Maschinenbücher 2: „Theatrum machinarium“ – Flaschenzüge, Kräne und andere „Heb=Zeuge“, 1725

Bockwindmühle Wettmar: Einbau der Flügel mit Autokran, 2011
 
Jakob leupold, Theatrum machinarum... Heb=Zeuge, Leipzig 1725, Reprint Düsseldorf 1981
Burgwedel: Wettmar | Wer hat sich nicht schon gefragt, wie die riesigen Steinblöcke der Pyramiden bewegt wurden, wie man die 157 Meter hohen Türme des Kölner Doms baute - oder schlichter: Wie wurde 1585 laut erster urkundlicher Erwähnung die Bockwindmühle Wettmar errichtet? Die Firsthöhe beträgt immerhin 14 Meter, die Flügel haben eine Spannweite von 20 Metern. Wir wissen, sie wurde in mehreren Baugruppen vormontiert und zusammen gesetzt. Und das bei einem Gewicht von insgesamt ca. 60 Tonnen. Als sie 2011 von ihrem alten Standort in Wettmar auf ihren neuen versetzt wurde, kam ein Autokran und der Wiederaufbau war in relativ kurzer Zeit erledigt. Aber 1585?
Wer einmal in dem „Archäologischen Park Xanten“ war, in der beeindruckend restaurierten Römerstadt „Colonia Ulpia Traiana“ am Niederrhein, findet in einem Bereich nachgebaute raffinierte Kräne, wie sie schon vor 2000 Jahren bekannt und üblich waren und zum Transport, zur Fortbewegung und Errichtung riesiger Lasten eingesetzt wurden.
Solche Maschinen sind uns in aller Regel unbekannt. Es klafft eine Kenntnislücke zwischen ihnen und unseren heutigen Baukränen, Autokranen usw. Daher stehen wir voller Staunen vor der Windmühle und anderen Bauwerken: Wie haben die das damals bloß gemacht?
Hinweise bekommen wir z.B. in einem Buch mit dem heute ungewohnt langen, damals normalen Titel „THEATRUM MACHINARUM oder Schauplatz der Heb=Zeuge in welchem nicht nur angewiesen wird wie durch Menschen und Thiere gewaltige Lasten bequem fortzubringen“ von Jacob Leupold, „Mathematicus und Mechanicus“, d.h. Mathematiker und Ingenieur, gedruckt 1725 in Leipzig.
Jacob Leupold (1674 -1727) war Sohn eines Handwerkers, der zugleich Tischler, Drechsler, Uhrmacher und Bildhauer war! In seinem Elternhaus bekam er tiefe handwerkliche Einblicke, war aber körperlich zu schwach für einen Handwerksberuf. Sein Vater schickte ihn daher auf eine Lateinschule in Zwickau. Aufgrund finanzieller Probleme musste er später sein Studium der Theologie in Jena und Wittenberg abbrechen, konnte aber in Leipzig ohne Einschreibegebühren studieren. Er hatte sich bereits durch Selbststudium umfangreiche naturwissenschaftliche Kenntnisse angeeignet und vertiefte diese bei bekannten Leipziger Wissenschaftlern. Leupolds Erfindungen, eine Luftpumpe, eine Zwei-Kolben-Dampfmaschine, eine Rechenmaschine u.a., sollen hier nur erwähnt werden.
1720 kündigte er in Leipzig eine große technische Enzyklopädie an, die vor allem die mathematischen Zusammenhänge und praktische Anwendung mechanischer Geräte und Maschinen beinhaltete. Das lexikalische Werk war gedacht für Theoretiker der Mechanik, Praktiker, wie z.B. unsere heutigen „Ingenieure“, und Bediener der Maschinerie. Wichtig war ihm, dass diese Bücher nicht für „Kriegs-Ingenieure“, sondern für Zivilingenieure geschrieben wurden. Kaiser Karl IV. und der sächsische König August der Starke förderten dieses Mammut-Buchprojekt. Es umfasst neun Bücher mit Unterbänden, die zum größten Teil von ihm bis zu seinem frühen Tod selbst herausgegeben wurden bzw. nach seinem Tode erschienen, herausgegeben von seinen Mitarbeitern.
In diesen Werken finden wir die Beschreibung vieler Geräte und Maschinen, die mit Menschen- oder Tierkraft angetrieben wurden und Probleme lösen konnten, die der einzelne schwache Mensch nicht zu lösen imstande war.
In dem „Schauplatz der Heb=Zeuge“ ist beispielsweise eine umfangreiche Beschreibung aller Arten „Von Flaschen=Zügen oder Scheiben=Werken“, mit denen die unterschiedlichsten Lasten gehoben werden konnten. Oder in § 214 wird beschrieben, wie „Ein Bock mit einem Flaschen=Zug der mit einem Haspel=Rad und Erd=Winde verstärcket ist.“ Zu all diesen interessanten Beschreibungen gibt es im hinteren Teil der Bücher eine Menge der wunderbarsten Kupferstiche, die die Aussagen zeichnerisch verdeutlichen.
Wer 2011 dabei war, als mithilfe eines Autokranes die Baugruppen der Wettmarer Mühle zusammengefügt und als die jeweiligen Flügelteile angehoben und im Wellkopf an der Spitze der Flügelwelle in relativ kurzer Zeit befestigt wurden, der konnte schon staunen. Und es lag wieder die oben gestellte Frage in der Luft: Wie haben die das damals wohl gemacht?
Schaut man in die „Maschinenbücher“ von Jacob Leupold und anderen, dann gewinnt man einerseits eine ungeheure Hochachtung vor diesen glanzvollen Zeugnissen menschlichen Geistes, aber auch einen riesigen Respekt vor den Leistungen der Mühlenbauer von früher. Darüber hinaus bekommen wir jetzt aber auch eine kleine Ahnung, WIE sie es damals gemacht haben, mit raffinierten Flaschenzügen, Hebebäumen und viel menschlicher Antriebskraft.

Hinweis:
1) Diese Bücher sind online verfügbar, man kann viele als PDF-Datei aus bekannten Bibliotheken herunterladen. Gedruckt sind sie in ungewohnter Fraktur-Schrift und damit leider für viele schwer lesbar. Die Bildtafeln allerdings sind auch für diese Interessierten ein Genuss.
2) Durch Zufall habe ich festgestellt, dass die Maschinenbücher von Leupold kostenlos als Ebooks im Google-Playstore im PDF-Format vorliegen. Sie können also herunter geladen und auf Android- Tablets gelesen werden.

Bockwindmühle Wettmar:
430 Jahre Windkraftnutzung / 700 Jahre Mühlentechnik
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3 Kommentare
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Andreas Köhler aus Greifswald | 31.01.2015 | 19:14  
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Holger Finck aus Langenhagen | 31.01.2015 | 21:15  
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Dieter Goldmann aus Seelze | 01.02.2015 | 13:07  
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