"Die Janusmaterie" - wo Wahrnehmungspsychologie und Philosophie zu Kunst materialisiert.

Eine außergewöhnliche Ausstellung befasst sich im Zeppelinmuseum Friedrichshafen mit dem Phänomen Maskierung und bietet völlig überraschende Einsichten in den Raum hinter der Maske: Michael Fliri: Where do I end and the world begins
 
Der Künstler Michael Fliri (ganz rechts im Bild) mit Ausstellungsbesuchern und einer seiner Plastiken
Friedrichshafen: Zeppelinmuseum | Ein neuer zentraler Arbeitszyklus „Where do I end and the world begins?“ von Michael Fliri im Zeppelinmuseum Friedrichshafen.

- Ja habe ich denn ein Brett vor dem Kopf, das ich gar nicht verstehe, was da gerade so in der Welt so läuft?
- Die Welt erscheint mir gerade mal wieder so wie im Schleier aus meinen eigenen Vorstellungen heraus.
- Sieht denn niemand von Ihnen, was mir gerade so durch den Kopf geht?

Natürlich nicht, geht ja gar nicht!
1. In der klassischen Philosophie z.B. von Platon spielt die Divergenz zwischen dem eigenen (Vorstellungs-) Bild der Welt und der vermuteten Realität eine große Rolle.
Menschen, die in ihren eigenen Gedankengängen und Vorstellungswelten gefangen sind, haben Schwierigkeiten sich an die sich ständig verändernden Wirklichkeiten an zu passen.
Aber was ist denn schon Wirklichkeit? Wird uns nicht vielleicht nur ein Trugbild der Realität übermittelt, so fragt Platon in seinem Höhlengleichnis.
Menschen, die seit Ihrer Geburt ohne Erfahrung der Wirklichkeit in Höhlen leben, werden so in diesem Gleichnis mit fehlerhaften Schattenbildern der Dinge außerhalb der Höhle getäuscht und halten sie in Verbindung mit den ebenso vermittelten Geräuschen der Außenwelt für Realität.
(Wir dagegen wissen hier freilich: Not täte hier natürlich ein Perspektivenwechsel, der die Wirklichkeit auch aus mehreren anderen Erfahrungswinkeln zeigen könnte) .
Platon war ein entschiedener Gegner der illusionären Malerei und im Besonderen auch der griechischen Theaterspiele, weil auch hier nur ein Scheinbild der Welt vorgetäuscht würde. Die Theateraufführungen wurden meist mit großen Stülpmasken aufgeführt, die den Charakter der dargestellten Personen übersteigert wiedergaben und in Zeiten ohne elektronische Technnik den im Amphitheaterraum gestaffelt sitzenden Zuschauern auch in den hintersten Reihen noch die Handlung der Personen vermitteln konnten. Auch der Begriff der Maske in der altgriechischen Sprache: „Prosopon“ spiegelt diese Verachtung für den falschen Schein aus. „Ops“ ist das Licht und ebenso auch damit das menschliche Auge, durch das das Licht der realen Welt in unserer Wahrnehmung Bilder hinterlässt. Die Vorsilbe „Pro“ meint das Ding das sich „vor“ das Auge schiebt und eben dieses Bild der Welt damit täuschend verändert. Immanent ist damit auch die Absicht, sich hinter der Maske verstecken zu wollen. Prosopon sieht die Maske von innen.
2. Interessanterweise war gegenüber diesen ganzen komplizierten und verstiegenen philosophischen Überlegungen der alten Griechen, den Römern in ihrem pragmatisch organisierten Weltimperium die Maske nur Ausdruck der Rolle, die jemand im Staat zu spielen hatte. Der römische Begriff „Persona“ meint ja die Rolle des Schauspielers ebenso wie eben die Verpflichtungen und persönlichen Umstände, in denen man der Gesellschaft gegenüber tritt.
(Eine Deutung des Begriffs Persona aus „per-sonare“ – hindurchtönen, also der Tatsache, dass Theatermasken auch als Schallverstärkung genutzt werden konnten, ist leider nicht mehr aktuell. Kultmasken gab es als erstes in Italien in den Tempeln des etruskischen Gottes Persen, daher wohl der Name)
Privatleben war tabu, nur wie man in der Öffentlichkeit auftrat, war von Bedeutung.
Persona meint also die Außenansicht der persönlichen Maske.
3. Zwischen meinem Vorstellungsbild von mir selber und meiner Vorstellung von der Welt „draußen“ und der Welt draußen, so wie sie andere sehen, gibt es immer Unterschiede.
Manifestiert wird dies durch die Distanz, die ich zur „Welt“ aufbaue.

4. Michael Fliri gelingt es durch das Ausgiessen des Raumes zwischen seinem eigenen Gesicht und der Innenseite von handgefertigten, getragenen alten Masken diese Distanz zu Materie werden zu lassen. Überraschend welche riesigen Unterschiede von der ursprünglichen Maske zum neuen Kunstwerk sich hierbei ergeben, wie etwas völlig Neues entsteht, das aber andererseits auch durch kleinste Reminiszenzen doch auf den ehemals kultischen Rahmen der Vorlagen hinweist. Läuft uns da nicht ein Schauder den Rücken hinunter, wenn wir Grenzen der sonst verdeckten Oberfläche sehen, die sonst zwar direkt vor unserem Gesicht aber dennoch ganz im inneren Schatten der Maske liegen? Mit welchen derben Schlägen des Dechsels(Querbeil) hat der kultische Künstler der Naturvölker ehemals den Innenraum der Maske ausgehöhlt, der jetzt plötzlich bei den Arbeiten von Michael Fliri ganz neu zur darstellungswerten Oberfläche wird! Wie urig und urtümlich wölben sich jetzt die ehemals als Vertiefungen im Holz der Maske gesetzten Münder und Augen vor, so als wollten Sie mit vorgewölbten Lippen und Stilaugen die Distanz zum Betrachter überwinden suchen!
Michael Fliri schafft es mit dieser Arbeitsreihe menschlich grundlegenden philosophischen Gedankengängen Materie zu verleihen und zu einer Kunst zu werden, die archetypisches Denken im Objekt fassbar macht. Elementare Empfindungen und grundsätzliche Erfahrungen werden bei Michael Fliri greifbar, damit begreifbar und vermittelbar.
Als Kunstlehrender glaube ich wird man Michael Fliri künstlerisch durchaus in einem Atemzug mit Josef Beuys, Tim Ullrichs und Marina Abramovich nennen können, die ja auch in ähnlich überzeugender Arbeit , den Erfahrungs- und Aktionsraum des Menschen in künstlerische Form übersetzt haben. Bei der Maskenauswahl und den Vorbesprechungen im internationalen Maskenmuseum Diedorf (www.maskenmuseum.de) habe ich den Menschen Michael Fliri als konzentriert, überzeugt und dennoch äußerst sensibel erlebt und mit größter Freude mit ihm zusammengearbeitet.

Hier der Link zur Ausstellung: http://www.artfn.de/?p=1083

Die Ausstellung: „Where do I end and the world begins?“ ist im Zeppelinmuseum 88045 Friedrichshafen, Seestr.22 täglich von 9.00 bis 17.00 Uhr vom 11.9. bis 2. 11. 2014 zu sehen. Vernisage 11. September 19.00 Uhr
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Matthäus Felder aus Lichtenstein | 01.01.2015 | 18:15  
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