Eine Kostprobe ...

... aus "Verwehte Zeit"

Die Kindheits- und Jugendtage meiner Mutter waren immer randvoll mit Arbeitenmüssen angefüllt. Der Altersunterschied zwischen den Kindern meiner Großeltern war von heute aus betrachtet, schon grenzwertig. Der Abstand vom ältesten Geschwister bis zum Jüngsten betrug in meiner Mutters Familie 25 Jahre.
DAS war zur damaligen Zeit völlig normal. Die Frauen gebaren im frühen Lebensalter das erste Kind (zwei meiner Tanten zählten noch keine 16Jahr) und hielten sich dann dran – die Körper kamen nicht aus der Übung. Die Männer auch nicht.
Verhütung in modernem Sinne gab’s nicht (außer man tat ES nicht) das Fernsehen als „Verhütungsmethode“ war auch noch nicht erfunden – also tat man das, was man von Natur aus tun konnte, man frönte, wenn man nicht arbeiten musste, der Nachwuchszeugung. Für die Männer bedeutete es in aller Regel Lustbefriedigung - viele Frauen empfanden da wohl etwas anders.

Durch die vielfältige Verschiedenartigkeit in ihren jungen Lebensjahren war meine Mutter der Überzeugung, dass Hochdeutsch den Kindern einen besseren Start ins Leben ermöglichen würde. Zumal es sich damals in den Schulen zeigte, dass nur Platt sprechende Kinder enorme Schwierigkeiten damit hatten, sich im schulischen Alltag zurechtzufinden.

Die Lehrer waren zu der Zeit entweder nicht fähig, oder nicht Willens, beide Sprachen unter einen Hut zu bringen. Die Bereitschaft dazu ist bei den heutigen Lehrern allerdings ebenso wenig vorhanden.

Wie in den meisten ostfriesischen Familien sprachen meine Eltern mit uns Kindern Hochdeutsch – während sie untereinander weiterhin ausschließlich das Plattdeutsche pflegten.
Das mitzuerleben, oder auch das tägliche Hören, reichte offensichtlich nicht, um der plattdeutschen Sprache im Sprechen kundig zu werden.

In unserem Kindheitsumfeld in der Schlicktauer Vorstadt hatte sich außerdem aus den Gründen der Vielvölkerei eine eigene Sprache herausgebildet – das sog. Voslapper Straßendeutsch.
Unter den Eltern in der Siedlung herrschte nämlich wegen der vielen Sprachen und Dialekte in den ersten Nachkriegsjahren selten Einmütigkeit – es herrschte oftmals eher Krieg. Es war wohl eine andere Form von Waffengang wie der, des soeben zu Ende gegangenen großen Scharmützels auf den Schlachtfeldern rund um den Globus.

Auch in unserer Familie war es so – nur bei mir war es wieder einmal völlig anders. Ich konnte eher Plattdeutsch schnacken, als wie ich Papa zu sagen fähig war.
Dadurch dass ich mit unserer Mama häufig in Ostfriesland unterwegs war, kam ich mit Platt mehr und eher in Berührung.
Für die Menschen auf der ostfriesischen Halbinsel existierte Hochdeutsch in den Jahren nach dem nationalsozialistischem Einheitsbrei zwischenzeitlich nur als Schul- und bestenfalls noch als Amtssprache.
Daraus zog ich als Stöpsel schon meinen Nutzen, denn die Menschen, mit denen Mama handelsmäßig verkehrte, die beachteten doch den kleinen Schietbüdel im Fahrradkorb gar nicht, wenn sie miteinander auf Platt parlierten.
Ich habe Plattdeutsch im Fahrradkorb „erfahren“ dürfen. Mein Platt war von Anbeginn ein Erwachsenenplatt – kernig und rein, und nicht durch die Sprachunfähig- oder eher noch –unwilligkeit irgendwelcher Junglehrer getrübt.

Meine Eltern wohnten aber ja seit Jahren in der Stadt, und wir als ihre Kinder waren demzufolge für unsere "Landverwandten" logischerweise Stadtkinder, „Stadtkinner“ - und „Stadtkinner“ die verstanden und schnackten kein Platt.
DAS wusste man doch. Zumindest wusste es die ausgewachsene ostfriesische Landbevölkerung.

Die ausgewachsenen Kooplüü (Kaufleute) in unserer Stadtsiedlung, die wussten es anders, sie wussten es besser.
Es erfreute sie sichtlich und ständig, dass es da in ihrer unmittelbaren Umgebung einen kleinen Büxenschieter in der Siedlung gab, der, aller gängigen Meinung zum Trotz, neben der reinen Schriftsprache auch ein hineingeborenes Plattdeutsch sprach und dabei NICHT dumm war, sowie des Volkes Meinung es allgemein sah, und die plattdeutsch sprechenden Kinder so leichtfertig in die Schubfächer ihres oberflächlichen Denkens einordnete.
Aus diesem blinden Vorurteil heraus habe ich in meinen Fahrradkorbjahren so vieles an Lebenswissen mitbekommen, wie normalerweise in einen Kinderverstand gar nicht hineinpasst – und was in der Regel ja auch gar nicht für solche unfertigen Kinderohren, wie die meinen es noch waren, bestimmt war.

