Dumm gelaufen / Kurzkrimi

Dumm gelaufen

Tonio rückte sich sein Namensschild zurecht. Das Ding war schon wieder verrutscht. Zum verrückt werden. Vor einer Woche hatten sie die Schilder bekommen und mussten sie nun immer zum Dienst tragen. Na gut, so langsam würde er sich schon daran gewöhnen. Den Job hier hatte er nun schon seit circa zwei Jahren. Vorher war er einige Zeit arbeitslos gewesen. Keine schöne Sache. Anfangs fand er das ja noch in Ordnung. Lange pennen, bisschen lesen, bisschen in die City, bisschen in der Eisdiele sitzen, bisschen ins Kino, bisschen, bisschen … Dann ging es ihm irgendwann auf den Geist, das Geld wurde auch knapp. Freunde, mit denen er die Zeit verbringen konnte, hatte er auch nicht, Freundin schon mal gar nicht. Seit ihm Gaby den Laufpass gegeben hatte, war in der Hinsicht nichts mehr gelaufen. Na ja, dann hatte es ja immerhin mit dem Job geklappt. Nichts Großes, beileibe nicht. Als Hilfs-Hausmeister war er hier zuständig für alle kleineren Reparaturen. Die Sachbearbeiter, mit denen er dabei zu tun bekam, nahmen ihn kaum wahr. Er führte in der Verwaltungsbehörde im Lichten Holz ein ziemlich isoliertes Leben. Wenn nicht ab und zu der Hausmeister mit ihm ein Schwätzchen unter Kollegen halten würde, wäre er sich wahrscheinlich schon unsichtbar vorgekommen.
Obwohl … heute wäre er gerne unsichtbar. Na ja, die Sache würde schon funktionieren. Er hatte sich alles genau überlegt. Einfacher ging es überhaupt nicht. Er war soundso noch nie ein großer Planer gewesen, aber so wie er sich das gedacht, hatte war es die beste Methode. Schnell rein und schnell raus, bevor jemand überhaupt raffte, was Sache ist.
Er ging zum Fenster und schaute hinaus auf die kleine Bankfiliale direkt gegenüber. Die war ihm schon von Anfang an aufgefallen. Klein und fein. Nicht viel Publikumsverkehr, nur zwei Angestellte am Schalter. Dass es so was überhaupt noch gab. Ein Relikt aus einer anderen Zeit.
Die Knarre hatte er noch aus seiner aktiven Zeit, aus der Ära mit Bruno und seiner Gang. Tja, Bruno, der saß ja immer noch ein. Er selbst war vor drei Jahren wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden. Sein Bewährungshelfer hatte ihm den Job hier besorgt. Hätte der sich nicht für ihn eingesetzt, säße er immer noch auf der Straße. Eigentlich wollte Tonio tatsächlich den geraden Weg gehen und seine Vergangenheit endgültig hinter sich lassen, aber diese kleine Bank … die stach ihm schon ins Auge, sehr verlockend. Einmal ist keinmal.
Er hatte die Aktivitäten in der Bank schon seit Längerem beobachtet. Es arbeiteten dort zwei Angestellte. Ein Mann, eine Frau. Er, etwa fünfundvierzig Jahre alt, schlank, sportlich, mit Chefgehabe. Sie, circa fünfundzwanzig Jahre, sehr gute Figur, schlanker Wuchs, etwas zu kleine Nase, die beflissene Bankangestellte. Mittagspause war offiziell um 12:30 Uhr, sie verließ die Filiale aber immer schon eine halbe Stunde früher, während der männliche Angestellte die Bank Punkt halb eins schloss und sie dann verließ. Wieso die Tussi eine halbe Stunde früher ging, war ihm nicht ersichtlich geworden, war aber auch für sein Vorhaben absolut uninteressant. Er würde die Bank fünf Minuten vor der mittäglichen Schließung betreten und den geplanten Überfall ausführen. Zu diesem Zeitpunkt betrat keiner der Kunden die Bank, das hatte er die letzten vier Wochen recherchieren können. Die Kunden wussten von den Schließungszeiten, es schien als wolle keiner mehr kurz vor Schluss unnötigen Stress machen. Wie schön für ihn, dass die Angestellten ihre Kunden so gut erzogen hatten. Es würde also, außer ihm natürlich, nur noch der Bankangestellte in der Bank sein.
Tonio hatte sich das so gedacht: Vermummt rein, die Knarre dem Angestellten vorgehalten, Plastiktüte zuwerfen, alles freiliegende Papiergeld rein in die Tüte, dann schnell raus. Zum Hintereingang des Verwaltungsgebäudes rein, Tüte im Keller in das Versteck, dem Behälter für das Winterstreusalz, dann schnell wieder auf seinen Arbeitsplatz. Niemand würde den Bankräuber nur wenige hundert Meter entfernt vom Tatort vermuten. Wie er meinte, einfach und genial.
Er schaute auf seine Uhr. Es wurde Zeit. Er rückte seine Pistole, die er hinten im Gürtel trug, zurecht und überprüfte seine linke Jackentasche, in der er die Sturmhaube deponiert hatte. Er öffnete seine Jacke etwas, damit er die Pistole besser aus dem Gürtel ziehen konnte.

