"Kollateralschäden": Giftweizen lässt nicht nur Mäuse, sondern auch viele andere Wildtiere qualvoll verrecken

Klein, drollig und verhasst. Weil der Mensch auch ihren natürlichen Feinden das Leben schwer macht, haben sich Mäuse mancherorts stark vermehren können und lassen es sich auf den Feldern der Landwirte gutgehen. (Foto: Siegbert Werner)
 
Bio-Waffe: Für den Steinkauz sind Mäuse ein Leckerbissen. (Foto: Siegbert Werner)
 
Die klassische Mausefalle stellt im Vergleich zum Gifteinsatz noch eine relativ „humane“ Tötungsart dar. Naschen die Tiere aber von mit Zinkphosphid angereicherten Ködern, verenden sie erst nach einem qualvollen, langen Todeskampf. (Foto: Tim Reckmann/pixelio.de)
Keiner lässt sich gerne die Butter vom Brot nehmen, auch unsere Bauern nicht. Die suchen im aktuellen Fall aber weniger nach einer Frau, denn nach Zinkphosphid. Ein perfides Zeug, das in erster Linie dazu dient "schädliche Nagetierpopulationen zu verringern". Das ist ein Euphemismus, eine beschönigende, verharmlosende Umschreibung für die Massenvernichtung von Mäusen auf breiter Front.
Die kleinen gefräßigen Kerlchen hätten, so die Klage, bedingt durch den milden Winter 2013/14 rapide zugenommen und seien für erhebliche Ernteausfälle verantwortlich. Die Angaben über entsprechende Verluste schwanken zwischen 10 und 20 Prozent. Und deshalb wird jetzt, in regional unterschiedlicher Ausprägung, die chemische Keule aus dem Giftschrank geholt. Vertreter der agrarökonomischen Fraktion pflegen selbige mal sachkundig und strikt nach Vorgabe, aber auch schon mal unkontrolliert und fahrlässig zu schwingen. Die Folge sind "Kollateralschäden" in nicht unerheblichem Ausmaße. Motto: Etwas Schwund ist immer drin.
So befällt denn auch schon mal den streng geschützten Feldhamster, Greifvögel, Feldhasen, Saatgänse, Rebhühner, Kraniche oder Hunde von Spaziergängern, so sie von den unbekömmlichen Ködern genascht haben, zunächst eine gewisse Form von Unwohlsein, was dann für die Betroffenen meist mit dem qualvollen Einzug in die ewigen Jagdgründe endet. Wie immer die probaten Mittelchen, die es unter zig verschiedenen Namen im Handel gibt und im Volksmund auch als "Giftweizen" oder "Gifterbsen" bekannt sind, auch heißen, sie alle enthalten den Zinkphosphid-Wirkstoff. Das ist ein starkes Stoffwechsel- und Nervengift, das auch für Wasserorganismen und den Menschen sehr gefährlich ist. Der Tod tritt durch Atemlähmung, Lungenödem oder –kollaps ein. Tilt, game over!
Deshalb gibt es strenge gesetzliche Nutzungsauflagen, auch was das Ausbringen dieses Teufelszeugs anbelangt. Die Appetithappen müssen "verdeckt" ausgebracht, tief vergraben und unzugänglich für andere Lebewesen in den Nagetiergängen versenkt werden, beispielsweise unter Verwendung einer sogenannten "Legeflinte". Grundsätzlich dürfen keine Köder an der Oberfläche zurückbleiben. So weit zur Theorie. Reden wir auch nicht davon, dass es auf diese Art und Weise nicht nur die gemeine Feldmaus trifft, sondern auch die gefährdete und geschützte Feldspitzmaus, die oft dieselben Gänge nutzt wie ihre im Fadenkreuz stehenden Vettern und auch auf die gleichen Nahrungsquellen wie diese zurück greift. Da werden doch alle Sonntagsreden von biologsicher Vielfalt, Artenschutz, Biodiversität und europäischer Verantwortung als Sprücheklopferei entlarvt.
Das Regierungspräsidium in Gießen beispielsweise empfiehlt Hundebesitzern in diesem Zusammenhang, ihre Wuffis in der Feldflur grundsätzlich an der Leine zu führen, da die Ackerflächen Eigentum der Landwirte seien und nicht der Allgemeinheit gehörten. Zum Schutz der angebauten Kulturpflanzen könne der Landwirt "Maßnahmen" ergreifen. Das Graben von Hunden auf landwirtschaftlichen Flächen in Mäuselöchern sei insofern nicht zulässig. Erfolge es trotzdem, sei der Landwirt für daraus resultierende negative Folgen nicht verantwortlich. So einfach ist das. Dieser Logik folgend trägt die Brauerei die Verantwortung, wenn ein Betrunkener nachts in eine ungesicherte Baugrube stürzt, und nicht der Eigentümer, auf dessen Grundstück sich das Loch befand.
Außerdem, so der RP, würden sich Mäuse, so sie den Giftköder gefressen hätten, in ihr unterirdisches Gangsystem zurückziehen, um dort zu sterben. Wie beruhigend - weniger aus der Perspektive der Mäuse freilich. Dadurch werde das Risiko minimiert, dass andere Wildtiere oder auch Hunde mit dem Gift bzw. den vergifteten Opfern in Berührung kämen. Genau das ist aber erst unlängst in Nordhessen passiert. Die Hessenschau berichtete über mehrere solcher Fälle.

