Der Hauch des Todes: Friedhöfe als Orte zwischen den Welten, wo sich das Diesseits mit dem Jenseits verbindet

Keine Gräber, sondern Denkmäler. Ein übermannsgroßer Engel beschützt die Seele des Verstorbenen. Doch der ruht ein paar Etagen weiter unten.
 
Für die Ewigkeit angelegt: Alter jüdischer Friedhof in Frankfurt. Der älteste Grabstein stammt aus dem Jahr 1272.
 
Hier gibt einer der begnadetsten Gitarristen des vergangenen Jahrhunderts sein letztes Konzert: Rory Gallagher. Doch gehört der unweit von Cork gelegene St. Oliver Cemetery nicht unbedingt zu den Vorzeigeobjekten europäischer Friedhofskultur. (Foto: Miriam Krentscher)
 
Totenstadt ganz in Weiss: Auf den „Knochenäckern“ in südlichen Ländern gibt es kaum Grün. Der Grabschmuck besteht zumeist aus Plastikblumen. Das gestalterische Spektrum bewegt sich zwischen schlichten Grabtafeln und monumentalen Mausoleen.
Man muss kein Gruftie oder "Goth" sein, um Friedhöfe zu mögen. Auch von jenen Kranken, die Nächtens bei Vollmond auf Grabplatten herum hopsen, sich Federn, getaucht in das Blut vor Ort geschlachteter Hühnchen, ins Ohr stecken und dabei "La Paloma" pfeifen, soll hier nicht die Rede sein. Begräbnisstätten sind von ganz eigenem Reiz. Der kann architektonisch bedingt, aber auch atmosphärisch-emotionaler Natur sein. Ob Nekropole oder kleiner "Gottesacker", über solchen Plätzen liegt meist ein ganz eigenartiger, eigentümlicher Hauch. Nicht unbedingt und allein der des Todes. Es sind Orte zwischen den Welten, wo sich das Diesseits mit dem Jenseits verbindet.
Plätze der Trauer, der Erinnerung, des Gedenkens und der Einkehr. Stätten, die uns die eigene Vergänglichkeit bewusst machen und vor Augen führen. Die Frage, was wird und was bleibt, außer einer im Laufe der Zeit unleserlich verwitternden Inschrift auf einem Stein, stellt sich automatisch. Asche zu Asche…
Nehmen wir die letzte Ruhestätte eines Rory Gallagher, jenes kleinen, langmähnigen und krummbeinigen Iren, der zu den begnadetsten Blues-Gitarristen des vergangenen Jahrhunderts zählte und der am 14. Juni 1995, nicht ganz freiwillig, seine gammelige Stratocaster für immer aus der Hand gelegt hatte. Der Musiker starb (viel zu früh) 47-jährig an den Folgen einer missglückten Lebertransplantation und wurde auf dem St. Oliver Cemetery in Ballincollig bei Cork beigesetzt. Das Grab ist nicht größer als das seiner wortkargen Nachbarn, einzig der Grabstein, der aus Metall besteht und an die fünf ausgestreckten Finger einer Hand erinnert, mit denen der Bursche zu Lebzeiten so flink über die Saiten und Bünde zu huschen pflegte, sticht aus dem ideenlose Einerlei der Umgebung hervor. Ein Hauch von Extravaganz, die dem virtuosen Bier- und Whisky-Versteher aber Zeit seines Lebens völlig fremd war.

