Duftende Sprachblüten aus den Gewächshäusern unserer Journaille: Pech im Verkehr - Paar bumst zusammen

Stapelweise Wortwitz: Die Redakteure unsere Zeitungen und Zeitschriften greifen tagtäglich ganz tief in die Humorkiste – meist unfreiwillig. (Foto: Jetti Kuhlemann/pixelio.de)
 
Es stand schließlich in der Zeitung! Im deutschen Blätterwald gedeihen haarsträubende Gewächse, die Lingual-Allergikern den Schweiß auf die Stirn treiben. (Foto: Artemtation)
 
Man muss die Stilblüten gar nicht mit der Lupe suchen. Nicht selten findet man sie bereits dick und fett als Schlagzeile. (Foto: Pixabay/Shotput-magnifer)
 
Witz im Schlitz: Der Tag fängt mit einem Schmunzeln an. Und deshalb lieben wir unsere Zeitungen ja so. Sie geben uns außerdem Orientierung in einer kaum mehr überschaubaren Welt. (Foto: Wilhelmine Wulff/pixelio.de)
Die schönsten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Und das tun mitunter ja auch jene Damen und Herren, die sich dazu berufen fühlen, es uns erklären, das Leben - und nebenbei natürlich auch die Welt. Sie sitzen in den Reaktionsstuben der Zeitungen und gehen ihrer Passion mit viel Verve und Einfallsreichtum nach. Sie sind es, die dem geneigten Leser Orientierung in einer kaum mehr überschaubaren Welt geben und für ihn die nicht mehr zu überblickende Flut an Informationen sichten und gewichten. Gut, diese Profis sind, was Stil, Ausdruck, Rechtschreibung und Grammatik anbelangt, auch nicht immer auf der Höhe der Zeit. Aber auch hierbei gilt schließlich: Nobody is perfect!
Mitunter schlagen sie schon mal über den Federkiel bzw. die Tastatur, die gestressten Kollegen. Bewusst oder unfreiwillig. Was oft auch der gnadenlos näherrückenden Deadline geschuldet ist. Und dann kann's durchaus lustig werden. Oder peinlich. Oder beides zusammen. Der Blätterwald ist insofern auch immer ein Quell nie versiegender der Heiterkeit. Da wachsen tagtäglich schillernd-duftende Stil- und Sprachblüten nach, zarte Pflänzchen ebenso wie mächtige Stauden. Schlechte Zeiten für Lingual-Allergiker. Die Pol(l)en fliegen. Oft stechen diese Meilensteine der Fabulier- und Formulierkunst sofort ins Auge, mitunter sind sie dezent in Nebensätzen versteckt.
Nicht von ungefähr gilt beispielsweise der "Hohlspiegel" des bedeutendsten Deutschen Nachrichtenmagazins auch zu den am meist gelesenen Rubriken dieses auch nicht immer soooo investigativen Mediums. Da werden Woche für Woche genüsslich die erhellendsten Ausrutscher und Entgleisungen der schreibenden Zunft ausgebreitet. Vor selbigen sind weder lokalen Blättchen, noch die renommierten überregionalen Platzhirsche gefeit. Sie schenken sich da gegenseitig nix. Inzwischen gibt es auch Dutzende Bücher, Kalender und Internet-Portale, die sich diesem Thema widmen. Schon Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel hatte festgestellt und etwas verschwurbelt dargelegt: „Da der Mensch die Sprache hat als das der Vernunft eigentümliche Bezeichnungsmittel, so ist es ein müßiger Einfall, sich nach einer unvollkommeneren Darstellungsweise umsehen und damit quälen zu wollen".

