Viel Sch... am Kaiserhof: Von Papiertigern, fleißigen Haderlumpen, cleveren Wespen und ägyptischen Mumien

So geht’s: Helmut Schwappacher demonstriert den Ausstellungsbesuchern, wie man mit einfachen Mitteln Papier schöpfen und aus alten Zeitungen „neue“ beschreibbare Blätter und Bögen herstellen kann.
 
Haderlump und Haderlumpin: Früher wurde Papier aus Textilfasern gemacht. Das verschaffte den Lumpensammlern, die die Papiermühlen belieferten, ein lukratives Zubrot. Wie diesem auch „Hadersack“ genannten Burschen, den Eugène Atget 1899 auf der Avenue des Gobelins in Paris abgelichtet hatte.
 
Den Handwerksberuf des Papiermachers im klassischen, traditionellen Sinne wie diesen „Papyrer“ aus Jost Ammans Ständebuch von 1568 gibt es heute nicht mehr. „Man(n)“ nennt sich inzwischen „Papiertechnologe“.
Papier ist bekanntlich geduldig, wie wir an bzw. in der täglichen Lokalzeitung erkennen können. Aber nicht bei seiner Herstellung. Da verzeiht es keine Fehler. Und dann hadert der Haderlump. Das ist eine Figur, die in der klassischen Produktionskette eine nicht ganz unerhebliche Rolle gespielt hatte. So nannte man Angehörige jenes fahrenden Völkchens, das abgetragene Kleidungsstücke, Stoffreste und -fetzen, sogenannte „Hadern“ bzw. „Lumpen“, sammelte oder aufkaufte, um diese dann an die Papiermühlen weiter zu veräußern.
Wen es interessiert, wie Papier, von dem es über 3.000 verschiedene Sorten gibt und das uns ja in den vielfältigsten Erscheinungsformen begegnet, zustande kommt, ist derzeit im Eschenburger Regionalmuseum an der richtigen Adresse. Dort, im Sparkassengebäude in der Markstraße 1, haben Kustos Winfried Krüger und sein Kollege Helmut Schwappacher zum Jahresabschluss eine sehenswerte Ausstellung zusammengestellt, die den Besuchern auf anschauliche Weise die Historie und unterschiedliche Nutzung jenes Stoffs, auf dem nicht nur spannende und lehrreiche Geschichten stehen können, näher bringt. Die Präsentation ist bei freiem Eintritt noch während der drei kommenden Sonntage zu sehen, jeweils zwischen 14 und 18 Uhr.

Der Stoff, aus dem nicht nur die Träume sind

Apropos Stoff: Noch bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein wurden die zur Papierproduktion benötigten Zellstofffasern aus Leinentextilien gewonnen. Aber irgendwann wurden die Klamotten knapp, weshalb man in Europa allen Ernstes überlegte, sich an ägyptischen Mumien schadlos zu halten, von denen es zu dieser Zeit am Nil noch jede Menge gab.
Obwohl Funde in China, die sich auf etwa 200 Jahre v. Chr. datieren lassen, anderes belegen, wird ein gewisser Cai Lun, Eunuch und Beamter der Behörde für Fertigung von Instrumenten und Waffen am chinesischen Kaiserhof, als Papier-Erfinder gehandelt. Der entsprechende Durchbruch soll ihm im Jahre 105 nach Christus geglückt sein. Bereits im 2. Jahrhundert gab es im asiatischen Riesenreich Papiertaschentücher. Im 5. Jahrhundert stellte man hier Toilettenpapier aus billigstem Reisstrohpapier her. Alleine in Peking wurden jährlich 10 Millionen Päckchen mit 1000 bis 10.000 Blatt produziert. Die Abfälle an Stroh und Kalk türmten sich zu großen Hügeln auf, Elefanten-Gebirge genannt. Für Zwecke des chinesischen Kaiserhofes stellte die kaiserliche Werkstatt 720.000 Blatt Toilettenpapier her. Für die kaiserliche Familie waren es noch einmal 15.000 Blatt hellgelbes, weiches und parfümiertes Papier. Die müssen da in ihrem Palast ganz schön viel Sch…. gemacht haben.