Für die Ewigkeit angelegt

Nun zählt der schmucklose, einfallslos angelegte "St. Oliver" sicherlich nicht zu den Vorzeigeobjekten europäischer Friedhofskultur. Auf diesem Feld sind andere deutlich besser und kreativer. Wobei bei Stil, Struktur und Ausrichtung schon ein deutliches Nord-Süd-Gefälle auszumachen ist. Hier gibt es, klimatisch, topographisch und Mentalitäts-bedingt, gravierende Unterschiede, aber vor allem auch solche, die religionsbedingt sind. Jüdische Friedhöfe beispielsweise, auf denen man Grabschmuck vergebens sucht, sind und waren von vornherein für die Ewigkeit angelegt und unterscheiden sich in Art, Struktur und Ausrichtung von christlichen Ruhestätten erheblich. Das lässt sich anschaulich an jenem in der Frankfurter Battonstrasse ausmachen, der zweitältesten jüdischen Begräbnisstätte in Deutschland, die als solche bis 1828 genutzt wurde. Deren frühester Grabstein ist auf das Jahr 1272 datiert.
Im Gegensatz zu hiesigen Breiten findet sich im Süden wenig Grün an und auf solchen Flecken. Der Grabschmuck, so denn überhaupt vorhanden, besteht zumeist aus (bunten) Plastikblumen. Wir Mitteleuropäer tun das vorschnell als Kitsch ab, doch ist dies den hohen Temperaturen dort geschuldet. Richtige Blumen würden binnen kürzester Zeit die Köpfchen hängen lassen und verwelken. Die Steine in diesen Knochengärten sind zumeist hell, wobei sich das Spektrum zwischen schlichten Grabtafeln und monumentalen Mausoleen bewegt. Weit verbreitet sind aus Porzellan oder Marmor gefertigte Erinnerungstafeln, die wie Bilder auf den flachen Grabsteinen stehen. Drauf finden sich Porträtmedaillons der Verstorbenen, Bibelsprüche, Gedichte und Widmungen der Angehörigen oder Freunde. Hinzu kommen unterschiedliche Motive aus Bronze, christliche Symbole wie ein Kruzifix, eine Madonna oder ein Christus mit Dornenkrone, aber auch Dekorationsobjekte aus der weltlichen Abteilung: Rosen, Blumen, Vögel, Herzen. Oft werden auch der Beruf oder das Lieblingshobby des Verstorbenen in Form von Symbolen dargestellt.
Bei uns im kalten Deutschland geht es auf den Kirchöfen und Totenackern weniger verspielt zu. Wobei die Friedhofsordnungen jeweils auch genau vorgeben, was sein darf und was nicht. Da bleibt oft nicht viel Raum für Phantasie und, damit eingehergehend, für aus dem Rahmen des Üblichen fallende Gestaltungsschritte. Die Größe der Gräber ist genormt, oft unterscheiden sie sich nur durch die Namen auf den oft in übereinstimmender Konformität gehaltenen Steinen. Das sähe anders aus, wenn die Steinmetze dürften wie sie könnten. Aber, wie das beim Deutschen Michel nun mal ist, auch auf diesem Gebiet geht alles nur strikt nach Vorschrift. Die restriktiven Vorgaben lassen wenig gestalterischen Spielraum.
Ja, und da gibt es ja auch noch die “Friedwälder”, Orte der Stille und Besinnung, an denen die Asche der Toten (meist) in biologisch abbaubaren Urnen unter hohen, schattigen Bäumen einen Platz finden. Meist, wenn überhaupt, sind es nur schlichte Namenstafeln, die an die Verstorbenen erinnern. Diese alternative Form der Naturbestattung ist in den vergangenen Jahren sehr populär geworden. Der Wind säuselt im Geäst, die Vögel zwitschern. Ein Ambiente wie geschaffen für das Gedenken an einen geliebten
Menschen.

Tristesse, Prunk und Phantasie

Viele Kommunen sparen schon an der Basis. Weil es ihnen an Geld, gutem Willen oder landschaftsgärtnerischen Vorstellungskraft fehlt bzw. gefehlt hat. Da haben die Begräbnisstellen den Charme von Fußballplätzen. Kein Baum, kein Strauch, keine Hecke. Die Tristesse entspricht der Funktionalität des Ortes. Aber es geht auch anders, wie das Beispiel Köln, aber nicht nur dieses, zeigt. Der Melaten-Friedhof in der rheinischen Jecken-Hauptstadt zählt neben dem noch beträchtlich größeren Hamburger Friedhof Ohlsdorf, der laut Internetportal Bestattungen.de der schönste zwischen Kiel und Konstanz ist, zu den sepukralen Vorzeigeadressen in Deutschland. Er ist historische gewachsen und gereift, das Produkt einer jahrhundertelangen Entwicklung. Einerseits imposantes Symbol für den exponierten Platz, den ein Mensch nach seinem Tod im Herzen der Hinterbliebenen einnimmt, andererseits grüne Lunge, Natur-Refugium, Touristen- und Besuchermagnet.
Auf der 435.000 Quadratmeter großen Anlage an der nördlichen Grenze des Stadtteils Lindenthal, die auch einen der Öffentlichkeit nicht zugänglichen jüdischen Friedhof beherbergt, befinden sich 55.000 Gräber, große, kleine, monumentale, schlichte außergewöhnliche, exzentrische, originelle, erhabene und würdevolle. Um hier heuer beerdigt werden zu können, muss man/frau entweder Mitglied der Kirchengemeinde gewesen sein, in deren Bezirk das Areal liegt, oder die Ehrenbürgerschaft der Stadt Köln besessen haben. Dritte Möglichkeit: Man hatte zu Lebzeiten die Patenschaft über eine der Grabanlagen, deren Liegezeit abgelaufen war, übernommen und somit dazu beigetragen, diese vor Verfall oder Abriss zu bewahren. Aber so was kann ganz schön ins Geld gehen…
Der 1810 eingeweihte Friedhof verdankt seine Entstehung Napoleon. Der hatte während der französischen Besatzungszeit am 12. Juni 1804 per kaiserlichen Dekretes Beerdigungen innerhalb der bebauten Ortslage von Städten und Dörfern sowie in geschlossenen Gebäuden untersagt - aus hygienischen Gründen. Die Kölner Stadtverwaltung erwarb daraufhin das Gelände, auf dem sich zuvor ein Lepraheim befunden hatte. Der Name "Melaten" rührt von dem bereits im 12. Jahrhundert an dieser Stelle nachgewiesenen Heim für Kranke und Aussätzige her. Im Mittealter dienten Teile des Bereichs auch als öffentliche Hinrichtungsstätte, eine von dreien in Köln. Noch 1529 waren daselbst zwei Protestanten wegen ihres Bekenntnisses zu Luthers Lehren den Feuertod gestorben. Ein Gedenkstein in der Nähe des heutigen Haupteinganges erinnert heute an sie. Übrigens: Bis 1829 durften auf dem "Gottesacker der Stadt Köln", so die offizielle Bezeichnung, auch nur Katholiken bestattet werden.

