„Niklas“ hat der „Donnerfichte“ den Fangschuss gegeben: Orkan fällt den höchsten Baum des Schelderwaldes

Der (traurige) Rest vom Niklas-Fest: Der höchste Baum des Schelderwaldes ist Geschichte.
 
Da stand sie noch in Saft und Kraft: Die Donnerfichte war ein beliebter Ausflugsort und Treffpunkt. Unter ihren bis zum Boden reichenden Ästen fanden mehrere Dutzend Personen Platz und Schutz. (Foto: Wolfgang Stein)
 
Äußerlich schien der fast 40 Meter hohe Baum kerngesund, doch die Bruchstellen zeigen: Er war ein längst ein Pflegefall. Früher oder später hätte es den Riesen so oder so umgehauen.
 
Der mehr als mannhohe Stumpf soll konserviert werden und als Erinnerung an dieses beliebte Naturdenkmal bestehen bleiben, wünschen viele. Auf dem Foto sieht man deutlich den Pilzbefall. Das Holz war weich und bröselig.
Sie hat über fast zwei Jahrhunderte hinweg Wind, Hagel, Schnee und Regen getrotzt und so manchem Sturm widerstanden. Selbst „Kyrill“, der Jahrhundert-Orkan, konnte dem wuchtigen Gewächs Anfang 2007 nix anhaben, vermochte ihm allenfalls ein müdes Zweigerascheln zu entlocken. Doch dann kam „Niklas“ – und das war‘s dann. Tilt, game over! Die fast 40 Meter in den Himmel ragende „Donnerfichte“, imposant und umgebungsprägend im Grenzgebiet zwischen Nanzenbach und Hirzenhain thronend, hat sich als solche (in die Horizontale) verabschiedet. Der einst so stattliche Baum ist, einem Häuflein Elend gleich, nur noch ein Gewirr aus zersplitterten Ästen und wild durcheinander ragenden, verbogenen Zweigen. Ein gefallener Riese, einem gestrandeten Wal auf dem Trockenen nicht unähnlich. Das Ende einer „Ära“.
Ein Schicksal, das an den ersten beiden Apriltagen dieses Jahres nicht nur im benachbarten Forst, sondern überall in Deutschland, auch zigtausende andere Bäume ereilte. In vielen unserer Wälder sieht es aus, als hätten Titanen Mikado gespielt. Aber die Opfer sind anonyme Forstleichen, die „Donnerfichte“ hingegen ist bzw. war ein kommunales „Nationalsymbol“, zumindest für die Nanzenbacher, auf deren Territorium sie stand. Aber auch für die Hirzenhainer und die Bewohner der anderen umliegenden Dörfer, so zum Beispiel die Oberschelder, Eibacher und Tringensteiner, hatte sie große Bedeutung. Das war nicht irgendein Baum, sondern eine, ja, sagen wir es ruhig, „Institution“, ein Wallfahrtsort von und mit hoher (nostalgischer) Symbolkraft. Man erkennt das daran, dass gerade in den Tagen nach dem Crash unzählige Menschen zur „Unfallstelle“ pilgern, um, die Handykameras klicken im Akkord, Abschied zu nehmen und sich ein digitales Souvenir zu sichern.
Überhaupt sind Bäume, zumindest außergewöhnliche wie dieser, für die Menschen der Region von großer Bedeutung, in historischer wie auch in gesellschaftlich-geselliger Hinsicht. In Hirzenhain beispielsweise gibt es „Hormoargs Stroach“ (zu Deutsch „Hornbergs Strauch“), eine einstmals kugelförmige, ebenfalls als Naturdenkmal ausgewiesene Rotbuche. Die hat in den 200 Jahren ihres Daseins ungezählte Partys und Grillfeste erlebt, war Spiele- und Kletterparadies für gar manche Kindergeneration. Heute zeugt nur noch ein kümmerlicher Rest von ihrer einstmaligen Stattlichkeit.

Von adeligen Buchen und Tannen, die eigentlich Fichten sind

Und da stand zwischen Hirzenhain und Lixfeld die inzwischen längst gefällte „Zigeunerfichte“, die natürlich deshalb so hieß, weil an und unter ihr das fahrende Roma- und/oder Sinti-Volk gerne zu rasten pflegte. Da wären auch noch Meerbachstannen unweit des Eiershäuser Fußballplatzes am Anfang des Zufahrtswegs zur Eschenburg – in der Vergangenheit Schauplatz ungezählter Festivitäten und Versammlungen, vornehmlich solcher christlicher Natur, wie es beispielsweise die traditionellen Himmelfahrts-Gottesdienste waren. Das ehemals stattliche Ensemble hat sich gelichtet. Eigentlich ist es nur noch ein Baum. Und das war uns ist auch keine Tanne, sondern eine Fichte. Die Simmersbacher hingegen stehen auf ihre „Philippsbuche“, benannt nach dem ollen Hessischen Landgrafen, der einst, aus fünfjähriger Gefangenschaft zurückkehrend, hier erstmals wieder heimatliches Territorium betreten hatte. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Jogger, Bike, Liebespaare