Gautschen hat nichts mit Gauchos zu tun

Heute ist die gebräuchlichste Grundsubstanz Holzstoff (Holzschliff), wobei das Recycling die wichtigste Komponente darstellt. Und genau das ist das Stichwort für Helmut Schwappacher. Der frühere Holderberg-Pädagoge ist zwar kein Papier-Tiger, aber ein Papierexperte. Und er zeigt den Besuchern unter Verwendung alter Zeitungen, wie das mit der Wiederverwertung funktioniert. Papierschöpfen nennt man das. Die Nachrichten von gestern und vorgestern werden zerkleinert und eingeweicht, die Pulpe, der Papierbrei, sodann mittels eines Schöpfrahmens ausgesiebt. Man spricht hier vom „Gautschen“. Anschließend muss die dickliche Plörre einige Zeit abtropfen und trocken, währenddessen man sie noch mit Ornamenten, Blütenbättern oder ähnlichem verzieren kann. Und am Ende dieses Prozesses muss keineswegs ein unansehnliches gräuliches Produkt stehen, wie es Öko-Fundis in ihrer Sturm- und Drangzeit zum Beschreiben oder Verpacken bevorzugten. Richtig gemacht, ist das Resultat durchaus ansehnlich, geradezu kunstvoll.

Papiertechnologen und ein nasser Schwamm

Den klassischen Papiermacher, dieser alte, ehrwürdige Handwerksberuf, gibt es in diesem Sinne (längst) nicht mehr. Seit dem Jahr 2005 ist der Beruf nur noch unter der neuen Bezeichnung Papiertechnologe zu erlernen. Und unter „Gautschen“ verstehen die Jünger der Druck- und Papierkunst aber auch noch etwas anderes: Es ist ein bis ins 16. Jahrhundert zurück zu verfolgender Buchdruckerbrauch, bei dem ein Lehrling nach bestandener Abschlussprüfung im Rahmen einer Freisprechungszeremonie in einer Bütte untergetaucht und/oder auf einen nassen Schwamm gesetzt wird.

Auf der Kuhhaut ist viel Platz für Sünden

Der Begriff Papier leitet sich übrigens aus dem lateinischen Wort „Papyrus“ ab. Ramses, Nofretete und Co. nutzten, wie die Römer ebenfalls, die Stängel gepresster Schilfpflanzen zur Herstellung. In anderen Epochen und Kulturkreisen waren Leder und Pergament die Trägerstoffe für Schrift und Malerei. Daher rührt auch der Untertitel der Eschenburger Ausstellung „Das passt auf keine Kuhhaut“ ab. Eine Redensart, die aus dem Mittelalter stammt. Damals glaubten die Menschen, dass alle ihre Sünden aufgeschrieben würden, und zwar vom Teufel persönlich – auf Pergament.
Pergament wurde ja aus den Häuten von Ziegen, Schafen und Kälbern hergestellt. Auch aus denen von Kühen. Und wenn man bedenkt, dass eine ausgewachsene Kuh im Durchschnitt etwa 2,50 Meter lang, 1,50 Meter hoch und 80 Zentimeter breit ist, was etwa vier Quadratmeter Haut ergibt, musste man schon ziemlich viel auf dem Kerbholz haben, damit die Auflistung den zur Verfügung stehenden Platz sprengen konnte. Und worauf das geflügelte Wort „etwas auf dem Kerbholz haben“ basiert, das ist wieder eine andere Baustelle.
Das Verfahren, Papier aus pflanzlichen Fasern zu gewinnen bzw. herzustellen, haben die Menschen erst relativ spät entdeckt. Friedrich Gottlob Keller würde für diese im Dezember 1843 gemachte Entdeckung heute sicherlich den Nobelpreis bekommen. Dabei hätten er und all die anderen, die sich vor ihm vergeblich an dieser Aufgabe die Zähne ausgebissen hatten, nur den Wespen etwas genauer auf Fühler und Kauwerkzeuge schauen müssen. Diese von vielen als lästig wahrgenommenen Insekten haben den Trick, das beispielsweise auch in Holz enthaltene Lignin zu binden bzw. zu neutralisieren, seit 250 Millionen Jahren drauf – und wenden ihn beim Bau ihrer Nester an. Letztere lassen sich, ausgebreitet und platt gewalzt, tatsächlich beschreiben….
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