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Heldinnen im Kinderbuch – das gewisse Etwas

Gedanken einer Mainzer Textarbeiterin

Dass die Hauptfigur von entscheidender Bedeutung für das Funktionieren einer Geschichte ist, wird niemand bestreiten. Als Lektorin, die häufig Kinderbücher bearbeitet, nehme ich mir die Freiheit, die Protagonistinnen in Büchern für Mädchen im Alter von etwa sechs bis zwölf Jahren einmal unter meine Lupe zu nehmen. Zugegeben, die Altersspanne ist ziemlich willkürlich, dient auch lediglich der groben Verortung.
Was ich an dieser Leserinnengruppe spannend finde, ist, dass Mädchen in diesem Alter nach meiner Erfahrung mit besonderer Intensität und Hingabe lesen, sich identifizieren, sich Welt aneignen.
Als Lehrerin, Familienbildnerin und Betreuerin einer Grundschulbibliothek konnte ich das beobachten. (Auf die wissenschaftlichen Studien, die meine Behauptung weitestge-hend belegen, gehe ich jetzt nicht ein. Und selbstverständlich bestätigen Ausnahmen wie immer die Regel.) Natürlich interessiert mich dieses Thema auch deshalb, weil ich zu diesen viel lesenden, Fantasywelten verschlingenden Mädchen gehört habe. Meine Lesesozialisation war insoweit eine typische. Die innige Verbindung mit Lisa aus Bullerbü, Jane aus Mary Poppins, Suse oder doch lieber Lucy aus den Narnia- Chroniken ist immer noch ein Teil von mir.

Meine Frage ist: Welche Heldin funktioniert warum? Maßstab für dieses Funktionieren ist jetzt nicht, dass ein Buch mit seiner Heldin ein Bestseller wurde. Das hängt ja, wie wir wissen, mit sehr vielen Faktoren zusammen.
Was haben Pippi, Lisa, Liliane Susewind, Ronja Räubertochter, Lola, Wilma, Mia und so viele andere gemeinsam? Was ihr Naturell betrifft nicht allzu viel, sind sie doch charakterlich grundverschieden, aber sie alle überzeugen – irgendwie. Warum ist das so? Zunächst einmal erfüllen sie erzähltechnische Bedingungen oder anders ausgedrückt: Da war ein Schreiber am Werk, der das Handwerk der Schreiberei beherrscht.

Sympathie – Heldentum – Identifikation
Gesing diskutiert die „Sympathielenkung des Lesers“ und verweist auf drei Aspekte bei der Anlage eines Protagonisten: den Sympathiewert im engeren Sinn, das Identifikationspotential und das Wunschpotential. Eigenschaften wie Humor, Feinfühligkeit, Geradlinigkeit und viele andere mehr erzeugen Sympathie. Wichtig ist allerdings, dass die Figur, die dabei her-auskommt, nicht allzu lasch oder zu perfekt erscheint. Aber auch ganz andere kommen an: diejenigen, die gut gelaunt in den Tag hineinleben; diejenigen, die ein bisschen rebellieren; solche, die einen Hang zur Dramatik haben … Auf welche Prota sich eine Leserin einlässt, und damit meine ich ganz und gar, ist eine sehr persönliche, sehr subtile Angelegenheit.
Genau an diesem Punkt spannt sich auch die Brücke zum Identifikationspotential. Leserinnen identifizieren sich mit einer Protagonistin, die sie irgendwie kennen, mindestens aber ver-stehen. Hauptfiguren kommen dann gut an, wenn sie Dinge erleben, bei denen die Leserin-nen mitreden können, die in ihrem Leben vorkommen oder aber zumindest grundsätzlich erlebbar sind. Das gilt genauso in fantastischen Welten – auch da gibt es Freundschaft, Freude, Enttäuschung, Ängste …
Mit dem Wunschpotential ist es gerade andersherum. Je heldenhafter im Sinne von stärker, taffer, mächtiger, klüger die Heldin, umso mehr wird sie verehrt, aber umso weniger erkennt sich die Leserin in ihr wieder.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Trennung in die drei Aspekte ein Analyseinstrument darstellt. Beim echten Schreiben und Lesen verwischen die Grenzen, sind fließend. Die über-zeugende Protagonistin ist ein Misch-Produkt, ein Gesamtpaket. Auf ihre eigene Art ist sie sympathisch, bietet Anknüpfungspunkte zum Leben der Leserin und hat trotzdem etwas, was über das Alltägliche hinausgeht.
Liliane Susewind ist in fast allen Bereichen ein Mädchen wie viele andere, ziemlich schüch-tern sogar, aber sie spricht die Sprache der Tiere. Lola ist eine Kecke und lebt in einer hochin-teressanten Patchwork-Familie. Das Aufregende an ihr sind aber ihre nächtlichen Ausflüge in Fantasiewelten, die sich irgendwie in ihrem realen Leben ein Stück weit spiegeln.
Soweit – so gut! Mein Blick fällt auf Else Urys Nesthäkchens erstes Schuljahr, das ich in einem Regal mit dem Cover nach vorne aufgestellt habe. Nesthäkchen, im adretten zartgrünen Kleidchen und mit Schultüte, führt eine Gruppe artiger Mädchen an. Natürlich lächeln sie alle. Nesthäkchen funktionierte, damals – zu Beginn des 20. Jahrhunderts und noch eine ganze Weile danach. Heldinnen, die ankommen, haben wohl auch etwas mit gesellschaftlichen Leitbildern zu tun. Eine weitere Binsenweisheit, aber eine, die enorme Wirkung entfaltet.

Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse
Immer noch sind sie auf dem antiquarischen- und Gebrauchsbuchmarkt erhältlich: die Bücher für die bürgerlichen Mädchen, verstärkt veröffentlicht ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in denen es darum geht, die feinen Fräulein auf ihr Leben als tugendhafte, verständnisvolle Ehefrau und Mutter vorzubereiten.
Die bürgerliche Ehefrau, die Bewahrerin des Heimes – na ja, Emmy von Rhodens Trotzkopf hat sich zuerst tüchtig aufgelehnt und kam wenig damenhaft daher. Geläutert wurde das einstmals wilde Mädchen Ilse dann aber doch. Alle waren sie am Ende perfekte Damen – Goldköpfchen, Pucki und wie sie alle heißen.
Die Mädchenbücher änderten sich, aber etwas vom Backfisch hat sich noch lange gehalten. Da gab es Bettina – das Vespa- Mädel, Backfisch mit einem Touch Moderne und Emanzipati-on – entschärfte Backfischliteratur.
Ein Hauch davon fand sich schließlich auch noch bei Hanni und Nanni oder Dolly von Enid Bly-ton und vielen anderen dieser Mädchenbuch-Reihen. Die Mädels spielten nette Streiche, während sie dazu ermutigt wurden, auch einen Beruf zu erlernen, Lehrerin, Krankenschwes-ter oder etwas Soziales – Frauenberufe eben.
Mit dem Wandel des gesellschaftlichen Frauenbildes änderten sich auch die Hauptfiguren und Themen der Mädchenbücher. Es dauerte aber eine ganze Weile, bis eine ganz Heftige kam, eine aus Schweden.
Eine Heldin hat Chancen auf viele Leserinnen, wenn sie in die Gesellschaft passt, aber auch, wenn sie gesellschaftliche Umbrüche markiert, vielleicht sogar vorwegnimmt. Eine soziologi-sche Erklärung, die einleuchtet, aber nicht wirklich befriedigt …

Das Besondere
Auch wenn eine Figur professionell angelegt ist und gesellschaftliche Verhältnisse spiegelt, wird sie nicht bei jeder Leserin die gleiche Wirkung erzielen. Die erzähltechnische wie auch die soziologische Herangehensweise an das Thema oder die Frage, haben beide mindestens eine entscheidende Schwäche. Sie sind nicht geeignet, das Innenverhältnis, diese innige Be-ziehung zwischen Leserin und Figur, zu beleuchten. Wann entsteht diese Gemeinschaft? Wann entfaltet sich der Zauber?
Etwas ratlos schaue ich mich um. Von der Fensterbank direkt neben meinem Schreibtisch stahlt mich Babett Jacobs Wilma an von ihrem nigelnagelneuen Cover. Frech sieht sie aus mit ihrer Zahnlücke. Margareta Schenks Mia lächelt mir zu. Ich habe das Gefühl, dass sie gleich einen Arm hebt und winkt. Geschmackssache! Individuelle Vorlieben, Ängste, Stärken, Sehnsüchte … Genau – am Ende wird es sehr persönlich.

Eine Hauptfigur muss, um bei einer bestimmten Leserin zu landen, in den Augen eben dieser Leserin besonders sein. Und was als besonders empfunden wird, ist natürlich zu einem großen Teil subjektiv.
Auf jeden Fall hat dieses Besondere etwas mit Gefühlen zu tun. Die Leserin möchte nicht nur die Erlebnisse mit ihrer Kinderbuchheldin teilen, sondern auch die Gefühle. Es muss zu dem Punkt kommen, an dem Leben, Handeln, Fühlen von Heldin und Leserin sich vermischen, ergänzen und am Ende potenzieren.

Dann, und nur dann, entfaltet sich Magie zwischen Leser und Geschichte, gerade im Kinderbuch in besonderer Weise vermittelt durch die Hauptfigur. Dieser Knoten im fein gewobe-nen Beziehungsgeflecht zwischen Leser, Figur und Geschichte ist wesentlicher Teil des Geheimnisses …
Was bedeutet das? Außer dem Beherrschen des Handwerkzeuges, den Instrumenten des Schreibens, basierend auf erzähltheoretischen Überlegungen, und der Anlage einer Hauptfi-gur im Rahmen dessen, was gesellschaftlich passt oder interessant ist, geht es um Gefühl, Leidenschaft, Hingabe – und um eine sehr spezielle Kompatibilität.
Ist es doch so, dass sich genau hier die Geister scheiden. Wer auf Ppipi steht, wird die Liliane wohl nicht so aufregend finden. Da muss nüchtern konstatiert werden – es allen rechtzuma-chen, das geht gar nicht. Eine Heldin kann für viele funktionieren, aber ich behaupte: sie kann nie alle Leserinnen umhauen.
Umso mehr macht es für den Autor Sinn, sich seiner Heldin ganz hinzugeben, sie, so wie sie nun mal ist, mit Leidenschaft zu zeichnen und keine Kompromisse zu schließen.

Daumen hoch, ruft mir die Wilma von ihrem Cover zu und grinst. So sieht’s aus, erklärt die Mia und winkt mir zu.

Verwendete Literatur
Gesing, Fritz: Kreativ schreiben, DuMont Buchverlag, 2015

Erwähnte aktuelle Literatur
Schenk, Margareta: Mias Abenteuer, 2015
Jacobs, Babett: Die Wilma. Mädchenbuchreihe. Jacobs Children’s Book

© Carolin Olivares, September 2017, Lektorat Carolin Olivares
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