Achterbahn des Lebens

Achterbahn des Lebens . . .

Vorwort
In diesem Buch wird die Geschichte eines Mannes erzählt, dem als Anfangsmensch die Welt – seine Welt – vertauscht wurde. Meine Geschichte.
Am vierten Tag des Monats April 1956 im türkischen Izmir geboren, war diese Stadt – dieses Land Türkei – die ersten sieben Jahre meines Lebens mein Zuhause. Mein Vater nannte eine Tischlerei sein Eigen – er war Möbelschreinermeister. Meine Mutter und wir Kinder waren sein höchstes Gut – aber lange vor meiner Geburt besaß er schon ein Haus, einen Führerschein und ein Auto. Für einen jungen Mann in der Türkei war so etwas damals keineswegs normal. Er hätte eigentlich glücklich sein müssen. Eigentlich – wenn nicht der Wind aus dem Abendland Verheißung über das Land getragen hätte.

Im fernen Deutschland benötigte man für die wachsende Wirtschaft dringend Arbeitskräfte – man suchte und fand sie im Ausland.
Der verheißungsvolle Ruf: ‚Gastarbeiter sind bei uns willkommen’ erreichte die Menschen auch außerhalb Europas. Obwohl, so ganz außerhalb Europas lag das Land, in dem der Ruf nach den Arbeitskräften meinen Vater erreichte, ja gar nicht. Ein Zipfelchen der Türkei hatte Europa ja noch zu fassen. Man kann auch sagen, die Türkei steckte mit einem kleinen aber gewichtigen Teil ihres Territoriums in der ‚Dame Europa’.
Des kleinen Jungen Vater folgte diesem drängenden Ruf im Jahre 1960 bis nach Deutschland. Er führte ihn auf einen Arbeitsplatz bei der Baufirma Dyckerhoff & Widmann in Aschaffenburg.
Seine Frau und seine drei Kinder ließ er – von der großen Familie wohlbehütet – im osmanischen Reich zurück.
Warum er zu Hause alles hinter sich ließ, hat er nie gesagt. Des Geldes wegen kann es nicht gewesen sein, denn die türkische Lira war zu der Zeit ein genauso harter Knochen, wie die Deutsche Mark – der Wechselkurs stand bei eins zu eins.

Das hat sich im Laufe der Jahre freilich drastisch verändert – für einen Euro bekommt man heute (2004) in der Türkei 5 000 000 (fünf Millionen) Lira. Vielleicht lockte ihn die Fremde. Vielleicht lockte ihn auch das Abenteuer – wie einst die streitbaren Vorfahren.
1963 durfte Gastarbeiter Dipcin die fünf Daheimgebliebenen dann zu sich holen. In Deutschland hatte man den Begriff Familienzusammenführung extra dafür konstruiert. Auch wenn viele der Meinung sind, das Wort wäre durch die politische Teilung Deutschlands entstanden.
Familienzusammenführung – die Familie wurde zusammengeführt – von der Heimat entfernte man sie. Die Hoffnung auf eine neue Heimat keimte in den Herzen – es wurde nur eine kümmerliche Pflanze daraus.
Sie sollte nie mehr ganz türkische Blume sein – und niemals ganz deutscher Baum werden.

Beim älteren Leser mag dieses Buch so manche Erinnerung an seinen eigenen Weg wachrufen – den jüngeren hilft es vielleicht, die Fehler der Alten nicht zu wiederholen.

Achterbahn des Lebens . . .

