Drei Texte zum Kriegsausbruch 1914.

Berlin, 1925.
 
Die beiden letzten Telegramme vom Willy und Nicky vor dem Krieg.
 
1
Leipzig 1922.

Die folgenden drei Texte, die mir dieses Jahr unter die Augen kamen, möchte ich hier vorstellen. Mag sich jeder seinen eigenen Reim darauf machen!

Nach der Rückkehr Kaiser Wilhelms II. von seiner Nordlandreise im Juli 1914 hatte Zar Nikolaus II. ihn in einem Telegramm um Vermittlung zwischen Rußland und Österrreich-Ungarn gebeten. Der Kaiser antwortete ihm darauf (30.7. 1914) mit dem Hinweis, daß die russische Generalmobilmachung ein Hindernis für seine mögliche Vermittlung darstelle. Der Zar stoppte daraufhin die Mobilmachung, setzte sie aber bald darauf auf Betreiben seines Außenministers Sasonow wieder in Gang.

Kaiser Wilhelm II. erinnert in seinem Buch "Ereignisse und Gestalten", Leipzig 1922, auf Seite 216 f. wie folgt an diese Ereignisse:

"Der Fürst Tundutow, Ataman der Kalmückenkosaken, zwischen Zarizyn und Astrachan residierend, vor und während des Krieges persönlicher Adjutant des Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch, kam im Sommer 1918 in das Hauptquartier in Bosmont, um Verbindung mit Deutschland zu suchen, da die Kosaken keine Slawen und durchaus Feinde der Bolschewiken seien. er erzählte, er sei von Nikolaj
Nikolajewitsch vor Kriegsausbruch zum Generalstab entsandt gewesen, um den Großfürsten über die dortigen Vorgänge auf dem laufenden zu halten. Auf diese Weise sei er Zeuge des berüchtigten Telephongespräches zwischen dem Zaren und dem Chef des Generalstabes General Januschkewitsch gewesen. Der Zar habe unter dem tiefen Eindruck des ernsten Telegrammes des deutschen Kaisers beschlossen, die Mobilmachung zu inhibieren. Er habe Januschkewitsch telefonisch befohlen, die Mobilmachung nicht auszuführen bzw. rückgängig zu machen. Dieser habe diesen klaren Befehl nicht ausgeführt, sondern bei dem Minister des Auswärtigen Amtes Sasonow, mit dem er seit Wochen in Verbindung gestanden, intrigiert und zum Kriege gehetzt habe, telephonisch angefragt, was er nun tun solle. Sasonow habe darauf geantwortet: Der Befehl des Zaren sei Unsinn, der General solle die Mobilmachung nur ausführen, er (Sasonow) werde den Zaren morgen schon wieder herumkriegen und ihm das dumme Telegramm des deutschen Kaisers ausreden. Daraufhin meldete Januschkewitsch dem Zaren, die Mobilmachung sei schon im Gange und nicht mehr rückgängig zu machen. Nun
fügte Fürst Tundutow hinzu: Das war eine Lüge, denn ich habe selbst neben Januschkewitsch den Mobilmachungsbefehl auf seinem Schreibtisch liegen sehen, er war also noch gar nicht abgesandt.



In den "Bemerkungen zum Bericht der Kommission der Alliierten und Assoziierten Regierungen über die Verantwortlichkeiten der Urheber des Krieges", die u.A. von Max Weber während der Friedensverhandlungen in Versailles am 27. Mai 1919 verfaßt worden sind, findet sich folgende Bemerkung über die Bedeutung der Russischen Generalmobilmachung für Deutschland:
" ... ändert aber nichts an der Tatsache, daß nach Bekanntwerden der russischen Mobilmachung sofort auch mit der französischen, also dem KRIEGE NACH ZWEI FRONTEN gerechnet werden mußte. Diese Auffassung wird nachträglich durch die nunmehr bekannten Bestimmungen der russisch-französischen Militärkonvention vom 17. August 1892 bestätigt, wo im Falle der Mobilmachung auch nur einer Macht des Dreibunds (und Österreich-Ungarn hatte ja bereits am 28.7. gegen Serbien mobilgemacht, was Rußland jedoch auch auf sich bezog. HR) die unverzügliche und gleichzeitige Mobilmachung der gesamten französischen und russischen Streitkräfte und deren schleuniger Einsatz zu entscheidendem Kampfe (ces forces s´engageront à fond, en toute diligence) vereinbart ist." Hervorhebung von den Autoren.
Rußland hatte bereits am 24.7. für die Regionen Kasan, Odessa, Moskau und die baltische Flotte die Generalmobilmachung angeordnet. Die Generalmobilmachung aller russischen Streitkräfte wurde am 31.8. publiziert, worauf Deutschland per Ultimatum deren Rücknahme bis zum 1.8. 12h forderte. Da die Rücknahme ausblieb, folgte am 1.8. 17h deutscher Zeit die deutsche Generalmobilmachung und die Kriegserklärung an Rußland. Exakt zur gleichen Zeit (16h Paris,, dort galt damals WEZ) erfolgte die französische Generalmobilmachung.





