Lost Places, oder der morbide, zauberhafte Charme des Verfalls: Die Sehnsuchtsorte der Ruinen-Romantiker

Das Feuer ist längst erloschen. Auch schon ein paar Jährchen her, dass Gäste, eine Cognac-Glas in der Hand, in die knisternden Flammen des großen Kamins gestarrt haben. (Foto: Markus Novak)
 
Kleiner Frühstücksraum: Nur die Fensterscheiben an der Stirnseite sind noch intakt. Wind und Wetter können im Inneren ungehindert ihre zerstörerische entfalten. Der Büfett-Tisch ein Trümmerhaufen. (Foto: Markus Novak)
 
Der Schwimmbadbereich im Keller. Die grellbunten Graffitis den Wänden stehen in auffälligem Kontrast zur Umgebung, die immer noch einen Hauch von Luxus atmet. (Foto: Markus Novak)
 
Aufgang in die erste Etage des kleinen Gästehauses. Kunstvoll gedrechselte eichene Säulen stützen die Last der Jahre. (Foto: Markus Novak)
 
Dieser Anblick mag Thomas Mann einst zu Szenen seines Romans „Der Zauberberg“ inspiriert haben. (Foto: Markus Novak)
Verwunschene Orte, geheimnisvoll, unheimlich, faszinierend. Gebäude, die aus der Zeit gefallen scheinen oder in denen selbige stehen geblieben ist. Schwarze Löcher der (jüngeren) Geschichte. Liegenschaften, einst angefüllt mit prallem Leben, inzwischen vom Zahn der Zeit angeknabbert, ihrem Schicksal überlassen, der einstigen Bedeutung beraubt und dem Verfall preisgegeben. Es gibt Hunderte davon, Tausende. Und diese Objekte üben eine magische Anziehungskraft aus, auf Abenteurer, Schatzsucher, Romantiker, Suchende, Träumer, Phantasten - und Fotografen. Man nennt sie "Lost Places"
Und da bleibt es sich zunächst einmal egal, ob es sich um Wohn-, Industrie- oder Militärruinen, Kirchen, Friedhöfe, ehemalige Sanatorien oder Bahnbetriebswerke handelt. Hauptsache Ruinen. Verlassen, stillgelegt, im Dämmerschlaf der schleichenden Auflösung vor sich hin dösend. Ihnen gemeinsam ist ein gewisser morbider Charme, dem sich zu entziehen schwer fällt. Eine Aura, durchdrungen vom Hauch der Vergänglichkeit. Die Ahnung von einem trotzigen Sich-Aufbäumen gegen das Ende, das früher oder später doch kommt und kommen muss.