Seit dem 4. April 1956 sitze ich in der Achterbahn des Lebens – am Anfang noch völlig unbeschwert und glücklich.
Einmal abgesehen von der ersten kurzen Talfahrt im Jahre 1960, als mein Vater das Glatteis Abenteuer Gastarbeiter betrat – als er sich auf den Weg nach Deutschland machte.
Wahrscheinlich steckte er voller Erwartung auf das Unbekannte. Er hatte sicher die Töne des Windes im Kopf, der die Botschaft von Glück und Reichtum mit sich trug, wenn er von Westen wehte.
An uns – meiner Mutter und meinen drei Geschwistern – war die Botschaft ungehört vorbeigezogen.
Die Firma Dyckerhoff & Widmann in Aschaffenburg gab ihm Arbeit und Lohn. Der Möbelschreinermeister Dipcin durfte mit seinen kreativen Händen Dachstühle zimmern – und vielleicht seine innere Erwartung korrigieren.
1962 schlug meine Lebensachterbahn den ersten Haken. Mir wurde schwindelig vor Enttäuschung – mein Vater konnte bei meiner Einschulung nicht dabei sein.

Ein Jahr später führte er uns dann an den Ursprung des Windes. Ich hatte mich in Izmir gerade in den Ernst des Lebens eingereiht. Das Lernen machte mir Spaß – ich durfte schon für die Klasse sprechen – die Pfadfinder hatten mich willkommen geheißen – tja, und dann hieß es plötzlich Abschied nehmen.
Die großen Ferien lagen vor mir – das große Glück lag vor mir – Papa kam nach Hause. Vier Wochen herrlicher Urlaubszeit schenkte er uns – und einen Abschied von daheim.
Er nahm uns mit nach Deutschland. Er nahm uns mit in sein Abenteuer.
Die Achterbahn meines Lebens fuhr wieder in eine neue Richtung.
Quer durch fremde Länder ging die Fahrt. Bulgarien, Jugoslawien, Österreich durchquerten wir. Vorbei ging es an fremden Städten. Sofia, Maribor, Nisch, Pirot, Belgrad, Zagreb – ich konnte sie gar nicht so schnell zählen, wie sie vor uns auftauchten, und wieder hinter uns verschwanden.
Auf den österreichischen Bergpässen wähnte ich mich auf dem Gipfel der Welt. Einer Welt, die mit jedem Kilometer ein anderes Gesicht bekam. Mit jedem Kilometer den wir vorwärts kamen keuchte aber auch unser Auto immer heftiger in den schrecklichsten Tönen.
Der österreichisch/deutsche Grenzübergang Spielfeld war das Tor zu unserer neuen Heimat. Bevor wir den endlich passieren konnten, benötigte unser Ford Transit aber noch einen neuen Kühler. Der Autoklempner in dem von Gott verlassenen österreichischen Bergdorf freute sich über die harte D-Mark von den Türken. Papa freute es weniger. War es für ihn doch fast ein Monatslohn von Dyckerhoff & Widmann den er in der Alpenrepublik zurücklassen mußte.
Von da waren es ‚nur noch’ ein paar hundert Kilometer, bis zu unserem neuen Zuhause.
Ein Katzensprung war es gegen die bisherige Fahrt. Drei Tage saßen wir nämlich schon im Auto.
Drei Tage konnten wir uns Bilder malen von der Zukunft. Die Bilder, die dann in Aschaffenburg einen Rahmen bekamen. Die kleine Zweizimmerwohnung in Aschaffenburg-Damm – im Fahrbachweg 11 - die schon voll war, als das Gepäck vom Dachträger abgeschnürt, und der Laderaum ausgepackt war. Mutter füllte nur noch unsere knurrenden Bäuche mit Brot und Limonade – und dann schliefen wir, todmüde wie wir waren, in unser neues Leben hinein.

Viele Lebensmittel waren aus der Türkei mit uns den Weg gegangen, denn Vater wußte ja, daß es in Deutschland vieles von dem, was wir zu essen gewohnt waren, nicht gab. Vieles von dem, was wir essen durften, war in Deutschland auch noch nicht zu bekommen.
Unser moslemischer Glaube hat da nämlich so seine eigenen Ansichten.
Am nächsten Tag erkundeten wir Aschaffenburg. Vater war unsere Stadtführer. Er kannte sich ja schon einigermaßen aus in diesem deutschen Dorf – wie ich es gegenüber der zweieinhalb Millionenstadt Izmir empfand.
Vor allem frische Lebensmittel kauften wir – darunter auch typisch deutsche, an die wir uns allerdings erst gewöhnen mußten.
Das hatte Papa uns voraus – er war ja schon ein stückweit in die fränkische Lebensart hineingeklettert.
Die Eigentümer unserer Wohnung waren sehr liebe Menschen. Ohne daß wir bemerkten wie es geschah, standen wir schon nach kurzer Zeit in einer Reihe mit ihnen.
Vier Familien wohnten außer uns noch im gleichen Haus. Vierzehn Häuser zählte ich im Fahrbachweg – sechs unten, und acht den Hang hinauf.

