KEIN Lob der TAFEL

Wie geschickt die Medien und die Volksvorsteher die Vorweihnachtszeit doch immer ausnutzen. Sie sind sich der Gebefreudigkeit der Menschen sicher, die noch genug Geld haben, um die Wohnung zu bezahlen, sich ihre Lebensmittel kaufen können und auch so noch ganz gut über die Runden kommen. Wovon ich schreibe, weiß ich noch aus meiner Kinder- und Jugendzeit. Das waren die Jahre nach 1945, als meine Mutter mit uns 5 Kindern, der sogenannten ganz geringen Kriegerwitwenrente und Kindergeld klarkommen mußte. Immer wartete sie auf den Anfang des Monats. Vielleicht wurde auch angeschrieben beim Kaufmann Wigger in Welzin. So blieb es all die Jahre, sie mußte sich unseretwegen immer beschränken. Beim Verkauf unseres Häuslerhauses in den 50er Jahren blieb gerade so viel übrig, dass wir uns warme Kleidung kaufen konnten. Dann war alles ausgegeben - nur das Wohnrecht war bis ans Lebensende geblieben. Was mir allerdings die neue gesellschaftliche Ordnung in der sowjetischen Besatzungszone gab, war der unentgeltliche Oberschulbesuch und monatlich 50 Mark Schulgeld, das ich sofort nach Erhalt der Familienkasse überließ. Wir gehörten am Ende des Krieges also auch, wie viele andere Menschen auch, zu den Armen. Wie war ich später froh, diese Zeit überstanden zu haben und konnte mir nicht mehr vorstellen, so etwas erneut miterleben zu müssen.
In den „verflossenen 40 Jahren“ wurden die Ursachen dafür beseitigt. Die Familie mit ihren Sorgen und Nöten stand nunmehr im Blickpunkt der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung – Kindern und Jugendlichen waren Bildung, Beruf und Fürsorge gewidmet.

Und dann brachte der Einigungsvertrag alte bekannte gesellschaftliche Verhältnisse zurück. Heute, es ist nicht zu fassen, muß ich in der Zeitung lesen, leben allein in der Stadt Rostock 800 Menschen ohne Obdach. Von einer sehr hohen Zahl Armer ist auch die Stadt Rostock nicht verschont geblieben, darunter natürlich viele Kinder, Jugendliche, Eltern als Hartz IV-Empfänger. Da wird die sogenannte TAFEL als d i e Rettung gefeiert. Die SATTEN der Prominenz im Land können nicht oft genug säuselnde Lobeshymnen auf die Freiwilligen loslassen und sich damit dafür bedanken, dass alles beim Alten bleibt.
Statt die Tafeln als Erlösung aus und Akzeptanz des Elends zu bekämpfen, anerkennen sie diese unwürdigen Stätten menschlicher Not. Natürlich will ich das solidarische Miteinander der Wenighabenden mit den Garnichtsmehrhabenden nicht schlechtreden. Das System aber, das diese Armut erzeugt, muß bekämpft werden und einer menschlicheren Ordnung Platz machen.

Bürgerreporter:in:

Hans Jürgen Grebin aus Rostock

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

6 folgen diesem Profil

8 Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.