Gebäude mit Geschichte- Das ehemalige Bankhaus Grünewald

Gießen: Deutschland | Kaum jemand kennt das Bankhaus Grünewald. Besser bekannt ist das 1876 erbaute Haus in der Bahnhofstraße in Gießen als Dortmunder Eck. Der Erbauer des Dortmunder Ecks war der Ingenieur Merz. Der erste Umbau des Hauses war bereits kurz nach dem Richtfest für das Bankhaus Katz. Danach ging das Gebäude an den Bankier Grünewald.Eine wichtige Person der Gießener Stadtgeschichte, die fast in Vergessenheit geraten ist. Über den Bankier Grünewald habe ich Folgendes gefunden.

In der Ausgabe,, Der Israelit" vom 27. Juli 1899 ist von der Einweihungsfeier der Synagoge in Gießen, 23. Juli 1899 zu lesen :

Vor der neu erbauten Synagoge traf der Vertreter der Großherzoglichen Regierung, Großherzoglicher Provinzial-Direktor von Bechtold ein, dem der Schlüssel überreicht wurde. Dieser übergab ihn dem Vorstand der Religionsgesellschaft, Herrn Bankier Grünewald, der ihm dem Herrn Rabbiner einhändigte, welcher nun die Synagoge mit dem Vortrag des 'Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit...' öffnete. ''

Die Bankierfamilie hatte das Gebäude für Jahrzehnte in Besitz. Als in den 1930er Jahren das Leben und Überleben von jüdischen Geschäften immer schwieriger wurde, schloss sich das Bankhaus Grünewald der Commerzbank an. Die Commerzbank übernahm auch das Gebäude. Um 1940 wurde die Filiale in der Bahnhofstraße geschlossen und das Gebäude an den Vater von Käthe Simon verkauft. Käthe Simon berichtete mir das ihre beiden Brüder und Sie das Haus von den Eltern geerbt haben. Es ist jetzt seit über 70 Jahren im Familienbesitz. Nach dem Erwerb des Hauses durch die Familie wurden die Wohnungen und Geschäftsräume weiter vermietet. In die Räume der Commerzbank zog die Barmer Ersatzkasse ein. Als Hausmeisterfamilie wohnte im oberen Stock Familie Schwarz. In Gießen als Schlüsseldienst Schwarz bekannt. In der Zeit des 2. Weltkriegs übernahm Herr Schwarz und seine Tochter für das Haus eine Brandwache, die das Haus vor den Brandbomben weitestgehend schützte. Käthe Simon erzählte:,, Im Dachgeschoss unseres Hauses gibt es in einem Zimmer im Parkett Fußboden noch eine Brandstelle aus dieser Zeit zu sehen.

Die Uhrmacher Familie Julius Philip, der ebenfalls Mieter im Haus war, hat unter dem Dach des Hauses wärend des 2. Weltkrieges 2 Mitglieder der jüdischen Gemeinde erfolgreich versteckt.

Nach dem Krieg wurden die Räume der Barmer Ersatzkasse neu vermietet. Erst jetzt kommt der Name ,, Dortmunder Eck,, an das Haus. Von diesem Tag an wurden diese Räume als Gaststätte genutzt. Es folgen wechselnde Pächter, bis die Familie Simon selbst die Gaststätte übernimmt und das Café Zeitlos einrichten.

Diese Familie Simon wurde für das Haus überlebenswichtig. Als man in Gießen unbedingt in den 1970er Jahren den Anlagenring verbreitern wollte, wurde tatsächlich über einen Abriss des schmucken Hauses nachgedacht. Die Besitzer wehrten sich erfolgreich und 1979 wurde das ehemalige Bankhaus unter Denkmalschutz gestellt.
Im Sommer 2006 stand die Kuppel des Hauses durch Blitzeinschlag in Flammen. Einem beherzten Nachbar ist es zu verdanken, dass die Feuerwehr schnell zur Stelle war und Schlimmeres verhindern konnte.

Die letzte Sanierung des Hauses fand von 2011 bis 2014 statt. Hierbei gab es große Herausforderungen, die mit großem Engagement in Eigenleistung von meiner Tochter (Architektin) bewältigt wurden. Unter anderem mussten die Träger der Balkone erneuert werden. Das hatte zur Folge, dass die Balkone komplett abgebaut und wieder mit den restaurierten Originalteilen aufgebaut wurden. Hier haben die Firmen Großhaus, Pohlheim und Firma Dietz Hungen eine gelungene Restaurierung vollbracht, so Frau Simon.

Frau Simon berichtet über sich das Sie alte Dinge liebt und versucht zu erhalten, um dann die Geschichte an die nächste Generation weiter geben zu können.

Die Liebe zum Detail wird deutlich sichtbar, wenn man von der Bahnhofstraße aus auf das ehemalige Bankhaus Grünewald schaut. Im Café Zeitlos hängen die alten Pläne des Bankhaus Katz-Bankhaus - Grünewald- Dortmunder Eck. ­Alte Fotos und die Geschichte des Hauses in Kurzform ist in der Speisekarte nach zu lesen. Geschichte zum Anfassen, wenn man so will. Das ehemalige Bankhaus ist eine Perle in der Bahnhofstraße in Gießen.


Auf der Internetseite der Denkmalpflege gibt es zum Baustil folgendes zu lesen :
Das repräsentatives vierstöckiges Ge­schäfts- und Wohnhaus beeindruckt durch den auf große Distanz wirkenden polygonalen Eckturm, die Arkatur der bis heute intak­ten Ladenzone und die Ausbildung ei­ner zweiten Fassade zur Bahnhofstra­ße. Sein jetziges Erscheinungsbild, bei dem die barockalen Elemente, wie die weit ausladenden Balkone, das hohe Mansarddach und die kuppelartige Turmverdachung, vorherrschen, ent­stand erst durch zweimalige Überfor­mung des ursprünglich spätklassizisti­schen Konzeptes. Das stadtbildprägen­de Gebäude, das mit den heute leider zerstörten Eckbauten des Kreuzungs­bereiches korrespondierte, hat betont urbanen Charakter. Es ist Kulturdenk­mal aus künstlerischen und städtebau­lichen Gründen

Ich bedanke mich bei Frau Dr. Bek vom Amt für Denkmalpflege für die Genehmigung die Daten der Liste für Kulturdenkmale übernehmen zu dürfen .
Besonderen Dank geht an Frau Simon, die mir alles über die Geschichte des Hauses in einem netten Gespräch berichtete .
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3 Kommentare
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 06.01.2016 | 08:35  
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Lothar Wobst aus Wolfen | 06.01.2016 | 16:43  
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Rainer Bernhard aus Seelze | 09.01.2016 | 03:25  
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