Der Sohn und die Schwiegertochter unserer Hauseltern hießen Ulrike und Albert, und die Enkelkinder im Hause Udo, Hans-Werner und Christa.

Alberts Schwester Margot mit ihrem Mann Karl wohnten ein paar Häuser entfernt – im unteren Fahrbachweg. Ihr Zuhause trug die Hausnummer 1. Auch da gab es Enkelkinder – Walter, Edeltraud und Helga. Und wir waren mittendrin. So ein Gemeinschaftsgefühl habe ich später oft vermisst.
Für uns waren sie vom ersten Tage Oma, Opa, Tanten und Onkel. Das war ein schönes Glück, denn meine Verwandten in Izmir waren ja in unerreichbare Ferne gerückt.
Onkel Karl war ein richtiger Bauer – mit Kühen, Schweinen und Ziegen im Stall. Das war schon etwas Heimatliches – bloß einen Esel – einen Esel wie es ihn bei meiner Großmutter gab, den vermisste ich.
Die Sprache war allerdings ein Hindernis. Die deutsche Sprache umgab uns wie eine Mauer, die aber bei uns Kindern jeden Tag etwas an Höhe verlor. Viele Worte wurden durch Zeichen mit Händen und Füßen ersetzt. Das klappte wunderbar – besonders im Umgang mit den anderen Kindern.
Nach einer Woche Erkundungsfreiheit im neuen Land, stand wie eine große Bedrohung die Schule vor der Tür.
Papa hatte uns gleich nach unserer Ankunft angemeldet. Uns – weil, mein Bruder war inzwischen auch sechs Jahre alt geworden. Wir mußten lernen.

Wenn es nach mir gegangen wäre – ich hätte die deutsche Sprache lieber beim Spielen mit den anderen Kindern gelernt. Aber wer fragt schon einen kleinen Jungen danach.
Ein abgelegener Weg führte zur Schule – ohne Straßenlaternen und ohne Busverbindung.
Drei Kilometer hin und drei Kilometer zurück. Die ersten Tage nahm uns Papas Auto das Laufen ab.
Da ich kein Deutsch konnte, fand ich mich mit meinem jüngeren Bruder in der ersten Klasse wieder. Was sollte ich da? Die erste Klasse hatte ich doch schon in Izmir hinter mich gebracht.
Der erste Schultag wurde ein langer Tag. Da saßen wir nun – wir kleinen Türken – und konnten nichts von dem verstehen, was der Lehrer sagte. Ich hätte doch so gerne schon alles verstanden. Aber das dauerte noch etwas.
So ein wenig verletzter Kleinejungenstolz stachelte mich an. Es dauerte nicht lange, und mein Vater wurde meinetwegen zum Lehrer gebeten.
Nicht weil ich etwas ausgefressen hatte, wie Papa sofort dachte – nein, ich kam vorzeitig in die zweite Klasse. Meine gekränkte Ehre war wieder hergestellt – ich hatte ja gewußt, daß man mich zu Unrecht zu den ABC Schützen gesteckt hatte.
Und stolz war der Papa auf mich, wenn ich für ihn und Mama schon als Dolmetscher fungierte.
Das Klingelzeichen für den Unterrichtsschluß erschien mir am ersten Tage wie Engelssingen. Papa wollte uns abholen – das hatte er am Morgen versprochen. Wir standen vor der Schule, und kein Papa war da.
Die anderen Kinder hatten sich schon in alle Richtungen davongemacht – wir waren die einzigen Schüler aus dem Fahrbachweg.
Uns blieb nur das Warten – und warten – und warten. Mit jeder Minute, in der Papa nicht kam, ging die Hoffnung ein kleines Stück weiter von uns weg.
Als ‚Großer’ fasste ich den Entschluß, auf eigene Faust mit meinem Bruder nach Hause zu laufen. Schließlich wußte ich wo’s lang ging. Wir waren doch auch hergekommen. Viermal sind mein Bruder und ich gestartet – und viermal kamen wir wieder vor der Schule an.

