Typen, Kerle, Fliegerlatein und Himmlische Nostalgie: Hundert prächtige Oldtimer-Flugzeuge beim Familientreffen in Montabaur

Da geht jedem Luftfahrtfan das Herz auf. Ein Anblick, der sich so nicht oft bietet. Acht prächtige Doppeldecker in lockerer Formation. (Foto: biplanes.de)
 
Diese netten Herren entstammen offenbar einem anderen Zeitalter. V.l.n.r.: Herbert Höhn, der Cheforganisator des LSC Westerwald, mit seinen Kollegen Friedrich Diehl und Thomas Holz vor deren wunderschönem Focke-Wulf „Stieglitz“. Alle drei sind übrigens im wahren Leben Flugkapitäne. (Foto: biplanes.de)
Montabaur: Flugplatz des LSC Westerwald | MONTABAUR - Besser als jede Airshow! Originalton eines begeisterten Zuschauers, geäußert im Brustton der Überzeugung. Und der Mann aus Bad Marienberg stand mit dieser Meinung nicht alleine da. Über 5000 Menschen, alte und junge, große und kleine, dürften es ähnlich gesehen haben. So viele waren es nach ersten Schätzungen mindestens, die sich am vergangenen Wochenende am Rande des Flugfeldes in Montabaur drängten. Der dort beheimatete LSC Westerwald war, in enger Kooperation mit der Internet-Community „biplanes.de“, Gastgeber und Organisator des 5. „Barnstormers Barbeque“, einem Oldtimer-Treffen, das es in dieser Form in Europa kein zweites Male gibt. Den Stellenwert, den Duxford für die Warbird-Fans hat, besitzt das „BBQ“ für die Oldie-Fraktion.
Entsprechend war auch die „Besetzungsliste“. Betagte Flugzeuge aus ganz Deutschland und den angrenzenden Ländern hatten Kurs auf das südlich der Stadt gelegenen Airfield genommen und dieses im Handstreich erobert. Annähernd hundert Nostalgie-Maschinen, überwiegend Doppeldecker, einer schöner und erlesener als der andere, hatten hier um Landeerlaubnis gebeten – und diese selbstverständlich erhalten. So viele Veteranen der Lüfte bekommt man/frau sonst nie auf einem Fleck zu Gesicht. Und weil die Gelegenheit so günstig (und vor allem kostenfrei) war, pilgerten Oldie-Fans in Scharen zum Ort des Geschehens, zum Teil von weit, weit angereist. Aber selbst die längste Anfahrt sollte sich lohnen. Die Kameras klickten, die Video-Cams surrten um die Wette. Prächtige Motive gab es ja schließlich genug.

Ein ganz besonderes Völkchen

Und das war schon ein Völkchen für sich, das sich hier, unter den Flächen der Flugzeuge campierend, versammelt hatte. Typen, schrullige Individualisten, Kerle, Originale, allesamt liebenswert und sympathisch - Piloten halt. Und sie hatten sich und anderen viel zu erzählen, nicht nur Fliegerlatein. Inhaltlich drehte sich da natürlich alles um die schönste Nebensache der Welt – das Fliegen. Und man beließ es nicht nur theoretischen Exkursen. Nahezu im Minutentakt starteten und landeten die Maschinen, zogen entweder gemächliche Kreise am Himmel, oder ließen es, so den Kapitän der Hafer stach, luftakrobatisch mächtig krachen. Alter schützt vor Loopings nicht, und vor Turns, gerissenen und gestoßenen Rollen auch nicht. Viele der Teilnehmerflugzeuge sind ja schließlich, lang, lang ist’s her, explizit für den Kunstflug konstruiert und gebaut worden. Und da sind sie in ihrem Element.

