Tecklenburgs „Sunset Boulevard“ wieder Fußängerzone: Nach Nora Desmond miauen die CATS-en und „Zorro“ rächt sich

Große Pose: Und darauf einen Rotkäppchen-Sekt! Maya Hakvoort lief in Tecklenburg als verwelkende Stummfilm-Diva zu Bestform auf. (Foto: Heiner Schäffer)
 
Die Diva und der Mann an ihrer Seite: Zwei große und großartige Künstler. Reinhard Brussmann und Maya Hakvoort. (Foto: Heiner Schäffer)
 
Etwas frischer und knackiger als der in Richtung Geriatrie marschierende einstige Leinwandstar kommt Betty (Elisabeth Hübert) schon rüber. Dem abgebrannten Drehbuchautor Joe Gillis (Julian Looman) fiel die Wahl insofern nicht schwer, oder vielleicht doch? (Foto: Heiner Schäffer)
 
Zu SSB-4: In Butler James, pardon, Max (von Mayerling) findet Nora Desmond in jeder Lebenslage Halt. Das etwas undurchsichtige Faktotum war einst ihr Ehemann. Und er ist auch der Autor ihrer nie versiegenden Fanpost. (Foto: Heiner Schäffer)
Auf der kurzzeitig ins Münsterland verlegten und eigentlich durch Hollywood bis nach Santa Monica führenden Prachtstraße sind die gleißenden Lichter inzwischen längst wieder verlöscht. Der lokale "Sunset Boulevard" ist wieder auf sein ursprüngliche Maß zurechtgestutzt und zu dem geworden, was er ursprünglich war: Eine Fußgängerzone in Tecklenburg. Mit dem gleichnamigen Webber-Klassiker hatten die hiesigen Freilichtspiele in der abgelaufenen Spielzeit zum zweiten Mal auf die Sir Andrew Lloyd-Karte gesetzt. Nach dem beschwingten, leichten und bunt-knalligen Bibel-Happening "Joseph" des britischen Musical-Papstes präsentierte die Bühne, es lebe der Kontrast, als zweites saisonales Stück 20 mal in Folge dessen eher düsteres, schwermütiges und dramatisches Werk um die alternde Stummfilm-Diva Nora Desmond. Die Story basiert übrigens auf dem Billy-Wilder-Film "Boulevard der Dämmerung" aus dem Jahr 1950.
Für Tecklenburg ist "Sunset Boulevard“ eigentlich ein völlig atypisches Projekt. Hier braucht man eher breit angelegte, opulente Ensemble-Szenen, um, Masse und Klasse, die hauseigenen Trümpfe, die sich in einer entsprechend großen Statisterie und einem ebenso stattlichen Chor manifestieren, ausspielen zu können. Solche auch bühnenfüllenden Möglichkeiten bietet dieses Stück, das stellenweise wie ein Kammerspiel daherkommt, kaum. Das mag auch erklären, warum die Verantwortlichen sich zunächst eher halbherzig um die Aufführungsrechte bemüht und den Bad Hersfeldern dabei gerne den Vortritt gelassen hatten. Die Osthessen brachten 2011 republikweit die erste Open-Air-Inszenierung mit der deutschen Ur-Norma Helen Schneider in der Titelrolle auf die Bühne ihrer imposanten Stiftsruine. Aber es war abzusehen, dass früher oder später auch zwischen Münster und Osnabrück kein Weg an einer solchen Produktion vorbeiführen würde. Davon abgesehen: Der Spielplan will und muss ja schließlich Jahr für Jahr bestückt und ausgefüllt werden.