Ein Hoffnungsschimmer erhellte plötzlich unsere tiefe Verzweiflung.
Auf der gegenüberliegenden Strassenseite liefen lange blonde Haare mit einem Mädchenkopf.
Das mußte Christa aus unserem Hause sein. Das war die Rettung.
Nichts wie hin – „Christa, Christa“ gerufen – und Pech gehabt. Nichts war mit Christa. Lange blonde Mädchenhaare gab es hier genauso häufig, wie bei uns daheim in Izmir lange dunkle.
Ich war um eine Erfahrung reicher. Den Rockzipfel der vermeintlichen Christa hatte ich noch gar nicht losgelassen, da hielt ein Auto neben uns. Es war Papa, der dem erschrockenen Mädchen erklärte, daß ich sie wohl verwechselt hätte.
Sie kann mir nicht böse gewesen sein, denn sie lächelte mich an, und schaute sich noch ein paar Mal zu uns um. Als wir in Papas Auto saßen, kullerten bei mir die Tränen – noch niemals vorher war ich so froh gewesen, meinen Vater zu sehen.
Er hatte uns nicht vergessen – er hatte sich nur unseren Schulschluss falsch gemerkt.
Den Trost für unser schreckliches Erleben bekamen wir daheim von unserer Mama.
Eine Woche wurden wir noch kutschiert – dann saß der Papa wieder fest bei Dyckerhoff & Widmann auf den Dächern – und der Schulweg saß genauso fest in unseren Köpfen.
Unsere Freunde vom Fahrbachweg besuchten leider eine andere Schule, darum mußte Papa uns die erste Woche begleiten.
Die Zeit lief durch die Zeit – hier genauso schnell, wie daheim in Izmir. Wir wußten manchmal nicht, ob unsere Erinnerungen noch türkischen oder schon deutschen Ursprungs waren. Das war uns Kindern aber auch piepegal – es war unser Leben.
Eines Tages kam Onkel Karl mit einem Kuhfuhrwerk vorbei – ein Kuhfuhrwerk! Es war vollgeladen mit Maispflanzen. Ich hörte ihn schon von weitem rufen: „Hüh, Schimmel – hüh.“ Schimmel hatte er die Kuh benannt. Das war auch für mich neu.

Daran gab es bei mir im Kopf auch keine türkische Erinnerung. Ochsen vor dem Karren – ja. Bei reicheren Bauern auch schon mal ein Pferd vor dem Wagen – das kannte ich. Aber eine Kuh? Und gemolken wurde Schimmel auch noch. Jeden Morgen und jeden Abend. Die Milch wurde gleich in der Strasse verkauft. Das war praktisch – für alle.
Onkel Karl staunte nicht schlecht, als ich ihn um ein paar Maiskolben bat. Er fragte mich, was ich damit wollte. „Die will ich kochen und essen“ klärte ich ihn auf.
„Na, denn pflück dir man so viele, wie du tragen kannst – aber paß auf, daß du dann keine Milch gibst. Bei Schimmel hilft das nämlich tüchtig“, meinte er spaßig.
Mir ging auf, daß Mais in Deutschland Viehfutter war, während es bei uns in der Türkei zu den Hauptnahrungsmitteln zählte. Später habe ich dann erfahren, daß der erste Versuch der US-Amerikaner, in Deutschland Mais als menschliches Essen einzuführen, daneben gegangen ist. Die pappigen Maisbrote der Amis wollte nämlich keiner. Dieses Backwerk hätten die Menschen in der Türkei ganz sicher auch abgelehnt.
Zur Zeit der Kugelschreiber und Nylonstrumpfwelle – gleich nach dem zweiten Weltkrieg, waren die Menschen in Deutschland in ihren überlieferten Essgewohnheiten noch sehr gefestigt.
Erst Mc Donalds hat es dann geschafft, in Deutschland den guten Geschmack abzuschaffen.