Im Jahre 1911 hatte der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch in Davos einen hochrangingen russischen Politiker wegen eines Lungenabszesses zu behandeln. Nach einem Gespräch mit dem Patienten, der sehr gut Deutsch sprach, entschloß er sich zur Operation. Er versuchte, in die Psyche des Erkrankten einzudringen, begann eine Plauderei und dessen Zunge löste sich: "Mir fiel auf, daß er reichlich verdüstert war. Wie viele Kranke seiner Kategorie hatte er Furcht zu sterben. Als ich ihm lächelnd widersprach und ihm zusicherte, daß er am Leben bleiben würde, verdüsterte er sich noch mehr und sagte dann folgenden Satz:
"Sie tragen eine große Verantwortung! Ich muß am Leben bleiben! Denn ich habe eine gewaltige Aufgabe zu erfüllen!"
Ich schwieg. Selbstverständliche Diskretion verbot die Frage nach der Art dieser Aufgabe. Man hatte mir gesagt, daß der Mann incognito zu bleiben wünsche. Indes sprach er schon weiter, wandte mir sein Gesicht voll zu und sprach den furchtbaren Satz:
"Es ist meine Aufgabe, Deutschland zu vernichten!"
.... Auf sein Ersuchen kam ich nach geglücktem Eingriff noch einige Male zur Nachbehandlung nach Davos. Zu meiner Verblüffung fand ich vor dem Krankenzimmer jetzt Posten, es waren Tscherkessen. Tscherkessen standen auch vor dem Haus an jener Front, in der das Krankenzimmer des Russen lag. Jetzt wollte ich wissen, wer der Kranke war. Turban (den Operateur und Chefarzt HR)
mochte ich nicht fragen. Aber bald gelang es mir, zu erfahren, wer es war, der den furchterregenden Satz gesprochen hatte:
"Es ist meine Aufgabe, Deutschland zu vernichten!"
Es war S.D. Sasonow, der russische Minister für auswärtige Angelegenheiten.
"
(aus: Ferdinand Sauerbruch "Das war mein Leben" Bad Wörishofen 1951, Seite 186)

Es wäre sehr voreilig, anzunehmen, daß dieser "Auftrag" aus Rußland kam. Berücksichtigt man, daß Sasonow lange Zeit in London verbracht hatte, wird man wohl eher fündig. Englands Handel hatte durch seinen Hauptkonkurrenten Deutschland schwere Einbußen erlitten. Der gesamte ertragreiche englische Indigo-Handel war durch Markteinführung des Indanthren-Blau zusammengebrochen. Aber auch Rußland hatte vor dem Kriege hohes Wirtschaftswachstum produziert. Und das Meisterstück des höheren Managements ist und bleibt, die Konkurrenz sich gegenseitig vernichten zu lassen. Auch Österreich-Ungarn mit seiner hochmodernen Schwerindustrie in Böhmen war den britischen Handelsinteressen ein Dorn im Auge. Es steht jedenfalls fest, daß das entscheidende Ergebnis des
ersten Weltkrieges die Vernichtung der drei letzten auf den Christlichen Namen gegründeten Monarchien war.

Als dritten Text möchte ich einen kurzen Auszug aus W.I. Lenins Artikel im "Sozial-Demokrat" von 23.8. 1915 bringen. Der Artikel trägt die Überschrift "Über die Losung der vereinigten Staaten von

Europa.
" Er beginnt folgendermaßen: "In Nr. 40 des "Sozial-Demokrat" teilten wir mit, daß die Konferenz der Auslandssektionen unserer Partei beschlossen hat, die Frage der Losung "Vereinigte Staaten von Europa" bis zur Erörterung ihrer ökonomischen Seite in der Presse zu vertagen.

Die Diskussion über diese Frage hatte auf unserer Konferenz einseitig politischen Charakter angenommen. Das war zum Teil vielleicht dadurch hervorgerufen, daß diese Losung im Manifest des Zentralkomitees direkt als politische Losung formuliert ist ("die nächste politische Losung ..." - heißt es dort), wobei nicht nur von republikanischen vereinigten Staaten von Europa gesprochen, sondern noch speziell betont wird, daß diese Losung sinnlos und verlogen ist, "wenn die deutsche, die österreichische und die russische Monarchie nicht auf revolutionärem Wege beseitigt werden."

...... Ist jedoch die Losung der republikanischen Vereinigten Staaten von Europa im Zusammenhang mit dem revolutionären Sturz der drei reaktionärsten Monarchien Europas, an ihrer Spitze der russischen, völlig unanfechtbar als politische Losung, ...".
" (Nach: W.I Lenin, ausgewählte Werke, Band 1, Berlin 1984, Seite 758)
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