Fast schon Reizüberflutung

Das waren und sind prächtige „alte Tanten“, teils hoch in den Siebzigern, aber faltenfrei. Da ist der Lack längst noch nicht ab. Kein Wunder, wenn man hinterfragt, wie viel Zeit und auch Unkosten die Eigner in deren Pflege investieren. So etwas kann keine Kosmetikerin dieser Welt leisten. Was da heran gebrummt und getuckert war, repräsentierte das Who’s Who aus den Kinder- und Jugendjahren der Luftfahrt. Ob Focke-Wulf „Stieglitz“ oder Bücker „Jungmeister“, Boeing „Stearman“, Bücker „Jungmann“, Stampe, Jodel, Piper J3C, ERCO Ercoupe, Slepcev Storch oder Kiebitz, das grenzte schon an optische Reizüberflutung. Dazwischen etwas jüngere Vertreter aus dem internationalen Flugzeugbau wie beispielsweise YAK 52, Do 27, Dallach Sunrise 2, Comet, Pitts 12, Max HolsteBroussard oder Christen Eagle II. Man wusste gar nicht wohin man zuerst schauen sollte. Vorzugsweise aber in die Luft, denn da spielte die richtige Musik.

Lagerfeuerromantik und abenteuerliche Geschichten

Eine imposante 8-er Formation verschiedener Doppeldecker zählte zu den absoluten Hinguckern. Einen solchen Anblick bekommt man sonst allenfalls im Film geboten, aber kaum im realen Leben.Aber auch der spontane Besuch der „Tante Ju“, die im tiefen Überflug die Menge grüßte, quittierte diese mit tausendstimmigen „Ahhs“ und „Ohhs“. Was charakteristisch ist für diese Art von Flugveranstaltung, ist die zwanglose, lockere, ja geradezu familiäre Atmosphäre. Man ist quasi unter sich, unter Gleichgesinnten, unter Freunden. Kein minutiöser Zeit- und Aktionsplan, wie er bei eintrittspflichtigen Airshows üblich ist, diktiert das Geschehen. Regie führt der Zufall, die Spontanität. Und es bleibt immer Zeit für ein Schwätzchen zwischen Piloteuren und Gästen. Das hat was. Und das abendliche Lagerfeuer, an dem die abenteuerlichsten (Flieger-)Geschichten die Runde machen, gehört ganzeinfach auch dazu. So muss es gewesen sein in den „Golden Twenties“ der Luftfahrt, die Richard Bach in seinem Bestseller „Vagabunden der Lüfte“ so treffend skizziert hat. Und ein klein wenig so aus wie die Kollegen damals sahen auch ihre Erben – Knickerbocker, Schirmmütze, Weste, Hemd und Fliege. Irgendwie aus der Zeit gefallen.

„Manege frei“ für den „Flying Circus“

Auf der Höhe der selbigen weiß sich Hans Nordsiek – auch was seine Qualitäten als Entertainer anbelangt. Wie in den Vorjahren, kam der fliegende Holländer mit seiner schwarz-gold-lackierten Stearman herangebrummt. Aber er, im wahren Leben Kapitän einer B 777, wäre nicht der „Storyteller“, hätte er nicht noch mehr zu bieten gehabt. Der Chef des „Flying Circus“ hatte mächtig aufgerüstet und als Vorhut einen modernen Aktionsbus mit sieben weiteren, schlagfertigen Kollegen an Bord entsandt. Und die verrückten Niederländer unterhielten Alt und Jung an beiden Tagen zwischendurch mit irrwitzigen und urkomischen Musik-Slapstick-Kabarett-Pantomimen-Shows. Da blieb kein Auge trocken.
Wie Nordsiek verdienen sich übrigens viele Teilnehmer auch im Zivilberuf ihre Brötchen am (globalen) Himmel. Unter den Oldtimer-Piloten finden sich auffallend viele Airline-Kapitäne. Das mag ja ein spannender Job sein, aber mehr Spaß macht ihnen das Dasein mit Fliegerbrille, Lederhaube und weißem Schal im offenen Cockpit eines Doppeldeckers. Wer sie in Montabaur erlebt hat, kann das durchaus verstehen.
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