Gefangen in der Faszination des Verfalls

Relikte einer Epoche, die längst vorbei, Zeugen, die von guten, als auch schlechten Zeiten künden, verfangen in der Agonie des Zerfalls. "Lost Places" oder "Rotten Places" haben sich als Bezeichnungen für derartige Liegenschaften eingebürgert. Eine offenbar ständige wachsende "Community" scheint dem Kult um selbige verfallen. Dessen Anhänger tauschen sich in Internetforen aus, sind aber nur vordergründig redselig. Wenn es um die Preisgabe exakter Koordinaten der Objekte ihrer Begierde geht, geben sich die Jäger verlorener (Architektur-) Schätze erstaunlich zugeknüpft. Zwar gibt es ellenlange Auflistungen mit detaillierten inhaltlichen Beschreibungen, aber bei der genauen Lokalisierung schweigt des Sängers Höflichkeit. Da sind diese Ruinenromantiker plötzlich gar nicht mehr so mitteilungsbedürftig. Was aber auch durchaus seinen Grund hat: In ihrem Kielwasser tummeln sich leider auch immer wieder Vandalen, die, angetrieben von der Lust an der Zerstörung, mutwillig und mit Vorsatz vorwegnehmen, was eigentlich dem Zahn der Zeit obliegt. Und solchen Deppen muss man ja auch nicht noch den Weg zeigen und ebnen.
Zu den bekannten Top-Adressen in Deutschland gehören die alte Abhöranlage der Amerikaner auf dem Berliner Teufelsberg und die Beelitzer Heilstätten in Brandenburg. Da bieten findige Geschäftsleute gegen entsprechende Bezahlung inzwischen gar Fotoführungen an. Wer etwas längere Anfahrten/-flüge nicht scheut, dürfte auf dem stillgelegten Internationalen Flughafen von Athen auf seine Kosten kommen.
Mit etwas Gespür und Kombinationsgabe lassen sich meist aber auch jene “magischen” Punkte orten, die weniger bekannt sind und über denen der Mantel des Stillschweigens liegt. Da reichen selbst spärlichste Hinweise aus. Ihr Besuch birgt jedoch durchaus auch Risiken. Einmal abgesehen davon, in welchem mal mehr, mal weniger fortgeschrittenen Stadium maroder Baufälligkeit sich die Anwesen befinden, ist auch die Eigentumsfrage von latenter Relevanz. Da hat man sich schnell mal etwas eingefangen, eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs beispielsweise. Was auf passionierte Ruinentouristen aber in den seltensten Fällen abschreckend wirkt. Wo kein Kläger, da auch kein Richter. Und vielen Fällen ist es den früheren Besitzern, so sie überhaupt noch unter uns weilen, sowieso schnuppe, wer und was sich in ihren alten Gemäuern herum treibt.
Jedes einzelne hat seine eigene, oft faszinierende Geschichte. Und die des Hotel Geigers am Stadtrand von Berchtesgaden reicht weit, weit zurück. Aus kleinen Anfängen auf den Fundamenten eines aus dem 15. Jahrhundert stammenden Bauernhauses errichtet und 1866 als Pension eröffnet, zählte es in seiner Blütezeit zu den ersten und allerfeinsten, von den Mitgliedern der Hochfinanz und des europäischen Hochadels geschätzten Adressen. Gekrönte und ungekrönte Häupter haben hier Hof gehalten, gelöffelt und genächtigt, geliebt, gefeiert und intrigiert. Prinz Friedrich von Anhalt und Prinzessin Marie von Sachsen-Meiningen ebenso wie die russische Prinzessin Soltykoff , Prinz Max von Baden oder die niederländische Königinmutter Emma zu Waldeck und Pyrmont.

Thomas Mann, Elvis, Kennedy und die Bee Gees

Thomas Mann hat sich dort, den Watzmann im Blick, offenbar zu seinem Jahrhundertroman "Der Zauberberg" inspirieren lassen, (viel) später fanden hier ein amerikanischer Offizier namens John F. Kennedy , ein Elvis Presley, The Bee Gees, der kanadische Premierminister Pierre Trudeau, der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat, Bundespräsident Walter Scheel und Fürst Albert von Monaco Kost und Logis. Doch von der Wurst mal abgesehen, hat alles mal ein Ende. 1997 gingen die Besitzer des Luxusschuppens, der im Laufe der Jahre immer wieder vergrößert und modernisiert worden war, pleite. Seitdem steht der unbewachte Komplex leer und ist sich selbst überlassen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Abrissbirne anrollt, auch wenn das aufmüpfige Denkmalschützer bis dato erfolgreich zu verhindern wussten. Alle Bemühungen, einen potenten Investor zu finden, der der einstigen Delux-Herberge neues Leben einhaucht, sind bis heute gescheitert. Irgendwann wird das Ganze, schon allein aus Sicherheitsgründen, wohl platt gemacht werden.