Die Landgestüthengste hoch zu Ross

Auch in unserer Region, dem Lahn-Dill-Kreis, findet man solche funkelnden Sprachjuwelen, in Vergangenheit und Gegenwart. Gedruckte Perlen, die, Sternen gleich, am trüb-tristen auflockernd bewölkten Lokalteil-Himmel strahlen. Dafür pflegte man früher pauschal den ach so diabolischen Druckfehlerteufel verantwortlich zu machen. Der Gehörnte mit der krummen Feder steckt(e) aber nicht immer nur im Detail. Ihm jedenfalls kann man die acht Hengste des Dillenburger Landgestütes, die die Dill-Zeitung einst hoch zu Ross auf dem Rücken der Pferde durch die Stadt traben ließ, nicht anlasten. Diese legendären Gäulchen sind unvergessen. Wenn sie nicht zu Lasagne verarbeitet worden sind, wiehern sie vermutlich noch immer - und wir mit ihnen. Vom Gäulchen getreten war vermutlich auch der Schlussredakteur des Hamburger Abendblattes, der folgende Schlagzeile auf Seite 3 platzierte: „Die Verkaufspferde präsentieren ihre Besitzer am Freitag und Sonnabend“.
Doch zurück in die Region: Dass "die Stadt über hat verfügt zwei Bauschuttkippen", vermeldeten die freundlichen Mitbewerber der Dill-Post, was aber wohl eher als sprachliches Zugeständnis an die Leser mit Migrationshintergrund zu verstehen war. Um wenig später noch mal entsprechend nachzulegen: „Bewohner groß haben Ärger mit viel Krach aus Radio“. In derselben Zeitung verstieg sich der Serviceteil-Redakteur zu folgendem epochalen Verbraucher-Tipp: „Kaufen sie niemals welken Blumen!“ Das wundert es auch keinen mehr, dass erst kürzlich im Schwesternblatt, der Wetzlarer Neue Zeitung, zu lesen war „Die Bauarbeiten zum Ersatzneubau der A-45 Talbrücke Münchhausen stehen in den Startlöchern“. Sicherlich ein interessanter Anblick. Startlöcher mögen die mittelhessischen Redakteure ganz besonders. In selbigen stehen auch schon mal die Landfrauen, statt in ihnen zu hocken oder zu kauern. Das liegt aber vermutlich daran, dass die meisten dieser Damen schon gesetzteren Alters sind, die aus der Hocke schwerlich wieder hoch kommen könnten… Dann lieber gleich stehen bleiben.

Wir greifen den Eidechsen unter die Arme

Aber andere haben es auch drauf, voll drauf. Die Halterner Zeitung beispielsweise vermeldete einen "beruhigenden Anstieg bei der Kriminalität", während im Holsteinischen die Stiftung Naturschutz im Rahmen einer beispielslosen Rettungsaktion "Zauneidechsen und Wechselkröten unter die Arme griff". Ich stelle mir das gerade bildlich vor. Über einen aufmüpfigen Rathauschef, der sich partout nicht in sein vorbestimmtes Schicksal fügen wollte, klagte an anderer Stelle die Westerwald-Post aus Montabaur: "Bürgermeister lässt sich nicht überall aufhängen". Die Überschrift "Alte trafen sich in Gräbern" hatte für mich zunächst so einen leicht nekrophilen Beigeschmack, wobei, wie sich dann aber herausstellte, mit Gräbern ein gleichnamiger Ort in Unterkärnten gemeint war, in dem ein Seniorennachmittag stattgefunden hatte.
Toll und auch noch öffentlich trieben es Eheleute im schwäbischen Westhausen. Die Beiden waren - getrennt marschieren, vereint zuschlagen - unabhängig voneinander mit ihren Autos auf derselben Straße in entgegengesetzten Richtungen unterwegs und dann, welch dummer Zufall, kollidiert. In der Zeitung las sich das dann so: "Pech im Verkehr - Paar bumst zusammen". Da wundert es auch niemand, als der Schwarzwälder Bote kundtut: "Bahn kürzt künftig beim Fremdenverkehr". Solcher kann nämlich durchaus gefährlich werden und fatale Konsequenzen nach sich ziehen: "Frauen, die angeklagt sind, außerehelichen Sex gehabt zu haben, werden öffentlich gesteinigt oder sogar hingerichtet" echauffierte sich "Die Welt". Aber auch umgekehrt kann ein Schuh draus werden: "Rainer von O. ist wegen Untreue angeklagt. Er soll auf Dienstreisen seine Ehefrau mitgenommen haben". (Kölner Stadt-Anzeiger)

