900 Jahre Linden (7): Erinnerung an Bäckerei Kattwinkel und Waspo Linden

Walter Ehlers in seinem Schrebergarten.
 
Straßenkarte, Mitte bis Ende 1920-er Jahre. Links oben (Nr. 50) ist das Volksbad Limmer schon eingezeichnet. Nr. 21 ist das Fössebad. Rechts, ziemlich weit unten: Fössestraße, Limmerstraße, Pavillionstraße, Fannystraße etc.
 
Foto: Walter Ehlers, 1951, Volksbad Limmer. Die "Arbeitsgruppe Waspo-Schwimmer" ist einsatzbereit.
Hannover: 900 Jahre Linden | Walter Ehlers (82) erblickte als Sohn eines Zimmermanns im Städtischen Wöchnerinnenheim Dragonerstraße (Vahrenwald) das Licht der Welt. Nach dem Besuch der Volksschulen Hagenstraße (Einschulung 1939) und Hölderlinstraße (Kleefeld, nach der Ausbombung in der Tellkampfstraße neue Heimat der Eltern) absolvierte er eine Bäckerlehre in der List. Nach erfolgreicher Prüfung im Jahr 1950 fand Geselle Walter durch Vermittlung seines Lehrherrn August Geisemeyer eine Anstellung in der Limmerstraße 17/Ecke Fannystraße im Stadtteil Hannover-Linden.

Fritz, eigentlich Friedrich Kattwinkel, suchte noch eine Arbeitskraft für seine Bäckerei, die um 1905 erstmalig erwähnt wird. Es gab in Linden-Nord noch eine weitere Bäckerei Kattwinkel. Sie gehörte Wilhelm Kattwinkel, der sein Geschäft um 1909 von der Hainhölzer Straße 48, Nähe Klagesmarkt, in die Fössestraße 55/Ecke Nieschlagstraße verlegte. Wilhelm Kattwinkel war vermutlich der Bruder von Friedrich. Nach Wilhelm Kattwinkels Tod (im 2. Weltkrieg oder kurz danach), betrieb in den Nachkriegsjahren nicht sein Sohn Wilhelm die Bäckerei, sondern der Bäckermeister Moritz Philipp wurde im Adressbuch als neuer Inhaber ausgewiesen. Wilhelm Kattwinkel jun., auch Bäcker, wohnte zwar im Haus Fössestraße 55, war aber vermutlich nur Angestellter im einst väterlichen Geschäft oder in einer anderen Bäckerei. Er starb früh.

Doch zurück zur Bäckerei Friedrich Kattwinkel und Walter Ehlers, der 1950 in den Dienst des Bäckermeisters trat.

Hören wir ihm zu:

„Fritz (Friedrich) Kattwinkel war zum Zeitpunkt meines Arbeitseintritts um die 70 Jahre alt. Er, seine Frau und die unverheirateten Töchter Martha und Erna, Letztgenannte war Bäckermeisterin, halfen alle in der Backstube, die im ausgebauten Keller lag. Nach dem Backvorgang ging es zur Kundenbedienung in den Laden. Den Ofen durfte nur der Chef „Ofenarbeit ist Meisterarbeit“ bedienen.
Mein Arbeitstag begann um 4 Uhr morgens. Frau Kattwinkel klopfte immer kurz zuvor an die Wand meines kleinen Zimmers im 1. Stock, das ich von Mo-Fr bewohnte. Am Wochenende schlief ich bei meinen Eltern in Kleefeld.
Die Arbeit in der Backstube war sehr anstrengend. Der Sauerteig für die Brote, der schon am Vortag um 18 Uhr angesetzt wurde, musste bearbeitet werden. 70-90 Brote schob Meister Kattwinkel jeden Tag mit einem langen Schieber in den Ofen. Das Gerster-Brot war das Beste in ganz Linden.
Auch der Hefeteig für Brötchen und Weißbrot musste abgewogen, in Stücke geteilt (erledigte eine Maschine) und danach geformt werden. Konditorwaren, beispielsweise Torten, wurden nicht hergestellt.
Um 8 Uhr 30 war Frühstück. Gegen 13 Uhr vorläufiges Arbeitsende. Abends zwischen 18 und 19 Uhr musste, wie schon erwähnt, der Sauerteig für den nächsten Tag produziert werden.

Mir fällt noch eine lustige Episode ein. Meister Kattwinkel hatte einen großen Hang zur Astronomie. Sterne und die Galaxis beobachten, war seine große Leidenschaft. Eines Nachts schaute er wieder durch sein Fernrohr in den nächtlichen Himmel. Das Dumme war nur, er vergaß nach dem Ofen zu schauen. Dieser war, obwohl vorgeheizt, ausgegangen. Die Leidtragenden waren die Kunden, die schon immer sehr früh in den Laden kamen. Sie mussten an diesem Tag auf Brot und Brötchen etwas länger warten. Machte aber nichts, ein Schwätzchen gehörte damals im Bäckerladen einfach dazu“.

