbst Umbauaktionen so schnell, dass keine Sekunde Langeweile in den rund 2,5 Stunden Darbietungen aufkam und während eines Auftritts liefen die Zuschauer schon beim Blinzeln Gefahr, einen Höhepunkt zu verpassen. Zum Finale holten sich dann meist je zwei Artisten/Gruppen ihren wohlverdienten Applaus ab, ehe die neun Dänen von Jumping DNA, die zuvor bereits eine Rotlicht-Hafenszene auf der Tumblingbahn interpretiert hatten, ihre Minitrampolin-Flugshow fortsetzten. Derweil erinnerte sich der Zuschauer wieder begeistert an die Auftritte der gerade einlaufenden Teilnehmer aus aller Welt und kam unweigerlich zum Fazit, eine phänomenale Show gesehen zu haben. [Hinweis: Alle hier gezeigten Fotos sind von der Premiere des TUI Feuerwerk der Turnkunst 2014 in Oldenburg.]

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1 Kommentar
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Michael Stauner aus Neusäß | 11.01.2015 | 22:27  
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