Große Posen zwischen Liebe, Eifersucht und Wahn

Aber es hat funktioniert. Natürlich. Was sicherlich teils auch an der soliden, einfühlsamen und stimmigen Regiearbeit eines Andreas Gergen gelegen haben mag, der der Versuchung widerstand, hier das Rad neu zu erfinden. Der Mann orientierte sich ziemlich exakt und penibel an der Vorlage, zeichnete die Charaktere glaubwürdig und stimmig und schenkte vor allem den großen Posen der Diva Aufmerksamkeit. Die Implementierung diverser komödiantischer Elemente wirkte stellenweise bemüht, war aber sicherlich vor allem dem Bestreben geschuldet, der Geschichte um Liebe, Triebe, Enttäuschung , Eifersucht und Wahn etwas von ihrer bedrückenden Düsternis zu nehmen.
In Punkto Casting und Personalauswahl beweisen die Hausherren ja seit jeher ein glückliches Händchen. Das war auch diesmal nicht anders. Maya Hakvoort, Traumbesetzung, sang phänomenal und verlieh dem alternden Star durch ihr akzentuiertes und differenziertes Agieren Tiefe, Authentizität, Glaubwürdigkeit, Würde und, ja, verblasster Ruhm hin oder her, auch Größe. Nora Desmond hatte, als sie im Theater auf der Burg erstmals mit großer Gestik ins Scheinwerferlicht trat, ihre beste Zeit schon lange hinter sich hatte. "Out of Time", um es mit Jagger-Richards zu formulieren. Die Lady war aus selbiger gefallen, wollte es aber, im Gegensatz zu ihrem Umfeld, nicht wahrhaben. Konnte es, ein Hoch auf die Realitätsverzerrung, vielleicht auch gar nicht.
Eine tragische Figur, die am Ende in geistige Umnachtung abtauchen sollte. Eine selbstherrliche, im großen Gestern steckengebliebene alternde Frau, reich an Geld, aber arm an Tiefe und Erfüllung, mit der man(n) aber trotz ihres arroganten, überheblichen und allürenhaften Gehabes Mitleid haben musste. Als die Bilder auf der Leinwand laufen lernten, war die Diva eine große Nummer gewesen, deren Glanz alles überstrahlte. Als eben diese Bilder aber anfingen zu sprechen, war definitiv Schluss mit lustig. Das wusste jeder, nur sie selbst nicht. Es ging bergab in Richtung Bedeutungslosigkeit. Aber die Storyline dürfte ja sattsam bekannt sein.
So fern uns nicht gerade verwöhnten GZSZ- und DSDS-Guckern die Glitzerwelt des frühen Hollywoods, in der die Geschichte angesiedelt ist, auch sein mag, so wenig sie mit unserer eigenen Lebenswirklichkeit zu tun haben mag, das Schicksal der Protagonistin berührt uns doch. Dass sie ihren Lover, den jungen, mittellosen Drehbuch-Schreiberling Joe Gillis letztendlich aus enttäuschter Liebe mit drei gezielten Schüssen zu den nicht vorhandenen Fischen in den Pool schickt, nehmen wir ihr eigentlich auch gar nicht mal so übel. Aber der von Julian Looman verkörperte und ach so indifferente Toyboy, der es eigentlich lieber mit der knackig-feschen und lebenslustigen Betty Schaefer (Elisabeth Hübert) treiben würde, denn mit der vergilbten Jung-Seniorin, bei der er nur der Kohle wegen ausharrt, ist noch nicht einmal der wichtigste Mann an Nora Desmonds Seite. Das ist "James", der Butler, der in dem Stück natürlich ganz anders heißt, nämlich Max (von Mayerling). Der alten Dame immer noch in (von ihr selbst nicht erwiderter) Liebe zugetaner Ex-Ehemann, Förderer und Regisseur. Paraderolle für Reinhard Brussmann. Das ist bzw. war seine Stunde. Was für ein (dem Script folgend minimalistisch orientiertes) Spiel, was für eine Stimme! Der gebürtige Österreicher ist in Tecklenburg längst zum Publikumsliebling avanciert, und das, obwohl er hier bislang nur mit kleineren Rollen, die ihn kaum forderten, zu sehen und zu hören war.
Aber von ihm mal abgesehen: Julian Loomann sollte in Folge mit seinem Part, seiner neuen Aufgabe wachsen. Den Pyramiden-Guru in „Joseph“ hat man dem ambitionierten jungen Künstler nicht so richtig abnehmen wollen/können. Als Pharao wirkte er, gemessen an seinen Vorgängern, eher blass und uninspiriert. Aber als finanziell auf dem letzten Loch pfeifender Story-Zuträger einer überdrehten, synthetischen Hollywood-Scheinwelt war er echt gut. Der richtige Mann am richtigen Platz, hin- und herzweifelnd zwischen den Optionen, sich sorgenfrei im luxuriösen Umfeld einer verblühten Leinwandoma von dieser aushalten zu lassen, oder als armer, aber in seinen Entscheidungen freier Poet in einem Loch zwischen Fliegenschmutz und Rattendreck dahin zu vegetieren – nebenbei aber seinem Herzen zu folgen.