Nebel in beiden Fahrtrichtungen

Die Antwort auf die Frage, aus welcher Scheide er die Klinge wohl hervorgezaubert haben mag, blieb die Westdeutsche Allgemeine natürlich schuldig: "Nackter Mann zog Messer". Die Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänen lässt schon mal einen türkischen Fischkutter verhaften, während bei den Westfälischen Nachrichten eine "Lebende Legende tödlich verunglückt". Dumm gelaufen. Apropos verunglücken: "Autofahrer, die einen Unfall verursachen, haben meist selbst schuld. (Die Welt). Endlich stellt das mal jemand klar! Und weiter: "Anscheinend ist die Leiche die Böschung hinaufgeklettert und dabei verunfallt". (Heidelberger Tagesblatt). Sie, die Leiche, hatte bei schlechter Sicht wohl die Orientierung verloren, obwohl der Hessische Rundfunk zuvor doch eindringlich gewarnt hatte: "Achtung Autofahrer. Die Sichtweiten in unserem Sendegebiet betragen nur bis zu 50 Meter. Dies gilt für beide Richtungen".
Unsere Brüdern und Schwestern in den neuen Bundesländern sind mitunter ja auch ziemlich krass drauf. "Magdeburgerin gebar ein Elefantenbaby" titelte die "Volksstimme". Da hatte es die Dame mit der Leihmutterschaft doch etwas übertrieben. "Sie haben Spaß am Verkaufen und Führen von Menschen?" erkundigte sich allen Ernstes ein Unternehmen in einer in der FAZ geschalteten Stellenanzeige. Vermutlich konnte sich die Personalabteilung in Folge vor Bewerbern um diesen Job kaum retten. Und dass die "Fischköppe" im Norden recht trinkfest und schmerzfrei sind, ist ja hinlänglich bekannt: "Die 54-Jährige hatte zur Tatzeit 2,69 Promille Blut im Alkohol", ließ sich das Nordfriesland Tageblatt vernehmen. Der diensthabende Redakteur aber wohl auch. Prost!
Dass PC-Arbeit keine Frage des Alters oder des Geschlechtes ist, davon ist die Kölnische Rundschau überzeugt und kündigte einen Kurs "Textverarbeitung für leicht fortgeschrittene Frauen" an. Aber richtig interessant wird es immer dann, wenn Zahlen ins Spiel kommen. Damit haben es viele Journalisten nicht so. Schreiben ja, aber Rechnen?
Das Hamburger Abendblatt: "Der Verfassungsschutz schätzt den Anteil der drei Millionen in Deutschland lebenden Fundamentalisten auf 30.000". Die Neue Osnabrücker Zeitung: "Die Kapazität der Anlage sei ausgelegt für 320.000 Tierkadaver pro Jahr. Das entspreche umgerechnet etwa 100.000 Katzen". Die Münchener Abendzeitung: Brigitte Mira war fünfmal verheiratet und ist nun seit 128 Jahren verwitwet. Das Gelnhäuser Tageblatt: "Die sechs weißen Männer in seiner Regierung bilden eine Minderheit. Ihnen zur Seite sitzen drei weiße Frauen, zwei schwarze Männer sowie Menschen beiderlei Geschlechts aus anderen Herkunftsländern". Und die Münchener tz: "Damit sind 10,6 Prozent aller Beschäftigten arbeitslos". Aber auch die FAZ tut sich ab und an mit der Arithmetik schwer: „Mehr als die Hälfte der Milliardäre hat ihr Vermögen komplett selbst aufgebaut, vier Viertel zumindest teilweise“.