Der Sommer in unserer neuen Heimat machte sich so langsam auf die Socken – er räumte das Feld für den Herbst. Der kam dann auf leisen Sohlen durch die Hintertür.
Er färbte die Welt um uns herum mit bunten Blättern – das war nicht viel anders als bei uns zu Hause. Ich dachte immer noch zu Hause, wenn meine Gedanken rückwärts gingen. In der Türkei war der Herbst nur nicht so kalt – er strahlte immer noch viel von der Wärme des Sommers aus.
Dass man in unserer neuen Heimat unter kalt etwas ganz anderes verstand, das zeigte uns einige Wochen später der Winter mit seinen klirrenden Frostnächten. Völlig überrascht wurde ich, als mich eines Morgens vor der Haustür eine weiße Welt empfing.
Über Nacht hatte jemand alles in Watte gehüllt. Schnee, sagte man uns, wäre vom Himmel gefallen. Ich kannte keinen Schnee. In Izmir schneite es nicht – ich hatte es wenigstens noch nicht erlebt.
Da lag es nun auf Strassen, Bäumen, Wiesen und Dächern – dieses weiße Etwas. Das zu Wasser wurde, wenn man es in die Hand nahm. Was machte man damit? Wozu war er gut, der Schnee? Meine Freunde wußten es – Schlittenfahren! Was denn sonst.
„Ismail – komm mit Schlittenfahren“, tönte es von allen Seiten.
„Was ist ein Schlitten?“ fragte ich Udo. Wenn ich etwas nicht wußte fragte ich immer zuerst Udo. Er zeigte mir seinen Rodelschlitten.
Jetzt wußte ich zwar, was ein Schlitten ist – aber haben hatte ich damit noch keinen.
Auch da wußte Udo Rat. Er besaß zwei Schlitten – einen schenkte er mir. Nun war ich kleiner siebenjähriger Türkenjunge schon stolzer Schlittenbesitzer. Mein Papa war schon weit über zwanzig, als er sein erstes Fahrzeug besaß. Deutschland hatte doch etwas Gutes.

Wie funktionierte dieses Gerät aber? Wie lenkte man es, wie bremste man den Schlitten ab? Udo zeigte mir alles – und dann gingen wir rodeln.
Hinter Onkel Karls Haus wirbelten wir den Hang hinunter – bis weit über die Strasse.
Das war allerdings gefährlich – weil ja auf der Strasse Autos fuhren. Nach zwei Wochen konnte ich so gut rodeln, daß Udo mit mir ins Rauen-Tal ging. Eine halbe Stunde in den Wald hinein gab es eine große Lichtung. Es war eine richtige Hanglage – hoch und steil. Wir waren die ersten Rodler am Berg. Der Pulverschnee stob zum Himmel, daß es eine Lust war.
Wie oft wir nach unten sausten, und mühsam wieder hochkletterten, bis wir eine Bahn gefahren hatten, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, daß es riesigen Spaß gemacht hat. Erst als die Kälte uns in die Hosenbeine kroch, machten wir uns auf den Heimweg.
Die nächsten Tage waren wir nicht mehr allein – alle unsere Freunde gingen mit. Richtige Wettkämpfe veranstalteten wir am Berg. Rodelkönig nannte man mich nach kurzer Zeit.
Das war eine gute Voraussetzung für einen türkischen Dreikäsehoch, den deutschen Winter zu mögen.

