Erinnerungen aus einem langen Leben - Onkel Herbert

Es folgt nun ein Erlebnis aus dem Jahr 1947
Da mein Onkel im Krieg ein Bein verloren hatte, musste er seinen ursprünglichen Plan, den Bauern-Hof der Eltern zu übernehmen, aufgeben. So kam es zu seinem Beruf als Landwirtschafts-Lehrer

Berufsschullehrer im Kreis Haldensleben


Ende August, vor dem offiziellen Dienstantritt am 1.9.1947, fand eine Einweisung der neuen Berufsschullehrer (BSL) statt. Wir waren etwa 11 Männer bzw. Frauen. Darunter befand sich eine Halbblonde, die mir gefiel. Ich versuchte mein Heil, aber es klappte nicht gleich. Wir kamen zwar ins Gespräch, doch befand sie sich meist in Begleitung. Sie war als BSL für Haushalt und Ernährung der gleichen Vorgesetzten unterteilt wie ich als einzigster landwirtschaftlicher BSL. Es ergab sich, dass sie ein Paket Bücher aus der Volksbibliothek abholen musste. Dabei lernte ich ihre jüngere Schwester kennen, auch blond. Sie war Lehrling in der Buchhandlung. Hier klappte es auf Anhieb, „Liebe auf den 1. Blick“. Die Schwester, Gerda hieß sie, machte keine Sperenzien. Der erste Kinobesuch wurde fürs Wochenenden vereinbart.

Ich hatte 5 Tage Unterricht, stets am Nachmittag von 13.00/14.00 Uhr bis 19.00/20.00 Uhr, außerhalb von Haldensleben auf den Dörfern. Also blieb nur das Wochenende. Am 3. Wochenende ging es ihrerseits nicht, da ihr Vater 50 Jahre wurde. Ich wusste bis dahin nicht, wer und was ihr Vater war. Brockenweise erfuhr ich zuerst nur 90% der vollen Wahrheit. Er hätte einen leitenden Posten im örtlichen Sägewerk, in Wirklichkeit war er der Besitzer des Sägewerkes mit etwa 20 Beschäftigten in Haldensleben, auf einer Fläche zwischen den Bahnhöfen Haldensleben und Alt-Haldensleben, ein Dreieck ca. 1-1,5 km lang und breit.

An dem bewussten Wochenende (Geburtstagsfeier) wollte Gerda mich mit einschleusen, zu Kaffee und Kuchen und zum Abendbrot, Wildschwein am Spieß. Es klappte auch alles, so satt war ich seit Wochen nicht mehr. Unter den etwa 50 Leuten aus der örtlichen Wirtschaft kannte ich nur meinen Berufsschuldirektor. Gerda hatte für mich wenig Zeit, so saß ich nach dem Essen mit vollem Bauch in dem großen Gelände auf einer Holzbank. Auf einmal stand das Geburtstagskind neben mir und fragte, wer ich eigentlich sei. Irgendwie muss ich gestottert haben, meine Gratulation und einiges mehr. Plötzlich hellten sich seine Augen auf, und er sagte, dass ihm mein Gesicht bekannt vorkam. Einige Worte gingen hin und her, dann hatte er seinen Lebensretter in mir erkannt. Er umarmte mich, schwenkte mich hoch die Luft und meinte, ich muss seine Familie kennen lernen. Namenlos war ich der Familie bereits bekannt. Ich sagte:“ Deine Töchter kenne ich schon.“ Als ehemalige Frontsoldaten duzten wir uns. In den nächsten 3 Stunden war ich der Mittelpunkt, ich wurde praktisch herumgereicht, war satt und auch besoffen. Seine Frau verhielt sich allerdings ebenso reserviert, wie auch seine älteste Tochter. Ich war nur einer, der sich satt essen und trinken wollte.

Da wir an diesem Tag nur wenig Zeit miteinander verbrachten, verabredeten wir uns für den nächsten Sonntag (eine Woche später) zu einem Fahrradausflug in die Umgebung von Haldensleben. Gerda hatte in der Woche noch Urlaub, sie wollte ihren Vater begleiten, um Eichenhölzer für eine russische Kirche, die im Krieg abgebrannt war, auszusuchen.

Ich absolvierte mit großer Freude meine Unterrichtswoche und wartete am Sonntag um 9 Uhr vergebens am Treffplatz. Was war inzwischen passiert?

Montag oder Dienstag sollte die Fahrt in die Altmark erfolgen, zu den Bismark – Eichen, gepflanzt im Bismark – Wald nach 1870. Dabei kam es zu einem Unfall mit tödlichen Folgen. Der Jeep/Forstfahrzeug blieb im sumpfigen Sand stecken, gleichzeitig näherte sich ein russisches Fahrzeug, ein Unterteil von einem Panzer als Zugmaschine für festgefahrene Panzer. Das Panzerunterteil wollte dem Jeep ausweichen und fuhr auf eine schräge Böschung hoch, kippte dabei um und zwar so unglücklich, dass es den Jeep mit 4 Personen unter sich begrub, nur ein jüngerer Förster konnte sich retten. Drei Tote: Vater, Tochter Gerda und ein Förster. Es blieb für mich nur noch die große Beerdigung übrig. Seine Frau und die 1. Tochter wollten von mir nichts wissen und ließen mich stehen mit meiner Beileidsbekundung.

1952 wurde das Sägewerk Wachter Volkseigener Betrieb (VEB). Sein Bruder hatte den Betrieb vorerst übernommen und war der 1. VEB-Leiter.
(1960-1965 ca. 400 Arbeiter)

Das Ganze kam mir danach wie ein schlechter Traum vor, aber ihr Grabstein auf dem Friedhof Alt-Haldensleben erinnert mich an die Wirklichkeit. 1969 war ich das letzte Mal da, mit Ilonka während eines Harzurlaubes, auf der Fahrt von Oranienburg in den Harz.
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