Stolpersteine für Wehrda

Stolpersteine zur Erinnerung an die jüdische Familie Hess in der Mengelsgasse in Marburg-Wehrda.
 
Vorbereitende Arbeiten durch Vertreter der Stadt (Foto: Barbara Wagner)
Marburg-Wehrda. Erstmals wurden vor kurzem in Marburg-Wehrda sogenannte „Stolpersteine“ zur Erinnerung an die während der Nazi-Diktatur vertriebenen, entrechteten bzw. ermordeten jüdischen MitbürgerInnen verlegt.

Ein Artikel in der Oberhessischen Presse zur geplanten Verlegung solcher Steine in Stadtallendorf erinnerte mich daran, dass schon im Jahr 2007 der Heimatforscher Dieter Woischke eine Dokumentation über das Schicksal jüdischer Menschen in Wehrda erstellt hatte. So ergriff ich die Initiative und organisierte zusammen mit der Geschichtswerkstatt Marburg und dem Geschichts- und Kulturverein (GKV) Wehrda eine Stolpersteinverlegung für 8 jüdische BürgerInnen in Wehrda.

Durch Befragung von Zeitzeugen, Vergleich von alten und derzeitigen Hausnummern und Straßennamen konnten die damaligen Wohnsitze der Familie Heß in der Mengelsgasse 4, der Familie Buxbaum in der Goßfeldener Str. 1 und von Dr. Heinrich Berger im Oberweg 21 herausgefunden werden.

Bertha Heß war eine geborene Stern und erblickte 1870 in Wehrda das Licht der Welt. Die Familie Stern erhielt schon 1816 die Bürgerrechte und wohnte in der heutigen Straße Rosengarten. Sie war mit Levi Heß, geb. 1873 in Oberaspe verheirat. Sie hatten 3 Kinder: Gerda (geboren 1901), Adolf (geb. 1906) und Ernst (geb. 1910). Letzterer war schon vor der NS-Zeit nach Amerika ausgewandert.

Die Familie Heß war in Wehrda angesehen und beliebt. Adolf Heß war Mitglied im Radfahrverein und im Gesangverein. Wenn die Nachbarsfrauen mal krank waren, kochte Frau Heß für die Nachbarn das Essen mit.
Levi und sein Sohn Adolf arbeiteten als Viehhändler und Metzger in Wehrda. Ab dem Jahre 1933 wurde den Juden diese Berufsausübung zunehmend unmöglich gemacht, weil der Handel mit Juden verboten wurde. Adolf und Gerda Heß, nun verheiratete Stern wanderten 1937/1938 nach Amerika aus.

Bertha und Levi Heß zogen auf Druck der Behörden nach Frankfurt/Main. Bertha starb 1940 im Alter von 70 Jahren an „Herzschlag“, Levi wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und im KZ Treblinka in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet. Insgesamt wurden in Treblinka mehrere 100 000 Juden vergast und verbrannt.

Irene Stern erblickte 1902 in Wehrda das Licht der Welt und heiratete den Viehhändler Julius Buxbaum, der 1904 in Stadtallendorf geboren wurde. Ihre Tochter Hannelore wurde 1930 geboren. Auch der Familie Buxbaum wurde die Existenz entzogen, indem der Handel mit ihr verboten wurde, Rechnungen nicht bezahlt und ständig behördliche Kontrollen vorgenommen wurden. Sie flohen aus Deutschland und erreichten am 5. Oktober 1937 die USA.

Aufgrund der guten Nachbarschaft sandten Sie von dort noch jahrelang Pakete an die Familie Löchel in der Goßfeldener Str. mit T-Shirts und Geld. Hannelore Buxbaum besuchte 1960 Wehrda, traf sich mit ihrer damaligen Spielkameradin Margarete Trier und lud sie nach Baltimore, USA ein.

Dr. phil. Heinrich Berger wurde 1874 in Breslau geboren, wo er 1907 seine Frau Meta heiratete. Nach seinem Studium der Neueren Sprachen und Promotion arbeitete er als Bibliothekar an der dortigen Universitätsbibliothek, ab 1914 in Marburg. Obwohl seine Frau sogenannte Arierin war, wurde er 1935 aus dem Staatsdienst beurlaubt und erhielt nur ein Ruhegehalt von knapp 30 % des ruhegehaltsfähigen Diensteinkommens. 1937 zogen seine Frau und er nach Wehrda in den heutigen Oberweg 21. Obwohl sich beide Söhne freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatten, wurde das Ehepaar Berger mit Hausdurchsuchungen schikaniert und durfte auch nicht den Luftschutzkeller nutzen. Er starb schon am 12.10.1939 angeblich an „Herzschlag“, laut Zeitzeugen aber durch Freitod.

An diesen drei Beispielen wird deutlich, welch grosses Unrecht den Juden durch die Nazi-Diktatur widerfuhr. Stolpersteine sollen daran erinnern und solche menschlichen Katastrophen zukünftig verhindern.

In Wehrda gab es u. a. durch Spenden für die Stolpersteine eine breite Unterstützung für dieses Anliegen. Anliegende Fotos zeigen die Teilnahme von Kirchenvertretern, Schulkindern und LehrerInnen der Waldschule Wehrda, der Stadträtin, Zeitzeugen, Ortsbeiratsvertretern und BürgerInnen.

Die zugehörige Broschüre, für die Barbara Wagner von der Geschichtswerkstatt Marburg verantwortlich zeichnet, wird im Internet unter www.geschichtsverein-wehrda.de oder unter www.geschichtswerkstatt-marburg.de abrufbar sein.
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Oberhessische Presse | Erschienen am 08.11.2014
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