An der Front - ein weiteres Erlebnis vom Onkel Herbert

Die schriftlichen Aufzeichnungen meines Onkels aus seinem Leben beinhalten Erlebnisse auch aus dem zweiten Welt-Krieg.
Ich gebe sie so wieder, wie ich sie von meinem Onkel handschriftlich erhalten haben.



An der Front 1941/1942

Erst ziemlich spät entdeckte man mich als Spähtrupp-Teilnehmer Es war im August 1942 als man mich zum ersten Mal aufforderte, an einem solchen Trupp teilzunehmen.
Spähtrupps haben die Aufgabe, im feindlichen Bereich etwas zu sondieren. Dabei ist jegliche Feindberührung zu vermeiden. Ein Stoßtrupp soll dagegen dem Feind möglichst viel Schaden durch die kämpferische Auseinandersetzung zufügen.

Die erste Aufgabe war sehr einfach. Wir hatten festzustellen wo sich die russische Front befindet. Wir waren gerade vom Nordabschnitt in den mittleren Abschnitt, also 400 km weiter südlich verlegt worden. Vom Sumpf im Norden auf festen Boden.
Da wir bei der Südverlegung auch uns hin- und her bewegten, nahm der Russe an, wir würden angreifen und zog sich oft 10 bis 20 km zurück.

Unser Spähtrupp bestand aus 5 Männern, der Führer ein Feldwebel und ein weiterer Unteroffizier und 3 Soldaten. Einer davon war ich. Wir drangen etwa 10 km vor und merkten sozusagen am „Krach“ den der Ausbau der russischen Stellung machte, wo sich der Feind befindet.

Zum Zwecke der Erkundung hatten wir Handgranaten mit Langzeitzündern mit. Diese Granaten explodieren erst nach 10 bis 50 Minuten, je nach dem, wie lang die Zündschnur ist.
Nach dem Zünden der ersten zogen wir uns zurück. Als diese explodierte waren wir etwa 1 km weit weg. Der Russe sollte einen kleinen Angriff vermuten. Der Feind fiel herein und begann mit Gewehr und MG zu feuern. Wir markierten auf einer provisorischen Karte die Abschussstelle und begannen das Spiel noch drei- oder viermal, bis wir genügend Daten über die Abschussstellen markieren konnten. Nach etwa 6 Stunden kehrten wir zurück. Eine Auszeichnung bekam nur der Unteroffizier, der hatte noch nicht das EK2.

Einige weitere Spähtrupps verliefen ähnlich.

Eine solcher Aktionen im September 1942 möchte ich besonders erwähnen.
Diesmal waren wir 6 Soldaten und bekamen jeder einen fertig gepackten Tornister. Dazu Beutel, von denen wir zunächst dachten, es sei Sprengpulver. Das war es aber nicht.
Wir hatten die Aufgabe den Inhalt der Beutel in Brunnen und Wasserläufe zu schütten. Die Stellen waren auf einer vorgezeichneten Karte eingetragen Feindaufklärung wurde das genannt.

Wir begannen die Aktion in der frühen Nacht. Gegen 22 Uhr krochen wir zu dritt, also 2 Gruppen durch die russische Front. Jede Gruppe führte ein Unteroffizier. Etwa 1 km hinter der Front sagte er Unteroffizier eine Lagebesprechung an. Seine ersten Worte höre ich noch heute, er sagte „das ist eine Riesensauerei was wir vorhaben, wenn die Russen uns erwischen, hängen sie uns alle auf“.

Was nun folgte erstaunte mich, der Auftrag sollte nicht ausgeführt werden, begann zu begreifen. Mit dem „Kram“ können wir nicht zurück, dann sind wir auch dran. Befehlsverweigerung kann bis zur Todesstrafe führen. Wir gruben ein paar Löcher und schütteten das Zeug hinein. Gesagt, getan, innerhalb einer halbe Stunde waren unsere Säckchen leer und wir im doppelten Sinne erleichtert.
Unsere Rückkehr war erst für die nächste Nacht vorgesehen, und zwar an einem bestimmten Frontabschnitte. Sonst hätte man uns für Russen gehalten, wären wir schon heute Nacht wieder aufgetaucht.

Also suchten wir, immer zu zweit ein passendes Quartier für die nächsten Stunden. Zwei fanden Platz in einem Strohschober, 2 andere gruben sich unter einer Brücke ein und der Obergefreite und ich krochen in eine Betonröhre, die an einem Feldweg als Wasserunterführung diente. Wasser war weit weg, alles Trockenheit und Regen auch nicht in Sicht. Dort steckten wir über 12 Stunden fest, aber vorher mussten wir uns erst einmal richtig „ausscheißen“. Die Scheiße kam in ein Loch und wurde sofort zugedeckt, damit so ein Haufen nicht zum Verräter wird.
Zweimal rumpelte ein Pferdefuhrwerk über die Brücke, aber wir wurden nicht entdeckt. Der Unteroffizier, der im Strohschober den Tag verbracht hatte, konnte alles beobachten. Er teilte mit, die Brücke unter der sich zwei von uns versteckt hatten, wurden von mehr als 100 russischen Soldaten und ungefähr 20 Fahrzeugen überquert.
Pünktlich gegen 1 Uhr kehrten wir zurück.
Keiner fragte uns nach Einzelheiten, der Unteroffizier meldete „Auftrag erfolgreich ausgeführt“, alle hielten dicht. Wir hatten auf dem Rückweg, noch vor den deutschen Linien vereinbart, über die ganze Sache überhaupt nicht zu reden.Alle 6 haben sich daran gehalten. Wie viele Russen, Soldaten als auch Zivilisten wir vor dem Gifttod damit bewahrt haben, ist nicht bekannt.
Später, schon nach dem Jahr 1958 und in Oranienburg, bekam ich ähnliches Pulver im Chemie-Labor in die Hände.
Es war reines Arsen, ein tödliches Gift, auch in verdünnter Form. Das was wir damals in Russland war etwa 48 kg, denn jeder hatte einen Buetel mit 8 Kilo.
Arsen vergiftet auch den Boden. Aber wenn weder Mensch noch Tier direkt mit dem Stoff in Verbindung kommt, wird es wohl keinen Schaden anrichten. Arsen wird von Nachtschattengewächsen, wie Kartoffel, Tomaten, Paprika aufgenommen. Und das diese gerade an den Stellen des Vergrabens angebaut würden, war kaum zu erwarten.
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