Frierende Scheintote weinte in Leichenhalle

Die Könige im Generieren krasser, plakativer Schlagzeilen sitzen im Berliner Axel-Springer-Haus, dem Verlagshauptquartier des Boulevardblattes mit dem Four-Letter-Word-Namen. Und natürlich in seinen über ganz Deutschland verteilten Redaktions-Dependancen, den "Think-Tanks". Sie bringen es nahezu tagtäglich auf den Punkt. So wollte uns "BILD" ja einst glauben machen, zuerst mit dem Toten gesprochen zu haben. Ob das tatsächlich so geschrieben stand, oder es sich um eine Legende handelt, ist nicht mehr verifizierbar. Aber Schwarz auf Weiß, oder meist in leuchtendem Rot auf dem Titelblatt des auflagenstärksten deutschen Revolverblattes prangt daselbst schon mal „Scheintote weinte in der Leichenhalle – Ich bin nicht tot, ich friere so”, oder „Unglaublich: Vom Dackel der Schwiegermutter entmannt”. Warum auch nicht? Schließlich waren wir ja auch mal Papst! Da klagen die Headline-Zauberer über die Affenhitze, um prompt zu fragen: "Werden wir jetzt alle Afrikaner?” Oder sie meckern: " Lotto-Zahlen immer blöder”. Oder sie prophezeien: "Sonne geht morgen finster auf".

Der Pilz, der auf große, Fuß lebte

So etwas schüttelt man nicht eben mal aus dem Ärmel. Das ist ganz großes Kino, höchst anspruchsvolles Hand- bzw. Kopfwerk, das man beherrschen muss. Und das tun diese Leute. Oft kopiert, aber in dieser finalen Wuchtigkeit nie erreicht. Oder vielleicht doch? Inzwischen gibt es Nachahmer, die satirisch dort anknüpfen, wo BILD aufhört. Die aufzuzeigen, wie BILD -Schlagzeilen in einer nächsten Eskalationsstufe auch lauten könnten, würden sich die Damen und Herren Redakteure nur etwas mehr Mühe geben. Eine kleine, aber keineswegs repräsentative Auswahl entsprechender Vorschläge: "Toller Extra-Service: Straßenreiniger kehrt Passanten den Rücken". "Kreationist erschlägt Atheist mit Schöpfkelle". "Eskimos legen Bauprojekt auf Eis". "Gefeuert: Töpfer (46) vergriff sich im Ton". "Bundeswehr-Kannibale aß zweimal täglich Spießbraten". "Lüsterner Esoteriker: Geistheiler zwingt Patientin zum Pendelverkehr". "iPhone-Besitzer tötet Nachbarn mit Kopf-App". "Verschwenderisch: Pilz lebte auf großem Fuß". Oder: "Pfändung bei insolventem Obsthändler verlief fruchtlos".
Noch mehr gefällig? Bitteschön. "Kornfeld-Killer beging Ährenmord". "Bondage-Quickie: Masochist war kurz angebunden". "Arbeitsunfall: Klimaforscher stürzt bei Gradwanderung". "Ziegenzüchter hat keinen Bock mehr". "Neue Operations-Technik: Chirurg fragt Patienten Loch in den Bauch". "Goethe-Fan haut mit Faust auf den Tisch". Oder: "Irrer Poet erdrosselt Nachbarin mit Dichtungsband".
So, jetzt reicht's aber wirklich. Stellt sich allerdings die Frage, wohin das alles noch führen soll. Wie und wohin entwickelt sich der Journalismus? Das Schlusswort hat der "Stern". Ihm verdanken wir folgende Erkenntnis: "Bekanntlich ist es schwierig, eine Voraussage zu treffen, insbesondere wenn diese sich auf die Zukunft bezieht". Da schau an. Wer hätte das gedacht?
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3 Kommentare
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Johanna M. aus Stemwede | 23.11.2014 | 22:48  
15.020
Hans-Werner Blume aus Garbsen | 24.11.2014 | 15:09  
25.288
Silvia B. aus Neusäß | 23.08.2016 | 10:19  
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