Thiago de Mello [Brasilien] | „Die Statuten des Menschen“

Volkstribun Cola di Rienzo, Statue in Rom

Thiago de Mello [Brasilien] | „Die Statuten des Menschen“

Thiago de Mello schrieb dieses Gedicht 1964 nach der Machtübernahme der Militärs in Brasilien, als Antwort auf vierzehn Punkte zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung, die von der Regierung erlassen waren. Das Gedicht wurde sofort verboten.


Art. 1
Es wird erlassen, dass jetzt die Wahrheit zählt,
dass jetzt das Leben zählt
und dass wir alle Hand in Hand für das wahre Leben arbeiten.

Art. 2
Es wird erlassen, dass jeder Wochentag,
auch der Dienstag, der aschfarbenste,
das Recht hat, sich in einen Sonntagmorgen zu verwandeln.

Art. 3
Es wird erlassen, dass von nun an in allen Fenstern
Sonnenblumen stehen und dass Sonnenblumen das Recht haben,
im Schatten aufzublühen;
und alle Fenster müssen den ganzen Tag
dem Grünen geöffnet bleiben, wo die Hoffnung wächst.

Art. 4
Es wird erlassen, dass der Mensch
niemals mehr am Menschen zu zweifeln braucht,
dass der Mensch dem Menschen vertraut,
wie die Palme dem Wind vertraut,
wie der Wind der Luft vertraut,
wie die Luft dem blauen Feld des Himmels vertraut.
Einziger Paragraph:
Der Mensch wird dem Menschen vertrauen,
wie ein Kind einem anderen Kind vertraut.

Art. 5
Es wird erlassen, dass die Menschen
frei vom Joch der Lüge sind.
Niemals wird es mehr vonnöten sein,
den Harnisch des Schweigens zu gebrauchen
noch die Rüstung der Wörter.
Der Mensch wird sich an den Tisch setzen
mit reinem Blick,
denn die Wahrheit wird vor dem Nachtisch serviert.

Art. 6
Für ein Jahrtausend wird das von dem
Propheten Jesaja erträumte Leben festgesetzt:
der Wolf und das Lamm werden gemeinsam weiden,
und die Nahrung beider wird nach Morgenröte schmecken.


Art. 7
Unwiderruflich wird die ewige Herrschaft
der Gerechtigkeit und des Lichtes erklärt;
und die Freude wird eine edle Fahne sein,
für immer gehisst im Herzen des Volkes.

Art. 8
Es wird erlassen, dass es der tiefste Schmerz
schon immer war und immer sein wird,
die Liebe nicht dem geben zu können, den man liebt,
und zu wissen, dass es das Wasser ist,
das der Pflanze das Wunder der Blume gibt.

Art. 9
Es wird erlaubt, dass das tägliche Brot
das Brandmal des Schweißes im Menschen trägt;
vor allem aber soll es immer den warmen Geschmack
der Zärtlichkeit haben.

Art. 10
Jedem Menschen wird es erlaubt,
sich in jeder Stunde seines Lebens weiß zu kleiden.

Art. 11
Es wird erlassen, als Definition,
dass der Mensch ein Tier ist, das liebt,
und dass er dadurch schön ist,
viel schöner als der Morgenstern.

Art. 12
Es wird erlassen, dass nichts mehr erzwungen
noch untersagt sein wird.
Alles wird erlaubt sein,
vor allem mit dem Rhinozeros zu spielen
und am Nachmittag
mit einer riesengroßen Begonie im Knopfloch
spazieren zu gehen.
Einziger Paragraph:
Nur eines wird verboten bleiben —
zu lieben ohne Liebe.

Art. 13
Es wird erlassen, dass das Geld nie mehr
die Sonne des kommenden Morgens kaufen kann;
verbannt aus der großen Truhe der Angst,
wird es sich in ein brüderliches Schwert verwandeln,
um das Recht zu singen,
uns das Fest des geborenen Tages zu verteidigen.

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1 Kommentar zum Beitrag
15.900
Silke Krause aus Dillingen am 08.05.2009 um 16:05 Uhr  
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