Faszinierend, scheu und völlig harmlos: Droht ihr Gefahr, spielt die Ringelnatter schon mal "toter Mann"

Sie reden mit gespaltener Zunge: Eine junge Ringelnatter peilt die Lage. Bei erwachsenen Exemplaren sind die beiden halbmondförmigen Flecken am Hinterkopf meist Gelb bis Orange. (Foto: Siegbert Werner)
 
05-S-Ungarn-Ringelnatter: Wasser marsch! Die scheuen Reptilien sind exzellente Schwimmer. (Foto: Siegbert Werner)
 
Augenblicke: Man muss schon genau hinschauen. (Foto: Helmut Weller)
Es gibt sie in den unterschiedlichsten Ausprägungen, als falschen Fuffziger, Verführerin, als Gemeinde in NRW, als Luft, Bad, Sternbild, Wartereihe, Grube, Wappentier, Geschütz oder, ganz unsäglich, als Ernst, den NSDAP-Gauleiter: Wir reden von Schlangen. Mit kaum einem anderen Tier auf diesem Planeten assoziiert der Mensch so viele negative Eigenschaften. Den meisten sind diese Reptilien per se suspekt, um nicht zu sagen zuwider. Und die Ursache liegt nicht allein nur darin begründet, dass es laut Schöpfungsstory letztendlich eine solche Kreatur war, die Adam und Eva weiland den Rausschmiss aus dem Paradies eingebrockt hatte. Über die Zeiten hinweg haben sich Abneigung, Ekel und (Ur-)Ängste konserviert. Ob Natter, Otter oder Viper, wir mögen diese sich windenden, kriechenden oder schlängelnden Geschöpfe nun mal nicht. Punkt! Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Wenigsten von uns ein solches Wesen überhaupt schon mal in Natura gesehen haben. Bis dahin gilt: Er würgte eine Klapperschlang' bis ihre Klapper schlapper klang! (Otto Waalkes)
Aber Ausnahmen bestätigen die Regel, auch beim Schlangen-Bashing. Da wäre die Ringelnatter, die in unseren Breiten am häufigsten vorkommende Schlangenart, die aber nichtsdestotrotz als stark bedroht gilt. Man kann diese sowohl edlen, als auch faszinierenden Tiere leicht anhand ihrer zwei gelben bis orangenen, halbmondförmigen Flecken am Hinterkopf identifizieren. Die Ringelnatter hat einen weniger üblen Leumund als ihre anderen Brüder, Schwestern und Vettern rund um den Globus. Vielleicht auch deshalb, weil sie völlig ungefährlich und nicht giftig ist, dafür aber im Gefüge des Naturhaushaltes durchaus nützlich. Lieben tun wir sie deshalb aber noch lange nicht. Und es gibt ja beratungs-resistente Zeitgenossen, die, werden sie eines Exemplares dieser Art ansichtig, die große Keule schwingen. Motto: Erst (er)schlagen, dann fragen! Dabei ist diese Spezies in Deutschland besonders geschützt.

Glücksbringer und Beschützer

Die Ringelnatter spielt in Mythen, Sagen und Aberglauben eine durchgängig positive Rolle, gilt sogar als Glückbringer und Beschützer kleiner Kinder und des Hausviehs. Die Spreewald-Bewohner haben sie zu ihrer Schutzpatronin gekürt. Die Giebelspitzen vieler alter Häuser dort sind mit stilisiert dargestellten gekreuzten Schlangenköpfen, die eine Krone tragen, verziert.
Ringelnattern sind zwar tagaktiv, aber sehr scheu. Sie machen und drehen ihr Ding lieber im Verborgenen. Deshalb ist es durchaus denkbar, mit solchen in enger Nachbarschaft zu leben, ohne zwangsläufig etwas davon mitzubekommen. Der Komposthaufen im Garten beispielsweise ist so ein Plätzchen, an bzw. in oder unter dem sich diese Kriechtiere wohlfühlen. Nicht zuletzt sind solche Stellen, an denen durch Verrottung organischen Materials Wärme freigesetzt wird, für die Eiablage (zwischen 10 und 30 pro Gelege) ideal. Das Ausbrüten besorgen diese Schlangen nämlich nicht selbst, sondern lassen diesen Job von der Umgebungstemperatur erledigen. Das ist dann so eine Art natürlicher Brutkasten.

