Kulturelle Vielfalt und Authentizität in der geschmähten Provinz: 25 Jahre Kulturkreis Eschenburg-Dietzhölztal

Die Kulturscheune in Herborn ist längst eine Institution und strahlt weit über die Kreisgrenzen hinaus ab. Durch sie hat das kulturelle Leben der Region, insbesondere auch der Kleinkunstsektor, einen enormen Auftrieb erhalten.
 
Der Kulturkreis Eschenburg-Dietzhölztal feiert 2014 sein 25-jähriges Bestehen.
 
Die im 13. Jahrhundert errichtete Johanneskapelle in der Ewersbacher Hauptstrasse bietet ein einzigartiges Ambiente. Der ehemalige Sakralbau wird gerne für kukturelle Veranstaltungen, private Festlichkeiten und Trauungen genutzt.
Kultur, und dieser wohl auf gnadenloser Selbstüberschätzung fußende Irrglaube mancher/vieler (Groß-)Städter hält sich hartnäckig, sei eine originäre Domäne des Urbanen. Welch ein Trugschluss! Der Provinz, dem (meist gar nicht mal so) flachen Land, von dem es dann für nicht wenige bis zum Hinterwäldlertum nur noch ein kleiner Schritt ist, mögen Metropolen-fixierte Schlaumeier, die sich selbst der intellektuellen Elite zurechnen, dahingehend kaum Potential zubilligen. Allenfalls etwas Folklore. Träumt weiter! Warum auch sollten Vertreter dieser Koalition der Überheblichen eine „gute“ Theorie nur deshalb aufgeben, weil sie nun mal nicht stimmt? Dabei ist (und war) Kultur, sofern man darunter tatsächlich die Summe aller menschlichen, gestalterisch/geistigen Lebensäußerungen versteht, in der Fläche schon immer wesentlich authentischer.
Und das entsprechende Angebot, sowohl thematisch als auch inhaltlich, mag zwar nicht unbedingt explodiert sein, aber es ist spürbar gewachsen und wird zunehmend angenommen und gewürdigt. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil an dieser Entwicklung hat, regional-kommunal-bezogen, (auch) der Kulturkreis Eschenburg-Dietzhölztal (KKED), der in diesem neuen Jahr seinen 25. Geburtstag feiert. Gut, dass die Rolling Stones jemals in Rittershausen auftreten werden, gilt als ebenso unwahrscheinlich wie eine Soiree mit Barbara Streisand im Jungscharhäuschen von Hirzenhain. Aber darum geht es den Verantwortlichen auch gar nicht. Den Ursprungsansatz, Kultur in die Heimat bringen zu wollen, haben sie längst beerdigt. Weil: Selbige ist ja schon längst da, war es schon immer. Das Gebot der Stunde lautet stattdessen und folgerichtig: Der Kultur, den Kulturschaffenden der Region, eine Heimat und ein Forum zu bieten, und zwar hier, vor Ort. So wird ein Schuh‘ draus.
Es bedarf also nicht zwingend und keineswegs der Verpflichtung externer „Top“-Acts, wie in den Pioniertagen des KKED praktiziert. Was dieses Feld angeht, würden kommunale Anbieter sowieso zwangsläufig am Katzentisch sitzen zwischen den Mächtigen der Szene zerrieben werden. So etwas können die international agierenden Entertainment-Multis gleichwohl viel besser. Warum auch sollte ich mir im Nachbarort ein von weit angereistes, hochmotiviert aufspielendes, aber eher doch zweitklassiges Salon-Orchester reinziehen, wenn nur eine Stunde Autofahrt entfernt die tatsächlichen Champions vom Leder ziehen? Das wäre der falsche Ansatz.

Ein Forum für Kulturschaffende aus der Region

Das haben die KKED-Strategen rechtzeitig erkannt und setzen zunehmend auf die regionale Karte. Und der Erfolg gibt ihnen Recht. Das bedeutet keineswegs, dass man nicht mal über den eigenen Tellerrand hinweg blinzeln darf. Sonst würde das alles ja letztlich irgendwie auf kulturelle Inzucht hinauslaufen. Ist so auch gar nicht beabsichtigt. Auch jenseits der regionalen Grenzen gibt es, insbesondere im Kleinkunst-Bereich, Riesentalente, die, vielleicht noch völlig unbekannt, darauf brennen, sich inszenieren zu können. Diesen Künstlern eine Projektionsfläche und ein Forum zu bieten, ist eine sowohl spannende, als auch dankbare Aufgabe.
Andererseits hat das Land an Lahn und Dill Größen hervorgebracht, die einer solchen Anschub-Initiative gar und längst nicht mehr bedürfen, die, im Gegenteil, inzwischen in den größten Konzertsälen stehende Ovationen einfahren. Der Haigerer Johannes Monno beispielsweise gehört zu diesem erlauchten Kreis. Der Gitarrenprofessor, der als solcher an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart lehrt, zählt zu den besten klassischen Saitenzauberern der Republik. Das Konzert, das der Mann im Oktober vergangenen Jahres gemeinsam mit seinen beiden Kindern Paulina und Rafael im Dietzhölztal bestritten hatte, dürfte als Highlight in die Analen des KKED eingehen.

