Die Chronik von Groß Lafferde und die alte Bernwardskirche

Turm der Bernwardskirche
 
Zeichnung aus der Böttcherschen Familienchronik. So könnte die alte Bernwardskirche ausgesehen haben. Sehr wirklichkeitsnah wird der Ursprungsbau auf dem abgebildeten Kirchensiegel sein.
Beim Lesen der Chronik sind mir erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt der Beiträge über die alte Bernwardskirche gekommen.

Der Autor der Chronik schreibt:

Zitat:
Klein aber fein – die alte Kirche
Beschreibung der alten Kirche in Groß Lafferde von Bertram (Geschichte des Bistums Hildesheim) Grammatik wie 1850:
Das Gotteshaus der Landgemeinde Gr. Lafferde bestand zumeist aus einem flach geduckten, langgestreckten Schiff, an welchem im Osten ein gerade geschlossener Chor und im Westen ein burgartiger Turm sich anschloß. Mehrfach findet sich auch eine halbrunde Apsis oder ein Chorabschluß am gewölbten Chor.
Da die starken massiven Thürme zugleich zur Verteidigung gegen feindliche Angriffe zu dienen hatten, so vermied man die Anlage größere Fensteröffnungen in ihren unteren Teilen. Im oberen Geschoß gelegte man an zwei oder an allen Seiten rundbogig geschlossene Öffnungen anzulegen, die man gärn durch Mittelsäulchen in zwei kleine Bogen auflägte.

Die eichene eisenbeschlagene Tür konnte fest verrammelt werden.
Als Bertram in seinem Buch um 1850 die Lafferder Kirche beschrieb, stand sie kurz vor dem Abbruch. Es wird eher eine Festung oder Burg als ein Gotteshaus dargestellt. Das Bauwerk war mittlerweile fast 500 Jahre alt, wobei das alte Kirchenschiff erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts an die Festung angebaut wurde.
Bis zu dieser Zeit nahmen die Lafferder in ihrer Kapelle am Gottesdienst teil. Das Gebäude war ein großer Fachwerkbau.
Zitat Ende


Der Verfasser des Werkes „Geschichte des Bistums Hildesheim“ war Adolf Kardinal Bertram“. Er wurde am 14.03.1859 in Hildesheim geboren, konnte also niemals den o.a. Artikel um 1850 verfasst haben. Sein erster Band erschien 1899.

Völlig unsinnig ist der Hinweis „Grammatik wie 1850“. Die merkwürdigen Worte „gelegte, gärn, auflägte“ beweisen lediglich, dass der Verfasser die in deutscher Schrift verfasste Abschrift Adolf Nülles nicht richtig zu lesen vermochte (pflegte, gern, auflöste). Die zitierte Stelle ist bei Kardinal Adolf Bertram, Geschichte des Bistums Hildesheim, Band 1, Seite 260/261 nachzulesen.

Bertram hat die alte Bernwardskirche in Groß Lafferde weder gesehen noch beschrieben. Als er geboren wurde (14.03.1859), war die neue Bernwardskirche schon eingeweiht (06.02.1859). Er beschreibt lediglich die einfache Bauweise typischer Landkirchen. Als „Proben“ nennt er im Okerbereich die Kirchen von Ohrum, Kniestedt und Dorstadt mit quergestelltem Turmdach, im Leinetal die Kirche von Rheden sowie die gotische Kirche von Achtum. Von Groß Lafferde ist nicht die Rede (Band 1, Kapitel „Rückblick“ Seiten 260/261).
Der Autor der Chronik vermittelt dem Leser einen völlig falschen Eindruck, indem er exakt die Worte Bertrams auf die Bernwardskirche projiziert.


Falsch ist die Aussage, dass eher eine Festung oder Burg, als ein Gotteshaus dargestellt wird. Bertram beschreibt lediglich typische einfache Landkirchen.
Ich habe noch keine mittelalterliche Kirche gesehen, die im unteren Turmbereich außer einer Eingangstür größere Öffnungen aufwies. Also alles Wehrkirchen? Übrigens wird die massive eisenbeschlagene Tür nirgends erwähnt.