Der irrigen Meinung, dass ich als Stadtkind naturgemäß kein Platt sprach, oder auch nur verstehen konnte, war meine Großmutter in Bernuthsfeld noch bis kurz vor ihrem Austritt aus dieser Welt.
Bevor sie eine kleine Weile später ihre bis zuletzt noch wieselflinken Augen für immer schloß, wurde sie noch eines Besseren belehrt. Was das anbetrifft, ist sie also nicht unwissend entschlafen. Bevor Mama und ich noch in der Nacht nach einer heftigen Attacke meiner Großmutter gegen meine Mutter ihr Haus verließen, habe ich sie – so genüsslich wie ich es als kleiner Stöpsel nur vermochte – auf Plattdeutsch von ihrem Unwissen befreit.
Auf der einen Seite ist das Verlassen meiner Großmutter mir leicht gefallen – auf der anderen Seite hat der Abschied von diesem Hause mir ein stückweit die Seele beschwert.

Waren hier doch auch meine Wurzeln – hier auf dieser Hofstelle mit den vielen Geheimnissen, den greifbaren und den oft nur fühlbaren. Dieser Hofstelle inmitten der, ja …. oftmals auch schwermütig scheinenden Landschaft mit den duftenden Gehölzen, den "Buschken", dieser Wohnstatt inmitten der Moore mit ihren Seen und Meeren, zu denen man mancherorts sogar hinaufsteigen musste, wollte man an ihre Ufer gelangen. Weil sie so hoch lagen, so wie das „Ewige Meer“, der einzige Hochmoorsee Deutschlands, nahe der Ortschaft Eversmeer gelegen.

Dieses Heim meiner Großeltern, dessen Geheimnisse sich mir hin und wieder erschlossen, wenn Mama und ich anfingen eine nächste Kammer, oder ein weiteres der schon lange nicht mehr in Betrieb befindlichen Hofgebäude zu entrümpeln. Ich habe solche manchmal sicher notwendigen Vorgänge, auch damals wohl schon als ein bedauerliches „Entsorgen der Vergangenheit“ empfunden.

Meine Großmutter bewertete das Ganze wahrscheinlich ebenso – na ja, schließlich bin ich ja ihr Enkel, und irgendetwas wird sie ja wohl von mir geerbt haben, habe ich damals hin und wieder gedacht.
Einen Teil der Sachen nämlich, die Mama und ich den Tag über über die Chaussee hinweg in die, als Schietlech, als Müllkippe, genutzte Moorkuhle buckelten, die schleppte Oma des Abends im Schummerdüster, in ihre große Schürze gepackt, wieder an den Ursprungsort zurück. Eine Zeitlang hat Mama sich das Spiel angesehen, bis sie dessen überdrüssig wurde und wir das Gut, das wir tagsüber vom Hof fortgeschafft hatten, nach getaner Arbeit dem Feuer übereigneten. Es waren schöne Abende für mich.
Meiner Großmutter hat DAS mit Sicherheit nicht gefallen, wenn die Flammen loderten und einen Teil ihres Lebens verschlangen – mir schon, weil meiner grannigen, meiner geizigen Großmutter jedes Mal endgültig etwas genommen wurde. Das muß ich gestehen. Jemand der sie nicht gekannt hat, der kann sich absolut keine Vorstellung von der Intensität ihres Geizes machen.

Natürlich sparte meine Mutter im Zuge ihrer Aufräumaktion die „Spieskoamer“, die Speisekammer nicht aus. Wie in jedem ostfriesischen Haushalt waren auch hier die Borten, längs der Wände des Raumes neben der Küche, mit allem gut bestückt, was Garten und Viehhaltung eines bäuerlichen Betriebes so hergaben. Was nicht geräuchert und gepökelt bzw. eingesalzen oder in der Küche an den Deckenbalken hängend an der Luft getrocknet wurde, das wurde eingemacht, eingeweckt, durch Einkochen für den Verzehr in der Winterzeit haltbar gemacht.

Als sich vor mir die Speisekammertür das erste Mal öffnete, da glaubte ich, in ein Paradies zu schauen. Die Schatzkammer durfte von uns Enkeln ja niemals jemand betreten, weil wir es ja stets nur mit der Absicht, etwas daraus zu stehlen, wie Oma immer sagte, getan hätten - und ich glaube, selbst Omas Kinder wagten es nicht, dieses Verbot zu ignorieren.
Mama hatte es jetzt einfach getan und es mich auch tun lassen.

1954 schrieben wir – und ich schleppte auf Mamas Geheiß mit den kostbarsten Leckereien randvoll gefüllte Einkochgläser, mit Jahresvermerken zurückreichend bis in 1937, aus der Speisekammer meiner Großmutter über die Chaussee hinweg zum „Entsorgen“ in die jenseitige Moorkuhle.
Siebzehn Not- und Hungerjahre hatten diese Köstlichkeiten in der dunklen Vorratskammer überdauert, um jetzt auf dem Müll zu landen. Nicht das Oma Not und Hunger gelitten hätte – nein, aber einem Teil ihrer Kinder und Enkelkinder war es in den Kriegs- und Nachkriegsjahren der 40er so ergangen. Und ihr war es zu keiner Zeit in den Sinn gekommen, davon irgendetwas herzugeben.
Davon habe ich damals meinem Lehrer Christoffers an der Tannenhausener Schule erzählt, in die ich während unserer Zeit in Bernuthsfeld zum Unterricht ging.
Ich kann mich nicht entsinnen, dass es meinen Schulmeister auch nur im Mindesten berührt hätte.
Er - die Stimme Ostfrieslands, wie er später im Lande genannt wurde - zählte wohl auch zu den Menschen, denen das Schicksal anderer so ziemlich an ihrem eigenen Hintern vorbeiging.
Bei ihm durften wir Kinder in der Schule übrigens auch NICHT Plattdeutsch reden – obwohl er KEIN Preußenimport war.

ewaldeden

Bürgerreporter:in:

Ewald Eden aus Wilhelmshaven

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