Markus Novak im Fotografen-Paradies

Der Ehringshäuser Fotograf Markus Novak und seine Lebensgefährtin Ingrid erhielten Gelegenheit, den weitläufigen, verwinkelten Komplex zu durchstreifen. Und sie nutzten diese Chance. Den Beiden erging es wie allen ihrer Zunft vor ihnen: Die Fülle differenter optischer Eindrücke war erdrückend und entpuppte sich als pure Reizüberflutung! Aber nichtsdestotrotz eine höchst interessante und anspruchsvolle Spiel- und Experimentierwiese für ambitionierte Lichtbildner. Da trennt sich schnell die Spreu vom Weizen. Eine echte Herausforderung, zumal dann, wenn man trotz komplexer Lichtverhältnisse aus Prinzip auf die konventionelle Belichtungspraxis setzt, statt sich beispielsweise der HDR-Methode (= High Dynamic Range) zu bedienen. Eine aufwändige Nachbearbeitung ist aber in beiden Fällen unabdingbar.
Hier atmet jeder Winkel Geschichte, scheint erzählen zu wollen oder ein Geheimnis zu bergen. Vieles sieht noch genau so aus, wie von den Nutzern vor 17 Jahren zurück gelassen. Wesentliche Teile des Interieurs sind erhalten geblieben, andere nur noch fragmentarisch existent. Vieles ist auch schlichtweg abhanden gekommen, das Werk von Dieben. Der mondäne Charme der Anlage hat sich erhalten und über die Zeit gerettet. Ob im Konservationssaal oder im Raucherzimmer, in der Küche oder am Empfang, es ist, als hätte das Gestern nur eine Pause eingelegt. (Gleich, nach der Werbung, geht's weiter.) Wer alles mag wohl in der "Präsidenten-Suite", in der noch das rostige Gestell des Doppelbettes quietscht, sein müdes Haupt in die (heute natürlich nicht mehr vorhandenen) Daunenkissen gedrückt, oder sich daselbst, mit wem auch immer, vergnügt haben? Inkognito, versteht sich. Und die Toilettenschüssel der in der ersten Etage des Hauptgebäudes gelegenen Hochzeits-Suite dürfte auch so manch prominenten Arsch gesehen haben.

Das Zimmermädchen wusste noch nichts von Kundus

Die holzvertäfelten Decken und die kunstvolle geschnitzten Gebälke sind zum Teil noch gut erhalten oder zumindest in ihrer einstigen kunstvollen Ausführung zu erahnen. Jüngeren Datums in einer Ecke, um Luftzug flatternd, das vergilbte Titelblatt des Berchtesgadener Anzeigers. Die Montagsausgabe stammt vom 21. Mai 2007. Zwei Tage zuvor waren drei deutsche Soldaten bei einem Selbstmordattentat im afghanischen Kundus getötet worden. Und wieder einige Jahre zurück: Welche verschwenderisch gedeckte Festtafel der schief an der Decke hängende von Patina überzogene Lüster einst beschienen und erhellt haben mag? Überbleibsel einstiger Pracht, wohin das Auge schaut. Niemand wäre verwundert, käme just in diesem Augenblick das Staubwedel schwingende Zimmermädchen mit der weißen Schürze, der züchtig hoch geschlossenen hellgrauen Bluse und dem gestärkten weißen Häubchen um die Ecke, während sich der sonst so distinguiert dreinblickenden befrackte Ober mit den gegelten nach hinten gekämmten Haaren im Namen des Küchenchefs unterwürfig bei dem echauffierten Gast entschuldigt, und zwar dafür, dass das Wachtelbrustfilet etwas zu cross geratenwar und im Abgang einen nussigen Nachgeschmack hatte.
Der Concierge hat unterdessen alles im Blick und schaut missbilligend auf die tatenlos herumstehenden Pagen, während sich der Liftboy müht, die Aufzugtüre hinter der, zugegeben, etwas zur Fülle neigenden Dame zu schließen. Aufwachen! Das ist alles längst vorbei, war einmal. Oder könnte so gewesen sein. Die Phantasie schlägt angesichts der eigenartigen, nachgerade mystischen Atmosphäre, die über dem Ganzen liegt, ungezügelt Purzelbäume.
Die langen Fluchten der Flure enden irgendwo im diffusen Nirgendwo, die mächtige eichen-hölzerne Wendeltreppe führt in beiden Richtungen ins Nichts. Durch die trüben, teilweise kaputten Fensterscheiben dringt blende Helligkeit ins Innere, um sich nach wenigen Metern zu verlieren. Myriaden glitzernder Staubpartikel tanzen in den hereindringenden Sonnenstrahlen, deren Spitzen, Lichtschwertern gleich, sich in die gegenüberliegende Holzvertäfelung bohren, deren Lacküberzug auch schon bessere Zeiten gesehen hat.
Apropos: Die, also die besseren, guten Zeiten, hat der Geiger-Komplex längst hinter sich. Aber obwohl er seit 1997 leersteht und es offenbar auch niemand mehr schert, was daraus wird, sind doch viele Teile der Einrichtung noch erstaunlich gut erhalten. Bäderlandschaften, Großküchenzeilen, Sitz-Ensembles in Salon und Eingangshalle. Und die Schwimmhalle im Keller. Gut, sie hat jetzt nicht die Ausmaße eines Centerparks , kommt aber, gemessen an den sonst üblichen Hotelstandards der damaligen Zeit, doch recht stattlich und imposant daher. Wäre das Becken noch mit Wasser gefüllt, der Badegast, der hier seine frühmorgendlichen Runden zu drehen pflegt, müsste jeden Augenblick vom Abduschen zurückkommen. Man meint, das Tapsen seiner Latschen auf den Fliesen zu hören...