Bei dem jetzt noch vorhandenen, massiven und wuchtigen Turmschaft der alten Bernwardskirche ist man versucht, an einen Wehrturm zu denken. Diesen Turm und das aus Fachwerk errichtete Kirchenschiff als „Festung“ zu bezeichnen, ist allerdings weit hergeholt. Man bedenke auch, dass ein höheres Bauwerk, unabhängig von seiner Funktion, bei den damals zur Verfügung stehenden Baumaterialien allein aus statischen Gründen eine gewisse Masse haben musste.
Festungsreste sind beim Abriss der alten und dem Bau der neuen Bernwardskirche nirgends gefunden worden. Eine solche Sensation hätte man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Sicherheit überliefert.

Dass das Kirchenschiff im 16. Jahrhundert an die „Festung“ angebaut wurde, ist reine Phantasie. Ein überprüfbarer Beweis wurde jedenfalls nicht erbracht.

Für die Behauptung, die Bernwardskapelle wäre ein großer Fachwerkbau gewesen, gibt es keinen Beweis. Die Bezeichnung „Kapelle“ deutet an sich schon auf ein eher kleines Bauwerk hin. Für die wenigen Einwohner, die Groß Lafferde um das Jahr 1000 herum hatte, wäre es neben ihrem normalen Broterwerb und den Frondiensten eine nicht zu bewältigende logistische, arbeitsmäßige und finanzielle Herausforderung gewesen, eine große Kapelle zu errichten. Da die heutige Kapelle relativ klein ist, dürften auch die Vorgängerbauten nicht größer gewesen sein, denn die Baugeschichte hat bewiesen, dass bei Sakralbauten in den meisten Fällen die Nachfolgebauten größer waren als ihre Vorgänger.
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts reichte die Kapelle nicht mehr aus. Um mehr Freiheit gegenüber dem Michaeliskloster zu erhalten, baute die Gemeinde aus Eigenmitteln ihre eigene Kirche am Ostrand des Dorfes. Kirchenschiff und Turm müssen ungefähr zur gleichen Zeit errichtet sein, denn eine Kirche ohne Turm war zu damaliger Zeit eher unwahrscheinlich.

Wann genau die Kirche erbaut wurde, lässt sich bislang nicht feststellen. Es muss aber kurz nach 1300 gewesen sein.
Zuletzt wird die Kapelle den Status einer Pfarrrkirche gehabt haben. Denn Herzog Albert von Braunschweig bezeichnet den Kaplan Heinrich im Jahre 1302 auch als Pfarrer. Der Nachfolger Konrad wird 1329 nur noch als Pfarrer bezeichnet. Spätestens dann muss Groß Lafferde eine eigene Kirchengemeinde gewesen sein, denn Pfarrer waren nicht an Kapellen, sondern nur in selbständigen Pfarreien, sprich Kirchengemeinden, angestellt. Deswegen ist zu vermuten, dass zu dieser Zeit bereits eine Kirche vorhanden war.
Adolf Nülle meinte nachweisen zu können, dass die Kirche bereits 1321 vorhanden war, denn in einem Prozess um die Eigentumsrechte an der Kapelle (1728) hat das Michaeliskloster versichert, dass in der Kapelle wegen Einweihung der neu erbauten Kirche seit 1321 keine regelmäßigen Gottesdienste mehr stattfanden.
Um 1500 musste das Kirchenschiff zum ersten Mal erweitert werden. Eine noch vorhandene Schlagglocke trägt die Jahreszahl 1507. Die zweite Vergrößerung erfolgte 1588. Das war die Zeit, zu der das Kirchenschiff angeblich an die „Festung“ angebaut wurde.

Fazit:
Der Autor hat vieles behauptet, was nachweislich falsch ist. Um kein falsches Geschichtsbild aufkommen zu lassen (nicht aus Besserwisserei), sah ich mich veranlasst, korrigierend tätig zu werden.

(Quellen: Richard Wolf/Adolf Nülle, Aus der Geschichte der Kirche zu Groß Lafferde; Wilhelm Baumgarten, 1150 Jahre Groß Lafferde, Von Loferdi bis Groß Lafferde; Kardinal Adolf Bertram, Geschichte des Bistums Hildesheim).
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.