Das war aber noch nicht alles, was dieses neue - dieses weiße, blinkernde, hartgefrorene Deutschland für mich an Überraschungen bereithielt.
Den Schlitten hatte ich mir zum Diener gemacht. Es war eine Freude, wie er täglich klaglos für mich da war. Besser konnte es einem König doch nicht gehen. Bis mir dann der Kaiser begegnete. Zwei Meter lang und in ein strahlendes Blau gewandet.
Udo zeigte mir voller Freude seine neuen Laufbretter – Skier nannte er sie. Blau waren sie, majestätisch glänzend. Wie Kaiser nun mal eben daherkommen.
Der Weihnachtsmann – so erzählte er mir stolz – hätte sie bei ihm abgeliefert. Wer war denn nun wieder der Weihnachtsmann, daß er so einfach kaiserliche Skier liefern konnte?
Ich war ja schon so schlau, und trotzdem stürmten immer wieder Dinge auf mich ein, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte.

Das Weihnachten und der Weihnachtsmann mit der Religion in unserer neuen Welt zu tun hatte, erklärte mir die Mama am Abend. Was war das für eine schöne Weihnachtsreligion, die den Kindern Geschenke machte. Sogar den Kindern, die nicht dazugehörten. Denn kaum war ich in unserer Wohnung, klingelte es – und Udo stand vor der Tür. In den Händen ein Paar Ski. Zwar nicht in kaiserlichem Blau, aber in einem so königlichen Rot, wie ich es nur von unserer türkischen Fahne her kannte. Verlegen erklärte er meiner Mama, es wären wohl keine neuen Ski – aber sie wären auch vom Weihnachtsmann. Im letzten Jahr zu Weihnachten hätte der ihm die roten Bretter gebracht. Und da jetzt ja ein Paar Neue unterm Weihnachtsbaum gelegen hätten, würde es ihm Freude machen, mir die roten Skier zu schenken. Was sollte ich darauf sagen? Ich konnte nichts sagen – ich habe meinen Freund Udo einfach umarmt, und ganz fest gedrückt.
Irgendwie waren meine Wangen ein wenig feucht, aber Udo meinte, das läge wohl an den Schneeflocken, die er von draußen mit herein gebracht habe.
Mein Besitz vergrößerte sich – neben dem Schlitten standen nun auch die Skier auf der Habenseite.
Wie würden meine Schulkameraden in Izmir mich bewundern. In solchen Momenten liefen meine Gedan-ken schon noch nach hinten.
Bis sie sich wieder mit der Gegenwart beschäftigen mußten. Die schönen, roten königlichen Laufbretter sollten ja nicht bloß an der Wand stehen.

Udo brachte mir bei, wie ich sie handhaben mußte. Die Begriffe, die er mir in den Kopf schob waren für ihn wohl selbstverständliche Verrichtungen – für mich hörten sie sich aber an, wie die Namen böhmischer Dörfer.
Bindungen einstellen, Sohlen wachsen – was hieß das alles? Ich sah nur Lederriemen und holzfarbene Bretterunterseiten. Sein Wissen um diese Zeremonien übertrug er geduldig auf mich.
Da hatte er es mit seinen „Neuen“ einfacher, die „kaiserlichen“ waren schon mit Clipverbindungen ausgerüstet. Er brauchte nur hineinsteigen und lossausen. War es so ein Zipfel Neid, was da aus einem Winkel meiner Seele lugte? Die unbändige Freude über das Geschenk scheuchte diesen Hammel zum Glück gleich wieder in die hintersten Gefilde zurück. Denn - daß man nicht alles haben konnte was man begehrte – das hatte meine Großmutter mir schon beigebracht.
Ich begriff im Handumdrehen, wie man es anstellte – meinte ich – denn wir liefen sofort los. Richtung Rauental.
Laufen – ich konnte mit meinem neuen Fortbewegungs-mittel laufen! Ich fühlte mich wie ein perfekter Skiläufer, der es seinem Freund Udo gleich nachtun wollte, der immer leichtfüßig ein Stück vorausglitt. Wie ein Wesen, das über die Erde schwebte.
Kaum setzte ich aber zum Flug an – bamms – drückte mein Hintern auch schon den weichen Schnee platt. Meine Spur sah aus, als wenn ein Wesen mit riesengroßen Füßen auf dem Waldweg längsgestappt wäre.
Endlich am Rauentalhang angekommen, haben wir den ganzen Nachmittag geübt – wir, denn Udo hat mir unermüdlich geholfen. Ich weiß nicht, wieviel Abdrücke von Ismailhintern abends am Hang zu zählen waren – aber mit jedem Abdruck im Schnee wurde ich geschickter im Umgang mit den Brettern.
Der Winter hat es so lange bei uns im Rauental ausgehalten, bis ich mit den Flitzern umgehen konnte. Die Blumen in den Gärten und am Waldboden wurden bereits ungeduldig. Sie schauten an sonnigen Tagen mit ihren bunten Spitzen schon mal durch die Schneedecke, und fragten schüchtern beim Winter nach, wie lange es denn noch mit dem kleinen Jungen aus der Türkei dauern würde, bis er endlich Skifahren könne..
Er hat sie immer wieder besänftigt – solange, bis ich eines Abends mit lautem Juchhei, und ohne mit meinen Pobacken den Erdboden zu berühren, den Hang hinuntersauste.
Das Glück darüber konnte ich schwerlich für mich behalten. Auf dem Heimweg schenkte ich den Schlitten meinem Bruder – denn ich war ja nun königlicher Skifahrer.