Graffiti und mondäner Luxus

In augenfälligem Kontrast zum mondän-dekadenten Ambiente dieses einst den Schönen, weniger Schönen, Reichen und Superreichen Europas vorbehaltenen Wellness-Refugiums stehen die grellbunten Graffitis an den Wänden. Da haben sich Sprühdosen-Künstler der Neuzeit verwirklicht. Davon abgesehen hält sich das Ausmaß der auf Mutwilligkeit und Vorsatz basierenden Zerstörungen aber in Grenzen, was durchaus regional-mentalitätsbedingt sein könnte. In anderen Republikteilen, ob im Westen oder Osten, sind solche Objekte weitaus größeren Verwüstungs-Orgien ausgesetzt.
In der Hotelgarage parkt noch ein Auto. Aber das gehört(e) offensichtlich keinem der früheren Hotelgäste. Die rostige Schüssel hat ein später geborener Schlaumeier hier unauffällig und kostengünstig entsorgt. Die leere Flasche Rotwein, malerisch vor langsam erblindendem Glas und von Spinnenweben umrankt auf einer Fensterbank platziert, zeugt von gepflegtem Genuss in verlassener Abgeschiedenheit. Laut Etikett hat es sich bei dem mehr oder weniger edlen Tropfen um ein Stöffchen des Jahrgangs 2012 gehandelt: Südtiroler Edelvernatsch. Als das Zeug abgefüllt wurde, war der Schuppen schon 15 Jahre dicht. Letzterer hatte in den Jahren nach der Schließung noch als Filmkulisse seine Zwecke erfüllt. In Folge sollten hier noch die "Wilden Hühner" gackern. Auch "Der Winterschläfer" haute sich daselbst aufs Ohr, während "Tierarzt Dr. Quengel" antrat, unter vegetativer Dystonie leidende Meerschweinchen zu therapieren. Auch eine Episode der "Weißblauen Geschichten" entstand im postmortalen Geiger-In.. Neuerdings empfiehlt sich der verwinkelte Komplex, wenn überhaupt, allenfalls als Drehort für das Fantasie- und Horror-Genre. Zumal es an haarsträubenden, von Verschwörungstheorien beflügelten Geschichten nicht mangelt. So soll hier zu bestimmten Zeiten der Geist eines in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gewaltsam vom Diesseits in das Jenseits beförderten Hotelgastes umgehen. Vielleicht hat der ja die besagte Flasche Rotwein ausgetrunken…
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2 Kommentare
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Johanna M. aus Stemwede | 27.09.2014 | 21:38  
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Matthäus Felder aus Lichtenstein | 29.03.2015 | 07:50  
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