Scary Musical Night: Grusel mit Augenzwinkern - Geisterbahnfahrt mit Hackebeilchen und eine Zucchini unter der Guillotine

Aus der Zahnarztpraxis direkt auf die Bühne: Erinnerungen an den Werwolf von Hannover. V.l.: Jessica Kessler, Maricel und Rob Fowler. (Foto: Stephan Drewianka)
 
Keine Gurke in ganz Bochum: Frau Wölk köpft eine Zucchini. Links Klein-Michi, das Faktotum des Unerklärlichen. Im Hintergrund schwingt Jessisca Kessler das Hackebeilchen. (Foto: Stephan Drewianka)
 
Für Michael Jacksons „Thriller“ hatte sich Rob Fowler irgendwie das falsche T-Shirt gegriffen: Mr. Frank'n'furter begleitete die Gastgeberin dabei auf der Klampfe. (Foto: Stephan Drewianka)
Nein, das war nicht die „Night oft the Living Dead“. Dafür waren die Akteure doch etwas zu quirlig und lebendig. Wenngleich die (schrägen) Gestalten, die sich in der Bochumer Christuskirche versammelt hatten, schon mitunter recht gruselig dreinblickten – zumindest die auf der Bühne. Motto: „Zum Fürchten schön“. Und damit kein falscher Eindruck entsteht: Das war keine schwarze Messe, die dort zelebriert wurde, eher eine bunte. Wäre ja andererseits in einem Sakralbau auch etwas geschmacklos gewesen. Aber es gab eine Hohepriesterin: Maricel. Die hatte das grelle Spektakel ausgeheckt und organisiert. Offizieller Titel des Ganzen: „Scary Musical Night“.
„Aus den Gräbern kriechen Kreaturen, tote Freunde sind mir auf den Spuren…“ Da war doch was…? Ja richtig, Dr. Jekyll! Aber nicht nur der und sein Alter Ego, der Hyde-Edward. Es gibt ja zahllose Musicals, die liebäugeln mit den dunklen Seiten in uns bzw. thematisieren sie, lassen Hexen Monster und Vampire auferstehen. Und aus diesem prall gefüllten Fundus hatten die Künstler geschöpft, um in der Ruhrstadt einmal so richtig Geisterbahn fahren zu können. 500 Passagiere waren auf diesen Zug aufgesprungen. Es wurde eine aufregende Reise, deren schaurig-dämonischen Aspekte freilich nur (stilistisch-thematisches) Mittel zum Zweck waren. Denn: Etwas Augenzwinkern war stets dabei.
Ein „Abend mit viel Biss“ und blendend aufgelegten Akteuren aus dem Schattenreich. Die stimmstarke Gastgeberin hatte sich für diesen von langer Hand vorbereiteten Coup ebenso „blutrünstige“ wie hochkarätige Verstärkung aus dem Kollegenkreis geholt und ließ es „with a little help from“ Jessica Kessler, Rob Fowler, Frank Nimsgern, Christian-Alexander Müller, Dennis Treiblmair, den „Vocal Heros“ sowie der „Monday Musical Company“ mächtig krachen. Ja und nicht zu vergessen Klein-Michi, der gruselige Mönch, so eine Art Faktotum des Unerklärlichen.

Wo Schauriges gut klingt

Die Setlist war mit Gespür zusammen gestellt und bediente sich u.a. bei Wicked, Dracula, dem Tanz der Vampire, Jekyll & Hyde, SnowWhite, der Rocky Horror Show, dem Phantom der Oper, dem Kleinen Horrorladen und anderen „einschlägigen“ Werken mit Bezug zum Übernatürlich-Schaurigen. Aber auch die Kaiserin Elisabeth, die 3 Musketiere und die Langhaarigen, die dann letztendlich doch die Sonne hereinlassen durften, kamen zu Wort. Das Sightseeing-Programm schloss einen Besuch in der Stadt der Engel mit ein.
Die Musik kam Teils aus der Konserve, wurde Teils live gespielt oder war ein Mix aus Beidem. Passte schon. Videoprojektionen und ein stimmiges Lichtdesign sorgten für die passende Atmosphäre. Was die Requisiten anbelangt, hatte sich die Ausstattung auf Friedhöfen, in diversen Folterkellern und mittelalterlichen Waffenkammern bedient. Äxte, Beile, Messer, in Leinentücher eingewickelte Leichen („Das ist jemand aus dem Publikum. Der hat nicht genügend geklatscht“), die sich dann als quietsch-fidel entpuppten, ja und sogar eine mobile Guillotine, die aber doch nur zum Schnipseln einer Zucchini taugte. Zucchini deshalb, weil an diesem Tag in ganz Bochum angeblich keine Gurke aufzutreiben gewesen war. Beim süßen Transvestiten, Rob Fowlers Paraderolle, hatten sich die Akteure textilmäßig noch im Publikum schadlos gehalten, ansonsten aber ihre eigenen mitunter skurrilen Klamotten mitgebracht.