Am nächsten morgen war mein Freund – der Winter – stillschweigend zu seiner nächsten Arbeitsstelle weitergezogen. Ich hab’ ihm ganz laut Danke für das neu gelernte hinterhergerufen – und „komm bald wieder zurück“.
Der Frühling war nicht mehr zu bremsen – er mußte ja einiges an Zeit aufholen – die Zeit, die er mir geschenkt hatte.
Der Duft der Blumen konnte nicht warten, bis die Blüten ihre Umhänge ablegten – aus den Knospen heraus überschüttete er uns mit seinen Wohlgerüchen – uns wurde manchesmal schwindelig davon.

Jetzt besaßen mein Bruder und ich zwar jeder ein Fortbewegungsmittel, aber beweglich waren wir damit auch nicht – zumindest nicht bis zum nächsten Winter.
Der Frühling forderte wieder unsere Füße. Die trugen uns gut hinter unseren Freunden auf ihren Fahrrädern her – besonders zu den Schuttplätzen in der Umgebung. Drei davon gab es in der Nähe. Das ist Heute auch nicht mehr gut vorstellbar.
Hans-Werner war der Schuttplatzspezialist in unserer Runde. Es gab nichts, von dem er nicht wußte, wo es zu finden war. Er kreiste von einem Schuttplatz zum anderen. Ich wurde sein ständiger Begleiter.
Der große Steinbach Schuttplatz hatte es uns in erster Linie angetan. Irgendwie zog es uns – und besonders mich – immer wieder dahin. Bis ich erfuhr warum. Ein Fahrradreifen winkte mir eines Nachmittags zu.
Zwischen Pappkartons und Geröll schaute er ans Licht. Als ich ihm die Hand zur Begrüßung reichte, merkte ich, daß ein komplettes Fahrrad an ihm hing.

Wer hatte mich wohl an diesen Platz geführt? Sollte Allah mich auch hier beobachten?
Radfahren hatte ich schon in der Türkei gelernt.
Mein Glücksfund landete natürlich bei uns zuhause. Hans-Werners Luftpumpe brachte Leben in die platten Reifen. Richtig prall und dick plusterten sie sich auf – und blieben so! Es gab keine Leckstelle, durch die die Luft entweichen konnte.
Lenkstange und Sattel waren schnell auf meine Größe eingestellt – und schon sollte es zur ersten Fahrt losgehen. ‚Sollte’, denn mit Tretkurbeln, die in die gleiche Richtung zeigen, kann man schlecht in die Pedale treten.
Zwar war nicht Holland in Not – aber der kleine Ismail. Was machen kleine Jungen, wenn sie sich in Not befinden? Sie gehen ihre Mama um Hilfe an.