Zurück zur verunfallten „Donnerfichte“: Generationen haben im Schatten dieses am Schnittpunkt mehrere Wander- und Waldwirtschaftswege stehenden Naturdenkmals gerastet und gefeiert, gezeltet und gepicknickt (früher hieß das „Abkochen“). Sie haben hier relaxt und gezecht und geschmust und gesungen. Das Dach des kapitalen Baums bot Schutz vor Regen; komplette Schulklassen passten bequem darunter. Was hat diese hölzerne Monument im Laufe der Zeit Jogger an sich vorbeikeuchen sehen, die es, die Augen verbissen auf den Boden des Oberforstmeister-Ruch-Weges geheftet, aber keines Blickes würdigten. Was im Übrigen auch für die Biker in ihren schrill-bunten Outfits galt. (Aber die sind ja ein Phänomen der Neuzeit). Liebespaare tauschten, durch die bis zum Boden reichenden Zweige gut getarnt und verborgen, Zärtlichkeiten aus, erste, scheue Küsse, oder solche in Wiederholung. Die Fichte, Kuppler und Voyeur in Personalunion, sah’s und schwieg billigend. Auf Google Earth oder Google-Maps steht sie noch unversehrt und stark wie eine Eiche malerisch in der Gegend herum. Aber diese Satellitenaufnahmen sind ja nicht immer und unbedingt die neusten.

Wehmut, Trauer, Nostalgie

Viele Zeitgenossen mögen unzählige (aber meist angenehme) Erinnerungen mit diesem Baum verknüpfen. Und das gilt nicht nur für die Älteren. Erlebnisse, die irgendwie mit dieser Fichte, der mit Abstand größten ihrer Art im Schelderwald, zusammenhängen, werden jetzt, wo selbige nicht mehr existiert, wieder gegenwärtig. Ein Mix aus Wehmut, etwas Trauer und Nostalgie. Es war ein Ort der Lebensfreude und der stillen Heimlichkeit, eine auf wenige Quadratmeter Fläche reduzierte Partymeile, ein Treff- und Orientierungspunkt. Obwohl hier so manche Flasche geköpft worden ist, deren Inhalt dann zischend in ausgetrockneten Schlünden verwand, sah es hier selten aus wie bei Hempels unterm Sofa. Irgendwie schien es da eine von Respekt, Scheu und etwas Ehrfurcht diktierte, stillschweigende Übereinkunft gegeben zu haben, den „heiligen Ort“ nicht durch Wohlstands- und Säufermüll zu entweihen. Die meisten hielten sich daran. Ausnahmen bestätig(t)en die Regel.
Und schon mehren sich Stimmen, den kläglichen Rest des Baumes zu erhalten, um somit all die damit verquickten Reminiszenzen zu konservieren. Der über mannshohe und ziemlich aus der Form geratene Stumpf, der stehen geblieben ist und aussieht, als sei er zufällig ins Zielerfassungsradar einer Stinger-Rakete geraten, soll stehen bleiben und als Ruine konserviert werden. Zumindest in Nanzenbach liebäugeln viele mit dieser Idee. Gut, man könnte eine Ersatzpflanzung vornehmen, doch bis eine solche vergleichbare atmosphärische Qualitäten und Größe wie das Original aufweist, haben wir vermutlich längst Alpha-Centauri besiedelt. Und es wäre ja doch nur eine (schlechte) Kopie.

Ein hoffnungsloser Pflegefall

Aber machen wir uns nichts vor: Die Tage unseres so jäh verschiedenen Freundes, des alten Baumes, waren sowieso gezählt. Er lag ja vom Lebensalter her gesehen deutlich über dem Durchschnitt. Die forstliche Umtriebszeit, also der Zeitraum zwischen Bestandsgründung und Endnutzung, umfasst bei Fichten im Durchschnitt 90 bis 100 Jahre, wiewohl sie selbst bis zu 600 Jahre alt werden können. Was dem äußerlich so unverwüstlich erscheinenden Oschi aber wohl indirekt das Genick gebrochen haben dürfte, würde man beim Menschen als Zirrhose diagnostizieren. Die Bruchstellen belegen, dass die (biologische) Uhr abgelaufen war. Die Spuren von Pilzbefall sind nicht zu übersehen, das Holz selbst ist weich und bröselig. Da hätte auch der fähigste Baumdoktor wenig Lebensverlängerndes tun können. Anders ausgedrückt: Ein Pflegefall, der, wenn nicht bei „Niklas“, so aber eventuell in Folge der nächsten oder übernächsten steifen Brisen die Segel bzw. Äste gestrichen hätte.
Im Gegensatz zur der dem germanischen Gott Donar geweihten Donner-Eiche bei Fritzlar, die der Heilige Bonifatius anno 723 ja in seinem missionarischen Zorn auf die Heiden umgenietet hatte, weiß man nicht so genau, woher der Name „Donnerfichte“ rührt. Da gibt es unterschiedliche Erklärungs- und Deutungsversuche. Eine davon lautet, die Bezeichnung stamme daher, dass man sich, weil so groß, bei einem Gewitter dort hätte unterstellen können und somit Schutz gefunden habe. Aber gerade das soll ja, wenn’s blitzt und kracht, auch ziemlich ungesund sein …