Klassische Konfliktlinie zwischen Ökonomie und Ökologie

Und solches kann auch künftig nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Das Verstreuen von Gift, so es den Vorgaben entsprechend erfolgt, ist auf landwirtschaftlich, gärtnerisch und forstwirtschaftlich genutzten Flächen legitim und seit vielen Jahrzehnten Praxis. Allerdings müssen jene, die mit solchen gefährlichen Mitteln hantieren, eine Art „Befähigungsnachweis“ führen. Diesen gibt es beispielsweise nach Besuch eines Pflanzenschutzlehrganges, wie ihn die Abteilung für den ländlichen Raum des Lahn-Dill-Kreises regelmäßig anbietet. Eine Wiederholung ist gemäß Pflanzenschutzgesetz in dreijährigem Turnus Pflicht.
Nebenbei bemerkt: Von dem Gifteinsatz lebt ja ein ganzer, von seiner Lobbyarbeit her exzellent aufgestellter und vernetzter Industriezweig, und das gar nicht einmal so schlecht. Auf der anderen Seite fordern Naturschutzverbände nicht erst seit gestern einen Verzicht bzw. ein Verbot solchen Gifteinsatzes ein. An diesem Punkt wird die klassische Konfliktlinie zwischen Ökonomie und Ökologie deutlich. Wirtschaftliche Interessen haben da aber schon immer mehr gewogen. Das Beispiel zeigt jedoch auch deutlich, dass es immer dann, wenn der Mensch in den Naturhaushalt eingreift und natürliche Abläufe beeinflusst, in die Hose geht.
Der moderne, überwiegend materialistisch orientierte, aber eigentlich auch zu logischem Denken befähigte Homo Sapiens hat ja die natürlichen Feinde der Mäuse, deren Überhandnehmen er jetzt lauthals bejammert, rigoros dezimiert. Ein Fuchs beispielsweise vertilgt pro Tag bis zu 20 Mäuse, ein Bussard derer zehn. Seit 2009 starben Hessenweit 203.980 Reinekes durch Jägerhand. Und auch 23.367 Dachse. Greifvögel, ob Bussarde, Habichte, Eulen, oder Turmfalken, werden, indem man ihnen die natürlichen Lebensgrundlagen entzieht, verdrängt. Ebenso Mauswiesel und Neuntöter, auf deren Speiseplan die Nager auch ziemlich weit oben rangieren. Wichtige Lebensräume für Mäuse fressende Tierarten sind auch Hecken und Feldgehölze, naturbelassene Ackerrandstreifen und Böschungen, aber die werden gerodet, gemäht bzw. in die Anbauflächen integriert.

Die Natur macht den besseren Job

Möglich, dass der Giftknüppel kurzfristig das wirkungsvollere, effektivere Instrument darstellt. Aber das ist zu kurz gedacht. Man könnte vermehrt Nisthilfen für Schleiereulen oder Turmfalken errichten, für Bussard und Co. auf Feldern und Wiesen Sitzkrücken aufzustellen, von denen aus sie ihrer huschenden Beute auflauern. Und auch mal grundsätzlich darüber nachdenken, ob es sein muss, Füchsen unter meist fadenscheinigen Vorwänden so rigoros nachzustellen. Vielleicht ist auch der Plan des Nordrhein-Westfälischen Umweltministers, Tiere wie Luchse oder Greifvögel generell aus dem Katalog der jagdbaren Arten zu streichen, ein (kleiner) Schritt in die richtige Richtung. Und dann kann die Natur ihren Job machen. Davon versteht sie was und kann das besser als der Mensch. Das hat sie in Millionen von Jahren bis zu dessen Auftauchen ja bewiesen…
Übrigens: Giftweizen im handlichen 1-kg-Eimer gibt es bei Amazon rezeptfrei schon für 11,99 Euronen. Je nach Kundenstatus sogar versandkostenfrei. Damit lässt sich Tausenden von Mäusen und anderem unnützen, schädlichen Kroppszeugs der Garaus machen. Bequemer geht's doch eigentlich nicht ….
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
5.346
Johanna M. aus Stemwede | 07.12.2014 | 00:48  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.