Ergreifende Momente und wunderschöne Melodien

Die Partitur, von Tjaard Kirsch und seinem großen Orchester wie gewohnt souverän aufbereitet und umgesetzt, ist komplexer und weniger eingängig als die meisten anderen Kompositionen des geadelten Webber. Was hängen bleibt, auch in den Gehörgängen, sind "Nur ein Blick", "Träume aus Licht" natürlich, "Die Rechnung zahlt die Dame", "Ein gutes Jahr", "Als hätten wir uns nie Good-bye gesagt" und ganz gewiss der Titelsong. Diese wunderschönen Melodien nach zu trällern, dazu mögen die Wenigsten imstande sein, aber sie liegen, der jeweiligen Situation entsprechend, genau auf dem emotionalen Punkt. Im Verbund mit den geschickt konzipierten und niemals aufgesetzt Choreografien eines Daniel Costello und den gewohnt herrlichen, den Modegeschmack der damaligen Zeit repräsentierenden Kostümen einer Karin Alberti erschloss sich den Zuschauern so eine ihnen fremde (Schein-)Welt, die trotz ihrer Intrigen-begünstigenden Künstlichkeit doch ein gewisses Maß an Faszination beinhaltete und Spalier stand für eine Menge ergreifender Momente.
Reden wir nicht von den (kleinen) ton-technischen Pannen, über die noch die Premierengäste geklagt hatten. So etwas passiert. Es ist ja "live". Und der positive Gesamteindruck mag dadurch kaum geschmälert werden. Die Tecklenburger Produktionen laufen in der Regel wie eine gut geölte Maschinerie ab: routiniert, professionell, einfallsreich, gewürzt mit viel Phantasie, Kreativität und Know-How. Und wer nicht damit leben kann, dass sich sein Sitznachbar während der Show vielleicht ein Bifi zwischen die Zähne schiebt oder an einem Piccolo nuckelt, sollte das nächste Mal einen Bogen um das Städtchen machen und sich stattdessen in einem hochpreisigen EnSuite-Tempel einbuchen. Da wird in den Rängen möglicherweise nicht so laut gekaut. Dafür sind die Tarife hier jedoch dreimal so hoch, die Inszenierungen aber nicht unbedingt besser.

Attacke aus der Abteilung „Rächer der Enterbten“

Nach der Saison ist vor der Saison. In Abwandlung des alten Sepp-Herberger-Ausspruchs haben die Münsterländer die Weichen für die Spielperiode 2015 längst gestellt. Zunächst miauen dort einmal die CATsen. Auf den Webber-Oldie hatte man sich schon relativ früh verständigt. In diesem Fall wird das Theater zur Müllhalde, und die Miezen treffen sich zum Jellicle-Ball. Der Attacke-Abteilung "Rächer der Enterbten" entstammt „Zorro“, der Mann mit der Maske. Und der zieht kommendes Jahr in Tecklenburg blank. Intendant Radulf Beuleke und die Seinen präsentieren das gleichnamige Musical mit der Musik der Gipsy Kings und John Camerons in Deutscher Erstaufführung. Auf die jüngeren Gäste wartet eine komplett neue Fassung von „Die Schöne und das Biest“. Das Familienmusical ist bisher schon zweimal in Tecklenburg aufgeführt worden.
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