Scheiterhaufen und Serienkiller

Reden wir nicht nur von makabrer Phantasie und Poesie. Auch Quellen mit direkten zeitgeschichtlichem oder historischen Bezug sprudelten üppig. Da war das berühmte „Hackebeilchenlied“, das an den Massenmörder Fritz Harmann, den Werwolf von Hannover, erinnerte, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts in der Leine-Stadt 24 Jünglinge auf bestialische abgeschlachtet hatte. Mit „Warte, warte noch ein Weilchen..“ hatten Eltern in Folge versucht, ihre ungehorsamen Kinder zu disziplinieren, doch in der Diktion von Maricel, Jessica Kessler und Rob Fowler kam der Song trotz seines entsetzlichen Hintergrunds ziemlich lustig und spritzig rüber. Nichts zu lachen gibt es hingegen in bzw. über Jeanne D’Arc, jener auf dem Scheiterhaufen verbannten „Jungfrau von Orleans“ und erst Jahrhunderte später rehabilitierten französischen Nationalheiligen, der die Gastgeberin ein eigenes Dramamusical gewidmet hat. Die „Seele schreit“ daraus gehörte denn auch zu den bewegendsten Songs, die an diesem Abend zu hören waren. Dieses bestechende Werk – sowohl die Musik, als auch das Libretto stammen von Frau Wölk - hat ungemein viel Potential. Und es müsste doch mit dem Teufel zu gehen, wenn sich dafür kein Produzent finden würde, der das Stück auf die Bühne bringt.

Hexe Huckla und Puccini

Dass Christian Alexander Müller, weiland das jüngste Phantom Deutschlands, die Musik der Nacht erklingen lassen würde, war klar. In Erinnerung bleiben wird sicherlich auch seine „Unstillbare Gier“. Aus dem Vampirtanz hatte sich auch die entsprechend vorbelastete Jessica Kessler mit einer packenden Version von „Tot zu sein ist komisch“ bedient, und ihre „Mädchen der Nacht“ aus Jekyll & Hyde, die die Dinslakenerin gemeinsam mit Maricel besang, waren einfach prächtige Damen. Dennis Treiblmair empfahl sich als Duettpartner der Kaiserin bei "Wenn ich tanzen will" und als Horrorladen-Zahnklempner Orin Scrivello, Rob Fowler punktete einmal mehr mit dem Dracula-Song „Ein Leben mehr. Frank Nimsgern, der „Überraschungsgast“, nahm immer einmal wieder gerne am Klavier Platz, um die Kollegen/innen live zu begleiten. Besonders viel Spaß gemacht haben dürfte ihm das bei "Frei wie der Wind" aus seinem Musical "SnoWhite", bei dem Maricel und Jessisca K. zu Höchstform aufliefen. Überhaupt war die stilistische Bandbreite an diesem Abend weit geknüpft. Im Rahmen des klangvollen Spagats ließ sogar Hexe Huckla, eine Maricel’sche Kunstfigur, herzlich grüßen, während Michael Jacksons „Thriller“ durchaus auch ins Gesamtkonzept passte. Hingegen hätte man Puccinis Arie „O mio babbino caro“ hier eher weniger erwartet. Donnerwetter! Maricel bewies damit eindrucksvoll, dass sie auch im Opernfach bestehen kann.
Die „Scary Musical Night“ war eine Weiterentwicklung des Halloween-Konzert-Projekts aus dem Jahre 2012 in Hannover. Und wie es aussieht, wird daraus noch mehr erwachsen. Die inhaltliche Konzeption ist zumindest vielversprechend und hebt sich wohltuend von dem Musical-Gala-Einerlei nach Schema F ab. Fortsetzung folgt – bestimmt!
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