Im 25. Jubiläumsjahr zählt der Kulturkreis 120 Mitglieder

Für kommenden Feitag (10. Januar) hat der Kulturkreis, dem aktuell der Eschenburger Bürgermeister Götz Konrad vorsteht und der heuer 120 Mitglieder zählt, nun zum Neujahrsempfang gebeten. Und zwar in eine Location, um die die Gastgeber von vielen beneidet werden: die Johanneskapelle in Ewersbach. Ein inzwischen säkularisierter, direkt an der Hauptstrasse gelegener ehemaliger Sakralbau, der ob seines besonderen Ambientes und seiner atmosphärischen Einzigartigkeit gerne für Konzerte und Tagungen, aber auch private Veranstaltungen genutzt wird. Ab 19 Uhr stehen hier bei freiem Eintritt der Gedankenaustausch, das gegenseitige Sich-Kennenlernen, die kritische Selbstreflektion und das Schmieden neuer Pläne im Vordergrund. Und es wird natürlich nicht nur „geschwätzt“. Ein kleines, erlesenes Rahmenprogramm, gespeist aus dem Fundus hiesiger, regionaler Akteure, dürfte die Vielfalt eben jenes kulturellen Spektrums, auf das man im LDK-Land zu Recht so stolz ist, abbilden.

Literatur, Musik und Poetry-Slam

So ist der Sinner Buchautor Rüdiger Geis mit von der Partie. Der Journalist rezitiert aus seinem neuesten Krimi und gewährt darüber hinaus Einblicke in die Arbeit des Filmclubs „Athenia“, dessen Vorsitzender er ist und der in der Vergangenheit durch zahleiche viel beachtete Leinwand- Projekte von sich Reden gemacht hat. Die Musik des Abends kommt natürlich nicht vom Band, sondern „livehaftig“ von Melanie Hofheinz und Jamie Müller. Die beiden talentierten Mädels hatten 2013 das erste Newcomer-Festival des Kulturkreises gewonnen. Als Duo „Jâmél“ (Gitarre und Gesang) knüpfen die beiden jungen Damen seitdem an diesen Erfolg an.

"The Voice" aus dem Siegbach-Delta

Schon ein klein weniger länger im Geschäft ist ein Mann, der als Wanderer zwischen den Genres gilt und sich sowohl im Schlagerbusiness, als auch in der volksmusikalischen Szene sowie im Country- und Rock’n’Roll-Circus pudelwohl fühlt: Michael Heck, „The Voice“ aus dem Siegbach-Delta. Der stimmgewaltige Künstler , der, im Gegensatz zu vielen Kollegen, alle seine Songs selbst schreibt, hat kurzfristig und spontan seine Teilnahme zugesagt und eilt zwischen zwei Konzertterminen und den Vorbereitungen eines neuen, in Wien angesiedelten Großprojektes ins Dietzhölztal, um daselbst etwas in die Saiten zu langen. Am Sonntag moderiert er dann im Thüring’schen Zeulenroda bereits wieder eine Ausgabe der beliebten Tourneeshow „Musik für Millionen“, die er, dann aber als Interpret, in den nächsten Wochen und Monaten begleiten wird.
Etwas „Poetry Slam“ darf und muss auch sein. Dieses Genre deckt Sascha Kirchhoff ab. Für viele mag diese Kunstform nach wie vor noch etwas „exotisch“ sein, aber wer einmal einen, diesem Strickmuster folgenden literarischen Vortrags-Wettstreit hat erleben dürfen, weiß um die impulsive, kreative und performative Ausdruckskraft, die dieser Disziplin innewohnen kann. Kirchhoff wird an diesem Abend freilich konkurrenzlos sein.

Die Kulturscheune Herborn – Institution und leuchtendes Beispiel

Mit Jörg-Michael Simmer steht schließlich der Repräsentant einer Einrichtung Rede und Antwort, die mittlerweile weit über die Grenzen Hessens hinaus Reputation erlangt hat: der Kulturscheune in Herborn. Dieses Haus, längst Institution, ist ein Segen, für jene, die es betreiben, aber auch für alle, die es „bespielen“ – und für die Menschen in seinem weiteren geografischen Umfeld. Daselbst treffen schließlich zwei strategisch ganz unterschiedliche Konzeptionen aufeinander. Einmal: Es ist das Hauptquartier der Herborner Heimatspieler, denen man mit dem Etikett „Laienspielschar“ bitter Unrecht tun würde. Das sind semi-professionelle Akteure, die in den zurückliegenden Jahren mit brillant-wuchtigen, dramatisch und opulent ausgelegten lokal-historischen Inszenierungen („Die Barbara”, „Tod und Leben”, „Die Freiheit“) Produktionen abgeliefert haben, die höchsten Ansprüchen gerecht wurden und die sogar bundesweit auf bewundernde Resonanz stießen.
Aber da ist anderseits auch der Anspruch, ein klein wenig von dem, was am nationalen Kleinkunst-Himmel leuchtet, auf das hiesige Geschehen abstrahlen zu lassen. Und das hat inzwischen eine gewisse Eigendynamik entwickelt. In der Herborner „KuSch“ reüssiert zu haben, gilt mittlerweile unter den Überfliegern der Kabarett-Szene als Muss. An dem vis-à-vis des Gutshofes gelegenen Kultur-Tempel kommt mittel- und langfristig keiner von ihnen vorbei – will es auch nicht. Viele der scharfzüngigen Wortakrobaten, die hier aufgetreten sind, gehören inzwischen selbst zu den eingeschriebenen Förderern dieser Einrichtung.
Vielleicht lassen sich da, zum Vorteil beider Seiten, der der Heimatspieler/KuSch und der des Kulturkreises, durch eine lockere Kooperation ja für die Zukunft gewisse Synergieeffekte erzeugen. Darüber wäre zu reden, am Freitag beispielsweise. Zum Neujahrsempfang ist übrigens jede(r), der/dem das kulturelle Leben in dieser Region am Herzen liegt, eingeladen und willkommen.

Weitere Infos über die Arbeit des Kulturkreises Eschenburg-Dietzhölztal hier: www.kked.de oder bei Facebook unter www.facebook.de/kulturkreisED
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