Die verbliebene Freizeit nutzte der junge Bäckergeselle für sportliche Aktivitäten. Er trat dem Arbeiter-Schwimmverein „Waspo Hannover- Linden“ bei, der 1913 gegründet wurde und sich im Jahr 2003 mit den Wasserfreunden 98 Hannover vereinigte. Geschwommen wurde im Volksbad Limmer, das im Jahr 1925 in der Leinemasch gegenüber der Conti gegründet wurde. Vorher nutzten die Waspo-Schwimmer das Fösse-Bad.
1950, als Walter Ehlers dem Arbeiterverein beitrat, war das Bad schon wieder in Betrieb, obwohl es im 2. Weltkrieg durch seine Nähe zur Conti schwere Schäden erlitten hatte.

Walter Ehlers erinnert sich:

„Das Schwimmbecken mit Holz(!)-Bahnen und Beton-Startblöcken, insgesamt 8 an der Zahl, war schon wieder benutzbar. Auch das Vereinshaus war schon fertiggestellt. Aber an den sonstigen Außenanlagen musste noch gewerkelt werden. Auch wir Vereinsmitglieder wurden herangezogen.
Meine besten Freunde waren damals Erich Krone und Dieter Striefler. 1951 nahm Waspo an den niedersächsischen Meisterschaften in Göttingen teil. Wir zogen uns sehr achtbar aus der Affäre. Zur Belohnung für die guten Leistungen durften wir auf einer Wiese, die uns von einem Bauern zur Verfügung gestellt wurde, ein Zeltlager nahe dem Ostseebad Sierksdorf errichten.

Sehr genau kann ich mich an Ernst Lorberg* erinnern, der ein sehr guter Schwimmer war. Durch seine überragenden Kraulleistungen spielte er auch in der Waspo-Wasserball-Mannschaft sehr erfolgreich, später durften sich die Wasserfreunde 98 an seinem Können erfreuen.
Ein sehr strenger Trainer war „Schorse“ Knoke, der auf der Conti arbeitete. Wenn eine vorgegebene Zeit nicht erreicht wurde, mussten wir 3-mal um das Becken laufen. Und das, wenn es nötig war, mehrmals am Tag“.

* Ernst Lorberg machte eine Buchdruckerlehre und arbeitete auch nach der Lehrzeit in diesem Beruf. Später übernahm er von seinem Vater, der auch Ernst hieß, eine Gastwirtschaft, die durch den Abriss der Fannystraßen-Häuser um 1973 von der Fannystraße 2, kaum 100 Meter weiter, in die Pavillonstraße 12 verlegt wurde. Die Gastwirtschaft besteht heute noch, wird aber von der Familie Lorberg nicht mehr geführt.
Ernst Lorberg jun. starb im Mai 2008.

Nach einigen Jahren verließ Walter Ehlers den Arbeiter-Stadtteil im Südwesten Hannovers. Er fand in Döhren eine neue Arbeitsstelle. Auch Waspo sagte er ade. Eine neue sportliche Herausforderung suchte er unter dem Dach der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG). Seine letzte berufliche Station führte ihn zur Keksfabrik Bahlsen. Hier setzte er sich im Betriebsrat für Arbeitnehmerrechte ein und arbeitete - neben seiner Tätigkeit als Bäcker - ehrenamtlich im Bahlsen-Museum mit. Wer eine Tour durch das Museum wünschte, konnte sich bei ihm melden.

Heute ist er, zusammen mit Frau Helga, fast jeden Tag in seinem Schrebergarten in der Kolonie Jägerlust (Kleefeld). Tochter Bettina lebt schon seit längerer Zeit in Nordafrika und geht dort einem Business nach.

Friedrich Kattwinkel führte seine Bäckerei noch bis 1963/64. Danach übernahm, bis zum Abbruch des Hauses Limmerstraße 17 um 1973 (zeitgleich mit dem Abriss der Fannystraßen-Häuschen), Bäckermeister Horst Köhn Geschäft und Aufsicht am Ofen.
Ein paar Schritte weiter, auf der gegenüberliegenden Seite der Limmerstraße, gibt es heute ein Geschäft, das sich Back-Factory nennt. Ob sich die Alt-Lindener an diesen Begriff gewöhnen können?
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2 Kommentare
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Horst Bohne aus Hannover-Linden-Limmer | 08.06.2015 | 23:03  
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Bernd Sperlich aus Hannover-Bothfeld | 10.06.2015 | 08:34  
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