Kurze Zeit später befand er sich in der Bankfiliale. Er hatte die Sturmhaube über Kopf und Gesicht gestülpt und bedrohte den Bankangestellten mit der gezogenen Pistole. Dem gab er, mit der Aufforderung, diese mit Geld zu füllen, die Plastiktüte in die Hand. Der raffte alle Geldbündel, die er erhaschen konnte, zusammen, stopfte sie in die Tüte, Tonio riss sie ihm aus der Hand und verschwand wie der Blitz aus der Bank. In Windeseile lief Tonio über die Straße, verschwand hinter dem Verwaltungsgebäude und war im nächsten Moment im Keller verschwunden. Die Tüte mit dem Geld im Streusalzbehälter zu deponieren, war nur eine Frage von Sekunden. Hier ließ er auch seine Pistole und die Sturmhaube. Mit dem Fahrstuhl fuhr er in den dritten Stock und war in wenigen Minuten wieder an seinem Arbeitsplatz, dem kleinen Werkraum vor dem Aktenarchiv. Hier schaute er noch kurz aus dem Fenster zur Bank, um zu sehen, ob sich schon etwas tat. Dort passierte aber noch nichts. Hätte ihn auch gewundert, denn die ganze Aktion hatte ja nicht länger als fünf Minuten gedauert. So schnell waren die Bullen nicht, obwohl die Polizeidienststelle nur wenige Häuser entfernt war!
Er schnappte sich sein Werkzeug, das er sich vorher schon zurechtgelegt hatte, um den Wasserhahn in der Personaltoilette zu reparieren. Sein Herz schlug schnell, er atmete heftig. Nur schnell zur Ruhe kommen, sich nichts anmerken lassen! Als er nach wenigen Minuten wieder einen ruhigen Puls hatte, verließ er den Raum, ging den Flur hinunter, um mit seiner Arbeit zu beginnen.
Als er um die erste Ecke bog, wurden seine Schritte aber schon gestoppt. Vor ihm standen zwei uniformierte Polizeibeamte, beide mit gezogener Dienstwaffe. Der größere Beamte sprach ihn an: „Ah, Tag Herr Rummel, Sie suchen wir. Strecken Sie mal beide Hände nach vorne, damit ich ihnen Handschellen anlegen kann. Sie haben doch gerade die Bankfiliale gegenüber überfallen. Wenn Sie sich fragen, wieso wir das wissen und ihren Namen kennen, will ich Sie aufklären. Herr Fister, der Angestellte der Bank, hat ihn uns genannt. Er konnte ihn deutlich auf Ihrem Namensschild erkennen, dass sie so schön ordentlich an Ihrer Jacke befestigt haben!
Völlig verstört und verständnislos blickend ließ Tonio sich abführen.

© Rainer Güllich

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Oberhessische Presse | Erschienen am 14.07.2012
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Evelin Trontone aus Marburg am 09.07.2012 um 21:11 Uhr  
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