Historisch vermintes Gelände

Das Umfeld ringsum ist geschichtlich und bergbauhistorisch ziemlich vermint. Der Nanzenbacher Heimatforscher Uli Horch gilt in diesem Zusammenhang als unerschöpfliche Datenbank. Eisenerz wurde hier bereits nachwiesen 1483 abgebaut. Wir wissen heute natürlich nicht mehr, wie die ollen Kumpels von anno-batsch weiland getickt haben und wer sie waren. Aber bereits Ende des 15. Jahrhunderts führten sie, nicht weit von besagter, damals noch gar nicht existierenden Fichte entfernt, einen letztlich aussichtlosen Kampf gegen das Grundwasser, das ihren Tagebau-Job zu einer ziemlich feuchten Angelegenheit werden ließ. Daselbst befindet sich heute der „Biebersteiner Weiher“, eine malerisches, romantisches Feuchtbiotop.
Ein paar Jährchen später, 437 Jahre später, um genau zu sein, wurde, rund 500 Meter nordöstlich der donnernden Fichte, im „Hermesgrund“/“Hermannsgrund“, die Leiche eines 38-jährigen Hirzenhainer Bergmanns gefunden. Das war am späten Nachmittag des 8. August 1920, einem Sonntag. (Zwei Monate zuvor hatten bei den ersten Reichtagswahlen 44 Prozent der 450 wahlberechtigten Höhendorf-Bewohner für die Deutsch-Nationalen votiert. Sechs Monate davor, am 15. Februar, hatte in der großen Schule die erste „Kinometographische Vorführung“ die Leinwand erhellt. Auf der Set-List: Der „vaterländische Film“ Andreas Hofer nebst einigen Lustspielen).

Erst starb die Kuh, dann ihr Besitzer

Der Mann war erschossen worden. Von wem, ist nie geklärt worden. Bis heute wird kolportiert, das (Mord-)Opfer hätte enge Beziehungen zur damals blühenden Wilderer-Community unterhalten, während man den Täter in jener Branche suchte (aber nicht fand), der sich auch der „Förster vom Silberwald“ später so verbunden fühlen sollte.
Anfang der 50-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erhängte sich in einem (noch heute zugänglichen) Stollen, keine 50 Meter südwestlich weiter westlich des Baums, ein Nanzenbacher. Man entdeckte den Toten erst im Rahmen einer groß angelegten Suchaktion. Ein paar Wochen zuvor hatte sich an genau dieser Stelle das einzige Stück Rindvieh eben dieses offensichtlich Unglücklichen in die ewigen Jagdgründe verabschiedet. Solche domestizierten Paarhufer galten in diesen armen, nicht gerade vom Überfluss geprägten Zeiten ja als eine Art Kapitalanlage, Alters- und Lebensversicherung. Das impulsive Tier war in den engen Gang getrabt, hatte dabei aber nicht bedacht, dass es darin keine Wendemöglichkeit gab. Und diese Hörner tragenden, viel Methangas produzierenden Wiederkäuer sind nun mal von Natur aus außer Stande, den Rückwärtsgang einzulegen und entgegen der Fahrtrichtung zu cruisen. Folge: Alma, oder wie auch immer die Arme hieß, verhungerte jämmerlich. Auf diese tragischen Episode soll übrigens auch der noch heute gebräuchliche, vornehmlich an dämlich-zickender Vertreterinnen des weiblichen Menschengeschlechts adressierte Schmähbergiff „blöde Kuh“ zurück zu führen sein.

Romantik, Grauen, Freud und Leid

Ja, und wer Anfang der 90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die nicht weit davon entfernt stehende , als „Heidehäuschen“ bekannte Jagd- und Lusthütte, ein ehemaliges Verwaltungsgebäude der Grube Heide, in Schutt und Asche gelegt hat, ist auch nie richtig herausgekommen. Aber auch bei diesem feurigen Akt soll ein verbeamteter Waldhüter, ein früherer Kollege Martin Rombachs aus Falkenau, seine Hände im Spiel und an der Reibefläche der Zündholzschachtel gehabt haben.
Offenkundig, das Gebiet hier ist ein Nährboden für Mythen und Geheimnisse, Unerklärliches Ungeklärtes und Verklärtes. Hier liegen Romantik und Grauen, Not. Leid und Freud dicht beieinander. Ein spannendes Terrain mit Vergangenheit.
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