Und Mama half – genau mit zwei Mark für einen neuen Konusbolzen – damit die Pedale nicht mehr beide so traurig nach unten hingen. Zu guterletzt noch ein paar Tropfen Olivenöl aus Mamas Küche an die Kette – und die Karre lief wie geschmiert.
Ich war wieder mobil und glücklich. Ja – glücklich war ich wohl auch. Kinderglück.
So wie die neue Welt für mich mit jedem Tag, den ich mit meinen Freunden auf Achse war, ein Stückchen kleiner wurde, nahmen die Sommertage für mich an Länge zu. Die Sommertage mit 36° im Schatten.
Da fühlte ich mich doch tatsächlich oft nach Izmir zurückversetzt, wenn wir an heißen Tagen bei unseren Großeltern durch die Apfelsinenplantage getollt waren.
Die Sommertage, in denen wir um Aschaffenburg herumstreiften. Die Tage mit Hitze und südlicher Sonne,
an denen ich vergeblich hoffte, dem Spessarträuber zu begegnen. Der Sagengestalt, von der uns Onkel Karl immer erzählte, wenn wir abends auf den Strohballen hockten, nachdem wir ihm im Stall geholfen hatten. Vergönnt war es mir leider nicht.
Vergönnt war mir und meinem Bruder aber etwas anderes. Am Wochenende, wenn Vater nach Hause kam – er war mittlerweile mit seinen Fähigkeiten der Arbeit hinterher gezogen, spürte er wohl das Glück seines großen Sohnes, dem das Fahrrad wieder ein Stück Welt eröffnet hatte. Er sah aber auch die Betrübnis in den Augen des jüngeren Sohnes, der von vielem ausgeschlossen war – eben weil er kein Fahrrad besaß. Das ging ein paar Wochen so, bis eines Samstags mein Fahrrad im Keller bleiben mußte.

Heute fahren wir zusammen mit dem Auto in die Stadt, war das einzige, was ich von Papa zu hören bekam, als er diese Anordnung traf. Gefallen hat es mir nicht – das muß ich sagen. Nur, Papa war Papa – und Papas Sagen war Papas Sagen. Bei diesem türkischen Prinzip gab es auch keine Sonderregelung, nur weil wir uns in Aschaffenburg befanden.
Meine innere Verstimmung verflog im Nu, als wir in der Innenstadt mitten in einem Laden voller neuer Fahrräder standen. Papa hatte beschlossen, jedem von uns ein Fahrrad zu kaufen. Selber aussuchen durften wir die Vehikel auch noch.
Mein Bruder und ich stürzten uns auf das gleiche Rad. Ein Rad in strahlendem kaiserlichem Blau. Es war kein Einzelstück – wir hätten beide das gleiche Rad bekommen können. Aber da war Papa mit seiner Vernunft dagegen. Eure Fahrräder müssen voneinander zu unterscheiden sein. Punkt.
Das geschah zur vorbeugenden Verhinderung etwaiger brüderlicher Streitereien. Ich blieb beharrlich bei Blau. Mein Freund Udo besaß kaiserliche blaue Ski – ich wollte dann wenigstens ein kaiserliches blaues Rad mein eigen nennen. Mein Bruder und ich haben diese wichtige Frage ohne gegenseitige Kriegserklärung geregelt.

Mein Bruder suchte sich ein königlich rotes Fahrrad aus.
Nun standen wir draußen auf dem Gehsteig mit unseren blitzenden Prunkgestellen. Wir mußten ja wieder heim.
Papa ließ uns aber nicht einfach lossausen, was wir am liebsten getan hätten – er traute unseren Fahrkünsten nämlich noch nicht so recht.
Wie immer fällte er eine salomonische Entscheidung. Ihr beide fahrt mir voraus, damit ich mich überzeugen kann, wie weit es mit eurer Fahrkunst her ist. Natürlich bestanden wir mit Bravour die Prüfung – und hatten für die Zukunft freie Fahrt.
Mensch Deutschland – bist du schön!!!

ee

Fortsetzung folgt

Bürgerreporter:in:

Ewald Eden aus Wilhelmshaven

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