Komposthaufen als Kinderstube

Entsprechend gute Voraussetzungen dafür bieten auch Sägemehlhaufen, vermodernde Baumstümpfe oder Schilfansammlungen. Solche sind als "Entbindungsstationen" unter werdenden Ringelnatter-Müttern heiß begehrt. Deshalb kann es vorkommen, dass sich mehrere von ihnen eine dieser Ideal-Stellen teilen. So wurden schon mehr als tausend Eier an einem Platz gefunden. (Unter Wildschweinen gelten sie, die Eier, übrigens als Delikatesse). Diese Schlangen sind allerdings schlechte Eltern. Ihre Jungen sind vom Augenblick des Schlüpfens auf sich allein gestellt und müssen vom ersten Tag an selbst sehen, wie sie klar kommen.
Ausgewachsen erreichen die Herren unter dieser züngelnden Schöpfung in hiesigen Breiten eine Gesamtlänge von durchschnittlich 75 Zentimetern. "Sie" kommt etwas stattlicher daher und kann zwischen 85 und 145 Zentimeter messen. Gilt in der Natur ja der Grundsatz vom "Fressen und Gefressen werden", sind diese Tiere, vom Kampf ums tägliche Brot einmal abgesehen, aber von durchaus friedfertigem Wesen. Motto: Lieber flüchten und verstecken, als kämpfen. Und wenn's sein muss, auch mal klein beigeben. Das zeigt sich schon während der Brautschau. Bis zu 20 Männchen buhlen mitunter um die Gunst der Dame ihres Herzens. Aber zu Beißereien unter den konkurrierenden Galanen kommt es dabei nie.

Trickreich Tarnen und Täuschen

Das Repertoire, Feinde abzuschrecken oder zu täuschen bzw. auf Störungen zu reagieren, ist vielfältig. Ist Reißausnehmen nicht drin, versuchen die Bedrängten durch Aufblähen oder Abflachen größer zu erscheinen, als sie tatsächlich sind. Sie richten dabei ihren Körper, ähnlich einer Kobra, bis zu einem Drittel der Gesamtlänge auf. Zeigt das nicht die erhoffte Wirkung, folgt mit Zischen und/oder Kopfstößen (Scheinbisse) in Richtung des Angreifers die nächste Eskalationsstufe. Wirklich zubeißen tun Ringelnattern aber in solchen Situationen selten, und wenn einmal doch, sind diese Bisse für Menschen oder auch Haustiere nicht bedrohlich. Sie zielen absichtlich daneben.
Eine effiziente Verteidigungswaffe stellen auch die Postanaldrüsen dar, durch die die Reptilien ein fürchterlich stinkendes Sekret absondern. Und zwar meist dann, wenn es gilt, sich aus einer schier ausweglosen Umklammerung zu befreien. Gute Schauspieler sind sie obendrein. Oft hilft nämlich auch Totstellen. Dabei liegt die Schlange mit geöffneten Rachen bewegungslos auf dem Rücken und sondert mitunter sogar Blut aus dem Maul ab. Thanatose nennt man so etwas. Ein Trick, den übrigens auch Ratten sowie bestimmte Spinnen, Käfer und Vögel drauf haben.
Da Amphibien ihre Nahrungsgrundlage bilden, sind Ringelnattern auf feuchte, gewässerreiche Lebensräume und vielfältige, unterschiedlich strukturierte Biotopkomplexe angewiesen. Sie ernähren sich überwiegend von Kröten, Fröschen und Schwanzlurchen. Aber auch Fische in passender Größe dürfen es gerne sein. Ringelnattern sind hervorragende Schwimmer und Taucher und werden nicht von ungefähr auch als Schwimm- oder Wassernattern bezeichnet. Weitere Namen: Hausschlange, Kuk und Schnake. Sie selbst stehen bei Greifvögeln, Füchsen, Mardern, Dachs und Wildkatze auf dem Speiseplan, während Jungtiere auch Graureihern, Störchen, und Igeln ge- und zum Opfer fallen.

Ihr größter Feind ist der Mensch

Der größte Feind der Ringelnatter ist jedoch der Mensch, der ihr durch die Entwässerung von Feuchtgebieten und die Regulierung natürlicher Fließgewässer sowie die Trockenlegung von Mooren in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend die Lebensgrundlage entzogen hat und es noch tut. Die Zerstückelung und Zerschneidung von Naturflächen zwingt diese Tiere zur Kreuzung querender, oft stark befahrener Straßen. Zigtausende kommen dabei Jahr für Jahr unter die sprichwörtlichen Räder. Es ist schade um jedes einzelne Exemplar!
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