Zwischen Millowitsch und Dirk Bach

Die Gestaltung der Anlage geht auf einen Entwurf von Ferdinand Franz Wallraf zurück, der dabei wesentlich bei den Pariseren und deren Friedhof Père Lachaise abkupferte. Viermal wurde sie im Laufe der Jahre erweitert, zuletzt 1946. Der Melaten-Friedhof ist eine Residenz der Toten und eine….. der Lebenden. Ein idealer Ort, um Stadtgeschichte erfahrbar zu machen. Man stolpert hier förmlich über große, bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, solchen aus Kultur, Wissenschaft und Forschung. Nicht über sie selbst, sondern ihre Namen. Willy Millowitsch hat hier ebenso seine letzte Ruhe gefunden wie Hans-Jürgen Wischnewski, Willy Birgel, Giesela Uhlen, Hans Böckler oder, ja, der auch, Dirk Bach. Imposant die "Millionärsallee", dort, wo der lokale Geldadel, die hiesige Oberschicht, auch noch im Tod ihr Protzgewand trägt. Gigantische Mausoleen, Gruften, Totentempel, flankiert von überlebensgroßen Figuren Skulpturen und Artefakten. Zeugnisse eines über den Tod hinaus gehenden Geltungsdranges.
Daneben, Kontrast, die Jenseits-Adressen von Otto-Normal-Verbraucher und Lieschen Müller, berührend in ihrer Schlichtheit und ihrer auf das Notwendige, Bezahlbare reduzierten Einfachheit. Ans Gemüt gehend der Anblick des bunten Vogelhäuschens auf dem Grab des Sechsjährigen, der die Piepmätze über alles geliebt hat und ihnen auch noch im Tod ganz nahe ist. Oder der laminierte Lieblingsteddy von Helene, die gerade mal drei Jahre alt war, als sie von Leukämie dahingerafft wurde. Eines der bekanntesten Grabmale auf Melaten ist der Sensenmann. In der rechten Hand hält die Figur eine Sanduhr und in der linken Hand eine Sense. Die Paten dieser Stätte, eine Steinmetzfamilie, ließen dort ihren kleinen Sohn Martin begraben. Sie verzierten den Ort mit einem Frosch, in Anlehnung an seinen Spitznamen „Fröschlein“.

Steinmetzkunst und botanische Vielfalt

Nicht weniger eindrucksvoll und erhaben als die Kunst der Steinmetze, die, wie anschaulich wird, über die Jahre hinweg vielen Stilwandeln und -wechseln unterworfen war, ist die botanische Vielfalt dieses einzigartigen Refugiums. Hohe, lichte Alleen aus Platanen (den antiken Todes- oder Trauerbäumen) spenden wohltuenden Schatten, ebenso stattliche Linden und Ahorne. Rosenstöcke, Lebensbäume, Birken, Trauerulmen, japanische Zierkirschen, Trompetenbäume, Hecken. Mehr als 40 verschiedene Vogelarten sowie, Eichhörnchen, Fledermäuse, verwilderte Katzen und Füchse fühlen sich auf dem weitläufigen Gelände wohl. Die Besucher auch. Bei den Verblichenen und zu Staub Zerfallenen weiß man es nicht so genau. Der hektische Lärm der nahe vorbeiführenden Aachener Straße, einer Hauptverkehrsader, dringt nur gedämpft bis ins Innere vor, abgehalten auch durch die mehr als mannshohe Einfriedungsmauer und das grüne, fast alles überspannende Blätterdach, in dem sich das Flüstern der Seelen der hier Begrabenen zu einem nie verstummenden Wispern zu verdichten scheint.
Es ist eine Welt für sich, eine Oase der Ruhe und des Friedens. Ein Ort zum Abschalten, Herunterkommen, Loslassen. Die Stadt Köln und die Friedhofsverwaltungen bieten (auch kostenlose) Führungen an. Aber das Gelände lässt sich natürlich auch auf eigene Faust erkunden. Auch wenn die Zeit hier still zu stehen scheint, irgendwie rast sie vorbei. Man kann einen ganzen Tag hier verbringen, und doch hat man am Ende des selbigen nur einen Bruchteil dessen gesehen, was diese prächtige Anlage zu bieten hat.
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